Tagesarchiv für den 23. März 2011

Oenning trifft Arnesen – die Kaderplanung läuft

23. März 2011

Wenn sich Michael Oenning diese Zeilen durchliest, wird er es zum einen aus informellen Gründen machen. Zum anderen wird er die Zeilen auch auf Stilistik untersuchen. Denn, das steht schon mal fest, rhetorisch besser als der studierte Sport- und Deutschlehrer war in Hamburg noch kein Trainer vor ihm. Allerdings kann Michael Oenning auch anders. Und beweist der HSV-Trainer seit Wochen und Monaten im Training. „Manchmal muss man es auch einfach und kurz halten“, weiß der Nachfolger des vor zehn Tagen geschassten Armin Veh. „Den einen oder anderen Spieler würde man mit zu weiten Ausführungen nur langweilen.“ Und somit seine Konzentration verlieren.

Dennoch, und das war für mich die Quintessenz der heutigen Runde mit dem neuen Trainer, Michael Oenning ist Herr der Lage. Keinerlei Autoritätsprobleme, kaum Umgewöhnung. Und selbst seine persönliche, noch ungeklärte Zukunft beim HSV scheint den smarten Münsterländer nicht zu beunruhigen. „Mir ist bewusst, wo ich Trainer bin“, betont Oenning die ihm bewusste Verantwortung beim HSV, „mir bleibt nur, so erfolgreich wie möglich zu arbeiten.“ Dass er selbst am Sonntag in Zürich zum Beobachten neuer Spieler unterwegs war, ohne zu wissen, ob er überhaupt über diese Saison hinaus als Cheftrainer arbeiten soll – kein Thema. „Es wäre fahrlässig von mir, jetzt nicht so zu arbeiten, wie ich es auch sonst machen würde. Und ganz ehrlich – unsere Kaderplanung hat schon länger begonnen.“

Oenning arbeitet, als würde er Cheftrainer bleiben. Was auch sonst? Allein das heutige Gespräch mit dem künftigen Sportchef Frank Arnesen könnte daran etwas ändern. Zum Positiven, sollte ihm der dänische Bald-Vorstand eine Dauerbeschäftigung in Aussicht stellen oder sogar versprechen können. Kontraproduktiv wäre indes, wenn Arnesen sich nicht klar äußert und Oenning in eine Unklarheit entlässt, die ihn trotz des überdurchschnittlichen Intellekts unter unnötigen Druck setzt. Allerdings, und so schätze ich Arnesen nach unserem ersten Treffen vor drei Wochen (das müssen die Kollegen eines wöchentlich erscheinenden Sportmagazins irgendwie übersehen habe – ansonsten hätten sie nicht „exklusiv das erste Interview mit Frank Arnesen“ geschrieben…) einfach ein, wird sich der Däne klar äußern. „Ich bin ein Entscheider. Ich stehe für Klarheit“, hatte Arnesen damals angekündigt. Und es gibt absolut keinen Grund, das nicht zu glauben.

Im Gegenteil, es macht Hoffnung. Der Däne scheint sich beim FC Chelsea loseisen zu können. Und auch wenn er offiziell noch keine Entscheidungen für den HSV trifft, sieht das praktisch ganz anders aus. Jeden Tag telefonieren Noch-Sportchef Bastian Reinhardt und Arnesen. Selbst Oenning hatte bereits erste Gespräche via Telefon mit dem Mann, auf den die HSV-Fans hoffen. Heute Abend steht nun auch das erste persönliche Treffen zwischen Oenning als Trainer und Arnesen als Sportchef an.

Dabei geht es in erster Linie um die Kaderplanung. Soll heißen, nachdem Reinhardt bereits den gesamten Kader inklusive der vertraglichen Situationen vorgestellt und eingeschätzt hatte, will Arnesen heute von Oenning dessen Einschätzung und dessen Konzept für die neue Saison hören. „Wir treffen uns abends im Hotel“, so Oenning vor seinem „Bewerbungsgespräch“ betont ruhig, „und alles ist offen. Es ist für mich auch kein Bewerbungsgespräch, da wir beide – er wie ich – im Job sind.“ Dennoch, das weiß insbesondere Schlaukopf Oenning, er hat heute Abend eine kleine Restchance, den Dänen, der schon seit Wochen auf der Suche nach einem neuen, starken Trainer ist, doch noch von sich zu überzeugen. Und dafür sind ein gutes Gespräch samt möglichst vieler inhaltlicher Übereinstimmungen zwischen den beiden ganz sicher förderlich.

Auf die Frage, ob Oenning sich auch vorstellen könnte, in der neuen Saison wieder als Assistent zu fungieren, wollte er nicht antworten. Oder besser: er hatte keine Antwort. „Das ist im Moment kein Gedanke. Diese Kapazitäten habe ich gar nicht.“ Schließlich ist er ja wieder Cheftrainer – nicht mehr nur Beobachter der Entscheidungen. „Ich bin jetzt deutlich angespannter – im positiven Sinne“, sagt Oenning und stellt den Hauptunterschied zwischen seiner Assistentenzeit bei Veh und heute heraus: „Als Assistent hast du mehr Zeit, zu beobachten, wie und warum Entscheidungen getroffen werden. Da stecken etliche Erfahrungen drin, die im Fußball elementar sind. Jetzt muss ich mich gedanklich um viel mehr kümmern. Ich stehe ständig vor wichtigen Entscheidungen.“ Eine Situation, die er aus Nürnberg kennt, wo er zwischen September 2009 und Dezember 2010 53 (17 Erst-, zwei Relegations- und 34 Zweitligaspiele) als Cheftrainer absolvierte. Ob er einen Unterschied ausmacht zwischen den Franken und dem „großen HSV“? „Hamburg ist als Ganzes einfach größer und umfangreicher. Aber der Verein allein, zu dem ich schon seit meiner Kindheit eine innige emotionale Beziehung pflege, motiviert mich über alle Maße. Auch wenn hier jeder, auch ich natürlich, unter deutlich mehr Beobachtung steht als beim FCN.“ Ob er sich verändert hätte durch seine Zeit beim HSV? „Das zu beantworten ist noch nicht möglich, dafür ist es noch zu früh. Aber ich habe eine sehr gute Zusammenarbeit mit Armin Veh gehabt, in der ich vieles aufgeschnappt habe. Ich verstehe den Trainerjob als Lehr- und Lernberuf. Und als Assistent habe ich gesehen, wie man vieles löst.“

Eine Lösung hätte Oenning dann auch gleich mal, was die neue Saison betrifft. „Ginge es nach mir, würde Zé Roberto auch nächste Saison noch bei uns spielen. Was der am Samstag gezeigt hat, war schon große Klasse. Das zeigt, dass er wirklich noch lange in der Lage ist, länger zu spielen.“ Zuletzt hatte Oenning einen schönen Begriff erfunden, wie ich finde: „Zé Roberto ist altersfrei“, so der Trainer vor der Köln-Partie. Und ja, ich stimme dem zu 100 Prozent zu.

Wie Ihr ja wisst, halte ich den Brasilianer für DIE Spielerpersönlichkeit im Offensiv- und vor allem Kreativbereich beim HSV. Ist Zé gut drauf, spielt der HSV gut. Ist der Linksfuß mal weniger gut, hakt es beim HSV. Schon deshalb war ich hocherfreut, als Oenning Zé aus dem defensiven Mittelfeldbereich in den offensiveren Bereich umstellte. Eine taktische Umstellung, die sich in Form eines offensiv einwandfreien Auftrittes gegen Köln auszahlte. Dass es parallel defensiv arge Probleme gab, würde ich dagegen eher den formschwachen Auftritten Heiko Westermanns und der gesamten Viererkette zuordnen.

Interessant war dann auch, dass Oenning, nachdem er sich bereitwillig klar für Zé Roberto ausgesprochen hatte, auf Piotr Trochowski doch eher zurückhaltend bis gar nicht antworten wollte. Er könne jetzt nicht alle Personalien einzeln durchgehen, bevor er mit Arnesen gesprochen habe, so die kurze, ausweichende Antwort, die Raum für Spekulationen lässt. Nun weiß ich ja um die besondere Brisanz im Thema Trochowski gerade hier im Blog. Dennoch möchte ich allen, die Troche lieber gestern als gleich weghaben wollen, sagen, dass der Billstedter Junge in seiner gesamten Zeit beim HSV nie mal fünf Spiele am Stück auf derselben Position gespielt hat. Immer wieder wurde er anderen Spielern (van der Vaart etc.) hintenangestellt. Oder er wurde ob seiner zweifellos vorhandenen Vielseitigkeit (beidfüßig stark) auf immer der Position eingesetzt, die gerade vakant war.

Troche hat im Mittelfeld alle Positionen gespielt, vom defensiven Mittelfeldspieler über die linke zur rechten Seite bis hin zum Zehner. Dabei hat er es nicht geschafft, bleibenden Eindruck zu hinterlassen, obwohl sein Talent unverkennbar vorhanden ist. Dass sich dabei keine feste Größe entwickeln kann, ist glaube ich allen von uns klar, auch denen, die nie selbst gekickt haben. Armin Veh, eher kein Befürworter von Troche, ging sogar so weit, dass er „gar keine Position für Trochowski im System“ erkannt haben wollte. Insofern, ohne die hier im Blog schon exzessiv geführte Diskussion künstlich anzuheizen, stehen den Beobachtern unterschiedlichste Wertungen zu. Allein der HSV wäre gut beraten, jetzt Klarheit zu schaffen. Und das gleich in allen Bereichen: Vor allem im Fall Oenning bzw. der Trainerfrage für die kommende Saison, zum anderen bei der Kaderplanung. Und ganz sicher auch bei Trochowski. Entweder der gestern 27 Jahre alt gewordene Nationalspieler erhält beim HSV dauerhaft das Vertrauen auf einer Position – oder man trennt sich. Eine andere Lösung, gibt es nicht. Das haben die vergangenen Jahre nachweislich und für Troches Freunde genauso wie für dessen Kritiker deutlich erkennbar gezeigt.

Heute Abend spielt der HSV mit den hier gebliebenen, nicht für Länderspiele nominierten Spielern beim Oberligisten Eintracht Norderstedt. Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele von Euch da hingehen. Schließlich kommt der gesamte Erlös der Partie den Hinterbliebenen des vor verstorbenen C-Jugendlichen Arlind Berisha zugute. Der damals 14-jährige Arlind hatte sich im Rahmen eines Verbandsliga-Punktspiels zwischen den C-Jugendmannschaften von Eintracht Norderstedt und dem Hamburger SV so schwer verletzt, dass er am 2. März 2009 seinen schweren Verletzungen erlag. Die Karten kosten zwischen 5 Euro (Stehplatz) und 10 Euro (Sitzplatz). Kinder bis 10 Jahren haben freien Eintritt.

In diesem Sinne,

Euer Scholle

17.20 Uhr

P.S.: Mir ist gestern der peinliche Fehler unterlaufen, mich bei Eva statt bei Gobi für die Bifis, die ich beim Matz-Ab-Treffen geschenkt bekommen habe, zu bedanken. Diesen Fehler möchte ich heute noch mal ausräumen und mich bei Gobi ebenso entschuldigen wie nochmals bedanken!! Zumal sie mein schlechtes Gewissen heute in ungeahnte Sphären trieb, als sie mir (und anderen Kollegen) eine schöne Tulpe schenkte. Die Blumen zieren jetzt unseren erstmals nicht mehr kahlen Presseraum in der Imtech-Arena. Oenning, der diese neue Deko als Erster erleben durfte, hat es bereits gefallen…

P.P.S.: Training ist am Donnerstag um zehn und um 15 Uhr an der Imtech-Arena.