Tagesarchiv für den 6. April 2011

Auf dem richtigen Weg – Drobny lobt Rost

6. April 2011

Okay, okay. Einigen von Euch wird es langsam unheimlich. Immer diese gute Stimmung in der Mannschaft…! Was soll das auch?? Und ja, wenn ich es so recht überdenke, eigentlich kann das ja auch gar nicht sein, nachdem wir uns schon ein Jahr lang – oder waren es inzwischen doch eher zweieinhalb Jahre? – mit ewigen Baustellen, drohenden Zerwürfnissen, Unehrlichkeiten in den Führungsgremien und demotivierten Spielern herumschlagen. So intensiv, dass selbst vermeintlich erfolgreiche Phasen eher wie Krisen herüberkamen.

Und jetzt soll alles gut sein?

Nein, ganz sicher nicht. Im Gegenteil, auch wenn es sich in den Führungsgremien sicherlich beruhigt hat, stecken mehr potenzielle Baustellen denn je allein im Kader. Es werden noch etliche Spieler gehen müssen, ebenso werden einige neue verpflichtet werden müssen. Allein dieses Szenario wird uns – auch in diesem Blog – in den nächsten Wochen noch mit zahlreichen Spekulationen „beglücken“. Allerdings, und das ist der große, entscheidende Vorteil gegenüber den letzten Monaten (und Jahren), jetzt halten die Spieler zusammen. Zumindest halten sie sich öffentlich weitgehend zurück. Selbst Vorstöße wie der von Frank Rost nach dem Hoffenheim-Spiel können durchaus als Schutz für die Mannschaft gesehen werden. Denn, wenn ich Rost richtig verstanden habe, wollte er sich damit nur schützend vor die Mannschaft stellen, die momentan einen richtig guten Teamgeist entwickelt hat. Motto: Alles, was nicht mit den letzten sieben Spielen zu tun hat ausblenden und selbst endlich die Hauptverantwortung übernehmen. Denn, wie traf Michael Oenning doch gerade den Nagel mächtig genau auf den Kopf? „Wir sind alle Profifußballer und haben jetzt alle Chancen der Welt, uns das Arbeitsumfeld so schön wie nur irgend möglich zu gestalten.“ Recht hat der Mann! Und das gelingt am besten, indem Siege eingefahren werden und intern nichts anderes mehr zählt, als der kollektive Erfolg. Dann kann auch im Training wieder herumgealbert werden.

Die Situation ist tatsächlich mal günstig. Michael Oenning hatte einen guten Einstand und wird in der Mannschaft von wichtigen Spielern wie Rost, Westermann und Zé Roberto öffentlich protegiert. Selbst eigentlich unzufriedene Spieler wie David Jarolim, die zuletzt nicht zum Einsatz kamen, oder eben die, die zum Saisonende gehen (Trochowski, Choupo-Moting, van Nistelrooy…), geben weiter Vollgas im Training. Niemand meckert, jeder hält sich an das intern getroffene Abkommen, Internes auch intern zu behandeln und den Erfolg auf dem Endspurt dieser Saison nicht mehr zu gefährden.

Ein sehr gutes Beispiel dafür ist Jaroslav Drobny. Der ruhige Tscheche gilt noch als der große Profiteur von Rosts Ende beim HSV. Er sagt zwar, dass er sich ganz sicher nicht noch ein Jahr auf die Bank setzen will und wird. Doch obwohl sich in dem Keeper eine Menge Frust über die lange Saison auf der Bank angestaut hat, bleibt er auch jetzt ruhig. Er fordert nichts ein, er wird nicht laut, im Gegenteil: Er lobt seinen Kontrahenten. „Es war im vergangenen Sommer keine einfache Situation für mich, aber ich habe sie angenommen. Der Trainer hatte uns auf Augenhöhe gesehen, aber Frank war der Platzhirsch. Daher hat er gespielt.“ Drobny, der nach seinem Daumenbruch in zwei oder drei Wochen wieder einsatzbereit sein soll, macht sich sogar für Rost stark: Ich habe Frank jetzt ein Jahr kennengelernt, und jeder kann sicher sein, dass er bis zum Schluss alles geben wird. Er hat einen guten Abschied verdient.“

Worte, die ich als sinnbildlich für die aktuelle Stimmung nehmen möchte. „Möchte“, weil es mich nach einer für alle Seiten (auch für Dieter und mich) sehr aufreibenden Saison tatsächlich noch auf ein versöhnliches Saisonende mit der Europa League hoffen lässt.

Zumal auch die Vereinsführung ihren Teil erledigt. In dieser Woche stehen wichtige Gespräche mit Führungsspielern an, die gehalten werden sollen. Am Freitag folgen dem Vernehmen nach erste Treffen zwischen Interimsboss Carl Edgar Jarchow und Mladen Petric sowie Zé Roberto. Und während beide Spieler vor wenigen Wochen intern noch als gesicherte Abgänge – weil sie es so wollten – galten, ist es zumindest aktuell wieder offen, ob sie beim HSV verlängern. Zé: „Hier ist sehr viel Gutes passiert. Alle haben wieder Spaß. Auch ich.“

Weil alles wieder gut ist?

Nein, das mit Sicherheit (noch) nicht. Aber zumindest wird der richtige Weg eingeschlagen. Jeder besinnt sich auf seine Kernkompetenz und bringt diese maximal ein. Führungsspieler kriegen zu hören, wie wichtig sie sind und wie man mit ihnen plant. Gleiches passiert bei Spielern, die nicht bleiben sollen. Denen wird dies ehrlich und geradeheraus eröffnet. Ergebnis: alle wissen langsam, woran sie sind. Das gibt Sicherheit. So oder so.

Sportlich ist dieser Zustand längst erreicht. Die Mannschaft weiß, dass sie sich keine Aussetzer mehr erlauben kann. Michael Oenning, und das meine ich absolut nicht despektierlich, hat eigentlich ein leichtes Spiel, da ein Saisonendspurt keiner großen Worte bedarf. Die Tabelle gibt die Richtlinien vor. Und der so gern zitierte Satz „die Saison ist ja noch lang“ kann nicht mehr über wichtige Niederlagen hinwegtäuschen. Es gibt am Ende eines jeden Spieltages nur noch ein „richtig“ oder „falsch“.

Und wer jetzt Oenning ob der für ihn weiter unklaren Zukunft bedauert, dem sei gesagt, er selbst sieht das sicher nicht so. Auch Oenning weiß inzwischen, dass er vom hiesigen Vorstand das Vertrauen bekommt. Er weiß dabei auch, dass der designierte Sportchef Frank Arnesen andere Kandidaten auf dem Zettel hat. Immerhin studiert der Arnesen-Wunschtrainer Stale Solbakken seit mehreren Monaten fleißig Deutsch. Allerdings wird auch Arnesen nur sehr schwer um Oenning herumkommen, wenn dieser viel gewinnt und den HSV viellicht sogar noch in die Europa League führt. Diese jetzt aufkommenden Spielchen mit großen Fürsprachen wichtiger Spieler oder einem Neuzugang wie Nürnbergs Toptalent Gündogan, der angeblich nur kommen will, wenn Oenning bleibt, sind dabei ebenso überflüssig wie gering zu bewerten. Sie werden am Ende keinen Einfluss auf Arnesens Entscheidung haben.

Nein, am Ende entscheiden wie eigentlich immer im Profifußball das Geld, noch mal das Geld, die Kohle, das gebotene Monatsgehalt und zu unterschiedlich großen Anteilen auch die jeweilige sportliche Perspektive. Und während das Erstgenannte im Sommer beim HSV nach Aussage Jarchows zimelich knapp sein wird – auch deshalb hatte der Aufsichtsrat eine dauerhafte Lösung mit Oenning und Jarchow oder zumindest einem von beiden auf der jeweiligen Position nie ausschließen wollen – dürfte der HSV weiterhin sportlich als gute Adresse gelten. Zumal, wenn die Europa League erreicht werden sollte. Und da befinden wir uns auf einem guten Weg. Endlich.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend, eine weiter so erquickende Nachtschicht und bis morgen! Dann wieder mit Dieter!

Scholle

P.S.: Im Abspann noch komprimierte, letzte Fakten rund ums Team:

- Änis Ben-Hatira, der von der tunesischen Nationalmannschaft weiter umworben wird, will seinen Vertrag in Hamburg verlängern. Dem deutschen U-21-Europameister mit doppelter Staatsbürgerschaft liegt ein unterschriftsreifer und bis 2014 datierter Vertrag vor. „Der Termin mit Bastian Reinhardt soll jetzt bald stattfinden“, so Ben-Hatira, „und ich kann mir sehr gut vorstellen, länger hier zu bleiben. Der HSV ist ein Top-Verein, wo ich noch viel erreichen kann.“

- So schlecht das Wetter auch sein mag, die Mannschaft interessiert es nicht. Im Training heute, das gedrittelt in Konditionsarbeit, lockerem Kreisspiel und einem temporeichen Abschlussspiel war, war wieder Feuer drin. Dabei spielten Heiko Westermann in der Innenverteidigung, Jarolim für ihn auf der Sechs und van Nistelrooy wieder neben Mladen Petric in der Startelf, die ansonsten mit der aus Hoffenheim übereinstimmte. Im B-Team wussten dabei Jonathan Pitroipa und der sehr spielfreudig und passsicher wirkende Piotr Trochowski zu gefallen. Insbesondere Letztgenannter scheint nach der Bekanntgabe seines Wechsels zum FC Sevilla befreit aufzuspielen.

- Joris Mathijsen pausierte auch heute noch. Wann der Niederländer, der ob seiner Knöchelbeschwerden heute nur im Kraftraum arbeitete, wieder einsteigen kann, ist weiter offen. Sein Einsatz am Sonnabend gegen den designierten Meister aus Dortmund ist mehr als fraglich.

- Dagegen war Romeo Castelen heute wieder auf dem Trainingsplatz am Ball. Zusammen mit Lennard Sowah und Fitnesstrainer Markus Günther absolvierte der Rechtsaußen eine separate Einheit auf dem Nebenplatz. „Ich fühle mich ganz gut“, so der Niederländer, der in drei bis vier Wochen wieder ins Mannschaftstraining einsteigen will. „Vielleicht reicht es ja noch zu einem Einsatz in dieser Saison.“