Tagesarchiv für den 19. April 2011

HSV-Trainer Oenning: “Ich lebe meinen Traum”

19. April 2011

Am Montag hatte er mal wieder mit dem designierten Sportchef Frank Arnesen zusammengesessen. Stundenlang wurde über Fußball gefachsimpelt – diesmal allerdings mit einem konkreten Ergebnis: Michael Oenning bleibt Cheftrainer auch in der neuen Saison. Der 45-Jährige soll zusammen mit dem neuen, designierten Sportchef Frank Arnesen den personellen Umbruch sportlich erfolgreich umsetzen.

Soweit so gut.

Aber die Fragen häufen sich. Wer geht? wer kommt? Was bedeutet eigentlich „Umbruch“ für den HSV? Kurzum: Wie soll der von allen immer wieder zitierte Umbruch eigentlich aussehen?

Auch Oenning vermag darüber noch keine Antwort zu geben. Noch immer gibt es zu viele Variable zu beachten. Vor allem der Kader ist in seiner letzten Konstellation offenbar noch überhaupt nicht bestimmt. Lediglich eine gemeinsame Wegbeschreibung Oennings und Arnesens gibt es. Dabei fallen natürlich die zuletzt inflationär benutzten Begriffe „Umbruch“ und „junge Talente“. Ob es denn schon einen klaren Plan gibt? „Wir werden den neuen Vertrag in den nächsten Tagen vom Tisch kriegen“, glaubt Oenning und kann/will der Situation entsprechend erst mal nur ausweichend antworten: „Anschließend werden wir alles im Detail besprechen. Klar ist auf jeden Fall, dass eine Menge Arbeit auf uns wartet.“

Soweit nichts Neues. Der Münsterländer soll den Umbruch beim HSV in der neuen Saison begleiten. Dabei werde ein erhöhtes Augenmerk auf der Zusammenstellung der Defensive liegen. „Wir haben im Moment nur zwei Innenverteidiger, und davon ist Gojko Kacar sogar noch ein eigentlicher Mittelfeldspieler.“ Zudem muss mit dem Verkauf von Demel gerechnet werden, womit die Rechtsverteidigerposition wenigsten einen Backup für Dennis Diekmeier braucht.

Oenning weiß um die Probleme. Und er baut schon mal vor, versucht die chronisch hohe Erwartungshaltung in Hamburg zu senken. „Es gibt nichts Schlimmeres, als hohe Erwartungen, die enttäuscht werden. Aber genau das spüre ich hier.“ Anschließend nahm Oenning das Spiel gegen Hannover als Beispiel. Das 0:0 war von uns Journalisten wie von etlichen Fans als eher enttäuschend abgeurteilt worden. Eine Einschätzung, die Oenning („Das Spiel hatte eine hohe Intensität, wir haben wenig zugelassen, aber leider auch zu wenig selbst kreiert“) nicht wirklich teilen wollte.

Vor allem aber sieht sich Oenning als Hauptentscheidungsträger einer neuen HSV-Ära: die der jungen Wilden. Und ein solcher Umbruch ist gerade für Trainer schwierig, da sich der gemeine Fan selten mit weniger zufrieden gibt, als er vorher hatte und damit nicht selten die Vereinsführungen in Handlungsnot bringt. „Wir wären als Verein generell gut beraten, den eigenen Anspruch auf ein normales Maß zu setzen, denn wir werden eine Menge Erfahrung verlieren. Da müssen andere Spieler erst noch reinwachsen. Das ist eben, was einher geht mit dem Umbruch: er wird Zeit brauchen.“ Trotzdem, darauf setzt Oenning, wird das Ziel immer das Erreichen eines internationalen Wettbewerbes bleiben. „Das ist klar“, so Oenning, der dennoch vor zu hohen Erwartungen warnt: „Die Frage ist aber, ob wir uns dafür gleich den ganz großen Hut aufsetzen müssen?“

Müssen sie nicht – können sie auch gar nicht. Das wäre lediglich falscher Druck. Klar ist nämlich, dass gespart werden muss. Und dazu zählen auch Verkäufe. Ich werde hier nicht erneut Namen spekulieren, ihr wisst eh alle, wer infrage kommt. Nein, ich will dafür aber eine Hoffnung bringende Personalie aufwärmen: Ilkay Gündogan. Bei dem rund sechs Millionen Euro teuren „Talent“, an dem neben dem HSV zuletzt sogar der FC Bayern und aktuell auch noch der designierte Deutsche Meister Dortmund interessiert waren bzw. sind, gilt Oenning als Entdecker und erster Förderer. Oennings Verbleib in Hamburg dürfte die Chancen für den HSV generell verbessert haben. Ob Oenning bereits die frohe Kunde bei Gündogan als weiteres Pro-Argument für einen Wechsel an die Elbe überbracht hat? Oenning lacht und weicht aus: „Dazu sage ich jetzt mal nichts. Aber meine Aussage von letzter Woche hat noch Bestand.“ Und die lautete: Gündogan hat sich zumindest noch nicht gegen den HSV entschieden.

Ja, und mehr scheint in Sachen Umbruch noch nicht beschlossen. Keine Verkäufe, keine Neuen. Alles noch so unklar wie Oennings Vertragssituation, die sich durch die Beförderung grundsätzlich ändern dürfte. Ob und für wie viele Jahre der eigentlich bis 2012 laufende Vertrag Oennings verlängert wird, ist weiter offen. Und für den neuen Cheftrainer auch erst einmal Nebensache. „Es ist eine große Ehre für mich. Wenn man als Trainer einen Traum leben darf, würde sicher keiner den HSV ausschließen.“

Beim Training musste der neue Cheftrainer gleich auf sieben Spieler verzichten. Während Romeo Castelen das erste Mal wieder voll mit der Mannschaft mittrainierte, fehlten Mladen Petric und Jonathan Pitroipa mit muskulären Problemen, während Guy Demel nach seinem Magendarm-Infekt das Aufbautraining aufnahm und Ruud van Nistelrooy (Muskelfaserriss) sich ebenso wie Joris Mathijsen (Knöchel) nur behandeln ließ. Zudem konnte Zé Roberto wegen eines privaten Termines vormittags nicht trainieren und Gojko Kacar brach wegen leichter Knöchelprobleme vorzeitig ab. Und während bei van Nistelrooy nur noch geringe Chancen auf einen Einsatz in dieser Saison stehen, Joris Mathijsen für die Partie am Sonnabend in Stuttgart äußerst fraglich ist und Oenning einen Einsatz Castelens in dieser Saison kategorisch ausschloss, sollen alle anderen Angeschlagenen kurzfristig wieder dabei sein können. Ebenso wie Collin Benjamin, der nachmittags wie auch der weiter verhinderte Drobny (Daumenbruch) fehlte.

Dem Torwart konnten auch die aufmunternden und viel versprechenden Worte des neuen Cheftrainers nicht zu alter Gesundheit verhelfen. „Er kann sicher die neue Nummer eins sein. Drobny ist für die kommende Saison auf jeden Fall nominell der erste Torwart“, lobte Oenning. Und der Tscheche kann sich relativ sicher sein, dass der HSV keine neue Nummer eins holt. „Der neue Torwart sollte Konkurrenz machen können“, so Oenning, der zugleich die klammen Finanzen ins Spiel bringt: „In unserer finanziellen Situation macht es keinen Sinn, Geld für einen Torwart auszugeben.“

Viel, viel sinnvoller war dagegen die heutige Aktion der Mannschaft nach dem Nachmittagstraining. Ganz im Stile der neuen Vereinsphilosophie nahmen sich alle Spieler im Anschluss an die Übungseinheit die Zeit, um den knapp 400 – 500 Fans (zumeist Kinder, die gerade Ferien haben) Autogramme zu schreiben. Das war löblich, das kam gut an. Und das sollte nur ein Vorgeschmack auf das sein, was kommt. Denn eines sollte auch uns hier im Blog klar sein: es wird nächste Serie noch schwerer als diese. Und es wird mehr denn je darauf ankommen, dass alle zusammenhalten und in den vermeintlich schwereren Phasen Geduld haben. So, wie es die einst schon fast zwangsabgestiegenen weil zahlungsunfähigen Dortmunder es geschafft haben. „Es ist immer einfacher, wenn man unbefangener agieren kann“, umschreibt Oenning die finanzielle Situation des Klubs diplomatisch, „aber so werden wir sehenden Auges gezielt Abstriche machen müssen. Wir müssen einfach kreativer sein als die anderen. Und ganz ehrlich, ich glaube, dass wir eine gute Mannschaft zusammenstellen werden.“

Ab jetzt. Jetzt soll es endlich richtig los gehen. Und ehrlich, ich bin gespannt. Denn, so platt der Spruch von Oenning „In jedem Anfang steckt auch eine Chance“ auch ist, er ist richtig.

Und viel aufreibender als diese Saison kann es eigentlich kaum noch werden.

In diesem Sinne: Hoffen wir auf die Fähigkeit der neuen Entscheidungsträger und baldige erste Ergebnisse.

LG,
Scholle

18.45 Uhr

P.S.: Mittwoch wird um zehn Uhr an der Imtech-Arena trainiert.

P.P.S.: Auf die Frage, wer den länger ausfallenden van Nistelrooy im Angriff neben Mladen Petric ersetzen wird, nannte Oenning Paolo Guerrero als erste Alternative. “Wenn er alles in die Wagschale wirft, was er hat, ist er der Favorit.” Da das zuletzt nicht der Fall war und der Peruaner durch Undiszipliniertheiten teilweise aus dem Kader gestrichen worden war (“Er hat sich selbst rausgenommen”), seien auch Änis Ben-Hatira und Heung Min Son Alternativen, so der neuen HSV-Cheftrainer.