Tagesarchiv für den 24. April 2011

Aufwachen! Nur der HSV!

24. April 2011

Natürlich ist der Ausgang dieser Saison enttäuschend. Total enttäuschend, da darf niemand drum herum reden. Niemand. Dieser sehr teure HSV hätte deutlich mehr schaffen müssen, steht aber wieder einmal, so wie es fast schon Tradition ist, mit leeren Hände da. Aber, mal ganz ehrlich, wer hatte schon tatsächlich an das Gelingen des Unternehmens „vier Spiele, vier Siege“ gedacht? Wer hatte fest darauf gesetzt? Das konnte doch keiner, denn vier Sieg in Folge hat der HSV in dieser Saison doch nicht ein einziges Mal geschafft. Drei Erfolge gab es einmal, das letzte Spiel der Hinrunde in Gladbach wurde 2:1 gewonnen, dann wurde auf Schalke und gegen Frankfurt zweimal 1:0 gesiegt – warum sollte es dann ausgerechnet in der Schlussphase dieser verkorksten Saison geschafft werden? Weil es den Trainerwechsel gegeben hatte? Nicht einmal gegen den Hamburger „Stadtmeister“ wurde gewonnen!

Diese beiden Spiele wurden noch unter Trainer Armin Veh absolviert. Der Coach war am Sonnabend als Experte bei LIGA total im Einsatz und befand über die Situation beim HSV:
„Ich habe schon früh gesagt, schon im September, dass sich etwas ändern muss. Da muss man aber frühzeitig anfangen und entscheidend ist immer die Personalpolitik. Man muss einen Umbruch machen, das ist sicher entscheidend! Wichtig ist, was sie machen: Es laufen viele Verträge aus – was aber kein Nachteil für den HSV ist. Dementsprechend muss man auch die neue Mannschaft zusammenstellen. Es ist letztendlich schon Ende April: Es wird Zeit, dass sie dementsprechend die Personalplanung machen!”
Armin Veh weiter: „Es ist ein toller Klub, wirklich, absolut. Ich habe mich dort unheimlich wohl gefühlt, aber du brauchst natürlich auch eine Perspektive, weil in Hamburg wird auch etwas verlangt . . .
Aber es ist vielleicht auch eine Chance: Dass man das ein bisschen auf Understatement machen kann, eine junge Mannschaft zusammenbaut und so dann nach oben kommen kann. Es ist eine Chance, aber ich hoffe, dass sie sie auch nutzen, diese Chance!”

Natürlich werden jetzt wieder einige von Euch sagen: „Was soll das? Veh hat den HSV doch erst in diese Situation gebracht.“ Es wird kommen, ist aber in meinen Augen falsch. Denn was haben denn die Vorgänger von Veh hier in Hamburg bewegt? Was haben sie erreicht? Gab es einen Titel? Nicht einmal den „Horst-Eberstein-Pokal“ wurde geholt, wenn ich da mal an den Uefa-Cup-Raus- und Rückflug von Dnepropetrovsk erinnern darf (die, die damals im HSV-Flieger saßen, werden es tun). Hier sind Trainer wie Kurt Jara, wie Thomas Doll, wie Huub Stevens, wie Martin Jol letztlich gescheitert, obwohl sie ganz gewiss nicht zu den schlechtesten Männern ihres Metiers gehören.

Wenn Veh sagt, dass er schon im September 2010 auf gewisse Umstände innerhalb des HSV hingewiesen hat, dann stimmt es erstens, und zweitens war mir damals schon klar, dass auch er kein Bein in Hamburg auf den Boden setzen wird. Wie seine Vorgänger, denn diese Mannschaft – ich habe es oft genug beschrieben – ist keine Mannschaft. Schon im Herbst 2010 habe ich gesagt, dass Veh zur unpassendsten Zeit Trainer des HSV geworden ist, denn die mannschaftliche Struktur stimmt hier schon seit Jahren nicht. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, jeder schaltet ab, sobald er das Gelände am Volkspark verlassen hat – jeder denkt nur an sich, kaum einer an das Team – obwohl es auch Ausnahmen gibt.

Die Erfolge, die beispielsweise Dortmund und Mainz als geschlossene Einheit erreicht haben, kommen ja nicht von ungefähr. Dort steht eine Mannschaft auf dem Rasen, in der jeder für den Nebenmann eintritt. Und erinnert Euch bitte an das vorletzte Spiel, zu Hause gegen Hannover 96. Ich habe schon vor dem Anpfiff Kollegen aus Niedersachsen gefragt, wieso es zu diesem Erfolg dieser eigentlich doch namenlosen 96-Truppe kommen konnte? Die Antwort: „Seit dem Tode von Robert Enke war die Mannschaft eine Mannschaft, sind alle Spieler ganz eng zusammen gerückt. Sie haben sich auch in der Freizeit gesucht, sie haben beschlossen, viele Dinge gemeinsam zu machen – nicht nur Fußball zu spielen.“ Und, es folgte vielleicht ein noch ganz wichtigerer Satz: „Es klingt vielleicht blöde im heutigen Profi-Fußball, in dem es ja heißt, man muss keine elf Freunde mehr sein, um ein Team zu werden – aber in Hannover sind nicht nur elf Freunde am Werk, sondern viele, viele mehr.“

Nun will ich gewiss nicht auf die Sprüche von Sepp Herberger verweisen, nein, ganz gewiss nicht, aber je besser sich ein Team versteht, umso besser werden auch die Leistungen auf dem Rasen. Ich möchte nur daran erinnern, was Dennis Aogo zuletzt gesagt hat, als er von der Nationalmannschaft kam, in deren Kader fünf Dortmunder standen: „Es ist unglaublich, wie die zusammenhalten, die geben sich wie echte Freunde, die müssen Tag und Nacht miteinander verbringen . . .“

Das ist sicherlich ein Punkt. Ein zweiter, für mich viel gravierender Punkt ist aber, dass der HSV die „falschen“ Spieler hat. Thomas Doll wollte es als letzter Trainer einmal verändern, erntete damals aber Unverständnis und Kopfschütteln. Doll trennte sich von Bernardo Romeo. Der war der „große HSV-Torjäger“, hat in lockerer Reihenfolge geknipst. Aus fünf Metern. Ansonsten stand Romeo oft, zu oft im Strafraum herum und wartete auf das Zuspiel der Kollegen. Doll aber wollte Konter-Stürmer, schnelle Leute, die man auch mal schicken kann, mit denen man eine gegnerische Abwehr auch mal überfallen kann. Thomas Doll hatte ganz sicher den richtigen Ansatz, aber auch er hat es letztlich nicht geschafft.

Der HSV hat schon seit vielen Jahren keinen Stoß-Stürmer, der steil geschickt werden kann, der mit dem Kopf durch die Wand will, der dorthin geht, wo es weh tut – einen echten Windhund, ein richtig schön schnelles Schlitzohr. Der fehlt. Oder könnt Ihr mir einen nennen, den der HSV mal hatte? Mir fällt spontan nur Maximilian Beister ein, der wäre ein solcher Typ, aber der spielt nun (noch ein Jahr?) für Fortuna Düsseldorf. Wobei ich nicht sagen will, dass er sich in der Ersten Liga durchgesetzt hätte – aber einige Versuche mehr wäre es sicherlich wert gewesen.

Von Eljero Elia und Jonathan Pitroipa hatte ich mir auch ein solches Spiel vorgestellt, pfeilschnell in die Offensive. Aber was ist letztlich daraus geworden? Beide Spieler beklagen seit Jahren (mehr oder weniger konstant), dass ihnen zu wenig Vertrauen und zu wenig Respekt geschenkt worden ist. Sie suchen die Fehler bei den Trainern, nicht bei sich – auch ein HSV-Phänomen. Statt Leistungen zu bringen, und zwar über Wochen, wird sich beklagt, dass Vertrauen und Respekt fehlen. So kommt man auf keinen grünen Zweig. Ich möchte Jürgen Klopp einmal erleben, wenn seine Herren Barrios, Großkreutz, Sahin oder Götze von fehlendem Respekt und Selbstvertrauen reden würden. Klopp würde wie das HB-Männchen in die Luft gehen.

Und beim HSV in der erfolgreichsten Zeit, als Stein, Kaltz, Jakobs, Magath und beispielweise Hrubesch am Werk waren, da gab es einen gewissen Selbstreinigungsprozess. Hätten sich damals Spieler über „fehlenden Respekt oder Selbstvertrauen“ öffentlich beschwert, dann wären diese Leute schon von den Kollegen gemaßregelt worden. Aber sofort. Es gibt sogar solche Beispiele: Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke, die wurden einige Male von den Mitspielern „zurechtgestutzt“ – und, das stimmt natürlich, „funktionierten“ auch dann immer noch nicht nach Wunsch.

Irgendwo hatte in diesen Tagen ein kluger „Alt-HSVer“ gesagt, dass der Verein gut beraten wäre, wenn er sich von jenen Spielern, deren Verträge nun auslaufen, auch trennen würde. Das würde ich unterstreichen. Der HSV muss endlich einmal einen klaren Schnitt machen, um mal wieder „Grund“ in dieses Team zu bekommen. Armin Veh wird auch das gemeint haben, als er am Sonnabend über den HSV sprach.

Es müssen gravierende Veränderungen her, nur dadurch können der HSV und sein Anhang darauf hoffen, dass sich endlich einmal etwas zum Guten wandelt. Hier wurde in den letzten Jahren unglaublich viel Geld „verpulvert“, immer in der Hoffnung, dass diesmal der ganz große Wurf gelingen möge – aber damit ritt sich der HSV nur noch immer tiefer nach unten. Bernd Hoffmann hat einst in Sachen „Talentschuppen Ochsenzoll“ von der „Geldvernichtungsmaschine“ gesprochen (und ich war voll auf seiner Seite), aber, seien wir doch mal ehrlich, bei den Profis lief es doch ebenso. Da ist viel, viel Geld verbrannt worden – wenn ich nur an den Namen Juan Pablo Sorin denke. Und es gäbe da sicher noch sehr, sehr viele Namen mehr zu nennen.

Der hier zuletzt sehr oft (für mich viel zu oft!) gescholtene Michael Oenning hat ganz sicher auch nur dann eine Chance, wenn es diese personellen Veränderungen gibt. Sollte der HSV weiter im eigenen Sud vor sich hin köcheln, dann dürfte die Trainerfrage schon im Dezember 2011 wieder auf der Tagesordnung stehen. Was nichts mit den Qualitäten von Oenning zu tun hat, sondern nur daran liegt, dass der neue HSV-Trainer eben noch (und immer wieder) die Altlasten des HSV übernommen hat. Dann, das sage ich so krass, wird auch Michael Oenning scheitern. Wie alle seine Vorgänger. Denn. Auch das behaupte ich, auch solche geschätzten Leute wie Mourinho, Wenger, Ferguson oder Hiddink würden aus dieser, aus der jetzigen HSV-Mannschaft nicht mehr „herausholen“ – das behaupte ich einmal so. Der HSV zahlt gut, der HSV zahlt pünktlich, die HSV-Fans lieben ihre Stars, Hamburg ist die beste Stadt der Welt, der Klub hat das beste Stadion der Nation – was will man mehr? Es geht mir und uns doch bestens hier!

Es will mir nicht in den Kopf, dass eine Mannschaft, die um ihre letzte Chance „kämpft“, so in das Spiel geht, als ginge sie das alles nichts an. Was ist das für eine Einstellung? Kein Wille, keine Leidenschaft, kein Herz! Das war nicht nur im Stuttgart-Spiel zu sehen . . .

Und immer ist es dasselbe Lied: Die Mannschaft ist läuferisch nicht in der Lage, die Räume nach hinten eng zu machen. Dazu muss die Laufbereitschaft (und natürlich auch die Denkweise!) stimmen, aber da stimmt es schon lange nicht mehr. Lange! Ab und und gab es auf diesem Sektor schon ein Umdenken (auch unter Veh), aber das sind seltene Lichtblicke gewesen. Auch in diesem Punkt ist Verantwortung und Konzentration gefordert.

Und noch eine Änderung wird es in der neuen Saison geben müssen. Ja müssen. Die Anforderungen im Training müssen hochgeschraubt werden. Ich denke da an das Frühjahr mit Bruno Labbadia, als „Matz ab“ ein halbes Jahr alt war, und als mich der „Matz-abber“ Benno Hafas einmal fragte: „Wann wird hier eigentlich mal Kondition trainiert?“ Gute Frage. Werde ich nie vergessen. Ist auch hier nachzulesen. Auch als Monate danach die lebende Amateur-Legende Holger Zippel einige Tage beim Training im Volkspark zusah und dann feststellte: „Das ist ja nicht einmal ein A-Jugend-Training.“ Fest steht, dass in diesem Punkt oftmals zu nachlässig trainiert worden. Nicht umsonst hat Michael Oenning die Zügel noch einmal angezogen, als er Chef geworden war. Ein besseres Eingeständnis kann es nicht geben . . .

Es sollen und müssen ja nicht gleich die Magath-Methoden zur Anwendung kommen. Aber etwas härter, dass die Spieler auch tatsächlich 90 Minuten (oder 95 Minuten) wie die Hasen laufen können. Auch daran hat es nämlich in einigen Spielen (und bei einigen Spielern) gemangelt – wenn ich da nur an das letzte Dortmund-Spiel denke, als viele HSV-Profis Mitte der zweiten Halbzeit in den Seilen hingen.

Ein weiterer wunder Punkt des HSV: Talentsichtung. Mein Gott, was wurden in den letzten Jahrzehnten nicht schon alles an Talenten herangeschleppt – und durchgeschleppt. Warum klappt das bei anderen Klubs, warum nicht beim HSV? Wie toll wäre es doch für den Verein und die Stadt, wenn ein Talent nicht nur für zwei, drei Spiele auf sich aufmerksam macht, sondern eine ganze Saison – und viele Spielzeiten mehr. Sicher gehört dazu auch Glück, aber beim HSV wurde diesbezüglich meistens nur Pech entwickelt. Eine Sache des Auges? Wie sagte Jürgen Klopp, der Dortmunder, noch zuletzt? „Wir können keine Spieler für Millionen kaufen, wir müssen einen neuen Typen wie Kagawa finden, der dann 250 000 Euro kostet.“ Nachmachen, HSV!

Es gibt viel zu tun, und es muss in diesen Tagen und Wochen noch sehr, sehr viel geschehen, damit der HSV für die Saison 2011/12 bestens aufgestellt ist. Bitte, bitte, Ihr Herren vom HSV, packt es an. Packt es mit der nötigen Härte, mit der nötigen Konsequenz, packt es aber vor allem mit dem nötigen Sachverstand an. Bitte, bitte – wacht endlich auf! Sonst wird aus dem Dino nicht nur eine graue Maus, sondern ein Abstiegskandidat – oder sogar ein Zweitliga-Klub!
Sachverstand ist jetzt gefragt, und der hat hier in den letzten Jahren ganz sicher oftmals gefehlt. Es wäre großartig, wenn sich alle HSVer, die sich zu diesem Thema berufen fühlen, endlich auch einmal einbringen würden. Und wenn ihnen, genau diesen Leuten mit Fußballsachverstand, auch endlich einmal Gehör geschenkt werden würde. Das klingt wie heile Fußball-Welt, aber es funktioniert. Man muss nur mal zum FC Bayern blicken.

Gemeinsam wäre der HSV stark, aber auch daran hat es schon immer gemangelt. In der Mannschaft, im Klub. Wenn aber alle nun sehr besorgt sein würden, wie dieser finanziell nicht mehr ganz so starke HSV auch künftig seine Rolle im deutschen, vielleicht sogar im europäischen Fußball spielen kann, dann müssten diese Sorgen doch automatisch zu einem befruchtenden Miteinander führen. Wie haben schon immer ganz kluge Leute gesagt: Nicht die Namen zählen, sondern nur der HSV. In diesem Sinne – packt es an. Packt es endlich einmal gut an! Nicht Ihr, die in der Führung seid, sollt glänzen, sondern der HSV. Nur der HSV!

PS: Heute, am Ostersonntag, war trainingsfrei, morgen, am Ostermontag, ist ebenfalls trainingsfrei.

18.03 Uhr