Tagesarchiv für den 16. April 2011

0:0 – wer glaubt noch an ein Wunder?

16. April 2011

Als der Mainzer Schürrle am Freitag um 22.13 Uhr das 1:0-Siegtor für den FSV gegen Mönchengladbach erzielt hatte, da wusste ich: Das wird wieder einmal ein ganz mieses Wochenende. Mainz gewinnt, Nürnberg gewinnt – nur der HSV, der gewinnt nicht. 0:0 gegen Hannover 96, wer glaubt da noch an ein Wunder, das die Hamburger nach Europa führen könnte? Diese Nullnummer hilft nur den Niedersachsen, der HSV bleibt zwar unter Michael Oenning weiter ungeschlagen, aber ein Zauberer ist der neue Coach eben auch nicht. Der HSV steht da, wo er leistungsmäßig auch stehen muss. Es war diesmal ein eher müder Kick, auch wenn in der Schlussphase einige Male ein HSV-Tor in der Luft lag. Insgesamt aber war das wieder einmal viel zu wenig.

Der HSV brannte. Und wie! So wie es der Trainer vorher versprochen hatte. Die Mannschaft nahm von Beginn an das Heft in die Hand, sie drückte, sie kämpfte, sie spielte mit Herz, sie spielte wie entfesselt auf, das war Leidenschaft pur. Da sah jeder Fan im Volkspark und vor dem Fernsehgerät, dass diese Mannschaft um die letzte Chance, sich doch noch für Europa zu qualifizieren, nutzen wollte. Was heiß nutzen, sie wollte es biegen, sie hatte Biss, sie ging aufs Ganze. Das war Fußball, wie die Leute in sehen wollen, da blieb kein Mensch mehr ruhig auf seinem Platz sitzen, das war einfach nur klasse.

Als ich diese „Eröffnung“ meinem Nachbarn vorlas, fragte er mich erstaunt: „In welchem Jahr war dieses Spiel?“ Die Antwort blieb ich ihm schuldig. Ich kann mich im Moment immer noch nicht erinnern, wann der HSV – wie oben geschildert – so gnadenlos gut aufzog. Keine Ahnung. Gegen Hannover 96 war es jedenfalls wieder einmal nicht der Fall. Obwohl Hannover natürlich auch als Tabellendritter ein ganz gewaltiges Kaliber ist. Das darf nicht unterschätzt werden.
Und irgendwie hatte ich auch noch das Gefühl, dass es zu warm war – so mit 16 Grad.

Hannover griff den HSV schon am Hamburger Strafraum an. Das erfordert hohes Laufvermögen – Hannover hat es. Die Mannschaft wirkte frischer, schneller, ideenreich, beweglicher, entschlossener, geschlossener, aggressiver. Allen voran die beiden „Giftnickel“ Pinto und Schmiedebach. Nach 15 Minuten hätten die Niedersachsen schon führen können, führen müssen. Ya Konan köpfte unbedrängt aus sechs Metern überweg (8.), Rausch blieb mit seinem Schuss an Dennis Aogo hängen (10.), und Dennis Diekmeier rettete einmal Millimeter vor der Torlinie (15.), sonst hätte es 0:1 gestanden. Diese Chancen nur zur Erinnerung.

Und der HSV? Der spielte viel zu ungenau nach vorne. Fast jeder Ball kam postwendend zurück. Ruud van Nistelrooy monierte in Richtung Diekmeier, doch einmal den Ball in den Fuß zu spielen, aber dabei blieb es. Grau ist alle Theorie. . . Da gab es schon Beifall, als Eljero Elia aus lauter Verzweiflung aus 35 Metern abzog – weit überweg. Wie zuvor Mladen Petric per Kopf – und wie danach Gojko Kacar aus 19 Metern. Überweg, überweg, überweg.

Vieles wird dem Zufall überlassen, einige Sachen sind gut angedacht und werden schlecht zu Ende geführt, viele Dinge sind aber auch ganz einfach zu naiv, zu amateurhaft. Und wenn die Spieler erkannt haben, dass sie beim 0:0 in Hoffenheim zu weit voneinander entfernt standen, so sollten sie sich dieses Spiele noch einmal ganz genau ansehen. Da greift kaum einmal ein Rad ins nächste. Es ging für den HSV um so viel, aber das war leider nie zu sehen. Und sage mir niemand, dass das an den Nerven und am zu großen Druck gelegen habe. Es ist einfach mangelnde Qualität. Und natürlich auch eine Sache der Bereitschaft – der Laufbereitschaft.

„Das ist Null-Fußball“, sagte mir zur Pause Olli Dittrich, „unser aller Dittsche“. Er meinte, so glaube ich verstanden zu haben, nicht „null Fußball“, sondern wirklich „Null-Fußball“. Und, das ist das Schöne an diesem Null-Fußball, die Arena ist gefüllt! 57 000 Zuschauer waren da. Ausverkauft!

Und noch eine bemerkenswerte Geschichte: Am Rande erwärmten sich die Ersatzspieler. Wer, so fragten wir uns, würde wohl Besserung bringen? Piotr Trochowski, der nach Sevilla abwandert? Sicher nicht, denn er braucht Risiko in seinem Spiel, und er würde nie Risiko gehen, wenn er nach dem ersten Ding gleich Pfiffe erhielte. Marcell Jansen? Der hängt doch seit Wochen irgendwie durch, wirkt total verunsichert. Und Heung Min Son? Jenseits von Gut und Böse – seit Wochen schon. Paolo Guerrero? Hat sich selbst ins Abseits gestellt, seit der in Peru – einfach nur mal so – von seinem Abschied gesprochen hat. Und Jonathan Pitroipa? Von seiner großartigen Form ist nichts mehr erkennbar – Zahn gezogen. Schon lange.

Die HSV-Fans im Nord-Westen skandierten bei dieser Art des Null-Fußballs: „Hermann Rieger, Hermann Rieger.“ Der aber kann nicht eingewechselt werden. Obwohl er auch diesmal wieder da war. Und wenn ich schon bei Hermann bin: „Es geht mir gut. Ich sollte eigentlich operiert werden, aber meine Nieren streiken ein wenig, deswegen wurde das nicht gemacht. Aber es geht mir wirklich gut.“ Aber er wird nun wieder Chemo bekommen, das ist wohl unvermeidbar.

Zurück zum Fußball. Frank Rost absolut okay und fehlerfrei. Dennis Diekmeier mit einer einwandfreien Partie – einfach nur gut. Auch wenn er gegen Ende der Partie ziemlich am Ende schien. Was bei ihm ganz natürlich ist, nach der langen Verletzungspause. Heiko Westermann mit dem Kopf ganz okay, am Boden wie gewohnt – in der Schule würde ich ihm Note drei geben. Gojko Kacar wieder fleißig, aufmerksam, Löcher stopfend – auch Note drei. Und links? Dennis Aogo immer bemüht, wirklich immer bemüht, er will etwas bewegen, denkt auch immer im Sinne der Mannschaft – aber: Im Vorwärtsgang will ihm nicht so richtig etwas gelingen, mal eine entscheidende Flanke, mal ein Schuss aus der zweiten Reihe. Was absolut schade ist, denn auch in dieser Beziehung will er. Auch im Abspiel lag er diesmal einige Male mehr als sonst daneben.

David Jarolim fand erst nach 20 Minuten erst so richtig in die Partie, er war diesmal nicht so bestimmend auf der Sechs wie sonst. Aber er biss. Mal gegen Schmiedebach, mal gegen Pinto. Da spielt „Jaro“ den „Frank Rost“ im Feld. Was sonst kaum einer mal macht. „Jaro“ mischt alle auf, um sein Team nach vorne zu bringen.

Tunay Torun hatte eine wirklich gute Szene, fiel ansonsten klar ab. Für ihn kam in der 61. Minute Pitroipa – aber der hat null Selbstvertrauen, er hilft in dieser Verfassung nicht mehr. Und links Eljero Elia? Der Ball ist rund. Der Niederländer trat zu oft auf die Kugel – und lag am Boden, und der Ball war verstolpert. Weg!

Ze Roberto viel unterwegs, aber eine zündende Idee hatte er lange Zeit nicht. Erst gegen Ende des Spiels, als der HSV zulegte und gute sowie beste Chancen hatte, da zeigte sich auch Ze Roberto häufiger.

Und vorne? Ruud van Nistelrooy baute schon in Halbzeit eins mächtig ab. Dass er bleiben durfte, liegt wohl auch daran, dass Trainer Michael Oenning auf seine Vollstrecker-Qualitäten setzt – falls es denn einmal eine solche Möglichkeit geben sollte. Es gab sie nicht. Bis auf eine Kopfballchance, aber die war nicht so zwingend. Mladen Petric neben „van the man“ fand lange keine Bindung, aber er taute in Halbzeit zwei auf – und legte zu. Die beste Offensivkraft des HSV. Aber die Null blieb stehen. Null-Fußball eben. Und viele Pfiffe zum Abschied.

17.34 Uhr