Tagesarchiv für den 26. März 2011

Sorgen Sie sich um den HSV, Herr Rieckhoff?

26. März 2011

Er ist ein Urgestein des HSV, hat schon verschiedene, stets ehrenamtliche Posten im Klub bekleidet, war in der Ära von Ernst Naumann der Schatzmeister des Vereins, doch nun steht er wohl vor seiner größten Herausforderung mit dem, nein, mit seinem HSV. Ernst-Otto Rieckhoff (59) ist seit der Mitgliederversammlung am 18. Januar quasi jeden Tag damit beschäftigt, den „neuen HSV“ auf die Beine zu stellen. Der Boss des Aufsichtsrates „bastelt“ unheimlich emsig und akribisch daran, dass wieder Ruhe, eine gewisse Entspanntheit und vor allem der Erfolg zur Raute zurück- und einkehrt. „Matz ab“ sprach mit Rieckhoff über den Klub.

Ma: Herr Rieckhoff, haben Sie eigentlich den Schock schon verdaut?

ERNST-OTTO RIECKHOFF: Welchen Schock, habe ich da etwas verpasst?

Ma: Nein, nein, gemeint ist nur jener Schock, den Sie erlitten, als Sie kürzlich beim Matz-ab-Treffen in der Raute bei Ihrem Erscheinen mit donnerndem Applaus begrüßt worden sind – das war zu jener Zeit ja wohl total ungewöhnlich.

RIECKHOFF: Das war doch kein Schock, das war ein äußerst angenehmes Gefühl, denn in den zwei Wochen zuvor habe ich oft genug das Gegenteil kennen gelernt.

Ma: Wie waren die zwei Wochen zuvor?

RIECKHOFF: Die waren geprägt durch eine permanente Druck-Situation. Es ging doch in erster Linie um die Handlungsfähigkeit des HSV. Die musste wieder hergestellt werden.

Ma: Haben Sie eigentlich schon einmal bereut, die Nummer eins des Aufsichtsrates übernommen zu haben?

RIECKHOFF: Ganz klar nein. Wenn ich etwas im Sinne des HSV mache, dann führe ich das auch zu Ende.

Ma: Derzeit ist in den HSV wieder Ruhe eingekehrt. Haben auch Sie das schon registrieren können, werden Sie eventuell auch darauf mal angesprochen?

RIECKHOFF: Ja, sehr oft sogar. Doch ich beobachte das auch, diese Ruhe ist nun wieder da, das ist auch meine Wahrnehmung. Wenn ich zum Beispiel auf der Geschäftsstelle bin, dann höre ich das auch von vielen Mitarbeitern. Es ist jetzt, nach so kurzer Zeit, schon eine Normalisierung eingetreten. Wir reden jetzt alle wieder über den Fußball, es wird kaum noch über Vereinspolitik gesprochen, und es wird ja auch in den Medien inzwischen weniger darüber geschrieben.

Ma: Was hat Ihrer Meinung nach denn zu dieser neuen Ruhe im Verein
geführt?

RIECKHOFF: Ich glaube, dass wir in der letzten Zeit eine ganz klare Polarisierung im HSV hatten, das war unser Problem. Das hing mit der Person Bernd Hoffmann zusammen, aber diese Polarisierung ist nun verschwunden.

Ma: Mussten Sie deshalb schon den einen oder anderen Glückwunsch annehmen, weil der Klub nun begonnen hat, wieder ganz normal zu ticken?

RIECKHOFF: Nein, keine Glückwünsche, aber man sagt mir hin und wieder doch schon, dass wir diese Ruhe im Verein auch dringend benötigt haben – und, ich wiederhole mich, dass wir uns jetzt endlich mal wieder über Fußball Gedanken machen. Das ist, so glaube ich, auch bei der Mannschaft gut angekommen.

Ma: Zur Ruhe und Entspanntheit hat doch vielleicht auch der 6:2-Erfolg über den 1. FC Köln beigetragen, dieser Sieg kam wohl zur rechten Zeit, oder?

RIECKHOFF: Ja, ganz sicher, das war in diesem ganzen Konzert ein wichtiger Beitrag, keine Frage. Aber dieser Sieg war nur ein Teil dessen, was wir uns noch bis zum Ende der Saison von der Mannschaft erhoffen.

Ma: Sie haben mit dem Team gesprochen, der neue Vorstand hat mit den Spielern gesprochen – wie kam das an bei den Profis?

RIECKHOFF: So genau kann ich das nicht beurteilen, aber im Nachhinein gab es so manchen Kommentar aus der Mannschaft zu hören, und dabei stand im Mittelpunkt, dass man nun ganz glücklich sei, wieder Ansprechpartner zu haben.

Ma: Sie haben in den letzten Wochen schon oft mit dem neuen Sportchef Frank Arnesen zu tun gehabt, was für ein Mensch ist der Däne?

RIECKHOFF: Er zeichnet sich durch eine sehr, sehr hohe sportliche Kompetenz aus, er hat menschliche Wärme und er ist eigentlich immer fröhlich. Das strahlt er praktisch immer aus, und das wird ihm und uns sicher helfen, wenn er Gespräche mit potenziellen neuen Spielern führt, oder wenn er auch mit HSV-Spielern spricht, bei denen es um eine Vertragsverlängerung geht. Eines muss ich auch deutlich sagen: Der Sportchef ist die zentrale Position im HSV, und ich bin restlos davon überzeugt, dass wir mit Frank Arnesen die optimale Lösung für unseren Verein gefunden haben.

Ma: Arnesen bestimmt das Sportliche, wie wird er wohl in Sachen Trainer entscheiden? Hat Michael Oenning eine Chance, zu bleiben?

RIECKHOFF: Das wird die Klub-Führung entscheiden, nicht der Aufsichtsrat.

Ma: Frank Arnesen kommt erst im Sommer, er ist ja noch für den FC Chelsea tätig, wie aber kann er, was wohl dringend erforderlich ist, schon jetzt für den HSV arbeiten?

RIECKHOFF: Er arbeitet zwar noch nicht für den HSV, aber man tauscht sich aus, und zwar in einem ganz normalen Rahmen, so dass seine Tätigkeit für Chelsea dadurch nicht beeinträchtigt wird. Es stört ihn ganz sicher nicht, es beeinflusst ihn auch nicht negativ, wenn er hin und wieder an den HSV denkt – und er kann dabei schon eine ganze Menge tun, indem er aktuell mit unserer sportlichen Führung in Hamburg spricht und entsprechende Entscheidungen für diesen Sommer schon auf den Weg bringt.

Ma: Im Aufsichtsrat fehlt, so hieß es in den letzten Jahren immer wieder, sportliche Kompetenz. Werden in Zukunft solche HSV-Ikonen wie Uwe Seeler, Willi Schulz, Manfred Kaltz oder auch Ditmar Jakobs mehr eingebunden und um Rat gefragt?

RIECKHOFF: Dass die sportliche Kompetenz im Aufsichtsrat nicht so vorhanden ist, das ist nicht neu, so ist es ja seit Jahren. Das haben die Wahlen eben ergeben. Gespräche sind uns aber immer willkommen, und was mich persönlich angeht, so kann ich sagen, dass ich schon seit geraumer Zeit mit der einen oder anderen HSV-Größe im Gespräch stehe, ohne dass ich da Namen nennen werde.

Ma: Mal Butter bei die Fische, Herr Rieckhoff, sind die Kassen des HSV tatsächlich leer?

RIECKHOFF: Die finanzielle Situation wird der Lage entsprechend angepasst. Das heißt, wir werden im Sommer sehen, ob wir dann international spielen – oder nicht.

Ma: Wenn kein Geld vorhanden ist, oder niur wenig, wie kommt Frank Arnesen denn damit kalr?

RIECKHOFF: Frank Arnesen hat zehn Jahre überaus erfolgreich beim PSV Eindhoven gearbeitet, und er hat sich dadurch ausgezeichnet, dass dort viele Talente entdeckt wurden und die dann zu Stars ausgebildet worden sind. Wenn er diese Arbeit so erfolgreich auch in Hamburg fortsetzen kann, dann ist uns schon sehr geholfen.

Ma: Bestehen denn überhaupt noch Chancen, dass Spieler und Spitzenverdiener wie Frank Rost, Ze Roberto oder auch Ruud van Nistelrooy doch in Hamburg gehalten werden können?

RIECKHOFF: Das ist auch eine Sache der sportlichen Leitung.

Ma: HSV-Ochsenzoll ist ja auch eine Herzensangelegenheit von Ihnen. Tut es Ihnen nicht auch schon lange, lange weh, dass nur recht wenige Talente bislang den Weg von Norderstedt in die Bundesliga geschafft haben?

RIECKHOFF: Ja, natürlich. Dass wir eigene Spieler ganz nach oben bringen, das war immer mein Wunsch, und ich bin damit sicherlich nicht allein. Ich weiß aber auch, dass wir in Ochsenzoll schon vor einem Jahr Maßnahmen ergriffen haben, und die Entwicklung dort ist ja auch schon weit vorangetrieben ist. In naher Zukunft erwarte ich deshalb schon wesentlich mehr positive Ergebnisse.

Ma: Was passiert eigentlich mit dem Team um Paul Meier, der von Urs Siegenthaler und auch von Bernd Hoffmann für den HSV-Nachwuchs installiert wurde?

RIECKHOFF: Das wird alles im Team der sportlichen Leitung entschieden, da kenne ich keine Details, das wird eine Entscheidung des gesamten Vorstandes.

Ma: Mal kurz zu Ihrem Alltag. Sie sind Pensionär, aber hatten zuletzt sicher reichlich Arbeit, das ging doch oft über 24 Stunden am Tag, oder?

RIECKHOFF: Ich hatte seit dem 18. Januar sicherlich einen Full-time-Job, das war schon heftig. Nun aber ist Erleichterung in Sicht, es ist zuletzt etwas ruhiger geworden. Ich habe weniger Termine, zudem sind die Telefonate reduziert – aber dennoch bin ich immer noch voll am Ball. Das wird wohl auch erst einmal so bleiben.

Ma: Ihr Vorgänger im HSV-Aufsichtsrat war Horst Becker, Sie sind seit vielen Jahrzehnten die dicksten Freunde – hat sich etwas an diesem guten Verhältnis geändert?

RIECKHOFF: Nein, gewiss nicht, rein gar nichts. Wir haben uns früher ausgetauscht, und wir tauschen uns heute noch aus. Und im privaten Bereich hat sich überhaupt nichts zwischen uns geändert, eine Männerfreundschaft, die so viele Jahrzehnte hält, die lässt sich auch nicht so leicht auseinander dividieren. Trotz der Tatsache, dass wir gelegentlich mal unterschiedlicher Meinung sind, sind wir weiterhin beste Freunde.

Ma: Immer wieder gibt es ja das Gerücht, dass sich drei oder vier Aufsichtsratsmitglieder noch mit Rückzugsgedanken tragen. Geben einige der zwölf Herren doch noch auf, oder was steckt dahinter?

RIECKHOFF: Davon habe ich noch nichts gehört, davon weiß ich nichts, mit mir hat keiner darüber gesprochen. Das ist ein Gerücht, das ich gewiss nicht weiter verfolgen werde.

Ma: Herr Rieckhoff, beim Matz-ab-Treffen nahmen Sie die Bitte um Briefwahl zur Kenntnis, wie stehen Sie heute dazu, was ist in diesem Punkt passiert, was muss passieren?

RIECKHOFF: Den Wunsch, dass sämtliche Mitglieder mehr in die Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden wollen, den habe ich mit Freude zur Kenntnis genommen – und ich unterstütze ihn auch. Ich bin derjenige, der den gesamten Verein im Auge hat, und nicht nur Auszüge. Und deswegen begrüße ich es, dass sich jetzt immer mehr HSV-Mitglieder auch aktiv an all diesen Dingen beteiligen, die den Verein beschäftigen.

Ma: Noch einmal nachgefragt, was ist in dieser Sache passiert, was muss passieren?

RIECKHOFF: Die Dinge sind ja bereits eingeleitet. Es gibt eine Satzungskommission, in der bereits das Thema Briefwahl auf der Tagesordnung steht. Aber: Eine Entscheidung wird es immer nur in einer Mitgliederversammlung geben, die Satzungskommission kann nur Vorschläge machen.

Ma: Abschließend gefragt, Herr Rieckhoff, machen Sie sich eigentlich Sorgen um den HSV, oder könnten Sie verstehen, dass sich Fans und Mitglieder Sorgen um den Klub machen?

RIECKHOFF: Ich würde mir wünschen, dass wirklich alle Mitglieder und Fans den nun handelnden Personen, und ich meine allen handelnden Personen, ihr Vertrauen schenken. Wenn das der Fall ist, und ich bitte wirklich alle darum, dann mache ich mir ganz sicher keine Sorgen um den HSV. Bei jedem müssten nun die persönlichen Interessen in den Hintergrund treten, alle müssten nun in erster Linie nur an den HSV und das Klub-Wohlbefinden denken. Wenn wir alle gemeinsam, mit absoluter Geschlossenheit alle anstehenden Aufgaben anpacken, dann ist mir um unseren Klub ganz gewiss nicht bange.

20.13 Uhr