Monatsarchiv für März 2011

Oenning trifft Arnesen – die Kaderplanung läuft

23. März 2011

Wenn sich Michael Oenning diese Zeilen durchliest, wird er es zum einen aus informellen Gründen machen. Zum anderen wird er die Zeilen auch auf Stilistik untersuchen. Denn, das steht schon mal fest, rhetorisch besser als der studierte Sport- und Deutschlehrer war in Hamburg noch kein Trainer vor ihm. Allerdings kann Michael Oenning auch anders. Und beweist der HSV-Trainer seit Wochen und Monaten im Training. „Manchmal muss man es auch einfach und kurz halten“, weiß der Nachfolger des vor zehn Tagen geschassten Armin Veh. „Den einen oder anderen Spieler würde man mit zu weiten Ausführungen nur langweilen.“ Und somit seine Konzentration verlieren.

Dennoch, und das war für mich die Quintessenz der heutigen Runde mit dem neuen Trainer, Michael Oenning ist Herr der Lage. Keinerlei Autoritätsprobleme, kaum Umgewöhnung. Und selbst seine persönliche, noch ungeklärte Zukunft beim HSV scheint den smarten Münsterländer nicht zu beunruhigen. „Mir ist bewusst, wo ich Trainer bin“, betont Oenning die ihm bewusste Verantwortung beim HSV, „mir bleibt nur, so erfolgreich wie möglich zu arbeiten.“ Dass er selbst am Sonntag in Zürich zum Beobachten neuer Spieler unterwegs war, ohne zu wissen, ob er überhaupt über diese Saison hinaus als Cheftrainer arbeiten soll – kein Thema. „Es wäre fahrlässig von mir, jetzt nicht so zu arbeiten, wie ich es auch sonst machen würde. Und ganz ehrlich – unsere Kaderplanung hat schon länger begonnen.“

Oenning arbeitet, als würde er Cheftrainer bleiben. Was auch sonst? Allein das heutige Gespräch mit dem künftigen Sportchef Frank Arnesen könnte daran etwas ändern. Zum Positiven, sollte ihm der dänische Bald-Vorstand eine Dauerbeschäftigung in Aussicht stellen oder sogar versprechen können. Kontraproduktiv wäre indes, wenn Arnesen sich nicht klar äußert und Oenning in eine Unklarheit entlässt, die ihn trotz des überdurchschnittlichen Intellekts unter unnötigen Druck setzt. Allerdings, und so schätze ich Arnesen nach unserem ersten Treffen vor drei Wochen (das müssen die Kollegen eines wöchentlich erscheinenden Sportmagazins irgendwie übersehen habe – ansonsten hätten sie nicht „exklusiv das erste Interview mit Frank Arnesen“ geschrieben…) einfach ein, wird sich der Däne klar äußern. „Ich bin ein Entscheider. Ich stehe für Klarheit“, hatte Arnesen damals angekündigt. Und es gibt absolut keinen Grund, das nicht zu glauben.

Im Gegenteil, es macht Hoffnung. Der Däne scheint sich beim FC Chelsea loseisen zu können. Und auch wenn er offiziell noch keine Entscheidungen für den HSV trifft, sieht das praktisch ganz anders aus. Jeden Tag telefonieren Noch-Sportchef Bastian Reinhardt und Arnesen. Selbst Oenning hatte bereits erste Gespräche via Telefon mit dem Mann, auf den die HSV-Fans hoffen. Heute Abend steht nun auch das erste persönliche Treffen zwischen Oenning als Trainer und Arnesen als Sportchef an.

Dabei geht es in erster Linie um die Kaderplanung. Soll heißen, nachdem Reinhardt bereits den gesamten Kader inklusive der vertraglichen Situationen vorgestellt und eingeschätzt hatte, will Arnesen heute von Oenning dessen Einschätzung und dessen Konzept für die neue Saison hören. „Wir treffen uns abends im Hotel“, so Oenning vor seinem „Bewerbungsgespräch“ betont ruhig, „und alles ist offen. Es ist für mich auch kein Bewerbungsgespräch, da wir beide – er wie ich – im Job sind.“ Dennoch, das weiß insbesondere Schlaukopf Oenning, er hat heute Abend eine kleine Restchance, den Dänen, der schon seit Wochen auf der Suche nach einem neuen, starken Trainer ist, doch noch von sich zu überzeugen. Und dafür sind ein gutes Gespräch samt möglichst vieler inhaltlicher Übereinstimmungen zwischen den beiden ganz sicher förderlich.

Auf die Frage, ob Oenning sich auch vorstellen könnte, in der neuen Saison wieder als Assistent zu fungieren, wollte er nicht antworten. Oder besser: er hatte keine Antwort. „Das ist im Moment kein Gedanke. Diese Kapazitäten habe ich gar nicht.“ Schließlich ist er ja wieder Cheftrainer – nicht mehr nur Beobachter der Entscheidungen. „Ich bin jetzt deutlich angespannter – im positiven Sinne“, sagt Oenning und stellt den Hauptunterschied zwischen seiner Assistentenzeit bei Veh und heute heraus: „Als Assistent hast du mehr Zeit, zu beobachten, wie und warum Entscheidungen getroffen werden. Da stecken etliche Erfahrungen drin, die im Fußball elementar sind. Jetzt muss ich mich gedanklich um viel mehr kümmern. Ich stehe ständig vor wichtigen Entscheidungen.“ Eine Situation, die er aus Nürnberg kennt, wo er zwischen September 2009 und Dezember 2010 53 (17 Erst-, zwei Relegations- und 34 Zweitligaspiele) als Cheftrainer absolvierte. Ob er einen Unterschied ausmacht zwischen den Franken und dem „großen HSV“? „Hamburg ist als Ganzes einfach größer und umfangreicher. Aber der Verein allein, zu dem ich schon seit meiner Kindheit eine innige emotionale Beziehung pflege, motiviert mich über alle Maße. Auch wenn hier jeder, auch ich natürlich, unter deutlich mehr Beobachtung steht als beim FCN.“ Ob er sich verändert hätte durch seine Zeit beim HSV? „Das zu beantworten ist noch nicht möglich, dafür ist es noch zu früh. Aber ich habe eine sehr gute Zusammenarbeit mit Armin Veh gehabt, in der ich vieles aufgeschnappt habe. Ich verstehe den Trainerjob als Lehr- und Lernberuf. Und als Assistent habe ich gesehen, wie man vieles löst.“

Eine Lösung hätte Oenning dann auch gleich mal, was die neue Saison betrifft. „Ginge es nach mir, würde Zé Roberto auch nächste Saison noch bei uns spielen. Was der am Samstag gezeigt hat, war schon große Klasse. Das zeigt, dass er wirklich noch lange in der Lage ist, länger zu spielen.“ Zuletzt hatte Oenning einen schönen Begriff erfunden, wie ich finde: „Zé Roberto ist altersfrei“, so der Trainer vor der Köln-Partie. Und ja, ich stimme dem zu 100 Prozent zu.

Wie Ihr ja wisst, halte ich den Brasilianer für DIE Spielerpersönlichkeit im Offensiv- und vor allem Kreativbereich beim HSV. Ist Zé gut drauf, spielt der HSV gut. Ist der Linksfuß mal weniger gut, hakt es beim HSV. Schon deshalb war ich hocherfreut, als Oenning Zé aus dem defensiven Mittelfeldbereich in den offensiveren Bereich umstellte. Eine taktische Umstellung, die sich in Form eines offensiv einwandfreien Auftrittes gegen Köln auszahlte. Dass es parallel defensiv arge Probleme gab, würde ich dagegen eher den formschwachen Auftritten Heiko Westermanns und der gesamten Viererkette zuordnen.

Interessant war dann auch, dass Oenning, nachdem er sich bereitwillig klar für Zé Roberto ausgesprochen hatte, auf Piotr Trochowski doch eher zurückhaltend bis gar nicht antworten wollte. Er könne jetzt nicht alle Personalien einzeln durchgehen, bevor er mit Arnesen gesprochen habe, so die kurze, ausweichende Antwort, die Raum für Spekulationen lässt. Nun weiß ich ja um die besondere Brisanz im Thema Trochowski gerade hier im Blog. Dennoch möchte ich allen, die Troche lieber gestern als gleich weghaben wollen, sagen, dass der Billstedter Junge in seiner gesamten Zeit beim HSV nie mal fünf Spiele am Stück auf derselben Position gespielt hat. Immer wieder wurde er anderen Spielern (van der Vaart etc.) hintenangestellt. Oder er wurde ob seiner zweifellos vorhandenen Vielseitigkeit (beidfüßig stark) auf immer der Position eingesetzt, die gerade vakant war.

Troche hat im Mittelfeld alle Positionen gespielt, vom defensiven Mittelfeldspieler über die linke zur rechten Seite bis hin zum Zehner. Dabei hat er es nicht geschafft, bleibenden Eindruck zu hinterlassen, obwohl sein Talent unverkennbar vorhanden ist. Dass sich dabei keine feste Größe entwickeln kann, ist glaube ich allen von uns klar, auch denen, die nie selbst gekickt haben. Armin Veh, eher kein Befürworter von Troche, ging sogar so weit, dass er „gar keine Position für Trochowski im System“ erkannt haben wollte. Insofern, ohne die hier im Blog schon exzessiv geführte Diskussion künstlich anzuheizen, stehen den Beobachtern unterschiedlichste Wertungen zu. Allein der HSV wäre gut beraten, jetzt Klarheit zu schaffen. Und das gleich in allen Bereichen: Vor allem im Fall Oenning bzw. der Trainerfrage für die kommende Saison, zum anderen bei der Kaderplanung. Und ganz sicher auch bei Trochowski. Entweder der gestern 27 Jahre alt gewordene Nationalspieler erhält beim HSV dauerhaft das Vertrauen auf einer Position – oder man trennt sich. Eine andere Lösung, gibt es nicht. Das haben die vergangenen Jahre nachweislich und für Troches Freunde genauso wie für dessen Kritiker deutlich erkennbar gezeigt.

Heute Abend spielt der HSV mit den hier gebliebenen, nicht für Länderspiele nominierten Spielern beim Oberligisten Eintracht Norderstedt. Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele von Euch da hingehen. Schließlich kommt der gesamte Erlös der Partie den Hinterbliebenen des vor verstorbenen C-Jugendlichen Arlind Berisha zugute. Der damals 14-jährige Arlind hatte sich im Rahmen eines Verbandsliga-Punktspiels zwischen den C-Jugendmannschaften von Eintracht Norderstedt und dem Hamburger SV so schwer verletzt, dass er am 2. März 2009 seinen schweren Verletzungen erlag. Die Karten kosten zwischen 5 Euro (Stehplatz) und 10 Euro (Sitzplatz). Kinder bis 10 Jahren haben freien Eintritt.

In diesem Sinne,

Euer Scholle

17.20 Uhr

P.S.: Mir ist gestern der peinliche Fehler unterlaufen, mich bei Eva statt bei Gobi für die Bifis, die ich beim Matz-Ab-Treffen geschenkt bekommen habe, zu bedanken. Diesen Fehler möchte ich heute noch mal ausräumen und mich bei Gobi ebenso entschuldigen wie nochmals bedanken!! Zumal sie mein schlechtes Gewissen heute in ungeahnte Sphären trieb, als sie mir (und anderen Kollegen) eine schöne Tulpe schenkte. Die Blumen zieren jetzt unseren erstmals nicht mehr kahlen Presseraum in der Imtech-Arena. Oenning, der diese neue Deko als Erster erleben durfte, hat es bereits gefallen…

P.P.S.: Training ist am Donnerstag um zehn und um 15 Uhr an der Imtech-Arena.

Arnesen ist da – und er bleibt

22. März 2011

Frank Arnesen ist da – und er bleibt. Diese Zeile musste ich machen. Hatte ich schon mal – aber diesmal stimmt sie definitiv, denn der Däne ist in Hamburg, sieht sich hier nach einer neuen Unterkunft um und führt Sondierungsgespräche mit allen Verantwortlichen beim HSV bezüglich der aktuellen Kaderplanung. Bis Donnerstag bleibt der designierte Sportchef in Hamburg. Mit im Gepäck des Dänen sind sein Assistent Lee Congerton sowie vier Scouts, die schon beim FC Chelsea mit ihm zusammengearbeitet, die sich mit den hiesigen Talentspähern (Michael Schröder und Co.) treffen und abstimmen.

Und beide Seiten werden ausreichend zu besprechen haben. Zusammen mit Bastian Reinhardt und Trainer Michael Oenning wird Arnesen die Planungen für die kommende Saison besprechen.
Auch das Trainingszentrum und die Bedingungen an der Arena und im Nachwuchsleistungszentrum wird sich Arnesen genauestens ansehen, um einen noch besseren Einblick in alle Abläufe zu erhalten. Hauptthema aber ist die Kaderplanung. Und abgesehen von den auslaufenden Verträgen, von den neu zu verpflichtenden Spielern und den generellen, vor allem finanziellen Voraussetzungen stehen auch schwierige Entscheidungen bei Spielern an, deren Verträge noch ein Jahr laufen. Denn bei denen heißt es wie immer: entweder Vertrag verlängern oder doch noch verkaufen, bevor der Abgang ein Jahr später ablösefrei wäre. Einer dieser Fälle könnte im Sommer ein ganz heikler werden: Mladen Petric. Denn wie ich gehört habe, ist der Kroate dringend darauf aus, noch einen langfristigen und entsprechend hochdotierten Vertrag zu unterschreiben. „Drei, vier Jahre will ich noch auf höchstem Niveau spielen“, so Petric, der im vergangenen Sommer einen Vierjahresvertrag vom VfB Stuttgart vorliegen hatte, vom HSV aber keine Freigabe erhielt.

Jetzt ist es Petric, der die besten Argumenten auf seiner Seite hat. Nicht erst bei seinen drei Treffern am Sonnabend gegen Köln hat Mladen bewiesen, wie wichtig er mit seinen Toren für den HSV ist. Elf Treffer und sechs Vorlagen in 18 Bundesliga-Spielen – besser geht es kaum. Umso schlimmer war es, als ich von einem in der Regel immer sehr, sehr gut informierten Insider hörte, der 30-Jährige sei schon so gut wie weg. Damals wollte ich es nicht glauben. Und heute ist der damals tatsächlich erfolgreich eingesetzte Verdrängungsprozess neuen Informationen gewichen, nach denen Mladen sich eine Zukunft beim HSV sehr wohl und vor allem auch sehr gut vorstellen kann. „Hier ist eine Menge passiert“, hatte er am Wochenende gesagt und das durchweg positiv gemeint: „Der HSV sortiert sich und es kommt Bewegung in die Sache.“ Sollte bis Sommer ein Konzept vorliegen, wollen sich Petric und sein Berater Volker Struth mit dem HSV über eine Vertragsverlängerung unterhalten. Allerdings auch nicht vorher.

Ergo: herzlich Willkommen Frank Arnesen! Bitte übernehmen Sie!

Übernommen hat sich vielleicht Eintracht Frankfurt. Besser gesagt, sie haben ihren alten Trainer Michael Skibbe gefeuert und mit Christoph Daum den vielleicht streitbarsten deutschen Cheftrainer verpflichtet. Und ich bin mir sicher, so wie ich Eintrachts Manager und Vorstandsboss Heribert Bruchhagen kenne, ist er sich der bevorstehenden Diskussion durchaus bewusst.

Darf man einen Trainer verpflichten, der öffentlich gelogen und Drogen konsumiert hat? Immerhin hat ein Fußballtrainer eine nicht geringfügig prägende Vorbildfunktion für unseren Nachwuchs…

Und auch wenn ich weiß, dass mich dafür wahrscheinlich wieder etliche unter uns kritisieren werden, ich finde Bruchhagens Entscheidung pro Daum ebenso mutig wie gut. Ich gehöre zu der Kategorie Mensch die fast jedem eine zweite Chance geben (Kinderschänder, Vergewaltiger und Mörder ausgeschlossen) will. Ich glaube daran, dass Christoph Daum aus seinen Fehlern gelernt hat. Und ich bin mir sicher, dass er ein guter Trainer ist. Zumindest einer, der eingefahrene Pfade aufbrechen kann und polarisiert. Daum ist einer, der einen Neuanfang begleiten kann. Er ist ein Motivator. Ich gehe sogar soweit, zu behaupten, dass Daum auch dem HSV hätte helfen können. Aber gut, was kümmert uns die Konkurrenz? Wir haben einen Trainer mit Michael Oenning. Dem ersten Ergebnis zufolge auch einen guten. Einen sehr guten sogar.

Und einen, der mächtig Gas gibt. Denn die drei Tage seit Sonntag, die der Münsterländer seinen Spielern frei gegeben hatte, sind nur deshalb frei gewesen, weil es in den kommenden Tagen hart wird. „Richtig harte Einheiten sollen das werden“, hat mir Änis Ben-Hatira verraten, der zur Vorbeuge eines Muskelkaters die freien Tage über fleißig war. Ben-Hatira: „Der Trainer hat uns vorgewarnt.“

Denn, das hat schon die Kadernominierung gegen Köln gezeigt, Michael Oenning hat keine Angst vor schwierigen Entscheidungen. So ließ er gegen Köln Jonathan Pitroipa und Marcell Jansen unberücksichtigt. Und insbesondere Letztgenannter darf das als klare Ansage auffassen. Immerhin gilt Jansen als einer, der an sich selbst den Anspruch hat, Nationalspieler zu sein. Da passt eine Nichtberücksichtigung für ein Bundesligaspiel überhaupt nicht. „Ich bin ja auch nicht nominiert worden“, klagt Jansen. Gemeint ist die Nationalmannschaft, die am Wochenende gegen Kasachstan in die EM-Qualifikation eingreift. Verantwortlich dafür, dass Joachim Löw ihn nicht berücksichtigte, ist für Jansen seine fehlende Spielzeit. Zweimal ein- und dreimal ausgewechselt sowie einmal über 90 Minuten gespielt und einmal überhaupt nicht im Kader – eine bittere Bilanz. „Schlimm ist für mich nur, dass ich mich so nicht für die Nationalmannschaft empfehlen konnte. Da hat der Verein mir Steine in den Weg gelegt. Das ist ganz bitter. Denn meine Leistungen waren immer okay.“

Zwei Tore habe er vor dem Spiel bei Bayern München erzielt, insgesamt ordentliche Leistungen geboten, sagte er mir. Und ich konnte zumindest teilweise zustimmen. Allerdings schien neben seiner sportlichen Situation auch noch etwas anderes zwischen ihm und dem inzwischen durch Oenning ersetzten Cheftrainer Armin Veh gewesen zu sein. „Es kann sein, dass es da ein Problem gab. Aber mich immer zu rechtfertigen, dass ich verletzt war, geht mir auf den Sack“, sagt Jansen, der nicht näher darauf eingehen will, beziehungsweise, der sich über Vergangenes keine Gedanken mehr machen will. Im Gegenteil. „Im Moment passiert so viel im Verein, da will ich mich als einzelnen nicht so in den Vordergrund spielen. Ich bin froh beim HSV zu sein und will jetzt nicht auch noch draufhauen. Der Verein muss jetzt sehr wichtige Entscheidungen treffen, die den Sommer stark beeinflussen. Noch weiß doch niemand, was im Sommer passiert. Auch ich nicht.“

Klingt irgendwie nach einer gehörigen Portion Unzufriedenheit. Fast nach Abschied. Zumal mit Michael Oenning aktuell ein Trainer am Ruder steht, der sich mit Veh sehr intensiv ausgetauscht hat, viele Entscheidungen gemeinsam getroffen hat. Und dies auch immer noch tut, wie Dieter uns gestern berichtet hatte. Jansen weiß um die Situation: „Ein wirklicher Neuanfang ist das sicher nicht. Michael Oenning hat ja auch vorher schon zu 70 Prozent alles gemacht.“ Das wiederum kann zu alten Problemen führen. Zumindest im Fall Jansen.

Aber ich will hier nichts schwarzer malen, als es ist. Im Gegenteil. Noch ist alles offen und Jansen stehen alle Türen offen. So, wie ich ihn kenne, wird er richtig Gas geben, um seine Situation zu ändern. Er hat das Herz am rechten Fleck. „Ich bin sehr froh, beim HSV zu spielen. Und ich würde es gern noch sehr lange. Deshalb bin ich auch noch geduldig“, versicherte mir Jansen. Wie lange er noch geduldig sein wird? Seine Antwort: „Auf jeden Fall bis zum Sommer. Dann wird es wichtig sein, dass gewisse Dinge greifen. Bis dahin werde ich alles genau beobachten, auch. Ich merke mir, wie man mit mir umgeht.“ Ich bin mir sicher, Sympathikus Marcell weiß, dass er selbst den Anfang machen muss. Schon in dieser Woche. In der Trainingswoche, die nicht nur beim Gedanken an die Nichtnominierung für den DFB für ihn besonders hart werden wird.

In diesem Sinne: auf Oenning, Arnesen, auf Marcell, auf Petric und auf dass alle wieder zusammen im Sinne der Sache arbeiten. Dann werden wir sowas wie am Sonnabend gegen Köln noch häufiger erleben…

Scholle

16.55 Uhr

P.S.: Auch ich wollte mich bei Euch noch mal ganz herzlich für den schönen Abend am Freitag in der raute bedanken. Ich fand die Veranstaltung ganz sicher auch wegen unserer tollen Gäste so interessant. Aber auch so hochinteressante Persönlichkeiten wie Ernst Otto Rieckhoff, ein Oliver Scheel oder ein Ralf Bednarek allein hätten den Abend nicht so interessant werden lassen, ohne Eure Fragen, Eure Anregungen (Briefwahl!), Euer Lob und natürlich Eure Kritik. Der Abend hat gezeigt, dass beim HSV auch verschiedenste Interessen nicht immer zu Zwietracht führen müssen, sondern durchaus konstruktive Ergebnisse fördern können. Dafür noch mal ein großes Kompliment von mir! Ihr habt den Blog von seiner stärksten Seite präsentiert. Vielen Dank dafür! Auch für die leckeren Bifis, liebe Eva, lieber Ed!! Ich werde sie bei der nächsten Aufsichtsratssitzung dabei haben, um nicht wieder hungern zu müssen 😉

Veh gratulierte Oenning

21. März 2011

Um Missverständnissen vorzubeugen: Armin Veh hat sich das Spiel des HSV gegen Köln im Fernsehen live angesehen. Er war um 15.30 Uhr nicht mir dem Hund unterwegs, sondern hat sich für seine ehemalige Mannschaft gefreut, dass es diesen hohen und schönen Sieg gegeben hat. Und er hat sich auch für Michael Oenning gefreut, den er dann auch spontan angerufen hat, um ihm zu gratulieren. Es gibt das keinen Stress, keinen Neid, keinen Ärger zwischen Vorgänger und Nachfolger – Armin Veh sieht das fair und ganz locker und sagt: „Aus dem Alter bin ich schon lange raus. Und mit Michael habe ich acht Monate gut zusammen gearbeitet, es steht nichts zwischen uns.“
Wie Veh den Erfolg beurteilt? „Der HSV hatte ein 0:6 wieder gut zu machen, es waren einige Leute nicht mehr da, es gab einiges Neues, und er zudem traf mit Köln auf die schlechteste Auswärtsmannschaft. Das passte optimal – so wie wir eine Woche zuvor für die Bayern optimal gepasst hatten“, sagt der 50-jährige Coach.

So kurios es auch klingt: Armin Veh hatte schon jetzt das eine oder andere Angebot von Klubs, die zurzeit einen Trainer als Retter suchen, doch er lehnte ab: „Ich kann das nicht so wie der Felix, ich kann nicht nach drei Tagen schon wieder einen anderen Verein übernehmen. Aber da ist eben jeder anders. Ich lasse jetzt alles mal in Ruhe auf mich zukommen, und dann werde ich mich entscheiden.“ Es gibt, so denke ich, auf jeden Fall ein Wiedersehen, und darauf freue ich mich. Wie wohl auch Ze Roberto, der im ZDF nach dem Spiel gesagt hatte: „Armin Veh ist ein sehr guter Trainer, und er hat einen ganz feinen Charakter.“ Veh würde es so ausgedrückt haben: „Er ist ein ganz feiner Kerle.“

Aber jetzt ist Oenning. Michael Oenning. Und ich hatte heute auf dem Weg zur U-Bahn ein kleines Aha-Erlebnis. Ich telefonierte mit Handy, da verfolgte mich ein älterer Herr, der eigentlich in die gegensätzliche Richtung gegangen war, so lange und beharrlich, bis ich mein Telefonat beendet hatte. Dann sagte er, und er musst das wohl unter allen Umständen loswerden, zu mir: „Von mir aus sollen die beim HSV noch so viele Leute rausschmeißen, nur den Oenning, den sollten sie behalten. Das ist der beste Trainer, der kommt bei mir so in der Schiene von Klopp und Tuchel, den Oenning dürfen die auf keinen Fall laufen lassen.“ Volkes Stimme – es soll ja etwas dran sein . . .

Und wenn Armin Veh jetzt sagt, dass es auch Neues beim HSV (gegen Köln) gegeben habe, dann ist damit sicher auch die personelle Besetzung der Startformation gemeint. Michael Oenning hat seine Vorstellungen umgesetzt. Und wird es sicher noch weiterhin tun. Ich könnte mir vorstellen, dass er dabei auch den Namen Heiko Westermann spielt. Dynamik auf Sechs hin, Dynamik auf der Sechs her – so geht es doch auch nicht. Der Nationalspieler (a. D.) spielt in Sachen Aufbau einfach zu viele Fehlpässe. Kommt da demnächst ein Tausch mit Gojko Kacar auf uns zu? Oder kommt doch eher David Jarolim wieder zurück. Den würde ich ja favorisieren, wir Ihr wisst, und es war schön zu hören (am Sonnabend), dass sich dieser Meinung auch die meisten Kollegen (von den Hamburger Zeitungen) anschließen. Der Mann (Name ist der Redaktion bekannt – ein Scherz!), der in der Arena neben mir sitzt, sagte nach dem x-ten Westermann-Stockfehler: „Da sieht man dann doch, dass Jarolim fehlt . . .“

Wobei ich nichts gegen Heiko Westermann habe, das muss ich auch ganz klar sagen, denn: Er ist eine jener HSV-Spieler, die 90 Minuten lang immer alles geben, die 90 Minuten lang nur für die Mannschaft (und den Klub) unterwegs sind. Und glaubt mir: Auch in jenen Phasen, in denen es im HSV (auch in der Truppe) drunter und rüber ging, als partout nichts laufen wollte, da hat Heiko Westermann stets kühlen Kopf bewahrt und hat es allen vorgelebt, wie man aus diesen kritischen Zeiten wieder heraus kommt. Da hat, sage ich offen und ehrlich, da hat mir Heiko Westermann schon sehr imponiert. Andere (Kollegen) ließen die Ohren hängen, aber er gab sich immer kämpferisch und ging gegen alle störenden Faktoren an. Deswegen würde ich ihn auch nie aus der HSV-Mannschaft heraus nehmen wollen – nur etwas nach hinten zurück versetzen. Und dann auf der Sechs David Jarolim – oder Gojko Kacar.

Falls dann doch noch einmal eine gewisse Dynamik, die ja von Westermann kommen soll, fehlen sollte, so könnte ja auch durchaus Westermann mal als Innenverteidiger – völlig überraschend – mit nach vorne marschieren. Das gibt es in anderen Vereinen ja auch, warum nicht beim HSV? In diesem Punkt liegt mir der ehemalige HSV-Profi Borisa Djordevic schon seit Jahr und Tag in den Ohren, denn er sagt mir stets: „Der HSV ist taktisch immer so leicht auszurechnen, weil die beiden Innenverteidiger nur dann über die Mittellinie marschieren, wenn es Standards vor dem gegnerischen Tor gibt. Warum aber gehen die nicht mal mit, wenn es im Spiel angebracht ist? Als Überraschung? Dann müsste sich eben mal ein Mittelfeldspieler fallen lassen – das ist doch alles nur eine Sache der Absprache und des Auges und des Spielverständnisses innerhalb des Teams.“ Treffer.

So, nun noch drei Dinge zum Abschluss.
1.) Vom HSV kam heute folgende Mail:

Am Montag, 21. März 2011 um 12 Uhr, ging das Hamburger Weg Förderprojekt Eisvogel in die nächste Runde: Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums Grootmoor begannen heute im Rahmen ihres Oberstufen-Profilfaches „System– System Erde” mit ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zur Gewässergüte des Baches Seebek in Bramfeld. Außerdem legten sie auf der angrenzenden Streuobstwiese eine Wildblumenwiese an. Dabei packte Heung Min Son vom HSV tatkräftig mit an. Seit 2009 unterstützen der Hamburger Weg und Globetrotter Ausrüstung das Projekt Eisvogel.

„Der Schutz unserer Natur ist wichtig, deshalb unterstütze ich das ´Projekt Eisvogel`, erklärte HSV-Profi Heung Min Son. „Tiere und Pflanzen bekommen an der Seebek einen Platz zum Leben. Freiwillige Naturschützer bringen hier vollen persönlichen Einsatz. Da kann jeder mithelfen. Ich mache heute auch mit – für unsere grüne Perle Hamburg.” Zusammen mit dem NABU, Globetrotter und den Schülern und Schülerinnen des Gymnasiums Grootmoor nahm Heung Min Son erste Proben von Bachbewohnern aus der Seebek, um die Wassergüte bestimmen zu können.

So, nun wieder „Matz ab“: Ich bin hocherfreut, wie gut Heung Min Son schon unsere Sprache beherrscht – und dass er sich jetzt sogar schon mit Bramfeld und der Seebek auskennt. Das kann sicher nicht jeder HSV-Profi von sich behaupten . . .

Dann gab es von der Deutschen Presse-Agentur noch folgenden Beitrag, den ein „Ex-HSVer“ gestaltete. Die Gedanken sind sicherlich nicht die schlechtesten:

2.) Matthias Sammer hat das Trainer-Roulette in der Bundesliga kritisiert. „Überrascht hat mich die Diskussion um die Trainer und Vereine. Es macht keinen guten Eindruck, weil wir neben den ganzen Entscheidungen auch mal wieder über sportliche Dinge diskutieren sollten“, sagte der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Sonntagabend im TV-Sender Sky.

„Ich finde, da sieht es im deutschen Fußball nicht so gut aus, wie manche denken.“ Sammer sprach sich dafür aus, über eine ähnliche Regel wie in Italien und Spanien nachzudenken. Dort darf ein Trainer innerhalb einer Saison nicht zwei oder mehr Mannschaften betreuen. Er sei der Meinung, „dass wir Systeme im Interesse der Inhalte vielleicht reglementieren müssen. Wenn das zum Schutz dient, sollte man zumindest darüber nachdenken.“

Der 43-Jährige hatte Anfang des Jahres eine Offerte des HSV abgelehnt und ist nun nach eigener Aussage „froh, beim DFB zu sein, auch weil ich das Chaos etwas von außen betrachten kann“. Sammer bedauerte: „Wir führen keine sportliche Diskussion in Deutschland, sondern nur noch personelle und strukturelle Diskussionen.“ Er wies darauf hin, dass die Bundesliga nur mit dem FC Schalke 04 im Viertelfinale der Champions League vertreten sei und in der Europa League überhaupt nicht mehr. „Wenn das unser Anspruch ist, sich zu freuen, dass wir den vierten Champions-League-Platz wiederbekommen – dann macht mir das Bauchschmerzen.“

So, nun wieder „Matz ab“.
3.) Ganz kurz noch einmal in eigener Sache. Beim Doppelpass (Sonntag, „Sport 1“) hatte ich ja gesagt, dass St. Pauli für mich absteigen wird – neben Borussia Mönchengladbach. Das haben mir einige HSV-Fans, die auch mit dem braunen Nachbarn sympathisieren, verübelt. Diejenigen haben vielleicht nicht mehr meinen Zusatz gehört (war aber zu hören!): „Leider.“ Ja leider, denn ich wäre schon dafür, dass St. Pauli drin bleibt, denn allein die beiden Derbys sorgen doch immer für unheimlich viel Leben in der Stadt. So aber, wie es jetzt um den Klub vom Millerntor steht, würde es mich schon wundern, wenn der Gang in Liga zwei noch vermieden werden könnte – da muss man der prekären Lage schon einmal ins Auge schauen dürfen.
Aber, um es kurz noch auf den Punkt zu bringen: Ich würde mich dennoch freuen, wenn die Stanislawski-Truppe drin bliebe – denn dann könnte im nächsten Jahr ja auch ein neuer Stadtmeister gekürt werden.

Noch ein PS: Heute war kein Training im Volkspark, am Dienstag aber auch noch nicht.

15.24 Uhr

“Das war eine Befreiung”

20. März 2011

„Es gibt schlechtere Beginne.“ Sagte „Tante Käthe“, oder besser „uns Rudi Völler“ bei LIGA total, nachdem dort das HSV-Spiel gegen Köln gezeigt worden war. Der Beginn für Michael Oenning als HSV-Trainer war in der Tat nicht ganz so schlecht, wenn ich das einmal so leicht despektierlich sagen darf. Nein, daran gibt es nichts zu kritisieren, der Einstand des „Neuen“ war hervorragend und darf als total gelungen bezeichnet werden. Fast alles das, was Oenning geplant und sich vorgestellt hatte, ist wohl aufgegangen. Es war ein rundherum gelungener Einstand, auch wenn es diese zwei Gegentore und auch die vielen Mängel in der Defensive gegeben hatte. Bei Armin Veh wären diese Fehler vielleicht noch eiskalt bestraft worden, bei Michael Oenning ging es eben gut – das Glück des Tüchtigen? Auf jeden Fall herzlichen Glückwunsch, Trainer!

„Wir haben gegen Köln sicher nicht alles richtig gemacht, denn wir haben diese zwei Gegentore bekommen. Aber was mir gefallen hat war das, dass die Mannschaft sich für das 0:6 der Vorwoche bei den Bayern rehabilitieren wollte. Und das ist gelungen. Sie haben mit Leidenschaft gespielt, sie haben alles gegeben, und man konnte am Ende sehen, dass wir dann doch auch müde waren“, sagte Oenning, der trotz allem nur Zufriedenheit ausstrahlte: „Ich bin froh, dass wir heute wirklich eine gute Leistung geboten haben, ich will diesen Sieg jetzt erst einmal nur genießen.“

Was auffällig war: Nach dem 1:0 feierte die ganze Mannschaft mit dem Torschützen Mladen Petric. So enthusiastisch, wie es beim HSV seit Jahr und Tag nicht mehr zu erleben und zu sehen war. Oenning dazu: „Dieser Torjubel, das war schon eine Befreiung. Weil wir mit diesem Spiel beweisen wollten, dass wir eine Mannschaft sind, dass wir nicht so schlecht sind, wie wir nach dem 0:6 gemacht worden waren.“

Der Coach hatte in der Woche viele Einzelgespräche geführt, und er sagt: „Diese Gespräche waren für mich relativ einfach zu führen, denn die Mannschaft war ja in der Bringschuld. Und sie wollte auch eine Antwort gegen.“ Dann ergänzte Oenning nur noch kurz –aber für mich war es das Aha-Erlebnis des Abends: „Ich glaube, dass wir heute als Mannschaft gut funktioniert haben.“ Das hat er, der HSV.

Und darin liegt sicher auch ein Schlüssel zum Erfolg. Noch im Herbst hatte Armin Veh immer davon gesprochen, dass das seine wohl schwerste Aufgabe sei: „Aus diesem Kader eine Mannschaft zu formen.“ Weil er schon nach den ersten Wochen wusste, wie schwer das werden würde. Letztlich ist es ihm nicht gelungen. Wie allen seinen Vorgängern es nicht gelungen war. Obwohl es in den letzten Wochen den Anschein hatte, als wenn sich diese Truppe doch noch zu einer mannschaftlichen Geschlossenheit wird aufraffen können. Veh hat das Ende, oder die Vollendung (so sie sich einstellen wird) nicht mehr erlebt, ob Michael Oenning diese eigentlich unmöglich zu schaffende Aufgabe lösen wird? Köln war dafür sicher ein guter Anfang.

Wobei ich jetzt gleich einige Szenen vor Augen habe, die ein Indiz dafür sein könnten. Ein Beispiel: Als in der Schlussphase Gojko Kacar nach einem HSV-Eckstoß den Ball leichtfertig mit der Hacke ins Aus spielte, anstatt die Kugel zu Joris Mathijsen zu spielen, da hätte es früher wohl ein Donnerwetter gegeben. Diesmal nicht. Was sicher auch an der klaren Führung lag, aber nicht nur. Die Stimmung scheint besser geworden zu sein. Lachend und sich abklopfend, fast so übermütig wie kleine Kinder liefen Kacar und Mathijsen zurück in die eigene Hälfte. Kein böser Blick, kein langes (oder kurzes) Gemecker, alles war im Lot. So kann es bleiben. So muss es bleiben, wenn der HSV noch etwas mehr als einen Blumentopf in dieser Saison gewinnen will.

Vielleicht aber hat das Chaos, das zuletzt im Klub herrschte, die Mannschaft doch zusammengeschweißt. Dass die Spieler gemerkt haben, dass sie zusammenhalten müssen, wenn es schon im Verein keinen Zusammenhalt mehr gibt. Vielleicht. Und Zusammenhalt soll es ja nun auch geben – ab sofort. Die Aufbruchsstimmung war an diesem Sonnabend deutlich zu spüren, da bin ich mir ganz sicher, und das hat auch nichts mit Frühlingsgefühlen zu tun. Die Frage, die mir nach dem Sieg gestellt wurde, war die: „Bleibt Oenning nun Trainer des HSV?“ Er sagt dazu: „Das war doch nur ein Sieg, mehr nicht. Das ist natürlich eine tolle Grundlage, um Vertrauen zueinander zu bekommen. Und nun müssen wir Schritt für Schritt weitergehen. Nein, nein, wir haben einen guten Anfang gehabt, aber jetzt müssen wir von Spiel zu Spiel denken.“ Das Phrasenschwein lässt grüßen . . .

Deutlich aber erkennbar war, dass Michael Oenning den Ball absichtlich ganz flach halten wollte. Ein Anfang ist gemacht, aber mehr auch nicht. Das nächste Spiel gegen Hoffenheim wird zeigen, wie sehr sich der „neue HSV“ jetzt schon gefunden hat.

Gegen Köln hatte dem HSV auch in die Karten gespielt, dass das 1:0 relativ „glücklich“ fiel. Wäre der junge Schiedsrichter Robert Hartmann (31) auf die Schwalbe von Novakovic hereingefallen, dann hätte es dieses Tor von Mladen Petric nicht gegeben. Das wusste auch Michael Oenning: „Dieser Treffer ist für uns zum richtigen Zeitpunkt gefallen.“ Bis dahin hatte Köln das Spiel offen gehalten, dann ließen die Westdeutschen stetig nach. Der HSV-Coach: „Dann konnten wir uns den Frust von der Seele spielen. Wir mussten uns heute selber beweisen, und das haben wir geschafft.“

Laut Oenning hat dieses Spiel viele Geschichten geschrieben. So die von Ze Roberto, der klasse aufspielte, so die von Änis Ben-Hatira, der seine beste Halbzeit spielte, seit er beim HSV ist – überragend, so auch das Bundesliga-HSV-Debüt von Dennis Diekmeier (Oenning: „Es war eigentlich zu früh, aber er hat genau das gemacht, was ich mir vorgestellt hatte“). Und auch Ruud van Nistelrooy schrieb ein kleines Stück Geschichte, denn der Niederländer kämpfte sich zurück ins Team. Zuletzt hatte der ehemalige Weltstar nur noch Dienst nach Vorschrift (im Training und in den Spielen) geschoben, diesmal gab es alles, er biss, er wollte, er lief, er kämpfte – und legte auf. Hervorragend. Oenning hat es offensichtlich geschafft, die Lust in „RvN“ zu wecken. „Er hat zwar kein Tor geschossen, aber er hat eindrucksvoll bewiesen, dass er unbedingt helfen wollte. Er hat Tore vorbereitet, er ist so lange gelaufen wie er konnte.“

Letzteres haben alle getan. Jeder riss sich ein Bein aus, weil nun die Karten neu gemischt werden. Die ersten personellen Veränderungen, die Oenning vorgenommen hatte, zeigen und beweisen es. Jeder kann jetzt wieder auf den Zug aufspringen – wenn er sich durch Leistungen anbietet. Auch wenn Michael Oenning bemerkte: „Gegen Schluss fehlte bei einigen die Kraft, da ging uns ein wenig der Sprit aus, da war der Tank leer.“ Was mir nicht so richtig in den Kopf will, denn ich frage mich schon, warum das so ist – aber der Trainer hat es nun einmal thematisiert . . .

Zurück noch einmal zu „van the man“. Oenning hat mit ihm in der Woche gesprochen: „Es war relativ einfach. Willst du hier noch Fußball spielen, und wenn ja, in welcher Form? Ich habe im deutlich klar gemacht, was ich von ihm erwarte, und er hat deutlich gemacht, dass er das mittragen will. Deswegen hat er auch die Chance bekommen.“

Mitunter war Ruud van Nistelrooy an der Mittellinie zu finden, also weit raus aus der „Box“. So wie einst bei Labbadia. Das behagte dem Torjäger damals nicht so sehr, wenn ich einmal untertreiben darf. Diesmal schien er Spaß daran gefunden zu haben. Unter Oenning spielt der HSV eine 4:1:3:2-Taktik, da muss viel Bewegung herrschen. Oenning: „Im Defensivverhalten wird aus diesem System wieder ein 4:4:2, das ist mehr eine Geschichte, dass man in einer bestimmten Spielsituation versucht, mehr Leute vor den Ball zu bekommen, dass die Wege kürzer sind. Und das hat gegen Köln in Ansätzen schon ganz gut geklappt.“

Schon ganz gut? Immerhin gab es sechs HSV-Tore. Zugabe, möchte man rufen.

So, kurz noch zum heutigen Vormittag. Ich nach München, Doppelpass bei „Sport 1“ und Jörg Wontorra. Thema sollte, als ich für die Sendung eingekauft wurde, natürlich auch der HSV sein. Die Chaos-Tage von Hamburg. Aber dann kam alles ganz anders. 6:2 gegen Köln, alles in Ordnung – kein HSV mehr. Da musste ich durch. Ihr auch. Um das zu sagen: Ich habe natürlich keinerlei Einfluss auf die Themen, die dort abgehandelt werden. Ich weiß aber, dass sich einige von Euch erregt haben, dass der HSV nicht zur Sprache kam. Beim nächsten Mal, so denke ich. Dennoch kann ich nachvollziehen, wie es einigen von Euch ergangen ist: Matz im Doppelpass, der HSV das Thema, das 6:2 im Rücken – alles wird gut. Denkste. Mir schrieb ein sehr netter HSV-Fans zum Beispiel jenes:

„Oh, wie geil, dass passend zu unserer phönix-haften Auferstehung Du heute auch noch Gast beim Stammtisch bist!!!! Endlich wird auch da mal ein bisschen was gerade gerückt. Und das auch noch von Seiten der Presse.

Hoffe ich zumindest! 😉
Alles wird gut!!!!“

Ja, wie gesagt, es tut mir leid, aber ich hatte keinerlei Einfluss darauf. Bleibt dem Doppelpass trotz allem gewogen.

Übrigens: Training hat der HSV heute nicht gehabt, auch morgen und übermorgen (Dienstag) ruht der Ball im Volkspark. Was irgendwie auch zu verstehen ist, denn es ist ja Länderspiel-Woche, es ist ohnehin keiner da. Und diejenigen, die glauben etwas tun zu müssen, die dürfen von sich aus. Ohne Aufforderung. Mir würden einige Gründe einfallen, warum der eine oder andere schon trainieren sollte.

Dann hatte ich beim Matz-ab-Treffen noch versprochen, über Hermann Rieger zu schreiben. Der war für den Freitag eingeladen, hatte auch nicht abgesagt, war dann am Sonnabend erst in der Arena zu sehen. Zwei Tage wären ihn wohl zu viel gewesen, aber er sagt, dass es ihm gut gehe. Alle zwei Wochen Chemo, aber im Moment nicht. Hermann sieht noch immer nicht allerbest aus, aber er sagt, man müsse sich keine Sorgen machen . . .
Um ganz ehrlich zu sein, ich mache sie mir doch.

PS: Vielen Dank noch einmal an dieser Stelle für die Flasche beim Matz-ab-Treffen – und die Karte dazu. Freude pur.

Noch ein PS: Diesen Bericht habe ich auf dem Flughafen von München geschrieben, sorry für etwaige Fehler.

16.56 Uhr

6:2 – der HSV ist wieder da!

19. März 2011

Das war doch ein Traum! Der HSV ist wieder da! Der HSV, der zuletzt nur als Chaoten-Klub von sich Reden machte, fegte den 1. FC Köln mit sage und schreibe 6:2 aus dem Volkspark. Unfassbar! Der reine Wahnsinn! Wer hätte das geglaubt? Da geht ja doch noch was, das sah ja richtig nach Fußball aus, das war beinahe beängstigend stark. Die Aufbruchsstimmung im Verein, der Trainerwechsel, die neue Führungsriege im Klub – all das hat für diesen großen Sieg gesorgt. Nun ist nur für allen Beteiligten zu hoffen, dass dieser Sieg, dass diese Leistung keine Eintagsfliege bleibt. Einziges Manko an diesem Nachmittag: Ruud van Nistelrrooy sah seine fünfte Gelbe Karte und wird im Auswärtsspiel gegen Hoffenheim nun fehlen. Schade.

„Versprochen wurde uns schon viel, aber gehalten wenig. Heute bin ich einmal gespannt, ob die HSV-Profis wirklich mal Taten folgen lassen.“ So oder so ähnlich lauteten die Kommentare, die ich auf dem Weg zur Tribüne hörte. Eine Mischung aus Skepsis und Hoffnung. Und dann diese Sahne-Halbzeit – unfassbar. 4:0 gegen den 1. FC Köln nach 45 Minuten. Ich hatte vorher auf ein 1:1 getippt, aber so kann es gehen. Die Jungs aber hatten Biss, hatten Lust, hatten Spaß. Auch wenn es hinten zuerst alles andere als souverän aussah. Stellungsspiel und Aufbauspiel schwach. Dass das nicht bestraft wurde, das lag sicher auch an den harmlosen Kölnern.

Aber wenn der HSV nach vorne spielte, war das sehenswert. Ab der Mittellinie ging die Post ab. Und es kam den Stürmern sicher entgegen, dass Köln oft auf einer Linie stand, so dass ein einfacher Pass genügte, um die FC-Defensive auszuhebeln. Da kam Freude auf.

Köln hatte den HSV wohl etwas unterschätzt – nach dem 0:6 in München, und Köln hatte sich nach dem 4:0 gegen Hannover sicher auch etwas überschätzt. Es war schon mutig, wie die Westdeutschen den HSV schon an dessen Strafraum beim Aufbau störte – mutig und vielleicht auch ein wenig zu übermütig. Es wurde gnadenlos bestraft. Es war traumhaft, zumal teilweise noch die Sonne dabei lachte.

Wobei beim Start, dem 1:0-Führungstreffer, der Schiedsrichter eine gewichtige Rolle spielte. Ich habe dem 23. Mann schon oft eine etwas schwächere Leistung vorgehalten, aber dieser Robert Hartmann (aus Wangen), der erst 31 Jahre alt ist und erst sein zweites Bundesliga-Spiel leitete, war klasse! Jawoll, mit Ausrufezeichen. Wie er nicht auf die schauspielerische Leistung des Kölners Novakovic hereinfiel – Kompliment, Herr Hartmann, das kann sich sehen lassen. Und ich hoffe, dass dieses Spiel der Start in eine großartige Schiedsrichter-Karriere ist.

Hartmann pfiff kein Foul, als Gojko Kacar das Duell gegen Novakovic gewann, der Serbe bediente Dennis Diekmeier, der schickte Änis Ben-Hatira auf die Reise, dessen Linksschuss hielt Rensing im Kölner Tor, aber Mladen Petric stand goldrichtig und staubte ab (12.). Auch dabei lobenswert das Auge des Mannes an der Linie, Thorsten Schiffner – den es war kein Abseits.

Dieses 1:0 wirkte aber noch nicht befreiend, in der HSV-Defensive gab es manchen beängstigenden Stockfehler. Erst mit dem 2:0 kehrte ein Hauch von Souveränität ein. Aber was war das für ein Super-Tor! Der Kölner Peszko spielte Änis Ben-Hatira an, der lief ein paar Schritte und lupfte den Ball aus 17 Metern über den Kölner Keeper Rensing ins Netz (32.). Der Knoten war geplatzt. Auch deshalb, weil Ben-Hatira groß aufzog. Am Freitag hatte er noch gesagt, dass ihm Effizienz und Torgefahr fehlen würden, und nun eines vorgelegt und eines gemacht – mehr geht ja gar nicht. Super Änis!

Der bediente kurz darauf noch einmal Ruud van Nistelrooy mustergültig, doch „van the man“ wollte noch nicht – vorbei. Aber der HSV war dann wie entfesselt. Die Welle rollte, die Zuschauer waren total aus dem Häuschen. Frank Rost Abschlag genau in den Fuß von van Nistelrooy, der Ball klebte am Fuß des Niederländers, dann ein Zucker-Pass zu Petric, der trifft aus 14 Metern – 3:0 (38.). Und Petric legte noch einen nach, er köpfte nach Flanke von Eljero Elia das 4:0 (43). Schön zu sehen, wie danach auch „RvN“ zum Jubeln kam – wie auch schon beim Tor zuvor. Na bitte, es geht doch – möchte man sagen.

Auch bemerkenswert: Für viele war trotz der drei Petric-Tore Änis Ben-Hatira der Mann der ersten 45 Minuten. David Jarolim und Heung Min Son gingen nach dem Pausenpfiff sofort auf den Deutsch-Tunesier zu und knuddelten ihn. Das ist es doch, was den Teamgeist hebt.

Im zweiten Durchgang setzte sich die Unsicherheit in der HSV-Abwehr munter fort. Dennis Diekmeier wurde vor dem 1:4 von Jajalo ausgetanzt (50.). Aber vorne lief es weiter nach Wunsch: Flanke Elia, Koipfball Gojko Kacar, 5:1, nur 120 Sekunden später. Ein munteres Scheibenschießen. Wobei der Schiedsrichter auch noch einmal in Erscheinung trat. Das Foul an Petric war sicherlich kein Strafstoß, aber es gab ihn dennoch. Eigentlich wollte Petric selbst schießen, aber der Jubilar wartete geduldig auf dem Elfmeterpunkt. Und Petric gab die Kugel an Ze Roberto, der vor dem Spiel wegen seiner 330 Bundesliga-Spiele (Nummer eins der Ausländer, gemeinsam mit Sergej Barbarez) geehrt worden war, weiter. Der Brasilianer verwandelte traumhaft sicher – 6:1 (57.). Fünf Minuten später wurde Lukas „Poldi“ Podolski erstmalig an diesem Nachmittag gesehen, er umkurvte Rost, „nur“ noch 2:6. Welch ein Ergebnis! Welch ein Spiel!, Welch ein Nachmittag! So richtig schön passend zum Matz-ab-Treffen am Vorabend, das ähnlich wunderbar verlief. Bei der Gelegenheit: Vielen Dank an alle, die daran beteiligt waren, Ihr seid alle wirklich klasse, traumhaft, hervorragend. So kann es weitergehen! Vielen Dank auch für die Blumen (Gobi!), die Frau M. erhalten sollte – und die sie natürlich auch erhalten hat. Danke, danke, danke, ich kann es nur immer noch einmal wiederholen. Auch im Namen von „Scholle“, soll ich ausdrücklich ausrichten. O-Ton „Scholle“: „Es war super!“

Zurück zum Spiel. Wann hat man hier (im Volkspark) zuletzt einmal ein „Oh, wie ist das schön“ gehört? Ich kann mich nicht erinnern. Fast das gesamte Stadion sang – und klatschte dazu. Feierstimmung in Hamburg, ich habe es am Vorabend gesagt: alles wird gut! So ganz nebenbei: Es war toll von Euch, Ihr im Nord-Westen, wie Ihr Collin Benjamin gefeiert habt. Ihr habt ein Gespür dafür, was gemacht werden muss – und das musste mal gemacht werden. Collin Benjamin Fußball-Gott, er hat es verdient.

Zur Einzelkritik: Frank Rost okay, ihn werden die Gegentore wurmen, aber er konnte nichts daran halten. Dennis Diekmeier nach hinten einige Male bedenklich wackelig,aber nach vorne war er okay. Und: Endlich kamen einmal die Flanken von der rechten Seite, mehr davon. Gojko Kacar hatte trotz seines Tores einen schwachen Tag, das kann er doch viel, viel besser. Der Serbe wirkte enorm unsicher und nervös, was sich in vielen Fehlern widerspiegelte. Joris Mathijsen spielte solide (zum Glück!), und Dennis Aogo hat auch schon wesentlich bessere Spiele abgeliefert, irgendwie war diesmal viel, viel Sand im Getriebe – vor allen Dingen im Spiel nach hinten.

Auf der Sechs war Heiko Westermann emsig bemüht, aber was ging ihm an diesem Nachmittag nicht alles daneben? War es die Nicht-Berücksichtigung von Jogi Löw? So viele Fehler wie diesmal hat Westermann noch nie gemacht, obwohl er oft schon viele Fehler in seinem Spiel hatte. Dafür war sein Nebenmann, diesmal sein Vordermann (auf der Zehn), um Klassen besser. Ze Roberto in seiner Jubiläums-Begegnung fehlerfrei – und wie ein ganz, ganz junger Mann. Großartig. Und er kommt dort mit seinen spielerischen Qualitäten auch besser zur Geltung – weiter vorn.

Rechts zeigte Änis Ben-Haitra sein besten 45 Minuten, die er bislang für den HSV spielte – bitte wiederholen. Links fand Eljero Elia diesmal häufiger statt, als zuletzt. Kommt er unter Michael Oenning nun doch noch einmal? Wie schön wäre das!

Und vorne? Mladen Petric immer gefährlich, auch mit dem Auge für den Nebenmann – ganz stark. Dieses Prädikat verdiente sich auch Ruud van Nistelrooy, der diesmal nicht nur vorne wartete, sondern auch lange Wege nach hinten ging, fast in Spielmacher-Manier. Vielleicht findet er ja doch noch einmal seine Lust und seine alte Form wieder, zu wünschen wäre es diesem erstklassigen Sportsmann.

Um es abzurunden: Auch die eingewechselten Guy Demel (55., für Diekmeier), Heung Min Son (60., für Ben-Hatira) und Tunay Torun (88., für „RvN“) konnten gefallen. Logisch, bei einem 6:2. Schön zu sehen auch, als van Nistelrooy vom Platz ging. Die Zuschauer applaudierten alle, riefen „Ruud“ – und der Niederländer bedankte sich bei Michael Onenning, in dem sich beide Wange an Wange herzten. Da kommt doch Freude auf. Und: So darf es nun auch weitergehen. Bitteschön. Die anschließende Ehrenrunde, die die Sieger gingen, wurde vom Beifall getragen. Traumhaft, dieser 19. März 2011. Nur der HSV!

17.37 Uhr

Jansen und Pitroipa sind draußen

18. März 2011

Als Michael Oenning um 17.10 Uhr auf dem Trainingsplatz die Mannschaft um sich versammelte, da kristallisierte sich die gedachte Elf für das morgige Spiel gegen den 1. FC Köln heraus: Heung Min Son musste mit zu den Reservisten, Eljero Elia rutschte quasi in letzter Sekunde in die Stamm-Formation. Damit war klar, wie der HSV morgen beginnen würde: Rost; Diekmeier, Kacar, Mathijsen, Aogo; Westermann, Ze Roberto; Ben-Hatira, Elia; van Nistelrooy, Petric. Schiedsrichter der Partie ist der 31-jährige Robert Hartmann aus Wangen (Allgäu), der sein zweites Erstligaspiel pfeifen wird.

Oenning hat personell einige Veränderungen vorgenommen. Vor allem im Kader aufgeräumt. Es gibt prominente Opfer: Marcell Jansen und Jonathan Pitroipa sind diesmal nur auf der Tribüne, neben ihnen fanden auch Robert Tesche, Collin Benjamin, Tomas Rincon und Muhamed Besic keinerlei Berücksichtigung.

Dazu hat Oenning vor allen Dingen eine ganz große Personalie angepackt. Er hat Ruud van Nistelrooy in die Mannschaft zurückgeholt. Jetzt darf gehofft werden. Darauf, dass „van the man“ endlich einmal wieder (und noch einmal?) seine explosive Seite an den Tag legen wird, hoffen auch darauf, dass das Spiel eins in einer neuen HSV-Ära auch frische Kräfte bei jedem Spieler freisetzen wird. Es wird, ganz eindeutig, ein ganz schweres Spiel, denn die Kölner befinden sich in diesem Jahr deutlich im Aufwind, haben sich längst von der Rolle eines Abstiegskandidaten verabschiedet. Junge Spieler (und ein Trainer, der auf junge Leute baut) haben den Umschwung bewirkt, Hamburg wird diese Talente bestaunen können.

Beim HSV stehen dagegen wieder einmal die älteren Kräfte im Blickfeld. Ruud van Nistelrooy wurde erstmalig wieder nicht von Bondscoach Bert van Marwijk für die Nationalmannschaft berufen, und auf der deutschen Seite traf es Heiko Westermann. Der HSV-Kapitän wurde von Bundestrainer Joachim Löw darüber informiert, dass er in den Spielen gegen Kasachstan und Australien nicht im DFB-Kader sein wird. Ein herber Rückschlag für Westermann, der seine Nichtberücksichtigung aber mit Fassung trug. Was bleibt ihm auch anderes übrig?

Für Ze Roberto wird dieser Sonnabend, der 19. März 2011 ein ganz besonderes Datum. Der Brasilianer wird gemeinsam mit Sergej Barbarez an erster Stelle jener ausländischen Spieler stehen, die die meisten Partien bestritten haben, nämlich 330. Herzlichen Glückwunsch an den „großen Ze“ – bleibt auch für ihn die Hoffnung, dass dieser Tag dann auch mit einem HSV-Erfolg gekrönt wird.

Darauf wird auch Änis Ben-Hatira hoffen, der erneut in der Start-Elf stehen wird. Er bleibt eine der HSV-Überraschungen dieses Jahres. Doch Änis gibt sich bescheiden, er sagt: „Das, was ich derzeit erlebe, ist noch nicht mein Durchbruch. Ich bin erst auf dem Weg dorthin, das muss ich einmal klarstellen.“ Und: „Ich muss jetzt das nachholen, was ich in den letzten Jahren versäumt habe.“

Der HSV will mit ihm verlängern, und zwar bis 2014, aber es wird derzeit noch verhandelt. „Vorstellbar ist alles“, sagt der Mittelfeldspieler, der einst mit der deutschen U-21-Nationalmannschaft Europameister geworden ist. Damals mit Spielern wie Özil, Khedira, Boateng. Sie alle haben Karriere gemacht, Ben-Hatira (noch) nicht. Er sagt: „Mir hat auch etwas das Glück gefehlt.“ Und er weiß, was im derzeit ebenso fehlt: „Effektivität und Torgefahr.“ Daran will er arbeiten. Weil er seinen Weg in und mit Hamburg gehen möchte. Dabei war er vor Saisonbeginn eigentlich schon weg, war sich fast mit Mainz 05 einig. Aber auch nur fast. Und vielleicht beflügelt ja auch der Wechsel von Armin Veh auf Michael Oenning noch ein bisschen mehr. Ben-Hatira sagt: „Bei jedem Trainerwechsel gibt einen kleinen Push, gerade für die Spieler, die lange nicht gespielt haben.“

So, bevor es nun zum Matz-ab-Treffen geht (welch ein Stress!): Franz Beckenbauer war heute in Hamburg. Als Bier-Botschafter. Man weiß ja aus dem Fernsehen, dass der Kaiser eine große Affinität zu der Weißbiermarke aus Erding hat. Und das Großartige an Beckenbauer ist ja, dass er es schafft, bei seinen Auftritten fast immer sympathisch und glaubwürdig zu sein. Der Mann ist da wirklich ein Phänomen. „Vor 30 Jahren, als ich beim HSV gespielt habe, da gab es in Hamburg im Wirtshaus, nein, Kneipe heißt das hier, da gab es noch kein Weißbier“, erzählt er. Das sei jetzt ja anders. Auch dafür also sei er mitverantwortlich, irgendwie. Der Franz spricht auch noch kurz über den Fußball. Und befindet: „Was im Moment in der Bundesliga passiert, ist verrückt. Der Fußball ist irrational, aber zur Zeit ist da wirklich sehr viel Bewegung.“ Er meint ausdrücklich die Trainerwechsel in der Eliteliga: „Das ist ja fast ein Zirkus.“ Für die Bayern (und den HSV) sei es ein verlorenes Jahr. „Nur noch um Platz drei“ gehe es für seinen Verein. Sogar eine Kritik erlaubt er sich an den handelnden Personen beim Rekordmeister: „Man hat sicherlich Fehler gemacht. Einer war, sich in der Winterpause nicht weiter zu verstärken.“

Wohl gemerkt, die Bayern waren gemeint. Nicht der HSV. Obwohl der auch ohne Winter-Verstärkungen auskommen musste. Mangels Kohle. Aber das ist ja schon einmal ein Gewöhnungsprozess für den kommenden Sommer gewesen. . .

Aber, nun erst einmal der Matz-ab-Abend, und dann die Geißböcke. Euch allen ein schönes und erfolgreiches und friedliches Wochenende.

18.27 Uhr

Heute Matz-ab-Treffen in der Raute

18. März 2011

Liebe Matz-abber,

und darin sind natürlich auch die lieben Matz-abberinnen eingeschlossen, nicht vergessen:

Heute findet das Matz-ab-Treffen

in der Raute statt, Beginn 19 Uhr. Es wird auch diesmal Besuch für uns geben, aber noch immer steht nicht fest, wer uns letztlich die Ehre geben wird. Aufgrund der angespannten Situation im Verein war es in den letzten Wochen und auch Tagen schwer, prominente Gäste für diesen Abend zu gewinnen – und dennoch ist es (bislang noch) gelungen.

Diejenigen, die schon zu- und dann abgesagt haben, oder diejenigen, die angefragt wurden und dann doch nicht die rechte Lust verspürten, die haben immerhin zugesagt, dass sie auf jeden Fall einmal bei einem nächsten (oder beim nächsten) Matz-ab-Treffen erscheinen wollen.

Also, nicht vergessen, heute um 19 Uhr beginnt der Abend in der Raute.

Wir freuen uns, bis dann,

Dieter und Scholle

01.19 Uhr

Wenn die gute Laune den Spitzenwert erreicht…

17. März 2011

Fußball! Endlich wieder Fußball!!! Es geht wieder um das, was uns – ich hoffe es zumindest – alle am meisten interessiert. Da geht es plötzlich wieder um politikfreie Torquoten, um überraschende Startelfnominierungen und ehemalige Weltstars, die den Neuanfang nutzen wollen, um sich auf den letzten Metern ihrer HSV-Zeit doch noch mal auf sportlichen Höchstniveau zu präsentieren. Kurzum: es macht endlich wieder Spaß beim HSV!

Und das ist im Training zu erkennen. Und auch wenn ich ganz klar sagen muss, dass die Trainingseinheiten in dieser Serie zumeist eher täuschend und ganz sicher kein Gradmesser der aktuellen Form sind, so machen sie mir in schwierigen Momenten wenigstens etwas Hoffnung. Wie eben jetzt. Und so in etwa wie Michael Oennings Aussagen heute über den Problemfall Ruud van Nistelrooy. Seit seinem untersagten Wechsel zu Real Madrid in der Winterpause schien der Niederländer nicht mehre auf die Beine zu kommen. Oder besser: nicht mehr kommen zu wollen. Lustlose Trainingseinheiten waren mit schwachen Leistungen auf dem Platz eine Mischung, die ihn unter Oennings Vorgänger Armin Veh logischerweise zum Reservisten degradierten. Ein Zustand, den Oenning ändern will. „Ich habe mich mit ihm länger unterhalten, um herauszufinden, woran es liegt“, sagt Oenning, „und wir hatten ein sehr offenes, ehrliches Gespräch. Ruud hat eine komplizierte Zeit hinter sich. Er möchte aber noch mal Fußball spielen, guten Fußball. Und das ist eine gute Grundlage, nach der ich zu dem Eindruck gekommen bin, dass Ruud hier noch etwas zeigen will.“ Und das wird er voraussichtlich anstelle Paolo Guerreros am Sonnabend gegen Köln dürfen. „Es gab zwei mögliche Optionen“, so Oennings Erklärung, „entweder wir fangen noch mal bei null an und ich bringe ihn – oder eben nicht.“

Und auch wenn van Nistelrooy im Training zu den eher mäßig begeisternden Spielern zählt, setzt Oenning auf den Effekt des Neubeginns. „Ruud van Nistelrooy – das ist immer noch ein Name, der in der Liga Angst und Schrecken verbreitet. Wir müssen versuchen, Ruud in die für ihn besten Situationen zu bringen, und die sind natürlich im Sechzehner.“ Ob der Niederländer im Zusammenspiel mit Mladen Petric nicht vielleicht etwas zu wenig Laufleistung verspricht? „Nein“, sagt Oenning, „deswegen spielen wir ja nicht mit einem echten Stürmer und einem dahinter sondern mit zwei echten Stürmern. Und Ruud weiß auch, dass das kein Freifahrtschein ist, dass ich ihn ganz normal nach seiner Leistung bewerte. Er kriegt nicht automatisch fünf Spiele am Stück, das war nicht der Deal.“

Ein so genannter „Big Deal“ könnte indes eine Startelfnominierung von Dennis Diekmeier werden, nachdem der 21-Jährige seit Saisonbeginn ausgefallen war und gegen Köln eine Option für die Startelf ist. Meine Meinung kennt Ihr dazu, aber vielleicht geht Oennings Plan dahinter auf. „Ich bin froh, dass Dennis in so kurzer Zeit wieder soweit ist. Er ist 100 Prozent fit und ich weiß, wo er uns helfen kann. Er ist gedanklich und real eine Option.“ Festlegen wollte sich Oenning dann allerdings nicht, da sich gestern Nachmittag Guy Demel wieder fit zurückmeldete und auch heute ganz normal mit der Mannschaft trainieren konnte.

Klar ist allerdings, dass Oenning offensiv spielen lassen will. Im Training haben Pressing-Übungsspiele Hochkonjunktur. Auch heute, wo wieder in Turnierform über den halben Platz gespielt wurde. „Ich möchte offensiv spielen. Das ist mit hoher Konzentration und Laufbereitschaft verbunden. Und mit einem Risiko – aber das wollen wir nehmen.“

Eine Konsequenz daraus könnte sein, dass er ob der eher ökonomischen Spielweise van Nistelrooys und Petrics mit zwei fleißigen Außenstürmern beginnt. Im Training waren das zuletzt Änis Ben-Hatira und Heung Min Son, wobei auch Jansen und der im Training fleißige und von Oenning dafür oft gelobte Eljero Elia eine Alternative sein dürften. Und so gern ich klar sagen würde, wer wo spielt – in diesem Fall kann ich das noch nicht. Was mich einerseits ärgert – andererseits bewirkt diese Ungewissheit für einen hohen Konkurrenzdruck innerhalb der Mannschaft. Und der soll ja bekanntlich förderlich sein.

Zumal die Mannschaft endlich die nötige Ruhe zum Arbeiten hat. Sagt Mladen Petric. „Die Unruhen haben alle belastet, auch uns, obwohl das nicht so sein sollte. Aber jetzt ist hier Bewegung reingekommen und der Verein hat gehandelt. Es hat sich einiges geändert und es gibt endlich wieder eine klare Richtung“, freut sich der Kroate, der auch sonst zuversichtlich wirkt, auch den internationalen Wettbewerb noch nicht abgehakt hat: „Irgendwo gibt es ja doch noch eine ganz kleine Chance. Und die wollen wir nutzen.“ Motivation dafür sei schon allein aus dem letzten Spiel, dem peinlichen 0:6 in München, im Übermaß vorhanden. „Wir müssen was zeigen“, so Petric, „immerhin haben wir uns in München abschlachten lassen. Und wenn wir den Neuanfang haben – dann wollen wir ihn auch nutzen und in die andere Richtung als zuletzt rudern.“

Klingt gut, finde ich. Inwieweit der Neuanfang seine persönliche Situation beeinflusst, vermochte Petric nicht zu beantworten. „Es ist nicht so, dass ich weg will. Gleich beim ersten Widerstand abhauen, das ist nicht mein Ding. Aber es gibt halt noch keine Tendenzen, weder von mir noch von Vereinsseite.“ Dafür sei bislang ja auch kein Ansprechpartner vorhanden gewesen. Auch nicht Noch-Sportchef Bastian Reinhardt, „der sich ja auch erst mit dem neuen Sportchef abstimmen musste“. Zudem will Petric abwarten, in welche Richtung der HSV plant. Wer kommt, wer geht? Schafft der HSV noch den internationalen Wettbewerb? „Das sieht man natürlich nicht gern. Wir haben in der Mannschaft viele Nationalspieler, die den Anspruch haben, international zu spielen“, sagt Petric, den aber nicht minder interessiert: was für einen Vertrag bekommt er geboten? „Bis 34 will ich noch auf höchstem Niveau spielen“, so der 30-Jährige, der damit auch klar machen will, dass er seinen letzten großen Vertrag plant.

Den hat Zé Roberto längst hinter sich. Obwohl ihm Oenning heute attestierte, noch viele Jahre auf allerhöchstem Niveau spielen zu können. „Wie lange er noch Fußball spielt, hängt allein von seiner Lust ab. Körperlich hat er keine Probleme, er ist frei von Alter. Und fußballerisch zähle ich ihn in die Kategorie ‚Künstler‘. Ich sehe ihn bei uns deshalb auch eher im zentral-offensiven Bereich.“ Und das nach Möglichkeit noch einige Jahre. Oenning: „Wenn es nach mir geht, ist er noch sehr, sehr lange hier.“

Womit klar ist, worauf Oenning in seinem ersten Spiel am Sonnabend gegen Köln setzt: Er hat sich gleich mit seinen ersten Amtshandlungen die drei Stammesältesten herausgegriffen – Rost im Zuge seines Interviews, danach van Nistelrooy und Zé Roberto – und ihnen mit seinen Worten seine volle Rückendeckung versprochen. Bleibt zu hoffen, dass ihm dies auch zurückgezahlt wird.

In diesem Sinne, wer heute nur Sportliches lesen will, der soll bitte das „P.S.“ unter meinem Abschiedsgruß heute ignorieren.

Ich verlasse jetzt endlich mal wieder gut gelaunt den Presseraum der Imtech-Arena. Und ich werde zusammen mit meiner Freundin gegenüber in der „O2-World“ dank Comedian Dieter Nuhr meine gute Laune zu einem lange nicht mehr erreichten Spitzenwert verhelfen, der nur am Sonnabend nach dem Schlusspfiff gegen Köln nochmals gesteigert wird… Hoffentlich…

In diesem Sinne,
Scholle

18.25 Uhr

P.S.: So partout ich diesen Blog mit Fußball und nichts anderem beschließen wollte, zumindest noch eine vereinspolitische Sache. Und die auch nur, weil sie grundsätzlich positiv ist. Denn der Interimsboss Carl Edgar Jarchow verbreitet auf der Geschäftsstelle wie bei der Mannschaft positive Stimmung. Das wiederum hat den Aufsichtsrat dazu veranlasst, sich selbst und vor allem seiner Übergangslösung ein Kompliment auszusprechen: „Die ersten Kommentare bestätigen uns in der Einschätzung, eine Lösung von hoher Akzeptanz und großem Vertrauen gefunden zu haben, die wieder Ruhe in den Verein bringen wird.“ Dadurch habe der Aufsichtsrat die komfortable Situation, in Ruhe nach einer Dauerlösung für den Posten des Ersten Vorsitzenden zu suchen. Angeblich seien die zuletzt immer wieder genannten Björn Gulden und Heribert Bruchhagen dabei aktuell keine Gesprächspartner.

Wie auch immer, in den nächsten Tagen und Wochen werden wir früh genug darauf eingehen müssen – verzichten wir deshalb heute ausnahmsweise mal auf eine Interpretation dieser Aussagen.

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