Tagesarchiv für den 24. März 2011

Arnesen spricht – und er verbreitet Hoffnung

24. März 2011

Eigentlich war das heute Rosamunde Pilcher. Zumindest nenne ich so Tage, die in scheinbar perfekter, fast schon kitschig schöner Harmonie ablaufen. Soll heißen: schönes Wetter, nette Leute, und überall ein friedvolles Miteinander. Wie heute beim HSV. Da kam Frank Arnesen um 10.41 Uhr im Auto von Teammanager Marinus Bester vorgefahren. Er stieg aus, betrachtete die durch Sonnenstrahlen reflektierenden Fenster der Geschäftsstelle und blieb beim Blick gen Vorstandsbüros hängen. Bei eben jenen Räumen, die auch er in hoffentlich nicht allzu langer Zeit nutzen wird. „Der HSV ist von außen fantastisch. Jetzt lerne ich ihn von inne kennen.“ Sprach der Däne und verschwand zur Stadiontour, die ihn über das Stadioninnere durch die Raute und das Museum bis in den Presseraum brachte.

Dabei verkörpert Arnesen das dänische Klischee: er ist einfach nett, er lächelt viel und er antwortet sehr nett. Letzteres übrigens auch auf den HSV bezogen. Also auch inhaltlich, meine ich. Immer wieder wurde er heute auf die Personalie Michael Oenning angesprochen. Und obwohl er selbst jede Antwort verweigerte und behauptete, mit Oenning in dem rund drei Stunden langen Gespräch gestern nach dem Benefizspiel nicht über die Zukunft des Münsterländers als Chefcoach gesprochen zu haben, wirkte er fokussiert. Innerhalb der nächsten fünf Wochen, spätestens Ende April will der designierte Sportchef eine Entscheidung gefällt haben. Arnesen: „Ich hatte ein sehr langes, sehr interessantes Gespräch mit Michael. Wir haben über Fußball, seine Spielweise, seine Ansichten über Nachwuchsarbeit, über Taktik und seine Spielphilosophie gesprochen. Lange. Und es war ein sehr gutes Gespräch. In den nächsten fünf Wochen werden wir die Personalie Cheftrainer klären müssen. Schon allein, um Neuzugänge abzustimmen. Aber Michael und ich haben nicht über ihn und seine Situation gesprochen. Bislang ist noch nichts entschieden und nicht der Moment, darüber zu sprechen.“

Arnesen vermied es heute, Entlassungen und Änderungen beim bisherigen HSV-Personal zu verkünden. Stattdessen machte er allen ihm am Sommer unterstellten Mitarbeitern Mut. Er verpackte jede Antwort in eine Art Liebeserklärung an die Stadt („Hamburg ist eine sehr, sehr schöne Stadt. Ich war am Dienstag und Mittwoch zwei Tage zusammen mit Teammanager Marinus Bester unterwegs und habe eine tolle neue Unterkunft in Eppendorf gefunden. Meine Frau und ich werden uns hier sehr schnell wohlfühlen. Ganz sicher“) und natürlich seinen Bald-Arbeitgeber: „Hier steckt riesiges Potenzial. Der HSV ist reich an Tradition, war in en Siebzigern neben Ajax, Bayern und Juve die beste Mannschaft Europas. Ich kann und will hier nicht alles umbrechen. Gute Leute werde ich versuchen zu halten. Unser Kerngeschäft bei der Kaderplanung muss Deutschland sein, deshalb werden wir primär hier nach Spielern suchen“, so Arnesen.

Die vielleicht am häufigsten gestellte Frage, wann er beim HSV anfängt, lächelt der Däne einfach weg. Und er erklärt die Hintergründe: „Ich habe Roman Abramowitsch schon im Oktober mitgeteilt, dass für mich Schluss sein würde nach der Saison. Das war heikel – immerhin hätte er mich von allen perspektivischen Entscheidungen abziehen können. Aber stattdessen bat er mich, zu bleiben. Das war schon überraschend für mich. Und als ich ihm mitteilte, ich würde zum HSV gehen, sagte er nur: ‚Fantastisch’. Er sagte, er würde die Stadt kennen und hat mir gratuliert. Aber er hat mir auch gleich gesagt, dass er mich auf keinen Fall gehen lassen will. Und obwohl ich nicht die neuen Spieler verpflichte, so kümmere ich mich um die Verträge der aktuell im Kader befindlichen Spieler. Ich werde gebraucht – und es ist für mich eine Frage der Ehre, meinen Vertrag zu erfüllen. Auch wenn natürlich klar ist, dass mit meinen Gedanken auch immer beim HSV bin.“ Ebenso telefonisch: „Die Verbindung zum Vorstand, dem Trainer und Basti Reinhardt reißt nie ab…“

Und ganz am Ende unseres langen Gesprächs, das geprägt war von unfassbar langen und inhaltreichen Antworten, kam dann eine Antwort, die mich hellhörig machte. Gefragt hatte mein geschätzter Kollege Matthias Linnenbrügger von der „Welt“, ob der HSV die guten Kontakte zu Abramowitsch nutzen und vielleicht eine Kooperation anstreben würde. Arnesens Antwort ließ dabei viel Raum für Spekulationen und Träumereien: „Ich habe da ein paar Ideen und hoffe, dass wir was gemeinsam machen können. Ob ich Spieler mitbringe ist noch offen. Zumal die Trainerfrage nicht entschieden ist.“ Bevor das nicht geschehen ist, bräuchten wir uns also noch keine Gedanken über beim FC Chelsea weniger benötigte Spieler machen, die – so sagen es Spötter – immer noch genug Klasse haben, um beim HSV als Führungsspieler zu agieren.

Ich tue es trotzdem. Denn ganz ehrlich, so sehr ich mich gegen den Gedanken, ein Farmteam der Engländer zu werden, wehre, der erste Gedanke ist dennoch positiv. Denn gerade jetzt, wo der HSV den internationalen Wettbewerb zu verpassen droht und finanziell zwar dem Vernehmen nach solide aufgestellt ist, aber sicher keine Riesensprünge machen kann, wären Leihgeschäfte übergangsweise eine gute Lösung. Das betonte auch Arnesen, der zudem Verkäufe von Geld bringenden Spielern nicht ausschließen will: „Uns muss immer klar sein, dass wir auf die Finanzen achten müssen. Ich mache mir auch keine Sorgen, sollten wir den internationalen Wettbewerb verpassen.“ Zumal er eine solche Situation von einer seiner früheren Stationen gut kennt: „Früher beim PSV Eindhoven habe ich zehn Jahre lang Spieler ausgebildet, um sie zu verkaufen und den Verein so finanziell am Leben zu halten. Ich bin das gewohnt. Und ich komme klar damit.“

Gleiches gilt im Übrigen für den HSV an sich. Nicht wenige hatten befürchtet, Arnesen könne ob der Turbulenzen der letzten Wochen sein Engagement noch mal überdenken und vielleicht noch absagen. Dem ist allerdings mitnichten so. Das beteuerte der Däne heute glaubwürdig. „Schon als mich Bernd Hoffmann und Ernst Otto Rieckhoff damals angesprochen haben, hatten sie mir angedeutet, dass sich personell im Vorstand etwas verändern könnte. Das war für mich kein Donnerschlag, ich wusste das. Und der neue Vorstand mit Carl Jarchow und Joachim Hilke ist sehr kompetent. Ich habe meine Tage in Hamburg zu vielen Gesprächen mit allen Beteiligten genutzt und finde die neue Zusammenstellung im Vorstand fantastisch.“

Dennoch setzt Arnesen auch auf altgewohntes und bringt gleich fünf Mitarbeiter vom FC Chelsea mit nach Hamburg. „Es sind drei Scouts, ein Analyst und Lee Congerton, meine linke und meine rechte Hand. Mein Sohn Sebastian übernimmt dabei das Scouting im Bereich Belgien und Holland. Das hat er schon erfolgreich für Chelsea gemacht. Ebenso wie Bjarne Hansen den skandinavischen und Jan Ricka den tschechischen Raum. Dazu ist ein Ökonom dabei, der die Abläufe und Scoutingprogramme optimiert, wichtige Datenbanken und Statistiken erstellt. Und natürlich Lee, der selbst ein hoch talentierter Juniorennationalspieler für Wales. Allerdings war er gerade mal so schnell wie meine Großmutter. Deswegen hat er schon mit 21 umgeschult und wurde der jüngste Profitrainer Englands, ging trotz großer Angebote zu Wexham und landete später beim FC Liverpool, ehe er zu Chelsea kam. Dort habe ich ihn vor fünf Jahren kennengelernt und ihm immer mehr Vertrauen können und von Jahr zu Jahr mehr Verantwortung übertragen. Als ich Sportchef wurde, habe ich ihn mit ins Vorstandgebäude genommen, weil ich ihm zu 100 Prozent vertraue. Wie er mir. Und wenn mich jemand fragt, warum Congerton? Dann antworte ich: weil er besser ist als ich.“

Arnesen, so viel ist bis heute festzustellen, ist ein gewinn für den HSV. Einer, der ob seiner Vita und seinem dem vernehmen nach unfassbar umfangreichen privaten Telefonbuch Hoffnung auf bessere Zeiten macht. Ein Mann mit Erfahrung und internationalem Format. Und ein Mann, der mit seiner Art, über sich und die Zukunft beim HSV zu sprechen, Optimismus verbreitet. Er nimmt sich selbst nicht zu wichtig („Der Trainer genießt volles Vertrauen, deshalb muss ich nicht auf der Bank sitzen. Da habe ich nichts zu suchen. Ich sitze auf der Tribüne.“) und er hat einen Plan: „Es gibt für mich die fünf Ringe: das Technisch-Taktische, die Physis, das Medizinische, die Mentalität und die Lebensweise. Diese fünf Punkte gilt es bei jedem Spieler zu analysieren und zu verbessern. Bei jedem.“

Mit Arnesen scheint dem HSV ein großer Coup gelungen. Das, was man bisher von ihm und von anderen über ihn hörte ist durchweg positiv. Sollte ihm – und da habe ich ehrlich gesagt keine Zweifel – die Arbeitsteilung Chelsea/HSV gelingen, können wir uns nach zwei eher undurchsichtigen Kaderplanungen auf einen strukturierten Neuanfang freuen. Ob und inwieweit das mit altem Personal erfolgt, lasse ich hier offen. Arnesen wird schon die richtige Dosis finden. Hoffentlich…

Eine ordentliche Dosis bekamen derweil die in Hamburg gebliebenen Profis. Und zwar in Form von Konditionstraining. Trainer Oenning hatte bereits eine harte Woche angekündigt – und er hielt Wort. Heute mussten die Spieler – unter ihnen auch ein beachtlich fitter Torwsrt Frank Rost – in zwei Fünfergruppen jeweils zehn 400-Meter-Läufe auf Zeit absolvieren. Ein Programm, das am Freitag in wieder zwei Einheiten um zehn und um 15 Uhr seine Fortsetzung erfahren soll.

In diesem Sinne, bevor der Blog zu lang wird: Endlich mal wieder richtig hoffnungsvoll,

LG, Euer Scholle