Tagesarchiv für den 22. April 2011

Auswärtssieg oder Niemandsland

22. April 2011

Die Ausgangslage ist klar: vier Siege aus vier Spielen müssen her. Zu Hause gegen Freiburg? Machbar. Zu Hause gegen den Absteiger Borussia Mönchengladbach? Auch machbar-. Aber dann? Es fängt ja schon mit Ostern an: Stuttgart. Beim VfB. Da gab es sicher schon manchen großen HSV-Sieg. Einer liegt mir dabei besonders am Herzen: Am 21. September 2005 siegte der HSV 2:1. Rafael van der Vaart, fast hätte ich geschrieben „Euer Rafael van der Vaart“, hatte zum 1:0 „eingedonnert“ (ein Traumtor!), dann vollendete David „Jaro“ Jarolim 120 Sekunden vor Schluss zum Dreier. Oder am 9. Februar 2000: 3:1-Sieg am Neckar, als Anthony Yeboah ein 2:0 vorgelegt hatte und Mehdi Mahdavikia in der 90. Minute „ganz Hamburg“ mit dem dritten HSV-Tor erlöste. Aber es gab natürlich auch so manche bittere Pleite, die nicht einkalkuliert war. Und damit fängt das Elend für diesen Sonnabend schon an: Immer dann, wenn in Stuttgart gewonnen werden musste, wurde es nichts. Fast immer jedenfalls. Und wenn der HSV dort diesmal keinen Dreier schafft, dann die Saison „beendet“. Soll heißen, sie ist gelaufen. Und endet wieder einmal im Niemandsland.

Aber ich will nicht unken, noch ist sie ja nicht gelaufen. Noch hoffen wir alle. Ihr, die Fans, die Klub-Führung, die Spieler und die Trainer. „Wir müssen jetzt von Spiel zu Spiel denken, aber klar ist auch: Wenn wir überhaupt noch eine Chance haben wollen, dann müssen wir den VfB besiegen. Und ich denke auch, dass wir dort gewinnen können – und mit diesen Gedanken fahren wir auch nach Stuttgart. Wir müssen und wir wollen nach vorne spielen“, sagt HSV-Coach Michael Oenning. Freuen wir uns also auf ein tolles Fußballspiel, denn bekanntlich muss auch der VfB gewinnen, also offensiv spielen, denn noch haben die Schwaben die Abstiegsgefahr nicht ganz gebannt.

Für den HSV sieht es personell nicht gerade rosig aus, denn fest steht, dass Jonathan Pitroipa, Ruud van Nistelrooy, Joris Mathijsen, Marcell Jansen und auch Guy Demel in Stuttgart nicht spielen werden, sie traten den Flug ins Ländle gar nicht erst mit an. Das heißt, dass der HSV vorne etwas ändern muss. Im Moment sieht es so aus, als würde Änis Ben-Hatira die zweite Spitze neben Mladen Petric geben, und Tunay Torun bleibt auf der rechten Seite, Eljero Elia links. Entwarnung gab es am Nachmittag bei Gojko Kacar, der Knöchelschmerzen hatte, der aber das gesamte Training ohne Probleme absolvierte. Im Kader sind diesmal Collin Benjamin, Robert Tesche, Tomas Rincon und erstmalig auch wieder Ersatzkeeper Jaroslav Drobny. Paolo Guerrero ist zwar dabei, dürfte aber noch keine Chance haben, von Beginn an zu stürmen – der Peruaner wird seinen Weg über die Bank machen müssen.

„Ich habe mir Paolo gestern noch einmal geschnappt, habe mit ihm unter vier Augen gesprochen. Er hat sich in dieser Woche im Training bemüht, aber das heißt nun nicht, dass er von Beginn an anfangen wird“, sagt Oenning. Über das Gespräch mit Guerrero verriet er: „Es war eine gute Unterhaltung, denn ich hatte den Eindruck, dass er sich zum ersten Mal darüber klar geworden ist, dass er sich über seine Zukunft klar werden muss. Egal, wo diese Zukunft auch ist, ob beim HSV oder woanders. Er ist nun 27 Jahre alt, er müsste längst ein Führungsspieler sein, mit seinen Fähigkeiten müsste er 30 von 34 Spiele von Anfang an gemacht haben. Von seinen Fähigkeiten her. Es liegt ganz allein an ihm, und nun sehen wir mal, was er daraus machen wird.“

Oft genug hat Paolo Guerrero schon versprochen (oder zu erkennen gegeben), dass er den Ernst der Stunde kapiert hat, aber den Worten folgten nie die dazu nötigen Taten. Ob Michael Oenning da eine andere, eine bessere, oder auch nur eine glücklichere Hand hat? Abwarten. Mir fehlt der Glaube – so ganz allmählich. Ob Oenning auch wirklich daran glaubt, den Peruaner wieder ganz auf die Beine stellen zu können? „Das werden wir herausfinden müssen, aber ich sehe das nicht ganz so negativ. Ich glaube schon, dass die Chance noch besteht, dass er hier in Hamburg glücklich werden kann. Der Schlüssel dazu aber liegt ganz allein bei ihm.“

So war es schon oft. Aber vielleicht erkennt Paolo Guerrero ja endlich einmal, dass ihm hier eine Hand gereicht wird. Dann, wenn er es tatsächlich „schnallt“, dann muss er sich endlich einmal voll in die Sache reinknien. Eventuell schon morgen damit anfangen, wenn er beim Stande von 1:1 in der 78. Minute eingewechselt wird und dann zwei Tore zum 3:1-Erfolg beisteuert. Das wäre doch mal was. Etwas, womit garantiert in dieser Situation niemand rechnet. Aber unberechenbar war Paolo schon immer . . . Aber vielleicht packt er es ja beim sechsten Trainer, nachdem er es bei Thomas Doll, Huub Stevens, Martin Jol, Bruno Labbadia und Armin Veh nicht geschafft hat.

Apropos Labbadia: Für ihn dürfte es ein ganz großer Tag werden, falls er den HSV morgen besiegen sollte. In irgendeinem Interview hat der ehemalige HSV-Stürmer ja gesagt, er wisse bis heute nicht, warum er damals vom HSV vor die Tür gesetzt worden ist. Schade, denn ich hatte gedacht, dass er daraus seine Lehren gezogen hätte, um so beim VfB langfristig arbeiten zu können. Ich jedenfalls weiß, warum Labbadia damals ein viel zu spätes Ende fand in Hamburg – er ließ nach gutem Beginn stetig nach, hatte zum Schluss jegliche Bindung zur Mannschaft verloren. Für mich, das sage ich deutlich, war Bruno Labbadia eine große Enttäuschung, die größte Enttäuschung sogar, er war (beginnend in der Happel-Ära) der schlechteste HSV-Trainer für mich. Aber diese Sache habe ich längst abgehakt, wichtig ist, was nun kommt – und zwar 2011/12 in Hamburg.

Darüber wurde in den letzten Tagen ja genügend vom Stapel gelassen, auch oder vor allem bei „Matz ab“. Michael Oenning kam dabei nicht immer gut weg, oftmals wurde er sogar recht unfair attackiert, aber letztlich ist es ja so: Keiner wird diese Entscheidung mehr rückgängig machen, der HSV geht mit Oenning in die nächste Saison – und ich sage, das ist auch gut so. Gebt dem Mann eine faire Chance, denn ein anderer Trainer, der eventuell aus Holland, Norwegen, Dänemark, England oder auch Portugal gekommen wäre, der wäre vielleicht auch mit sehr viel Skepsis (oder auch weniger?) empfangen worden – und hätte sich auch dann erst beim HSV beweisen müssen.

Bart hin, Bart her. Oder, anders gesagt: Bärtchen hin, Bärtchen her. Obwohl ich dieses „Argument“ als das lächerlichste aller Zeiten einstufen möchte. Und ich kann einige unter Euch Skeptiker vielleicht sogar schon ein wenig beruhigen. Wir hatten heute ein Gespräch mit Oenning, und danach stellten einige Kollegen fest: „Der Mann ist jetzt, wo er fest im Sattel sitzt, viel selbstbewusster geworden. Oenning hat klare Vorstellungen davon, wie bei ihm der Osterhase zu laufen hat, und das wird er seinen Spieler schon beizeiten mitteilen.“ Was uns auch auffiel: Oenning sagte in den letzten Wochen viel, ohne Großes mitzuteilen. Das war teilweise wie bei Olaf Thon oder beispielweise Lothar Matthäus, die beiden Dampfplauderer auf dem Weg zur Fußball-Unsterblichkeit: Die sagen auch immer viel, ohne etwas zu sagen. Oenning heute aber war nicht nur auskunftsfreudig, er hatte auch etwas zu sagen. Das fiel uns, möchte ich nebenbei erwähnen, auf.

„Die Situation jetzt ist eine andere, ich fühle mich schon befreiter“, sagt Oenning, „jetzt werden die Dinge dynamischer. Die sind zwar schon da, aber viele waren bislang sehr vage, aber jetzt kann man sie konkretisieren.“ Und dann wird er auch konkreter: „Nehmen wir mal das Beispiel Piotr Trochowski. Oder auch Collin Benjamin. Das sind Jungs, die bald nicht mehr da sind. Es sind dennoch Jungs, die ich mag. Ich weiß aber nicht, ob wir es schaffen, sie auf den Platz zu kriegen, damit sie hier auch noch mal spielen. So lange wir noch die Chance haben, den fünften Platz zu schaffen, muss ich mir das ganz genau überlegen. Und ich muss mir schon Gedanken machen, wer in der nächsten Saison noch da ist und wer nicht. Obwohl ich nicht sage, dass derjenige, der hier weg geht, keine Chance mehr hat, hier zu spielen.“ Dazu passend sind gerade die beiden Namen ja auch im aktuellen Kader für Stuttgart.

Oenning führt in diesen Tagen viele Einzelgespräche, um auszuloten, wer noch bei 100 Prozent ist, wer mit seinen Gedanken eventuell schon beim nächsten Klub ist. Beispiel Trochowski. Oenning: „Er trainiert im Moment wirklich gut, er wirkt auf mich sehr befreit.“ Das mit dem „guten Training“ kommt mir bekannt vor, weil das eigentlich jeder Trainer gesagt hat. Das „befreit“ fehlte dabei immer, aber vielleicht ist es genau jener Zusatz, der dazu führen könnte, dass „Troche“ „seinem“ HSV in der Endphase doch noch einmal helfen könnte. Vielleicht. Ich denke da an die Nachspielzeit von Frankfurt . . .

Eine letzte Frage habe ich Michael Oenning ganz zum Schluss unseres Gespräches noch gestellt. Ich hatte gelesen, dass er – in etwa so – gesagt hatte, dass „der HSV seine Ansprüche ein wenig zurückschrauben müsste“. Wie war das gemeint? Oenning: „Nicht zurückschrauben, sondern der Realität anzupassen. Das heißt, wir müssen erst einmal sehen, wer uns in der neuen Saison zur Verfügung steht. Wie sieht der Kader im Endeffekt aus? Dann gibt es eine Vorbereitung, dann wird man ungefähr sehen, was wir für eine Leistungsstärke haben, dann kann man besser abschätzen, was wir erwarten können, was wir nicht erwarten können. Und dann muss man das realistisch beurteilen. Ich kann nicht im Vorfeld sagen, dass der internationale Wettbewerb völlig ausgeschlossen ist – wenn plötzlich einige Dinge ganz gut funktionieren. Ich kann aber auch nicht hingehen und sagen, dass der HSV Platz drei aber auf jeden Fall immer schaffen muss. Das mache ich nicht. Dann muss man das versuchen zu transportieren. Klar kann ich für mich in Anspruch nehmen, wenn es denn tatsächlich diesen Umbruch gibt, wonach es ja jetzt aussieht, dann kann man nicht im ersten Drittel der Saison schon sofort bei 100 Prozent sein. Das war eigentlich der Hintergrund dieser Geschichte. Ob das dann so kommt, ob das auch alle teilen, das weiß ich nicht, das muss man mal abwarten. Deswegen wäre es schon klug, wenn man von Gesamt-Vereinsseite da genau hinschauen würde.“

Apropos hinschauen: Bei herrlichstem Sonnenschein haben heute um die 300 Trainingskiebitze ganz genau hingesehen, was auf dem Rasen passierte. Zuerst wurde Handball gespielt – mit Kopfballabschluss. Wobei mir Mladen Petric besonders gut gefiel, er köpfte die meisten Tore. Ein Kunststück brachte Robert Tesche fertig, der einen Ball SEINER Mannschaft von der Torlinie (!) ins Feld zurückköpfte – da brachen einige seiner Mitspieler doch ein wenig zusammen.
Nach der Handball-Übung folgte das fast schon übliche „Fünf-gegen-zwei-Spiel“, danach ein Kurz-Turnier zwischen drei Mannschaften – nach einer Stunde war Ende. Und Abflug.

Ein ganz kleiner Zusatz sei noch erlaubt: In dieser Woche las ich einen Satz von Jürgen Klopp, dem Dortmunder Meistertrainer. Er sagte etwas, wo jeder Fans (egal welchen Klubs) einmal genau hinhören sollte: “Wir, Borussia Dortmund, sind nicht in der Lage, Millionen für einen neuen Spieler auszugeben, so wie es beispielsweise Leverkusen macht. Wir werden wieder versuchen, einen Spieler wie Kagawa zu finden, den wir dann mit 250 000 Euro verpflichten.” 250 000 Euro. Es geht doch. Man muss eben nur sehr genau hinsehen, sehr genau. Und genau das liegt am HSV. Und an Frank Arnesen. Dass es geht, das hat Borussia Dortmund schon genügend bewiesen, und genau das will Dortmund nun noch einmal und noch einmal und noch einmal beweisen. Zur Nachahmung empfohlen!

Ich wünsche Euch und Euren Lieben ein schönes, friedliches und sonniges Osterfest. Und drei Punkte aus Stuttgart.

19.14 Uhr