Tagesarchiv für den 9. April 2011

Das Pech in der Nachspielzeit

9. April 2011

Alles gegeben, gut gespielt, großartig gekämpft, den Spitzenreiter am Rande einer Niederlage gehabt – und dennoch nur ein 1:1 und damit einen Punkt geholt. Das war zum Schluss viel Pech, HSV, denn der Ausgleichstreffer fiel in der Nachspielzeit. Dennoch steht klar fest: Der kommende Meister Dortmund hatte sich dieses Unentschieden absolut verdient, denn er hatte eine große Anzahl klarster Tormöglichkeiten. Kein Hamburger hätte sich deswegen beschweren dürfen, wenn es eine Niederlage gegeben hätte, doch was hilft dem HSV dieser Punkt? Geht da noch was für Europa? Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber eigentlich waren alle Beteiligten vorher davon überzeugt, dass nur drei Punkte helfen würden. Beten hilft. Vielleicht.

So Gelb war es im Volkspark noch nie. Schon vor dem Anpfiff, überall Dortmund. Und laut waren die Fans des Tabellenführers auch – vorher. Im Spiel zeigten die Hamburger – auch von der Lautstärke her – wer Herr im Hause ist. Das war sehens- und hörenswert. Und Bundesliga-Spitze, nicht Mittelfeld. Weniger schön: Die vielen Klopapierrollen, die vorher aus dem Norden in den Strafraum flogen, waren natürlich weniger schön, aber vielleicht sollte damit ja auch ein „Geisterspiel“ provoziert werden – a la St. Pauli . . . Dann war es witzig gemacht.

Das Spiel begann voller Tempo und Engagement. Vor allem der HSV wirkte „griffig“. Da wurde nichts verschenkt, da ging es zur Sache, da wurde mit Leidenschaft gespielt und gekämpft. Diesmal klappte das Umschalten sehr gut, es wurde viel mehr – als zuletzt – an die Defensive gedacht. Was auch viel, viel besser klappte: das Verschieben von links nach rechts und umgekehrt. Die Räume wurden zugestellt, Dortmund kam, wie vom HSV erhofft, nur selten so richtig in die schnellen Kombinationen. Unmittelbar vor dem Spiel hatte ich noch ein kurzes Gespräch mit einem HSV-Verantwortlichen, der in der Kabine war, als Michael Oenning die Mannschaft einstellte. Dieser HSV-Mann sagte mir voller Optimismus: „Wenn das, was wir uns vorgenommen haben, nur halbwegs in die Tat umgesetzt wird, dann wird das heute was. Wir haben eine erstklassige Taktik – und die Mannschaft will.“ Das alles konnte man sehen.

Wobei es lange Zeit keine Torraumszenen gab. Hüben wie drüben nicht. Trotz allem war es ganz gewiss keine schlechte Partie, im Gegenteil, das war für mich ein echtes Spitzenspiel. Und wenn sich der HSV einmal zu weit (und zu lange) nach hinten hatte drängen lassen, dann stand am Rande Michael Oenning und „befahl“ seinen Leuten wieder den Vorwärtsgang. Die Stürmer übrigens ihrer Defensivabteilung auch. Ruud van Nistelrooy beschwerte sich über zu wenige Bälle, Eljero Elia und Änis Ben-Hatira auch.

Die Sonne, die Stimmung, das Spiel, das Tempo – alles klasse. Beim HSV fing das von hinten an: Frank Rost die Ruhe selbst; er wurde in Halbzeit eins wenig gefordert, wenn, dann war er gewohnt souverän zur Stelle. Oh, oh, was da wohl in der nächsten Saison passiert?

Und rechts? Ist Euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass über die rechte Seite gar kein Wort mehr verloren wird, seit Dennis Diekmeier dort zum Einsatz kommt, wird nur noch ganz wenig gemosert. Das war vorher, als Guy Demel dort noch spielte, ganz anders. Diekmeier gibt sich ganz selten eine Blöße, und er ist durch seine Schnelligkeit immer zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Ein Gewinn für die Mannschaft, eindeutig.

Wie auch Gojko Kacar neben ihm. Der Serbe lag einige Mal im Abspiel daneben, aber was er rettete? Das war fast schon Weltklasse. Kacar hier, Kacar da, Kacar überall. Der Mann ist eine Wucht. Was in Sachen Defensivarbeit auch für Heiko Westermann galt: Stark im Kopfball, gut im Zerstören, gut auch im Erahnen der Situationen – und in Sachen Abspiel schien er sich selbst ein wenig diszipliniert zu haben. Das war ganz okay. Wie auch links Dennis Aogo, der es oft mit Götze zu tun hatte. Nicht immer konnte der HSV-Verteidiger den flinken Dortmunder an die Kette legen, aber insgesamt bot Aogo eine solide Leistung. Dass er immer will, immer auch mit bestem Beispiel vorangehen will, das macht ihn auch wertvoll für dieses Team.

Auf der Sechs diesmal wieder David Jarolim – super. Nach Kacar der beste Hamburger. „Jaro“ lief enorm, eroberte viele, viele Bälle – und er brachte sie auch fast alle an den eigenen Mann. Zudem zeigt er stets Biss, der lässt sich nicht beiseite schubsen, er hält dagegen – auch verbal. Das nenne ich vorbildlich! Bravo, „Jaro“!

Änis Ben-Hatira zeigte Licht und Schatten, auf jedem Fall ist ihm wieder einmal eine Fleißnote zu geben. Er rackerte rauf und runter. Und er hatte auch sehr wohl einige gute Szenen in der Offensive, dennoch könnte er es noch besser. Dass er sich darüber hinaus auch noch Gelb-Rot abholte, als er Schmelzer mit Ansage foulte (74.), das spricht nicht dafür, dass er alles schon im Griff hat. Da wird er noch lernen müssen – oder noch viel Lehrgeld bezahlen müssen.

Links schien mir Elia ein wenig verbessert in seiner Leistung, er versuchte viel, lief auch enorm viel (für seine Verhältnisse) – dennoch, nach vorne könnte er doch soooo viel mehr. Die Hoffnung aber habe ich noch, dass da noch etwas geht. Und sei es nur deswegen, sich gegen Saisonende noch für andere, zahlungskräftige Klubs anzubieten.

Bei Ze Roberto wechselten sich auch die guten und die weniger guten Szenen in bunter Reihenfolge ab. Grundsätzlich aber ist er mit seiner Routine ganz, ganz wichtig, denn er nimmt, wenn es kein anderer tut, das Spiel in die Hand. Er hält den Ball, er beruhigt, er „lebt“ seinen Nebenleuten die Ruhe und eine gewisse Gelassenheit vor – und das wirkt sich durchaus auch ansteckend aus.

Und vorne? Mladen Petric gut, Ruud van Nistelrooy eine Halbzeit passabel. Der Niederländer wirkte schon zu Beginn der zweiten Halbzeit kraftlos, ich hätte mir gewünscht, dass er früher (als in der 83. Min.) in die Kabine gebeten worden wäre. Aber das ist natürlich eine alleinige Sache des Trainers. Immerhin: Petric holte den Elfmeter heraus, den „van the man“ verwandelte.

Unabhängig davon, dass ein Punkt in Hamburg geblieben ist: Dortmund stellte sich vor allem im zweiten Durchgang meisterlich vor. Die Mannschaft marschiert mit Tempo, Spielwitz, einer gewissen Aggressivität und mit einem unbändigen Willen. Das sage ich ganz klar: So gut ist keine andere Mannschaft in Deutschland, Kompliment der Borussia, Dortmund ist ein verdienter Meister. Auch wenn es rechnerisch noch nicht abgesichert ist.

Wie aber die Gelben in der zweiten Halbzeit Chance um Chance herausspielten, wie der HSV in der eigenen Hälfte eingeschnürt wurde, das ist schon sehenswert, das hat Klasse. Und sage mir keiner, dass das nur am Platzverweis von Änis Ben-Hatira gelegen hat, Dortmund wäre auch gegen elf Hamburger so gnadenlos gen HSV-Tor marschiert.

Ganz kurz noch am Rande: Als der Borusse in der 15. Minute Änis Ben-Hatira auf den Fuß tritt, der Hamburger am Boden liegen bleibt, da beförderten die Spieler des Spitzenreiters den Ball ins Aus – fair. Nur Jürgen Klopp am Rande, der hatte etwas dagegen, der BVB-Trainer war sauer. Mainz 05 lässt grüßen. Die haben es vor Wochen auch nicht gemacht, dadurch kassierte Dortmund noch den Ausgleich. Ja, und weil das damals so lief, hat Herr Klopp, den ich übrigens sehr, sehr schätze, ganz offenbar umgedacht. Jeder wie er mag.

17.43 Uhr