Tagesarchiv für den 8. April 2011

Frank Rost im Matz-ab-Interview

8. April 2011

So, Werder Bremen hat in Frankfurt gepunktet, das wird wenigstens ihn freuen. Immerhin hat er zehn seiner nunmehr 19 Profijahre für die Weserstädter gespielt. 19 Jahre Profifußball, die am 14. Mai mit dem Schlusspfiff gegen Mönchenglabach am 34. Spieltag ein Ende finden. Er sagt: “Europa League erreichen und Ende.” Ein Ende, das ich persönlich gern noch ein, zwei Jahre weiter nach hinten geschoben hätte. Aber eben ein Ende, mit dem sich Rost sehr gut arrangiert hat.
Deshalb ist es an der Zeit, um einen Blick zurück zu werfen. Zusammen mit meinem geschätzten Kollegen Matthias Linnenbrügger von der „Welt“, habe ich heute Morgen ein Interview im schönen Elb-Ambiente im Louis C. Jacob mit der unumstrittenen Nummer eins beim HSV geführt. Wundert Euch also bitte nicht, wenn Ihr den gleichen Wortlaut auch in der Sonnabend-Ausgabe der Welt lest – wir haben es zusammen geführt. Trotzdem habt Ihr hier im Gegensatz zu allen Zeitungskonsumenten, die das Interview erst morgen früh lesen können, Rosts Aussagen als Erste. Viel Spaß dabei!
Das Interview:

Matz ab: Herr Rost, Anfang dieser Woche haben Sie bekannt gegeben, Ihre Karriere in der Bundesliga zu beenden. Wohin führt Ihr Weg?
Frank Rost: In dieser Saison stehen noch sechs Spiele auf dem Programm, darauf konzentriere ich mich. Alles andere ist gerade kein Thema. Es ist offen, die Entscheidung treffe ich in aller Ruhe. Fakt ist: Es reizt mich, nicht nur etwas zu verhindern, nämlich Tore, sondern selbst etwas zu gestalten. Aber es muss mich packen, ich muss eine Beziehung dazu haben, eine Leidenschaft dafür. Sonst fehlt mir der letzte Enthusiasmus.

Matz ab: Neben der täglichen Trainingsarbeit haben Sie ein Studium begonnen. Wie kam es dazu?
Rost: Vor ein paar Jahren hat der damalige HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer dazu angeregt, sich auch außerhalb des Fußballplatzes weiterzubilden. In Betriebswirtschaftslehre habe ich das Grundstudium abgearbeitet, bis auf Statistik 2, das fehlt mir noch.

Matz ab: Also heißt es für Sie: Erst auf den Platz, dann auf den Campus?
Rost: Die Universität Hamburg hat für mich Einzelunterricht organisiert, weil die Vorlesungen nicht immer mit dem Trainingsplan in Einklang zu bringen sind. Das konnte ich mir bisher in Absprache mit den Dozenten gut einteilen.

Matz ab: Das klingt so, als würden Sie eine Karriere im Management anstreben. HSV-Boss Carl-Edgar Jarchow hat Ihnen angeboten, eine Tätigkeit im Verein zu übernehmen. Wie haben Sie auf dieses Angebot reagiert?
Rost: Ich habe mich darüber gefreut, das werde ich mir sicher offen halten. Aber ich bin lang genug dabei, um zu wissen, wie kurzlebig dieses Geschäft ist. Für mich kommt nicht infrage, direkt im Anschluss an meine Karriere eine Position zu übernehmen. Ich habe gewisse Vorstellungen und bin davon überzeugt, dass es besser ist, erst das nötige Rüstzeug zu erwerben. Da muss ich noch den einen oder anderen Schein machen, um meinen Weg gehen zu können.

Matz ab: Als Spieler endet Ihr Weg, zumindest in Deutschland. Verliert die Bundesliga in Ihnen den letzten „Typen“?
Rost: Es hat sicher ein Wandel stattgefunden. Das liegt in erster Linie daran, dass die Spieler heute ganz anders beraten werden, als es früher der Fall war. Jeder hat seinen eigenen Manager, das ist eine Entwicklung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Deshalb sehe ich keinen Sinn darin, mich überhaupt damit zu beschäftigen.
Matz ab: Wo liegen die Unterschiede?
Rost: Als ich in den Profifußball kam, war es eine andere Zeit. Es gab kein Bosman-Urteil, die Verweildauer eines Spielers bei einem Verein lag im Durchschnitt bei fünf, sechs Jahren. Das hat sich in den fast 20 Jahren, die ich dabei bin, drastisch geändert. Es gibt Kollegen, die haben in ihrer Vita mehr Vereine als Spieljahre. Das ist ein Beleg dafür, dass es keine Beständigkeit mehr gibt. Oder nur in Ausnahmefällen. Was in der Bundesliga zuletzt so alles passiert ist, das ist mir fremd geworden.

Matz ab: Ein Problem des HSV?
Rost: Absolut. Es ging nur um Macht, um persönliche Interessen. Es hat die Stabilität gefehlt, auch in schwierigen Zeiten zusammenzustehen und nicht gleich umzufallen, wenn es einmal nicht so lief. Im Vordergrund stand nicht, etwas Stabiles aufzubauen, sondern kurzfristigen Erfolg zu erlangen. Der Vorstand hat diesen Gedanken vorgelebt, also haben es alle anderen auch gefordert, die Sponsoren, die Fans, die Medien. Ich habe generell beobachtet, dass eine Entfremdung stattfindet. Die Leute in den Führungsgremien sollten daran denken, nicht in erster Linie gegenüber ihren Aktionären, sondern gegenüber den Fans Rechenschaft abzulegen. Schließlich sollen die Vereine ja auch noch in 100 Jahren bestehen. Und das größte Pfund sind immer die Fans.

Matz ab: Aber ohne potente Sponsoren ist Erfolg kaum möglich.
Rost: Klar, der sportliche Erfolg steht an erster Stelle. Aber eine Vereinsspitze sollte dabei nie aus den Augen verlieren, den Fans auch die nötige Identifikation zu bieten…

Matz ab: …die Sie beim HSV unter der Führung des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann vermisst haben?
Rost: Es gefällt mir generell nicht, wenn sich ein Klubchef nach Siegen wie Cäsar feiern lässt und sich in der Sonne dreht, aber abwendet, wenn der Erfolg ausbleibt. Spieler werden sowieso von jedem beurteilt, von jedem infrage gestellt, wenn es nicht läuft. Deshalb benötigen wir die Unterstützung der Führungsgremien, das Vertrauen, auch in schwierigen Phasen. Wenn du ständig das Gefühl hast, gegen Widerstände ankämpfen zu müssen und dir die Frage stellst: „Wollen sie dich hier überhaupt noch?“ Das hat so viel Energie gekostet. Diese Lehre habe ich aus dieser Zeit mitgenommen. Wenn ich später eine verantwortliche Position übernehme, dann mache ich das anders.

Matz ab: Schon im vergangenen Sommer schien Ihr Ende beim HSV besiegelt, als in Jaroslav Drobny ein Torwart verpflichtet wurde, der Sie als Nummer eins ablösen sollte. Sie haben bislang nie über diese Situation gesprochen. Warum nicht?
Rost: Es gab nach Ablauf der vergangenen Saison die so genannten Charaktergespräche mit jedem Profi, die ich bis heute nicht verstehe. Ich habe zehn Minuten dort gesessen und bin gefragt worden, was ich vorhabe. Meine Antwort war, dass ich noch eine gute Saison spielen möchte. Darauf versicherte mir der damalige Vorstand, das genauso zu sehen. Dann wurde Drobny verpflichtet, und ich war ziemlich überrascht, denn dadurch konnte ich ja gar nicht mehr ankündigen, dass es mein letztes Jahr in der Bundesliga sein würde. Dann hätten sie mich sofort auf die Bank gesetzt. Also hieß es für mich, die Klappe zu halten, den Konkurrenzkampf anzunehmen.
Matz ab: Kurz bevor sich der Aufsichtsrat von Hoffmann trennte, sprachen Sie von einer „Misstrauens-Kultur“, die in Hamburg herrsche.
Rost: Es wurden in den vergangenen Jahren so viele Leute verbrannt. Allein die Trainer Bruno Labbadia oder Armin Veh. Dass sie beim HSV als Einzelkämpfer gescheitert sind, lag sicher nicht an ihrer Qualität. Die wurden einfach im Regen stehen gelassen. Letztlich hat jeder nur darauf geschaut, wie er für sich möglichst unbeschadet aus der Sache herauskommt. In allen Bereichen. Das Gefühl hatte ich auch bei uns auf dem Platz. Es ging auch gar nicht anders. Ich hoffe, dass es den Verantwortlichen gelingt, in diesem Verein eine andere Kultur zu schaffen.
Matz ab: Nun hat es beim HSV einen Umbruch gegeben – und Sie hören auf.
Rost: Herr Jarchow hat mir gesagt, dass sie etwas anderes machen wollen. Das finde ich absolut in Ordnung, zumal ich eigene Pläne habe. Jarchow stellt etwas Verbindendes dar. Mit ihm kann man direkt und offen reden, ohne Bedenken haben zu müssen. Seine Führung dürfte also nicht wieder dazu führen, dass der HSV in verschiedene Parteien gespalten wird.
Matz ab: Bis zu Ihrem Karriere-Ende in der Bundesliga stehen noch sechs Spiele an. Was ist für den HSV noch drin?
Rost: Es ist unser Ziel, den fünften Platz und damit die Europa League zu erreichen. Das ist schwierig, aber möglich, denn auch unsere Konkurrenten haben so ihre Schwierigkeiten.

Matz ab: Dafür müssen Sie am Samstag Borussia Dortmund schlagen.
Rost: Ja, davon gehe ich fest aus. Wir sorgen dafür, dass der Kampf um die Meisterschaft noch einmal spannend wird.

Matz ab: Was wünschen Sie dem HSV?
Rost: Ruhe – und den Mut, Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen. Es wird im Fußball so viel aus der Wirtschaft projiziert. Es werden Headhunter engagiert und Kandidaten für einen wichtigen Posten in einem Assessment-Center ermittelt. Ernst Happel war der erfolgreichste Trainer, den es beim HSV jemals gab. Jetzt stellen Sie sich Ernst Happel mal im Assessment-Center vor… Es geht nicht nur um Zahlen, um Fakten. Du brauchst Leute, die Herzblut haben.

Wo er recht hat, hat er recht…

In diesem Sinne, auf den Sieg gegen Dortmund,

Scholle

23 Uhr

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