Tagesarchiv für den 25. März 2011

“Es gibt voll Lack”

25. März 2011

So ruhig war es ja seit Monaten nicht mehr . . . Kein Gemecker, kein Gezanke, keine schlechte Stimmung im Volkspark. So kann, so darf, so muss es weitergehen. Herrlich, diese Ruhe, einfach nur herrlich. Die Trainings-Kiebitze können sich nun wieder – ganz ungewohnt – ausschließlich auf den Fußball konzentrieren, ist gibt nichts mehr zu „dibbern“. Die Lage wirkt total entspannt, so als hätte der Fußball-Gott jede Menge Weichspüler über den Volkspark gekippt. Jetzt müssten sich nur noch die sportlichen Erfolge wieder einstellen, und schon ist der HSV wieder ein ganz normaler Bundesliga-Verein. Im Training wird dafür richtig gut und hart gearbeitet. In dieser Woche mussten die Profis ordentlich laufen. So wie seit Jahr und Tag nicht mehr, hatte es den Anschein. Berg rauf, Berg runter, quer über den Platz, lang über den Platz, Steigerungsläufe und kurze Sprints, alles war dabei. Für Fußballer nicht gerade das ideale Training, aber im Moment, so scheint es, mögen es alle. Weil es irgendwie ja auch dazu gehört, dass es mal ans Eingemachte geht. Wie gesagt, lange nicht mehr erlebt, seit vielen Jahren schon nicht mehr, aber für mich auch deutlich ein Zeichen dafür, dass im Volkspark noch einmal jeder beißen will. Es darf geschwitzt werden.

Schade eigenlich, dass diese Programm nicht alle mitmachen (müssen, dürfen), denn es sind zurzeit ja nur Frank Rost, Heiko Westermann, Marcell Jansen, Ze Roberto, Robert Tesche, David Jarolim, Gojko Kacar, Dennis Diekmeier, Piotr Trochowski, Änis Ben-Hatira und Heung Min Son anwesend. Zur Regionalliga-Mannschaft waren heute Tom Mickel und Lennard Sowah „abkommandiert“ (2:0-Sieg gegen Oberneuland). Der „Rest“ weilt bekanntlich bei den Nationalmannschaften. Aber auch sie werden, wenn sie erst wieder in Hamburg weilen, die neue „harte Welle“ des HSV noch kennen lernen, da bin ich mir sicher.

„Wir haben schon immer gut trainiert, in den drei Jahren, in denen ich jetzt beim HSV bin. Aber es stimmt schon, was jetzt abläuft, das ist schon ganz speziell. Ich muss sagen, dass der Günter Kern das im Zusammenspiel mit Manfred Düring sehr gut macht. Wir hatten zwar vorher drei Tage frei, aber wir wussten schon, was danach auf uns zukommen würde. Und das haben wir auch heute wieder gespürt“, sagt Marcell Jansen, der anfügt: „Aber, das sage ich auch ganz klar, es ist völlig in Ordnung, es macht Spaß, es ist alles mit System – es ist gut. Es ist nicht immer schön, natürlich, aber es passt, die Stimmung ist trotz der härteren Anforderungen gut.“ Jansen nennt es ganz speziell: „Es gibt voll Lack.“ Und lobt noch einmal die Amateure von Eintracht Norderstedt, wo der HSV ja bekanntlich ein Benefizspiel ausgetragen und 4:0 gewonnen hat: „Die waren gut, die waren sogar sehr gut, die haben ordentlich dagegen gehalten, da mussten wir auch alles geben, um da zu gewinnen – da mussten wir schon ordentlich anziehen.“

Dabei fing alles erst ganz harmlos an. Ballschule, danach Pässe über das gesamte Spielfeld (quer). Es spielten zwei gegen zwei, die Bälle mussten in ein Quadrat von acht mal acht Metern gespielt werden, gelang das nicht, gab es den Punktgewinn für den Gegner. Die Teams wurden durchgewechselt, ein Gewinner-Team wurde von den Kiebitzen die „Bremer Fraktion“ genannt: David Jarolim und Piotr Trochowski. Warum wohl die „Bremer Fraktion“ . . ? Und erst nach diesen Spielchen ging es ans Laufen. Und ans Schnaufen. Kommentar Marcell Jansen: „Wir haben richtig gezogen, der Puls war kurz vorm Explodieren.“ Und: „Es ist ja nicht so, dass der Günter Kern uns sagt, dass wir einfach nur mal laufen sollen, nein, da wird schon komplexer gedacht, da wird schon moderner gedacht. Günter Kern und Manfred Düring, die machen sich richtig Gedanken, da steckt etwas hinter.“

Auch so darf es ja ruhig bleiben.

Und so ruhig natürlich auch. Die letzte Unruhe gab es in dieser Woche, als sich Marcell Jansen über seine Nicht-Nominierung der Nationalmannschaft aufregte – und dem HSV dabei eine gewisse Mitschuld einräumte. Deshalb gab es danach eine Unterredung mit Trainer Michael Oenning, und Jansen musste auch in die Chef-Etage, zu Noch-Sportchef Bastian Reinhardt. „Wir haben uns ausgesprochen, es gibt überhaupt kein Problem mehr, es geht wieder neu los, ich werde Vollgas geben, werde mich professionell erhalten – im Moment zählt nur der Verein. Unruhen gab es genug. Jetzt müssen wir gucken, dass wir alle an einem Strang ziehen. Ich wollte nicht draufhauen, es war ja auch nicht auf den jetzigen Trainer bezogen – also nicht auf Michael Oenning“, sagt Marcell Jansen. Also ging sein Seitenhieb in Richtung Armin Veh? Jansen: „Auch mit Veh habe ich mich gut verstanden. Wenn ich jetzt etwas gegen ihn sage, dann heißt es sofort wieder, dass ich gegen unseren ehemaligen Trainer nachtrete, aber das ist es ja nicht. Es ist ja einfach nur Fakt. Ob das berechtigt ist oder nicht, dass ist Ansichtssache, das soll jeder so für sich interpretieren, wie er das möchte. Es ist ja aber auch nicht so, dass ich – meiner Meinung nach – grottenschlecht gespielt habe . . .“

Der Nationalspieler gibt sich aber auch einsichtig: „Es geht nicht um mich, es handelt sich ja um Mannschaftssport, es geht um ein ganzes Gebilde, und da kommt man hier und da mal zu gut weg, und hier und da auch mal schlechter weg. Das ist eben so.“ Michael Oenning hatte zuletzt mehr Selbstkritik von Marcell Jansen gefordert. Der Mittelfeldspieler dazu: „Ich war bei zwei Weltmeisterschaften und bei einer Europameisterschaft, ich habe einige Länderspiele gemacht – wenn ich da nicht selbstkritisch gewesen wäre, dann hätte ich das nie geschafft, dann wäre ich in der Kreisliga A. Wenn man nämlich nicht selbstkritisch ist, dann kommt man nicht nach oben.“

Letztere Ausführungen könnten ruhig mit in die Satzungen des HSV mit aufgenommen werden. Wird das beherzigt, läuft es sicher immer rund und runder – und zwar auf allen Ebenen.

Zum Trainingsplan: Am Sonnabend und Sonntag herrscht Ruhe im Volkspark, die Spieler haben ein freies Wochenende, es geht erst am Montag um 15 Uhr weiter.

18.37 Uhr