Tagesarchiv für den 3. April 2011

Westermann entwaffnend ehrlich

3. April 2011

Unter dem Thema „Bundesliga-Sprüche“ hat der Sport-Informations-Dienst (SID) auch einen Hamburger Spruch verewigt. Da hat HSV-Trainer Michael Oenning nach dem Spiel gesagt: „Wir haben bei vier Grad trainiert und hier hatte es 28 Grad.“ Das war nach dem spannenden 0:0 in Sinsheim gegen 1899 Hoffenheim. Noch hat es der HSV ja in der Hand, nach Europa zu kommen, zum Beispiel würde es wohl gelingen, wenn nun die restlichen sechs Spiele alle gewonnen werden. Aber, das frage ich mich seit Sonnabend um 20.20 Uhr: Was will der HSV in Europa? Man stelle sich mal vor: Februar/März 2012, der HSV trainiert bei Schnee und Eis nd arktischen Temperaturen im Volkspark – und muss am Donnerstag bei Panathinaikos Athen antreten. In Griechenland herrschen schon Frühlingstemperaturen, da „habens“ 22 Grad – und mehr. Das würde ja ein absolutes Fiasko werden. Deswegen ist es schon besser, wenn der HSV doch freiwillig einsieht, dass es allein vom Wetter her schon nicht mit Europa passt. Von der Mannschaft natürlich ganz zu schweigen . . .

Zu diesem Thema habe ich auch privat eine große Zahl von „Protest“-Briefen erhalten. Einen, der aus Lengede kam (es war der erste dieser Art heute), will ich an dieser Stelle gerne mal veröffentlichen. Natürlich ohne den Absender zu nennen. Wenn der Absender es denn wollte, könnte er sich ja bei „Matz ab“ selbst outen. Ich will mit der Veröffentlichung nur einmal erreichen, dass es so in der Mehrzahl um den HSV-Beistand der Fans bestellt ist. Fast alle sorgen sich – sehr sogar.

Los geht es – mit der Mail:

„Guten Morgen Herr Matz,

ich wollte mich mal wieder melden. Nach dem gestrigen Spiel konnte ich nicht gut schlafen.
Mein Urteil zu David Jarolim muss ich revidieren. Er ist im Mittelfeld zehnmal besser als Westermann. Die Leistung des HSV gestern war mal wieder grottenschlecht. Heiko Westermann, der technisch nicht mal Zweitklassenformat hat, ist im Mittelfeld mit seinen permanenten Fehlpässen eine absolute Fehlbesetzung. Nur in der Innenverteidigung ist Westermann einigermaßen zu gebrauchen.

Spielt der HSV am nächsten Sonnabend so gegen Dortmund, gibt es ein Debakel. Die Aussage von Michael Oenning („Ich bin zufrieden, dass wir hier einen Punkt geholt haben”) ist eine Katastrophe. Damit disqualifiziert er sich selbst. Alle namhaften Trainer Rangnick, Laudrup, Solbakken, Dutt, Magath und Daum sind bereits weg oder haben abgesagt. Scheinbar hat keiner Lust, sich diesen HSV anzutun.
Mit einem Spieleretat von 48 Millionen hat der HSV den drittteuersten Kader der Liga! Zum Vergleich: Dortmund 34 Mio., Hannover 25 Mio., Kaiserslautern 14 Millionen. Aufwand und Ertrag stimmen beim HSV absolut nicht.

Frank Arnesen muss den Kader radikal, ich betone radikal, umbauen und einen gestandenen Trainer, meinetwegen noch einmal Martin Jol, holen. Michael Oenning zu behalten geht seit gestern auf keinen Fall. Die Frage, was wäre wenn im Sommer 2008 Klopp gekommen wäre, stelle ich mir immer wieder aufs Neue. Beiersdorfer dieser Trxxxxx hat dies damals allein verhindert. Dortmund erntet jetzt die Früchte und wird Deutscher Meister. Der HSV dagegen wartet seit 1987 auf einen Erfolg. Langsam aber sicher kann ich beim HSV an nichts Gutes mehr glauben.“

So, das war die Mail. Und von dieser Art gibt es viele. Vielleicht liest ja ein HSV-Verantwortlicher hier mit – und sorgt sich auch. Ein wenig.

Nach der Nullnummer in Sinsheim wurde – fast möchte ich sagen natürlich – wieder einmal Frank Rost vom Sender Sky interviewt. Die ersten Sätze des Keepers waren passend zum Spiel: „Wir hatten 60 Minuten lang keine zwingende Chancen. Zum Schluss wurde es versucht, aber es war ein durchschnittlicher Kick. Der Unterschied von vier Grad in Hamburg und hier 25 Grad in Sinsheim war gewöhnungsbedürftig.“ Stimmt alles. Dann aber beschäftigte sich Frank Rost wieder einmal mit der Gesamtsituation. Im HSV. Er sagte: „Viele Spieler machen sich Gedanken wie es weitergeht. Es ist nicht leicht, das zu verarbeiten, was hier zuletzt passiert ist. Außer Michael spricht ja niemand mit uns.“ Geeint war Trainer Michael Oenning. Und der weiß es ja auch nicht, wie es mit ihm weitergehen wird. Rost fügte dann noch lachend (gequält lachend) hinzu: „Man muss es mit Humor nehmen, wenn man in Hamburg spielt . . .“

So ist es wohl. Aber neue Freunde dürfte sich der Torwart mit diesen, seinen Ausführungen nicht gemacht haben. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Frank Rost, dessen Abschied zum Saisonende (wohl) beschlossene Sache ist, nicht mehr alle sechs noch verbleibenden Saisonspiele für den HSV absolvieren wird. Ob sich der Klub (oder der Trainer) einen Torwartwechsel schon zum nächsten Spiel, es geht nur gegen den neuen Meister Borussia Dortmund, erlauben kann oder will, ist noch offen, aber es liegt etwas in der Luft. Sagt mir mein Bauch. Weil mit Rost offenbar noch nicht gesprochen worden ist (mit einer Stütze wie ihm!), wie es denn nach dem Saisonende weitergehen könnte. Und weil es da zudem wohl auch die noch immer im Raum schwebende „Sache Aogo“ gibt, die für Frank Rost noch nicht so aus der Welt ist, wie er es denn gerne hätte. Dennis Aogo, das zur Erinnerung, hatte – als er bei der Nationalmannschaft weilte – Frank Rost via Abendblatt für dessen verbale Ausraster nach dem 0:6 gegen die Bayern kritisiert. Das tat dem Keeper offenbar mehr weh, als es sich die Klub-Führung und die Mannschaftskollegen vorstellen können. Mal abwarten, was sich daraus noch ergeben wird. Das sieht mir doch alles nach einem Schwelbrand aus, der nicht zu unterschätzen ist. Passend dazu soll es aber in dieser Woche doch noch das eine oder andere klärende Gespräch zwischen Verein und Spieler geben. Es wird Zeit, ganz klar, aber nun soll es offenbar angepackt werden. Und nicht nur mit einigen Spielern, sondern wohl mit fast allen. Zu begrüßen wäre es natürlich.

Gespannt bin ich darüber hinaus, wie es mit dem Kapitän weitergehen wird. Nicht in Vertragsangelegenheiten, sondern von der Position her. Heiko Westermann, die „dynamische Sechs“, bekam in Sinsheim so gut wie keinen Ball an den eigenen Mann. So geht es eigentlich nicht, so darf es eigentlich auch nicht weitergehen – Michael Oenning ist gefragt. Das heißt, er wurde schon vor dem Spiel gegen Hoffenheim danach befragt, da zögerte er noch ein wenig, sagte aber dann, dass er noch keine Veranlassung hätte, einen Positionstausch zwischen Gojko Kacar und Westermann vorzunehmen. Aber wohl jetzt. Wobei es mir auch um Kacar leid täte, denn nach dessen etwas schlechterer Vorstellung gegen Köln bot er nun ins Sinsheim wieder eine starke Vorstellung, auch wenn der Serbe in Sachen Ab- oder Aufbauspiel gelegentlich Westermannsche Züge erkennen ließ. Was Kacar aber hinten abräumte und ablief, das war schon erste Sahne. So bliebe Oenning nur, Kacar entweder in der Innenverteidigung zu lassen, oder auf die Sechs zu stellen.

Da aber könnte ich mir doch besser David Jarolim vorstellen. Das müssen doch auch die „Gegner“ des Tschechen zugeben, dass es mit dem in der 50. Minute eingewechselten „Jaro“ deutlich besser lief im Mittelfeld. Er eroberte die Bälle, er brachte sie anschließend auch an den eigenen Mann, und er HIELT auch mal den einen oder anderen Ball, was hilfreich und durchaus klug war.

Was für Heiko Westermann, wieder einmal, spricht, das ist die Tatsache dass er nach dem Spiel schonungslos Kritik äußerte. Auch an sich. Nicht nur, aber auch: „Wir haben das in der ersten Halbzeit wirklich schlecht gemacht. Die Abstände waren viel zu groß, die Löcher, die dadurch entstanden, konnten wir nicht schließen. Wir hatten es uns anders vorgenommen, deshalb kann ich mir nicht erklären, warum es erst nach der Pause besser klappte.“ Über sich befand der HSV-Kapitän, der unter Heuschnupfen leidet: „Ich war nach 20 Minuten total platt, ich musste viele Sprints über 30 und 40 Meter machen, um Löcher zu stopfen – das schaffe ich nicht allein. Deshalb aber war ich nicht ausgeruht, um den Ball im Aufbau besser kontrollieren zu können.“ Dann sagte Westermann noch etwas ganz Entscheidendes: „Ich muss mir ehrlich eingestehen, dass ich damit überfordert war.“

Dass es später, mit David Jarolim, danach auch noch mit Marcell Jansen, besser lief (wenn auch immer noch nicht gut oder sehr gut), das war unmittelbar nach dem Schlusspfiff noch auf dem Rasen ein Thema unter einigen HSV-Spielern. Westermann: „Wir waren uns darüber alle einig, dass wir enger zusammenstehen müssen, dann läuft es für alle Beteiligten sicher auch leichter und besser.“

Herr Oenning, übernehmen Sie!

Wobei ich die Hoffnung habe, dass der Trainer dabei eine etwas glücklichere Hand entwickelt, als vor und zu diesem Kick gegen Hoffenheim. Die Kollegen mögen mich korrigieren, aber wir haben im Training schon seit einigen Tagen, beinahe Wochen, festgestellt, dass Heung Min Son in ein kleines (körperliches) Tief gefallen ist. Er bot sich, das möchte ich damit sagen, für einen Posten in der Startformation absolut nicht an. Ganz klar und ganz deutlich nicht! Und trotzdem entschied sich Oenning dafür. Überraschend. Völlig überraschend sogar. Und auch wenn man es hinterher immer leicht sagen kann: das war ein Fehler des Trainers.
Passend und parallel dazu die Suspendierung von Paolo Guerrero. Aus verschiedenen Gründen. Es soll ja nicht nur an „Paolos“ Abwanderungs-Interview liegen. Aber vielleicht kam gerade das dem Klub sehr entgegen, denn ein Verkauf des Peruaners könnte ja auch Geld in die Kasse bringen – und zudem würde sich der Verein von einem Mann trennen, der doch schon immer stark polarisiert. Aber, dieses Gefühl beschleicht mich gerade, als ich das alles schreibe: Oenning ist nicht der Typ, der auf einen Spieler verzichtet, weil es die Klub-Verantwortlichen eventuell aus strategischen Gründen gerne hätten. Das hat Michael Oenning nämlich schon im Fall Frank Rost (nach dem München-Spiel) nicht getan.

Es bleibt spannend.

16.36 Uhr