Tagesarchiv für den 29. März 2011

Oenning: “Die Jungs haben gerade viel Spaß”

29. März 2011

Es wird viel gelaufen. Und die Stimmung ist prächtig. Berg rauf, Berg runter. Und die Spieler lachen, scherzen, strahlen. Andere stöhnen, wenn sie viel laufen müssen, aber die HSV-Profis fühlen sich wohl dabei, wirken entspannt und gut gelaunt. Weil sie erstmals seit langer Zeit laufen müssen? Oder laufen dürfen? Der neue Chef, Michael Oenning, hat die Zügel deutlich angezogen. Und er erklärt: „Das hat nun nichts damit zu tun, dass ich irgendwie rückwärts gerichtet bin – ich stelle mir das aber so vor. Wir müssen eine hohe Laufbereitschaft in unserem Spiel haben müssen, deswegen müssen wir auch die Bereitschaft haben, das im Training immer wieder herzustellen. Und wir haben mit Günter Kern auch einen guten Mann, der dieses Training durchführt, und die Spieler nehmen das auch vorbehaltlos an. Sie selber merken, wie leistungsfähig sie sind, und das hilft ungemein.“

Einige Spieler sind beim Laufen sogar so emsig bei der Sache, dass sie vom Trainer schon gebremst werden müssen. Ein gutes Zeichen. Wobei Oenning auch sagt: „Wir müssen mehr machen, um einen guten Standard zu bekommen.“ Nach dieser Aussage habe ich den Coach gefragt, ob er denn diese Erkenntnis noch nicht gehabt habe, als er noch der Assistent von Armin Veh war? Eine Frage, die nicht böse gemeint war, die aber doch irgendwie auf der Hand lag. Oenning dazu: „Jeder Chef-Trainer hat seine eigenen Vorstellungen, und er gibt den Rahmen vor – so oder so möchte er das haben. Das steht denn für sich. Das hat weniger damit zu tun, ob man es darf oder nicht darf, sondern eher damit, ob gewollt oder nicht gewollt.“

Armin Veh wollte es wohl eher nicht. Michael Oenning will es jetzt schon. Und er ist jetzt der Boss. Wobei ich seit Jahrzehnten immer gehört habe, dass die Trainer des HSV gegen Ende der Saison bewusst nicht mehr angezogen haben. Eine alte Fußball-Weisheit, so hieß es stets, besagte, dass Konditions-Training zum Saisonende nichts mehr bringe. Oenning ist anderer Meinung: „Ich denke da ganz anders. Und all die Nischen, die wir da haben, die werden wir auch nutzen.“

Da gibt es zum Beispiel Ruud van Nistelrooy. Er sah zuletzt seine fünfte Gelbe Karte, er pausiert also gegen Hoffenheim – und deshalb wird er nach seiner Rückkehr nach Hamburg auch noch eine Extra-Behandlung bekommen.“ Soll heißen: Auf den Niederländer wartet auch noch die eine oder andere intensive Laufeinheit, damit er auf demselben Stand ist wie jene Kollegen, die nun hier waren (weil sie keine Länderspiel-Einsätze hatten). Oenning: „So muss das auch sein. Ich glaube, dass wir da individuell eine Menge machen können, und dafür haben wir ja auch genügend gute Trainer.“ Der neue Chef weiter: „Das wird uns auf jeden Fall begleiten, ich wüsste auch nichts, was dagegen spricht. Es ist ja ein Unterschied, ob ich etwas Populistisches mache, oder irgendwie etwas versuche – oder es passiert einfach, es läuft einfach mit. Das ist aus meiner Sicht auch Grundlagen-Arbeit. Und in vielen anderen Sportarten geht es ja auch gar nicht anders. Und wir, die stark geprägt sind vom schnellen Laufen, wir müssen natürlich am Schnelligkeits-Training arbeiten, das geht gar nicht anders.“

Die HSV-Profis, wie eingangs schon geschildert, sie machen nicht nur willig mit, sie begrüßen diese neue Härte. Wer jetzt als Kiebitz im Volkspark weilt, dem wir nicht entgangen sein, dass die Stimmung zuletzt immer besser geworden ist. Bei einem Spielchen wird nur noch selten geflucht oder gemeckert (untereinander), sondern mehr gelobt oder motiviert. So ein heutiges Beispiel: Wenn die Mannschaft von Frank Rost eine Chance vergab (ausließ), dann kommentierte der Keeper von hinten – ganz auffällig – mindestens zehn Mal (und mehr): „Schade.“ Jeder war und ist in diesen Tagen um einen guten Ton im Umgang miteinander bemüht. Und natürlich um gute Leistungen. Auffällig dabei: Von einer Seite flankten Dennis Diekmeier und Collin Benjamin, von der anderen Seite Ze Roberto, Piotr Trochowski und auch noch Marcell Jansen. „Collo“ und Diekmeier erhielten dabei von mir die etwas besseren Noten.

In der Mitte wurde der Abschluss gesucht, per Kopf und per Fuß. Muhamed Besic, der lange Zeit Pech bei seinen Versuchen hatte, traf später dreimal in Folge mit einem „Tor-des-Monats“-Treffer. Änis Ben-Hatira feierte sein einziges Kopfballtor wie den Gewinn einer Meisterschaft, und Gojko Kacar verzweifelte einige Male am glänzend reagierenden Tom Mickel, der wirklich einen Schokoladen-Tag erwischt hatte. Sogar Frank Rost entfuhr es nach einer Glanzparade des Kollegen lautstark: „Das war ja sensationell!“ Und das war es tatsächlich.

Am Rande liefen übrigens Romeo Castelen und Miroslav Stepanek, die beide noch eine Einheit mit Reha-Trainer Markus Günther absolvierten. Und dabei kam ich zu dem Gedanken, dass Castelen schon wieder so gut und „rund“ läuft, dass wir ihn wohl doch noch einmal (oder das eine oder andere Mal) auf dem Rasen in der Arena (und nicht nur dort) sehen werden. Und wie schön wäre das denn wohl?

Zurück noch einmal zur Intensität des Trainings. Kommentar von Michael Oenning: „Ich habe den Eindruck, dass die Jungs gerade viel Spaß haben an dem, was sie tun. Dass sie sehr eifrig sind, dass sie aber auch locker sind, dass sie Spaß haben. Und wenn wir das halten können, und wenn wir dann wirklich konzentriert in das Spiel gehen, dann erwarte ich einfach auch, dass wir ein gutes Spiel machen. Aber, das habe ich auch schon gesagt, wir müssen versuchen, konstant zu werden. Das heißt nicht, dass man immer am oberen Level spielt, aber man muss es schon versuchen.“ Wir bitten darum.

Michael Oenning weiß natürlich auch, dass der HSV eine Berg-und-Tal-Fahrt hinter sich hat. Mal gut, mal schlecht – und immer dann, wenn es nach oben gehen sollte, dann gab es garantiert einen Misserfolg. Und wenn der geneigte HSV-Fan an Hoffenheim denkt, dann denkt er gewiss an nicht viel Gutes. Fünf Spiele, zwei knappe Heimsiege (2:1, 1:0), ein Unentschieden (0:0) – und auswärts 1:5 und 0:3. Besonders die böse Klatsche (unter Labbadia) hat noch immer deutliche Spuren hinterlassen. Damals spielten Rost, Rincon, Boateng, Mathijsen, Aogo, Trochowski, Tesche (schoss das Ehrentor), Jarolim, Pitroipa, Berg und Petric, eingewechselt wurden Rozehnal, Arslan und Bertram. Wobei Arslan in den Schlusssekunden noch die Rote Karte sah. Es „passte“ alles, an diesem Tag. Diese Schmach könnte durchaus wieder (und noch einmal) gut gemacht werden. Zumal ein Sieg nun sehr, sehr wichtig wäre – immer noch, oder immer wieder, im Kampf um den internationalen Startplatz.

Noch hat sich Oenning nicht entschieden, wer den gesperrten Ruud van Nistelrooy ersetzen wird. Eine zweite Spitze neben Mladen Petric? Oder nur eine Spitze (Petric), dahinter dann ein breiteres Mittelfeld? Letzteres könnte, wenn ich das Mienespiel des Trainers richtig beobachtet habe, eher der Fall sein. Hinten dagegen dürfte, wenn ich richtig interpretiere, alles so bleiben wie zuletzt. Das heißt: Heiko Westermann auf der „dynamischen“ Sechs, und Gojko Kacar in der Innenverteidigung. Und der „große Ze“ auf de Zehn.

Der Trainer lotet das offenbar auch in Einzelgesprächen aus. Er spricht viel unter vier Augen, um zu erfahren, wie sich die Spieler fühlen, was sie denken, was sie wollen – wie sie die jeweilige Situation sehen. Oenning: „Ich halte das für sehr wichtig, für sehr, sehr wichtig sogar. Ich versuche möglichst, alle gleichmäßig zu erwischen. Wenn ich wissen will, was da los ist, muss ich ganz einfach mit den Leuten reden. Und es ist ja auch nicht so, dass ich nicht nur schöne Gespräche führe, sondern auch andere.“ Ernstere, entscheidende. Der Coach weiter: „Manche brauchen nur ganz wenige Gespräche, bei manchen Spielern reicht auch schon ein Blick. Ich finde, dass sie die Möglichkeiten haben müssen, sich auszuleben, dass man nicht alles unterbindet. Sie dürfen sich auch ruhig untereinander mal hoch nehmen. Entscheidend ist dann nur, dass sie immer wieder wissen wann Konzentration verlangt ist, wann es um die wichtigen Dinge geht. Das ist ein Geben und Nehmen, nur so funktioniert das.“

Mit Marcell Jansen („Der HSV legt mir Steine in den Weg“) hat sich Oenning in der vergangenen Woche ausgesprochen. Und der Trainer sagt: „Ich finde, dass er gerade eine sehr gute Reaktion darauf zeigt, denn er trainiert sehr gut.“ Apropos: Gut trainiert hat nicht nur heute auch wieder Piotr Trochowski. Wieder einmal. Über seinen „kleinen Dribbelkünstler“ (muss einfach kommen – so lange er noch da ist!) sagt der Coach: „Ich finde auch bei ihm, dass er im Moment wirklich gut trainiert. Er versucht sich in die Situation hineinzuversetzen. Trotzdem ist es ja so: Wir kommen aus dieser Konkurrenzsituation nicht heraus. Wenn alle Spieler gesund sind, dann wird es immer Härten geben. Und da ist es denn so: Weiter im Training anbieten und gucken was passiert. Das gilt auch für Troche. Wobei ich nicht weiß, wohin bei ihm die Reise geht . . .“
Florenz? Sevilla? Bremen? Oder, oder?

Grundsätzlich empfindet Michael Oenning diesen HSV-Kader als zu groß: „Im Moment ist es so. Wenn man mal elf gegen elf spielen will, man hat aber 24 Feldspieler zu Verfügung – das ist doch ein Drama. Wir haben zum Beispiel neun Stürmer? Da sagt man dann dem einen oder anderen Stürmer, er darf nicht mitmachen – das ist doch schlimm.“ Deswegen plädiert der Trainer auch für eine Kader-Verkleinerung: „Das wäre doch im Sinne der Philosophie, dass man dann auch Talente einbaut – von unten nach oben. Das wäre ideal.“ Und sicher auch ein wenig billiger für den Klub – in Sachen Unterhaltung. Und für den Nachwuchs wäre es auch hilfreicher, denn der könnte sich häufiger mal beweisen, zeigen was er kann.

Ein kleinerer Kader könnte sicher auch ein wenig schneller ein richtiges Team werden, als es die jetzige HSV-Mannschaft geschafft hat. Sie ist ja erst jetzt, gegen Ende der Saison dabei, eine Gemeinschaft zu werden. Nachdem es jahrelang nicht geklappt hat. Dass die Stimmung derzeit sehr gut ist, davon konnte auch Gojko Kacar berichten: „Es herrscht jetzt eine lockere Atmosphäre, wir lachen mehr in der Kabine, lachen auch mehr auf dem Platz. Wir sind eben auch Menschen, wir brauchen das – und so ist es ja auch viel besser. Man hat es doch gegen Köln gesehen: Wir haben sechs Tore gemacht, wir hätten aber auch noch sechs Tore mehr machen können. So, wie es jetzt ist, müssen wir weitermachen. Mit einem Lachen auf dem Platz läuft es doch viel besser.“

Dass bei diesem Stimmungswechsel auch Michael Oenning eine gewisse Rolle spielt, das sieht auch Kacar so: „Er ist ein anderer Mensch, natürlich. Bei ihm kann man Spaß haben, man kann lachen, er versucht auch immer mal, bei der Besprechung mit einem kleinen Flachs die Stimmung zu lockern – und das finde ich sehr gut. Es ist doch sonst schwer, im Training immer nur seriös zu sein. Wenn es lockerer zugeht, dann hilft es allen – ich muss doch schon im Spiel in der Innenverteidigung immer ganz seriös bleiben, ich darf mir da keinen Fehler erlauben.“

So ist es. Auch in Hoffenheim wird der HSV wieder ganz auf die seriöse Seite des Gojko Kacar setzen. Hoffentlich mit Erfolg. Wie gegen den 1. FC Köln. Auch wenn es beim 6:2-Sieg sicher einige Szenen gab, die nicht ganz so seriös aussahen – nicht nur bei Kacar.

17.41 Uhr