Tagesarchiv für den 15. April 2011

Hannover ist schon der letzte Strohhalm

15. April 2011

Na dann! Los geht’s. Die letzte Chance auf die Europa League, das erste der letzten fünf Endspiele? „Unser letzter Strohhalm“, sagt Kapitän Heiko Westermann, „und wir haben gegen die auch noch etwas gutzumachen.“ Eine 2:3-Niederlage aus dem Hinspiel. „Ja, aber wir waren besser und haben die Punkte da liegenlassen.“ Deshalb gelte aus zweierlei Sicht nur ein Ziel: Der Dreier gegen den Dritten morgen ab 15.30 Uhr in der Imtech-Arena. Und auch Cheftrainer Michael Oenning setzt auf Sieg, will ggen die konterstarken Niedersachsen stürmisch agieren lassen. „Er lässt nach vorne spielen“, weiß sein Assistent Rodolfo Cardoso zu berichten, „ihm ist das Ergebnis nicht ganz so wichtig wie die Art zu spielen. Allerding nur so lange, wie wir gewinnen natürlich.“

Das muss der HSV, sofern er sich die Chance auf den fünften Rang und somit die Teilnahme an der Europa League erhalten will. Drei Punkte gilt es auf Mainz aufzuholen, die wiederum heute Abend gegen Gladbach vorlegen in einem Spiel, das sich wohl die gesamte HSV-Mannschaft im Mannschaftshotel ansehen wird.

Wie sehr viele von Euch werde auch ich es sehen. In der Hoffnung, dass die Gladbacher sich im Abstiegskampf etwas Luft verschaffen können und so dem HSV helfen. Denn, wenn man mal ehrlich ist, hat Mainz das leichteste Restprogramm derer, die um Platz fünf kämpfen. „Aber wenn wir weiter gewinnen und Druck aufbauen, muss die sehr junge Mainzer Mannschaft damit erst einmal klarkommen“, stichelt Cardoso, mit dem wir (Kai Schiller und ich) uns heute in der Raute getroffen haben. „Unsere Mannschaft hat die Erfahrung und alle sind ganz gut drauf. Warum nicht?“, so Cardosos rhetorische Frage.

Ehrlich gesagt, ich habe keinen Grund. Zumindest keinen, den ich nennen werde. Denn auch ich halte mich jetzt an die Maxime, in den letzten fünf Spielen nichts anderes zählen zu lassen, als den sportlichen Erfolg. Erst, wenn die letzte theoretische Chance vorbei ist, werde ich damit aufhören. Wie viele von Euch wahrscheinlich auch. Das ist sicher nicht die intelligenteste Art, mit der Situation umzugehen, aber die einzige, die mir Spaß macht.

Spaß hat derzeit auch die Mannschaft, das ist inzwischen inflationär oft genannt worden. Aber es ist auch tatsächlich jeden Tag zu sehen. Auch heute wieder im Training. Denn so konkurrierend die Spieler untereinander sind und so hart sie in den Trainingsspielen um einen Platz in der Startelf auch kämpfen, sie sind sich in ihrem Ziel eins. „Es war eine harte Woche“, sagt Dennis Diekmeier, „weil alle mitziehen. In den Spielen, wo eine A- gegen eine B-Elf gespielt hat, hat die B-Truppe immer richtig gut dagegengehalten. Es lässt sich keiner hängen.“ Im Gegensatz zu den Vorjahren, in denen teilweise bis ins Halbfinale international gespielt wurde und somit eine Doppelbelastung (mit DFB-Pokal sogar dreifach), scheint die Mannschaft zum Saisonende hin nicht abzubauen sondern ihre zweite Luft zu bekommen.

Wer diese einsetzen kann, scheint noch offen zu sein. Zumindest lässt sich Oenning mal wieder nicht in die Karten schauen. Im Training folgte heute auf eine kurze Laufeinheit ein verlängertes Kreisspiel. Aktive Erholung – mehr nicht. Und für uns keine Antwort auf die Frage, wer den gelbrot-gesperrten Änis Ben-Hatira ersetzen wird. Eine Frage, die übrigens auch Cardoso stellte. Doch auch der sympathische Argentinier vermochte sich nicht festzulegen. „Michael wird eine Idee haben. Und wir werden sicher auch darüber sprechen. Er akzeptiert meine Meinung – aber am Ende entscheidet er.“ Wen Rodolfo spielen lassen würde? Der ehemalige Zehner diplomatisch: „Da bieten sich gleich mehrere ebenbürtige Konstellationen an.“ Zum einen wäre das Tunay Torun, zum anderen Jonathan Pitroipa. Und die für mich wahrscheinlichste Lösung wäre Eljero Elia auf rechts, während Marcell Jansen in seinem dann 150. Bundesligaspiel die linke offensive Seite vor ausverkauftem Haus übernehmen könnte.

Und während es über rechts eine Bauchentscheidung Oennings wohl zwischen Torun und Elia geben wird, bin ich mir sicher bei der Aufstellung in der Abwehr. Dort beginnt Diekmeier rechts, daneben wird es auf Gojko Kacar und Westermann ankommen, während Dennis Aogo links hinten anfängt. Allerdings gibt es nur wenige Alternativen, da Benjamin nicht im Kader steht, Muhamed Besic bei der Regionalliga-Elf aufläuft und Joris Mathijsen (Knöchel) sowie Guy Demel (Magen-Darm-Probleme) ausfallen.

Und das gegen niemand geringeren als Didier Ya Konan (13 Tore, sieben Vorlagen) und Mohammed Abdeallaoue (9/1), die zusammen an 30 der insgesamt 42 Treffer der Niedersachsen beteiligt waren. „Hannover ist sehr lauf- und kampfstark, steht kompakt und spielt schnelle Konter mit zwei starken Stürmern“, analysiert Cardoso und auch Diekmeier und Westermann sind sich einig: „Das wird ein Schlüssel zum Sieg, hinten wieder so eng wie in großen Teilen der Partie gegen Dortmund zu stehen“, so Westermann, der zugleich auf die eigene Stärke setzt: „Wir müssen ganz sicher besonders auf die beiden achten. Aber wir werden trotzdem hoch (offensiv ausgerichtet, Anm. d. Red.) stehen, weil uns keiner weglaufen wird. Wir haben in der Verteidigung genug Tempo.“

Immerhin vier Siege in den letzten fünf Spielen haben sich die Hannoveraner vorgenommen, um so zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte die Champions League zu erreichen. „Das können sie ja auch noch, wenn sie bei uns verloren haben“, sagt Westermann, der den nächsten Gegner als „die größte Überraschung der Saison“ bezeichnet.

Nicht wirklich überraschen würde mich indes, wenn nach dem Hannover-Spiel eine Entscheidung in Sachen Trainer fällt. So zumindest wird gemutmaßt. Und einen Sieg gegen Hannover vorausgesetzt, kann ich mir da nichts anderes vorstellen, als dass es eine Entscheidung pro Oenning geben wird. Alles andere könnte die konzentrierte Arbeit stören. Und wie wichtig die Europa League auch finanziell für den HSV wäre, wisst ihr alle selbst.

In diesem Sinne,

ich freue mich auf das HSV-Duell!

Bis morgen,
Scholle

18.05 Uhr

Letzte Fakten zum Spiel:

Hamburger SV: Rost – Diekmeier, Kacar, Westermann, Aogo – Jarolim – Jansen, Zé Roberto, Elia – Petric, van Nistelrooy

Kader: Mickel, Tesche, Trochowski, Pitroipa, Torun, Son, Guerrero
Nicht dabei: Ben-Hatira (Gelb-Rot-Sperre), Mathijsen (Sprunggelenksprobleme), Demel (Magen-Darm-Grippe), Drobny (Handbruch), Stepanek (Aufbautraining nach Kreuzbandriss), Castelen (Aufbautraining nach Knie-OP), Besic, Choupo-Moting (HSV II), Benjamin, Rincón (nicht berücksichtigt)

Hannover 96: Zieler – Cherundolo, Haggui, Pogatetz, Schulz – Schmiedebach, Pinto – Stindl, Rausch – Ya Konan, Abdellaoue
Nicht dabei: Andreasen (Aufbautraining)

Schiedsrichter:
Christian Dingert (Lebecksmühle)