Tagesarchiv für den 5. April 2011

Troche geht – bleibt Zé Roberto doch?

5. April 2011

Plötzlich musste David Jarolim singen. Inmitten all seiner Mannschaftskollegen musste sich der Verlierer des Elfmeterschießens der auferlegten Strafe widmen, die er sich für gerade zwei verwandelte Elfer im Stechen gegen Paolo Guerrero wohl auch redlich verdient hatte. „Ich habe einen tschechischen Country-Song gesungen“, so Jarolim anschließend, „aber die haben mich gar nicht bis zum Ende singen lassen.“ Zu laut war das Gelächter, als sich Jarolim mit seiner „Nicht-Recall-tauglichen“ Stimme im Zirkel der 21 Kameraden an einem bislang nicht identifizierten Song versuchte.

Womit eine Auffälligkeit beschrieben wäre. Vielleicht sogar DIE Auffälligkeit der letzten Tage: die Stimmung innerhalb der Mannschaft. Selbst der ansonsten eisern und stets auf Sieg orientierte Frank Rost wirkte gelöst. Vielleicht ja auch, weil endlich eine Entscheidung gefallen ist? „Ich bin mir sicher, dass ihm das gut tut. Frank wollte eine Entscheidung und wusste, dass jede Reise einmal zu Ende geht. Er hat mir auch signalisiert, dass er gewillt ist, hier einen guten Abgang zu finden“, lobte Oenning seinen Schlussmann, der bis Saisonende als Nummer eins spielen soll, sofern er gesund bleibt. Oenning: „Davon gehe ich aus.“

Wie gut es Rost tat, endlich die Entscheidung gefunden zu haben, sah man im Training. Rost scherzte beim Elferschießen, er verwandelte sogar einen Penalty selbst gegen Tom Mikkel und feierte sich demonstrativ für gehaltene Strafstöße. Jeder Fehlschütze musste sich dagegen erst seine, dann die Häme der anderen Kollegen gefallen lassen. Immer mittendrin: Frank Rost. Und natürlich David Jarolim. Der allerdings aus einem anderen Grund, wie oben beschrieben…

Egal wie, Michael Oenning ist bemüht, die Stimmung im Team zu fördern. Und das mit Erfolg. „Wir haben heute morgen klar besprochen, wie man sich am Sonnabend um 15.30 Uhr auf großer Bühne präsentiert. Und deshalb erwarte ich jetzt die Reaktion, wie sich die Mannschaft auf diesen Feiertag vorbereitet. Die gute Stimmung kommt von den Spielern, sie bringen viel ein. Wie lange das hält, weiß man nie.“ Dass es ein typisches Phänomen des späten Trainerwechsels sei und so nicht für eine Saison von beginn an zu halten sei wollte Oenning nicht dementieren – aber auch nicht bestätigen. „Jeder hat selbst die Chance, sich den Profialltag zu gestalten. Immerhin sehen wir uns untereinander häufiger und mehr als unsere eigenen Familien. Wir müssen stetig daran arbeiten…“

Wie lange er als Cheftrainer ein wesentlicher Teil dieses Szenarios bleibt, kann Michael Oenning derzeit (noch) nicht beantworten. Zwar hat er morgen einen Termin bei Frank Arnesen in London (ein Abstecher, weil er für Sky das Champions-League-Spiel Chelsea gegen ManU als Einflüsterer des Moderator Kai Dittmann live vor Ort verfolgt), allerdings wird es noch keine Entscheidung geben. „Wir haben einen ständigen, regen Kontakt und es geht immer um Fußball“, umgeht Oenning geschickt eine Wertung des Zusammenarbeitens mit dem designierten HSV-Sportchef. Die Komplimente von Reinhardt und Jarchow würden ihn zudem nicht abheben lassen. Im Gegenteil, im Gegensatz zu dem einen oder anderen Spieler hängt Oenning noch komplett in der Luft: „Sicherlich tut sowas gut, aber ich stelle es nicht in den Vordergrund. Ich weiß auch nicht, ob wir gegen Dortmund gewinnen oder sie gar aus dem Stadion schießen müssen – aber ich weiß, dass es nichts bringt, hier ständig Wasserstandsmeldungen abzugeben. Und ich weiß, dass es mir gefällt, wie sich die Mannschaft verhält.“

Deshalb gibt sich Oenning auch betont optimistisch vor dem Top-Spiel gegen den designierten Deutschen Meister Borussia Dortmund. „Das ist ein Feiertag für uns. Und gerade zuhause dürfen wir uns alles zutrauen.“ Zumal die Mannschaft bereits die gesamte Leistungspalette im eigenen Stadion abgerufen habe, wie Oenning mit einem Schmunzeln hinzufügt. „Auf jeden Fall wollen wir uns mit Dortmund messen. Und vom Potenzial her können wir das auch.“

Klingt gut. Oder?

Das dürften hier auch einige zu der Nachricht des gestrigen Tages sagen: Piotr Trochowskis Wechsel zum FC Sevilla. Für vier Jahre unterschrieb „Troche“ bei den Spaniern. Allerdings nicht, wie fälschlich von verschiedenen Medien berichtet wird, weil er gehen wollte. Vielmehr hatte der HSV seinem Mittelfeldspieler mitgeteilt, seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern und dass er sich aktiv nach einem neuen Verein umsehen soll. Und dabei ist Piotr Trochowski schnell fündig geworden. Gestern teilte sein Berater Roman Grill mit, dass der in Billstedt aufgewachsene Deutsch-Pole ab der kommenden Spielzeit für vier Jahre zum FC Sevilla wechselt.

Nun weiß ich ja aus Dieters Blogs, wie sehr er ihn mag und wie wenig ein Großteil hier Begeisterung für den jungen Billstedter aufbringen kann. Ich persönlich halte Troche für einen Spieler, der alles können könnte, es aber zweifellos zu selten in Hamburg gezeigt hat. Nun kann man darüber streiten, warum das so ist. Und während Trochowskis Berater dem HSV fast die alleinige Schuld zuschiebt, muss sich auch Trochowski selbst hinterfragen, wie viele seiner 180 Bundesligaspiele wirklich so gut waren, wie man es von ihm erwarten können muss.

Und während Rost und Trochowski den Verein verlassen, sollen Zé Roberto und Mladen Petric unbedingt gehalten werden. Bereits morgen treffen sich Interimsboss Jarchow und Petric, während Zé Roberto am Donnerstag oder Freitag zum Interimsboss bestellt wurde. „Ich freue mich über das Signal des Vereins“, „floskelt“ Petric munter drauf los: „Aber die Priorität haben die nächsten Spiele in der Bundesliga.“ Etwas deutlicher wird dagegen Oenning: „Mladen ist eine Torfabrik. Seine Quote ist weit über dem Schnitt und er ist sehr anerkannt. Wir haben ihm und Zé klar signalisiert, dass wir sie halten wollen. Es sind beides Säulen in unserer Planung.“

Auch Zé Roberto, dessen Abgang vor wenigen Wochen so gut wie besiegelt schien. Von seiner Seite. „Ich habe schon relativ früh gesagt, wie ich es sehe. Zé lebt den Fußball total. Da gibt es überhaupt keinen Spannungsverlust. Unser Vertrauensbeweis ist da – jetzt ist er am Zug.“ Worte, die Zé Roberto gefallen und die ihn zu einem Umdenken bewegen könnten. Zumindest deutet der 36-Jährige derartiges an: „Die Stimmung ist jetzt besser, die Mentalität in der Mannschaft hat sich verändert und Michael Oenning macht einen sehr guten Job. Wir haben mehr Spaß, auch ich. Ich habe auch bislang noch mit keinem verein gesprochen und freue mich auf das Gespräch mit dem HSV.“ Ob er noch ein Jahr bleiben will? „Ich muss das abwarten. Aber ich kann es mir vorstellen. Warum auch nicht?“

Klingt gut. Auch gut. Zumindest besser als zuletzt. Wie irgendwie fast alles im Moment. Und deshalb müsste ich hier heute eigentlich mit diesem Blog aufhören. Denn besser wird es nicht.

Dennoch, der Vollständigkeit halber noch ein paar kleine Fakten rund um den HSV von heute:

- Joris Mathijsen trainierte nicht mit, pausierte ob seiner Knöchelverletzung. Wann er wieder einsteigen wird, hängt allein an ihm. „Er muss entscheiden, wann der Schmer es zulässt. Und wir würden dann entscheiden, wie es mit ihm für das Wochenende aussieht.“ Bislang deutet alles darauf hin, dass Mathijsen durch Heiko Westermann ersetzt wird.

- Heung Min Son wird nach seinem durchwachsenen Spiel gegen Hoffenheim von beginn an gegen Dortmund am Sonnabend wieder auf der Bank sitzen. „Er war sehr bemüht in Hoffenheim“, lobt Oening und kritisiert: „aber es hat längst nicht alles geklappt. Mir ist wichtig das junge Talente genug spielen – und das hat er. Und dabei hat er gesehen, wo er noch Schwierigkeiten hat.“ Für den jungen Südkoreaner soll am Sonnabend aller Voraussicht nach der nach seiner Gelbsperre wieder spielberechtigte Ruud van Nistelrooy neben Mladen Petric beginnen. „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass er beginnt“, verrät Oenning, womit alle rechnen.

In diesem Sinne,

LG,

Euer Scholle

17.25 Uhr