Tagesarchiv für den 17. April 2011

War das van Nistelrooys Abschiedsspiel?

17. April 2011

„Beide Mannschaften haben sich hier nichts geschenkt.“ Befand Hannovers Trainer Mirko Slomka danach. Und HSV-Coach Michael Oenning hatte erkannt: „Das war ein 0:0 der besseren Art.“ Selbstverständlich. Ich meine, selbstverständlich wird ein Mann wie Oenning dieses Spiel nicht schlecht reden, denn es geht ja um seinen Job. Und selbstverständlich war dieses 0:0 besser als das 0:0 in Hoffenheim, aber . . . Richtig erfreulich und wie „richtig guter Fußball“ sah das nie aus. Und irgendwie lief diese Partie auch wie das 1:1 des HSV zuletzt gegen Dortmund: Auch damals hätte der Gast eigentlich gewinnen müssen, weil er die besseren Chancen gehabt hatte. Diesmal allerdings, das gebe ich gerne zu, erwachte der HSV wenigstens in der letzten Viertelstunde – und hätte da sehr wohl noch gewinnen können. Wenn nicht sogar müssen, wenn ich da so an Eljero Elia und Jonathan Pitroipa blicke. Was hatten diese beiden Flitzer für Chancen? Und, was zu bedenken ist: Hannover hatte in den letzten beiden Auswärtsspielen 1:8 Tore kassiert – 0:4 in Köln, 1:4 in Dortmund. Das sah ein wenig nach Schießbude aus, aber der HSV hielt sich hanseatisch vornehm zurück.

Auf dem Heimweg traf ich genau deswegen auch viele HSV-Fans, die besonders mit Elia und „Piet“ haderten. Einige wünschten sie sogar „zum Teufel“, einer war für den „sofortigen Verkauf“. Gemach, gemach, das wird ja passieren, aber alles zu seiner Zeit. Noch ist ja kein Sommer-Schluss-Verkauf. Ich hoffe nur, dass der neue Sportchef Frank Arnesen irgendwo auf dieser Welt vor dem Fernseher gesessen, diese 90 Minuten betrachtet und danach die nötigen Konsequenzen (für sich im Kopf) gezogen hat. Hier muss viel passieren, sehr viel sogar – und Arnesen ist am Zug.

Denn ich bin ja ganz nahe bei denen, die sich über den Fußball, den der HSV bietet, aufregen. Dass Olli Dittrich („Dittsche“) von „Null-Fußball“ sprach, das habe ich bereits geschrieben, aber er war ja nicht allein. So mancher Fan murmelte später etwas von „Schlafwagen-Fußball“, es wurde aber auch wieder der schon oft benutzte Begriff des „Beamten-Fußballs“ benutzt. Der HSV lässt den Ball laufen – für sich. Und deshalb wurde auch diesmal, nach diesem 0:0, wieder einmal über die „Alt-Herren-Truppe“ des HSV gelästert. Wobei ich sagen muss: Es gibt ja keine jungen und keine alten Spieler, sondern nur gut und schlechte. Schlecht wird es nur dann, wenn die älteren Herren auch noch schlecht spielen. Oder auch schlecht stehen (statt spielen).

Ruud van Nistelrooy hat sich im Hannover-Spiel einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen. Es muss, das ist meine ganz alleinige Spekulation, in der letzten Minute passiert sein, denn ansonsten merkt ein Spieler doch sehr wohl, wenn er sich einen Faserriss zugezogen hat – und lässt sich auswechseln. Das passierte nicht. Obwohl der HSV noch hätte zweimal wechseln können. Also steht für mich fest: Letzte Minute oder letzte Sekunde. So oder so, Hannover dürfte demnach das Abschiedsspiel von Ruud van Nistelrooy gewesen sein. Handelt es sich tatsächlich um einen Muskelfaserriss (wie vom HSV gemeldet), dann wird er in den letzten vier Spielen garantiert nicht mehr zum Einsatz kommen.

Wobei ich sage: Schade um jenen Ruud van Nistelrooy, den wir alle bis Weihnachten erlebt haben, den wir geschätzt und umjubelt haben. Was er nach dem geplatzten Wechsel zu Real Madrid gespielt hat, war nicht mehr der Rede wert, deswegen dürfte sein Ausfall auch nicht mehr schwer wiegen. Im Gegenteil, auf der Pressetribüne (und wohl nicht nur dort) fragten wir uns untereinander doch schon des eine oder andere Mal, warum Michael Oenning den stark abbauenden van Nistelrooy nicht schon zur Pause ausgewechselt hat. „Herr Oenning, ist Ruud van Nistelrooy für Sie unantastbar?“ fragte ein von mir sehr geschätzter Kollege, doch der HSV-Coach sagte ganz klar: „Nein.“ Nach einer kurzen Pause ergänzte der Coach: „Zu Ruud habe ich mich ja auch klar positioniert. Warum sollte er unantastbar sein? So lange ich den Eindruck habe, dass er der Mannschaft helfen kann, dass er sich bemüht, ist er natürlich jemand, der uns mit seiner Torgefahr gut tut. Aber er hat keinen Freifahrtschein.“ Also auch keine Art Denkmalschutz, wie auch schon von einigen „angefressenen“ HSV-Fans vermutet wurde.

Zu Ruud van Nistelrooys Leistung befand Oenning übrigens: „Ruud hat seine Kopfballchance gehabt, er hat sich aufgerieben mit den Innenverteidigern, und er hat versucht, seine taktische Aufgabe zu erfüllen. Natürlich hat er heute unter dem Strich nicht diese Torgefahr ausgestrahlt, die man von ihm kennt, oder die man von ihm erwarten kann. Aber er hat es versucht, und er bleibt auch immer gefährlich, weil er immer aus dem Bruchteil einer Chance ein Tor machen kann. Aber bei Ruud fehlen eben im Moment die letzten Prozent noch.“ Noch. Und er wird es nicht mehr ändern können . . .

Oenning, der ja ein „0:0 der besseren Art“ gesehen hatte, gab aber auch zu: „Wenn man aus diesen 90 Minuten die besten Szenen zusammengeschnitten hätte, dann hätte wohl mancher gedacht, dass in diesem Spiel Musik drin war. Leider aber hat uns heute dir Durchschlagskraft gefehlt, um gute und ganz große Torchancen herauszuspielen. Wir haben mehr Ballbesitz gehabt, wir haben versucht, das Spiel spielerisch anzugehen, aber wir haben gesehen, dass Hannover eine stabile Mannschaft hat, die so nebenbei nicht auszuspielen ist. Da muss man wirklich viel riskieren.“ Ganz ehrlich sagte Michael Oenning auch: „Es wäre möglich gewesen, dieses Spiel zu gewinnen – ob das dann verdient gewesen wäre, das steht auf einem ganz anderen Blatt.“

So aber ergibt sich eine ganz wichtige Frage: War es das mit dem HSV und Europa? Oenning: „Da muss man realistisch sein, dieses 0:0 hilft nicht wirklich. In den letzten vier Spielen dürfen wir keine Fehler mehr machen, da müssen wir alle Spiele gewinnen. Es ist noch nicht vorbei, wir werden versuchen, alles zu gewinnen. Und ich glaube dass wir gezeigt haben, dass wir stabil sind. Wir haben in den letzten vier Spielen sehr wenige Gegentore bekommen, was bei uns vorher auch anders der Fall war. Wir schaffen es aber nicht, genügend Tore zu erzielen, und das wird natürlich der Hauptschwerpunkt sein, dass wir uns da in den kommenden Wochen verbessern.“

Das dürfte ein Wunsch des Trainers bleiben – so sehr ich ihn auch schätze. Was jetzt nicht in der Mannschaft steckt (zum Beispiel Torabschluss, Kondition, Geschlossenheit), das wird bis zum Saisonende ganz sicher auch nichts mehr. So sehr sich Oenning auch darum bemühen wird. Apropos Oenning: In dieser Woche, so melden es die „innerbetrieblichen Sensoren“ des HSV, soll ja in Sachen Chef-Trainer für die Saison 2011/12 eine Entscheidung fallen. Vieles spricht dabei für Oenning, und wenn ich nach Prozenten gefragt werde, dann steht es für mich zu 90 Prozent fest, dass der ehemalige Nürnberger auch in der nächsten Spielzeit den HSV trainieren wird.

Kurz zurück noch einmal zum „Denkmalschutz“. Grundsätzlich ist es für jeden Trainer der Welt ja schwer, einen „richtigen Star“, der schon etwas älter und zudem weltbekannt ist, vom Platz zu nehmen oder ihn sogar ganz draußen zu lassen. Ich stelle es mir vor, dass Oenning nach einem solchen 0:0-Spiel einmal Ze Roberto auf der Bank schmoren lassen würde. Was würde es dann in Hamburg eine Woche lang rauschen – im Blätterwald, aber nicht nur dort? Hat Ze Roberto das verdient? Ist Ze Roberto am Ende? Wird Ze Roberto vom Trainer vorgeführt? So wird Ze Roberto vom Hof gejagt.“ Und, und, und. Garantiert.
Hast du aber eine junge Mannschaft, passiert das nicht. Jedenfalls nicht in dieser krassen Form. Oder hat jemand schon einmal einen Sturm im deutschen Blätterwald erlebt, als der Mainzer Trainer Tuchel seinen Nationalspieler Holtby einmal ganz draußen ließ? Oder als er ihn, wie an diesem Wochenende geschehen, auswechselte? Oder als der Dortmunder Meistertrainer Klopp seinen Nationalspieler Großkreutz ganz einfach mal auf die Bank setzte? Da passiert so gut wie nichts.
Und mit einem „alten Herren“ kann man sich das vielleicht einmal erlauben, eventuell sogar noch ein gaaaaanz vorsichtiges zweites Mal, aber beim dritten Mal wäre dann Abpfiff, Daddeldü. Dann rauscht es nämlich im Karton, und zwar ganz kräftig. Siehe Ballack, Heynckes und Leverkusen. Deshalb sehne ich den Zeitpunkt herbei, an dem der HSV eine junge Truppe ins Rennen schickt, eine Truppe mit hungrigen, willigen, heißen „Rennern“, die es auch einmal akzeptieren, wenn der Trainer eine andere Meinung (und andere Vorstellungen) hat. Das schon 2011/12? Es wäre wünschenswert. Wobei ich nichts gegen jene Spieler sage, die jenseits der 27 oder 28 Jahre sind. Solche Leute braucht jede Mannschaft, die braucht auch der HSV. Nur nicht einen Ansammlung von vielen „älteren Herren“, bei denen sich dann auch noch der eine oder andere Star für unantastbar hält.

Stichwort „junge Leute“. Tunay Torun hat ja mal wieder seine Chance erhalten, er ist ja inzwischen türkischer A-Nationalspieler geworden. Leider sah man davon im Hannover-Spiel nichts. Aber ich möchte Torun nun auch nicht zerreißen, denn: Monatelang sieht er nur zu, kann sich nur im Training beweisen; wenn man dann seine Chance erhält, dann will man in diesen 90 Minuten alles zeigen, was man drauf hat – und verkrampft. So ordne ich einmal diese „Torun-Vorstellung“ ein. Obwohl ich mir schon wünschen würde, dass mal, nein, dass endlich einmal ein HSV-Talent so explodiert, dass man sofort Angst haben müsste, dass nun Barcelona oder Manchester United kommen, um diesen Spieler zu kaufen. Bei Heung Min Son hatte ich ja einst ein wenig diese Angst, aber was ist daraus geworden? Und außer Son? Vor Son? Vor Jahren? Null. Leider.

Ganz kurz noch einmal zur „Kopfnuss-Situation“ zwischen David Jarolim und dem Hannoveraner Pinto. „Jaro“ ging ja ziemlich theatralisch zu Boden, das war garantiert nicht richtig. Dennoch kann ich das nicht verurteilen, denn: Zwischen „Jaro“ und Schmiedebach und „Jaro“ und Pinto gab es eine Menge heißer Duelle, die auch verbal ausgeführt wurden. Dann knistert es schon einmal, und dann kann es auch mal eine „Kopf-an-Kopf-Situation“ geben – wie diese. Dass aber ausgerechnet Pinto hinterher davon sprach, dass „das mit Fairness nichts mehr zu tun hat“, das verwundert doch sehr. Ballack lässt grüßen, kann ich da nur sagen, und nicht nur Ballack. Pinto ist nämlich, nachdem er jahrelang klein und zaudernd wie eine graue Maus durch die Erste und Zweite Bundesliga gelaufen ist, längst ein größeres „Trampeltier“ geworden, das richtig gut und kernig zur Sache geht. Das kann er auch ganz sicher so machen, es ist nichts dagegen zu sagen, aber dann von „Fairness“ zu reden, das halte ich dann doch für sehr frivol.

Und noch ein Wort zu Jarolim. Udo Lattek, der große Udo, hat einst im „Doppelpass“ gesagt: „Jarolim ist ein Schlitzohr, er ist ganz sicher auch nicht mein Freund – aber einen solchen Spieler habe ich mir früher immer gern in meiner Mannschaft gewünscht. Besser bei und mit mir, als gegen mich.“ Und deswegen freue ich mich auch für den HSV, dass er in „Jaro“ wenigstens einen „Aufmischer“ hat, denn alle anderen Feldspieler (!) sind in diesem Punkt eher zurückhaltend.

Jetzt, wo die Bayern den Spaß am Fußball wieder gefunden haben (zurzeit 4:0 gegen Leverkusen!), wünsche ich Euch noch einen schönen Sonntag – und einen wunderbaren Start in die neue Woche.

16.49 Uhr