Tagesarchiv für den 12. April 2011

Die Mannschaft feiert – der Aufsichtsrat tagt *UPDATE*

12. April 2011

*********Ich wollte mich bei Euch melden, sollte es noch etwas Besonderes von der Aufsichtsratssitzung zu vermelden geben. Und so ist es. Denn, und das ist das “Besonderste” der letzten Jahre, es gibt NICHTS zu vermelden. Gar nichts! Und das trotz der Themenlage. Der Aufsichtsrat, bei dem heute Horst Becker, Ian Karan, Jörg Debatin und Gerd Krug entschuldigt fehlten, schweigt – was es so, in der Konstellation noch nie gab. “Wir haben uns um 19 Uhr getroffen und diverse Dinge besprochen. Aber es gibt nichts zu vermelden”, so Aufsichtsratsboss Ernst Otto Rieckhoff, der auch jede Nachfrage, sei sie noch so thematisch gestellt, unbeantwortet ließ. Bis auf eine: Wie die Saison finanziell abgeschlossen würde? “Mit einem vertretbaren Minus”, so der Chefkontrolleur. Wie hoch “vertretbar” sein kann, ließ Rieckhoff offen. Und das war’s. In diesem Sinne: Gute Nacht aus dem Presseraum der Imtech-Arena!*********

„In der Kabine ist endlich wieder Musik“, freut sich Gojko Kacar und ist sich der Doppeldeutigkeit sehr wohl bewusst. Denn neben guter Laune im Kabinentrakt läuft auch tatsächlich Musik über Lautsprecher. Ein Novum, das der Neu-, Noch- und vielleicht auch Weiterhin-Trainer Michael Oenning eingeführt hat. Und eines, das er auch selbst steuert. „Ich bin aber eher ein sanftes Regulativ“, so Oenning, der als ehemaliger Band-Musiker die Musikauswahl steuert. „Das und Lautstärke regeln, der Rest entwickelt und findet sich“, so der Coach, der nach Angaben von Kacar „dafür sorgt, dass wieder mehr gelacht wird“.

Das mit dem Lachen wiederum gilt derzeit für den restlichen Teil der HSV-Mitarbeiter eher nicht. Aktuell holte sich der neue Vorstand ein Aufgabenprofil von allen Mitarbeitern ein, um zu überprüfen, wo Einsparung möglich oder gar nötig sind. Meines Wissens nach trennte sich der HSV bislang von fünf Mitarbeitern(-innen) der HSV-Zentrale. Insgesamt besteht der here Wunsch, den Geschäftsstellen-Etat am Ende um rund eine Million zu kürzen. Aber bevor ich hier noch mit einer Falschmeldung existenzielle Ängste (schlimmstenfalls sogar unberechtigt) bei Mitarbeitern schüre, belasse ich es bei den Fakten. Die Situation ist für die Betroffenen schon schlimm genug.

Schlimm sah es zunächst auch im Business-Seat-Bereich aus. 29 Prozent der Logen und Business-Seats sind zur neuen Saison gekündigt worden. Und noch nicht neu verkauft. „Wir haben mehr Kündigungen als in den vergangenen Jahren“, bestätigt Marketing-Vorstand Joachim Hilke, um im selben Atemzug zu sagen: „Aber das ist nicht dramatisch. Wir wissen um die Brisanz und unsere Arbeit ist in vollem Gange.“ Die sah so aus, dass allen Kündigungen telefonisch nachgegangen wurde. Es wurde nach den Beweggründen gefragt, Überzeugungsarbeit geleistet. Und bestenfalls bekamen die Bald-Ex-Karten- oder Logen-Besitzer ein Versöhnungsangebot wie Konzertbesuche in Hamburg oder auch Reisen, wie die zum Eurovision-Song-Contest 2011 in Düsseldorf geboten. „Wir arbeiten mit Hochdruck und sind optimistisch“, so Hilke, der zusammen mit seinem Interimsvorstandsboss Carl E. Jarchow heute Abend vor dem Aufsichtsrat zur aktuellen Finanzsituation sprach.

Womit wir bei einem Kernpunkt im Hinblick auf die neue Serie wären: dem Geld. Das sorgt noch mal für ein kurzes Hauen und Stechen. Innerhalb des Aufsichtsrates, wo die neuen Kontrolleure den alten Kontrolleuren vorwerfen, nicht genu aufgepasst zu haben. Aber eben auch zwischen dem aktuellen Vorstand und dem ausgeschiedenen um Bernd Hoffmann und Katja Kraus. Über die Gründe für das aktuelle Finanzloch diskutieren alle Parteien mit unterschiedlichen Standpunkten. Worin sich allerdings alle Beteiligten einig sind, ist, dass das Geld im Vergleich zu den Vorjahren an einigen Stellen fehlen wird. So sehr, dass definitiv eingespart werden muss. Insbesondere bei den Personalkosten für die Bundesligamannschaft. „Die Finanzen beeinflussen natürlich die Kaderplanung“, sagt Michael Oenning, „aber klar ist, dass nicht nur durch Geld etwas entstehen kann.“

Womit Oenning auch außerhalb des Platzes mächtig Werbung für sich machen kann. Denn klar ist, dass der HSV zur neuen Saison sparen und der neue Trainer damit klarkommen muss. Rund zehn Millionen vom – so wird es heute erzählt – bislang 48 Millionen Euro teuren Bundesligakader gilt es einzusparen. Auch deshalb stand heute das Thema Finanzen beim täglichen Telefongespräch zwischen Oenning und Arnesen auf der Agenda. „Wenn man seine sportlichen Ziele ein zweites Mal nicht erreicht, ist es klar, dass man nicht die ganz großen Sprünge machen kann.“ Dennoch, das fügte Oenning hinzu, wüssten er und der designierte Sportchef Frank Arnesen noch immer nicht genau, mit welchen Zahlen gearbeitet werden kann.

Klar ist aber, dass Verkäufe notwendig werden. Unklar hingegen, wer gehen muss. Paolo Guerrero gilt dabei ebenso wie Guy Demel als Wunschverkauf beim HSV, während Eljero Elia und Mladen Petric gehalten werden sollen. Bei Letztgenanntem hatte der Klub zuletzt ein erstes Gespräch geführt. Das wiederum war überhaupt nicht so, wie sich der Stürmer und dessen Berater Volker Struth es sich vorgestellt hatten, woraufhin sich Struth in Petric’s Namen öffentlich beschwerte. „Dennoch wollen wir beide nicht abgeben. Im Gegenteil: Das wäre schon der worst case…“

Ebenfalls unklar ist der Fall Ilkay Gündogan. Der 20-jährige Mittelfeldmann vom 1. FC Nürnberg steht beim HSV weiterhin ganz oben im Kurs. Dass berichtet wurde, der U-21-Nationalspieler des DFB habe sich bereits für einen Wechsel zu Borussia Dortmund entschieden, dementierte Oenning. Und wer sollte es besser wissen als er? „Ich weiß, dass er sich noch nicht entschieden hat. Und es ist ja kein Geheimnis, dass ich eine enge Bindung zu ihm habe und weiß, wie sich die Dinge bei ihm entwickeln.“

Immerhin holte Oenning seinen ehemaligen Schützling zu Bochumer A-Jugendzeiten vor zwei Jahren nach Nürnberg und verhalf ihm zum Sprung ins Profigeschäft, woraus eine Art Freundschaft entstanden ist. „Ich habe Zugang zu ihm“, umschreibt Oenning das Verhältnis zu Gündogan, den er für „sportlich mehr als gut“ bezeichnet und dem er zutraut, „in den nächsten Jahren für Furore“ zu sorgen. „Bei der Entscheidung bin ich sicher ein Faktor, denn es ist klar, dass sich die Spieler an die Leute erinnern, die sie auf den ersten Schritten begleitet haben. Wir sind in seinen Entscheidungsprozess eingebunden.“ Ob er auch direkten Einfluss ausüben kann? Oenning: „Nein.“

Ergo: Abwarten. Aber genau das hat etwas Gutes, denn es gibt wenigstens keine Entscheidung gegen den HSV.

Eine Entscheidung steht auch bei Oenning selbst weiter aus. Diese soll dem Vernehmen nach innerhalb der nächsten zehn Tage (nach Hannover und Stuttgart) gefällt werden. Allerdings weicht Oenning selbst weiter aus und versucht, dabei möglichst entspannt zu wirken. „Die Situation ist im Moment okay. Sie darf natürlich nicht ausufern. Aber ich kann auch keine Erwartungshaltung haben, denn ich bin nicht der Handelnde.“

Das wiederum ist Oenning unumstritten als Cheftrainer. Trotz aller Gerüchte um Stale Solbakken, der sich in London bereits mit Arnesen getroffen haben soll, arbeitet der Münsterländer unbeirrt in Hamburg weiter. Und das erfolgreich. Von deutschen Fußballgrößen wie beispielsweise Jürgen Klopp und Matthias Sammer hochgelobt, erhält Oenning auch aus der Mannschaft breite Unterstützung. „Ich bin gespannt, wie weit das noch zu drehen ist. Aber langsam wird es echt teuer für mich“, scherzt Oenning, um etwas ernster nachzulegen: „Es ist ganz sicher nicht unangenehm. Aber es hilft mir im Moment auch nicht weiter.“

Trotzdem, der studierte Deutsch- und Sportlehrer weiß sich zu verkaufen. Intern – aber auch extern, wo er heute unmissverständlich klar machte, dass selbst eine Rückkehr von Joris Mathijsen zum Spiel gegen Hannover keine Umstellung in der mit Heiko Westermann und Kacar zuletzt sehr starken Innenverteidigung nach sich zieht. „Ich bin momentan nicht gewillt, in der Innenverteidigung etwas umzustellen“, so Oenning, der im Nachmittagstraining auf Zé Roberto verzichten musste. Der Brasilianer absolvierte stattdessen eine Einheit im Kraftraum. Aber Entwarnung: nur vorsichtshalber.

Wo wir in diesem Blog, der natürlich im Schatten der um 18 Uhr in einer Loge beginnenden Aufsichtsratssitzung steht, zum Glück mal sportlich sind, eine hier häufig gestellte Frage. Ich habe heute Oenning auf Lennard Sowah angesprochen, dem Armin Veh jegliche Bundesligatauglichkeit abgesprochen hatte, und der zumindest in den letzten Wochen wieder im Training mitmischte. Oennings Antwort: „Sowah muss überhaupt erst mal die Grundfitness erreichen. Der ist ja nie wirkliche beschwerdefrei.“

Das war zuletzt Jonathan Pitroipa, der trotzdem nicht berücksichtig wurde und durch die Gelb-Rot-Sperre von Änis Ben-Hatira auf seine erste Kadernominierung unter Oenning hofft. Warum der Offensivspieler, der heute Geburtstag hat, bei ihm keine Beachtung mehr gefunden hatte? „Das geschah im Zuge der Genese der letzten drei Spiele“, so Wortakrobat Oenning, „da kamen einige Dinge zusammen. Aber wenn er sich jetzt anbietet, hat er eine Chance.“ Das sei nach einem Gespräch heute bereits im Training so gewesen. „Ich habe ihm klargemacht, dass er offensiv kreativ ist, aber defensiv zu viel zulässt.“ Eine erste Reaktion sei eine gute Trainingseinheit heute Vormittag gewesen. „Er wird mir diese Woche etwas anbieten“, so Oenning optimistisch.

Ähnlich positiv gestimmt ist der Trainer im Kampf um Platz fünf. Während Kacar die aktuelle Form des HSV als Plus gegenüber der Konkurrenz aus Mainz, Nürnberg und Freiburg sieht, glaubt auch Oenning weiter an das Saisonziel Europa League. „Wir sind nicht chancenlos und hatten sicherlich schon schlechter Ausgangslagen. Auch wenn unsere Situation mit einem Sieg gegen Dortmund noch viel besser gewesen wäre, so glaube ich, dass sich alles erst am letzten Spieltag entscheiden wird.“

Hoffentlich mit einem guten Ende. Und um auf dem weg dahin die Stimmung innerhalb der Mannschaft hochzuhalten, hat Oenning für Donnerstag ein gemeinsames Grillen der Mannschaft auf den Trainingsplan geschrieben.

Warum auch nicht? Wenn’s hilft…

In diesem Sinne, ich vermeide hier weitere Mutmaßungen über fischerAppelt, neue Finanzlöcher und dergleichen. Ich melde mich voraussichtlich morgen wieder bei Euch und werde dann ausgeruht und gut recherchiert von der heutigen Aufsichtsratssitzung berichten. Es sei denn, ich erfahre heute Abend nach der Aufsichtsratssitzung noch Neuigkeiten, die absolut nicht bis morgen warten können.

Bis dahin Euch allen einen schönen (Champions-League-)Abend,

Scholle

18.41 Uhr