Tagesarchiv für den 22. März 2011

Arnesen ist da – und er bleibt

22. März 2011

Frank Arnesen ist da – und er bleibt. Diese Zeile musste ich machen. Hatte ich schon mal – aber diesmal stimmt sie definitiv, denn der Däne ist in Hamburg, sieht sich hier nach einer neuen Unterkunft um und führt Sondierungsgespräche mit allen Verantwortlichen beim HSV bezüglich der aktuellen Kaderplanung. Bis Donnerstag bleibt der designierte Sportchef in Hamburg. Mit im Gepäck des Dänen sind sein Assistent Lee Congerton sowie vier Scouts, die schon beim FC Chelsea mit ihm zusammengearbeitet, die sich mit den hiesigen Talentspähern (Michael Schröder und Co.) treffen und abstimmen.

Und beide Seiten werden ausreichend zu besprechen haben. Zusammen mit Bastian Reinhardt und Trainer Michael Oenning wird Arnesen die Planungen für die kommende Saison besprechen.
Auch das Trainingszentrum und die Bedingungen an der Arena und im Nachwuchsleistungszentrum wird sich Arnesen genauestens ansehen, um einen noch besseren Einblick in alle Abläufe zu erhalten. Hauptthema aber ist die Kaderplanung. Und abgesehen von den auslaufenden Verträgen, von den neu zu verpflichtenden Spielern und den generellen, vor allem finanziellen Voraussetzungen stehen auch schwierige Entscheidungen bei Spielern an, deren Verträge noch ein Jahr laufen. Denn bei denen heißt es wie immer: entweder Vertrag verlängern oder doch noch verkaufen, bevor der Abgang ein Jahr später ablösefrei wäre. Einer dieser Fälle könnte im Sommer ein ganz heikler werden: Mladen Petric. Denn wie ich gehört habe, ist der Kroate dringend darauf aus, noch einen langfristigen und entsprechend hochdotierten Vertrag zu unterschreiben. „Drei, vier Jahre will ich noch auf höchstem Niveau spielen“, so Petric, der im vergangenen Sommer einen Vierjahresvertrag vom VfB Stuttgart vorliegen hatte, vom HSV aber keine Freigabe erhielt.

Jetzt ist es Petric, der die besten Argumenten auf seiner Seite hat. Nicht erst bei seinen drei Treffern am Sonnabend gegen Köln hat Mladen bewiesen, wie wichtig er mit seinen Toren für den HSV ist. Elf Treffer und sechs Vorlagen in 18 Bundesliga-Spielen – besser geht es kaum. Umso schlimmer war es, als ich von einem in der Regel immer sehr, sehr gut informierten Insider hörte, der 30-Jährige sei schon so gut wie weg. Damals wollte ich es nicht glauben. Und heute ist der damals tatsächlich erfolgreich eingesetzte Verdrängungsprozess neuen Informationen gewichen, nach denen Mladen sich eine Zukunft beim HSV sehr wohl und vor allem auch sehr gut vorstellen kann. „Hier ist eine Menge passiert“, hatte er am Wochenende gesagt und das durchweg positiv gemeint: „Der HSV sortiert sich und es kommt Bewegung in die Sache.“ Sollte bis Sommer ein Konzept vorliegen, wollen sich Petric und sein Berater Volker Struth mit dem HSV über eine Vertragsverlängerung unterhalten. Allerdings auch nicht vorher.

Ergo: herzlich Willkommen Frank Arnesen! Bitte übernehmen Sie!

Übernommen hat sich vielleicht Eintracht Frankfurt. Besser gesagt, sie haben ihren alten Trainer Michael Skibbe gefeuert und mit Christoph Daum den vielleicht streitbarsten deutschen Cheftrainer verpflichtet. Und ich bin mir sicher, so wie ich Eintrachts Manager und Vorstandsboss Heribert Bruchhagen kenne, ist er sich der bevorstehenden Diskussion durchaus bewusst.

Darf man einen Trainer verpflichten, der öffentlich gelogen und Drogen konsumiert hat? Immerhin hat ein Fußballtrainer eine nicht geringfügig prägende Vorbildfunktion für unseren Nachwuchs…

Und auch wenn ich weiß, dass mich dafür wahrscheinlich wieder etliche unter uns kritisieren werden, ich finde Bruchhagens Entscheidung pro Daum ebenso mutig wie gut. Ich gehöre zu der Kategorie Mensch die fast jedem eine zweite Chance geben (Kinderschänder, Vergewaltiger und Mörder ausgeschlossen) will. Ich glaube daran, dass Christoph Daum aus seinen Fehlern gelernt hat. Und ich bin mir sicher, dass er ein guter Trainer ist. Zumindest einer, der eingefahrene Pfade aufbrechen kann und polarisiert. Daum ist einer, der einen Neuanfang begleiten kann. Er ist ein Motivator. Ich gehe sogar soweit, zu behaupten, dass Daum auch dem HSV hätte helfen können. Aber gut, was kümmert uns die Konkurrenz? Wir haben einen Trainer mit Michael Oenning. Dem ersten Ergebnis zufolge auch einen guten. Einen sehr guten sogar.

Und einen, der mächtig Gas gibt. Denn die drei Tage seit Sonntag, die der Münsterländer seinen Spielern frei gegeben hatte, sind nur deshalb frei gewesen, weil es in den kommenden Tagen hart wird. „Richtig harte Einheiten sollen das werden“, hat mir Änis Ben-Hatira verraten, der zur Vorbeuge eines Muskelkaters die freien Tage über fleißig war. Ben-Hatira: „Der Trainer hat uns vorgewarnt.“

Denn, das hat schon die Kadernominierung gegen Köln gezeigt, Michael Oenning hat keine Angst vor schwierigen Entscheidungen. So ließ er gegen Köln Jonathan Pitroipa und Marcell Jansen unberücksichtigt. Und insbesondere Letztgenannter darf das als klare Ansage auffassen. Immerhin gilt Jansen als einer, der an sich selbst den Anspruch hat, Nationalspieler zu sein. Da passt eine Nichtberücksichtigung für ein Bundesligaspiel überhaupt nicht. „Ich bin ja auch nicht nominiert worden“, klagt Jansen. Gemeint ist die Nationalmannschaft, die am Wochenende gegen Kasachstan in die EM-Qualifikation eingreift. Verantwortlich dafür, dass Joachim Löw ihn nicht berücksichtigte, ist für Jansen seine fehlende Spielzeit. Zweimal ein- und dreimal ausgewechselt sowie einmal über 90 Minuten gespielt und einmal überhaupt nicht im Kader – eine bittere Bilanz. „Schlimm ist für mich nur, dass ich mich so nicht für die Nationalmannschaft empfehlen konnte. Da hat der Verein mir Steine in den Weg gelegt. Das ist ganz bitter. Denn meine Leistungen waren immer okay.“

Zwei Tore habe er vor dem Spiel bei Bayern München erzielt, insgesamt ordentliche Leistungen geboten, sagte er mir. Und ich konnte zumindest teilweise zustimmen. Allerdings schien neben seiner sportlichen Situation auch noch etwas anderes zwischen ihm und dem inzwischen durch Oenning ersetzten Cheftrainer Armin Veh gewesen zu sein. „Es kann sein, dass es da ein Problem gab. Aber mich immer zu rechtfertigen, dass ich verletzt war, geht mir auf den Sack“, sagt Jansen, der nicht näher darauf eingehen will, beziehungsweise, der sich über Vergangenes keine Gedanken mehr machen will. Im Gegenteil. „Im Moment passiert so viel im Verein, da will ich mich als einzelnen nicht so in den Vordergrund spielen. Ich bin froh beim HSV zu sein und will jetzt nicht auch noch draufhauen. Der Verein muss jetzt sehr wichtige Entscheidungen treffen, die den Sommer stark beeinflussen. Noch weiß doch niemand, was im Sommer passiert. Auch ich nicht.“

Klingt irgendwie nach einer gehörigen Portion Unzufriedenheit. Fast nach Abschied. Zumal mit Michael Oenning aktuell ein Trainer am Ruder steht, der sich mit Veh sehr intensiv ausgetauscht hat, viele Entscheidungen gemeinsam getroffen hat. Und dies auch immer noch tut, wie Dieter uns gestern berichtet hatte. Jansen weiß um die Situation: „Ein wirklicher Neuanfang ist das sicher nicht. Michael Oenning hat ja auch vorher schon zu 70 Prozent alles gemacht.“ Das wiederum kann zu alten Problemen führen. Zumindest im Fall Jansen.

Aber ich will hier nichts schwarzer malen, als es ist. Im Gegenteil. Noch ist alles offen und Jansen stehen alle Türen offen. So, wie ich ihn kenne, wird er richtig Gas geben, um seine Situation zu ändern. Er hat das Herz am rechten Fleck. „Ich bin sehr froh, beim HSV zu spielen. Und ich würde es gern noch sehr lange. Deshalb bin ich auch noch geduldig“, versicherte mir Jansen. Wie lange er noch geduldig sein wird? Seine Antwort: „Auf jeden Fall bis zum Sommer. Dann wird es wichtig sein, dass gewisse Dinge greifen. Bis dahin werde ich alles genau beobachten, auch. Ich merke mir, wie man mit mir umgeht.“ Ich bin mir sicher, Sympathikus Marcell weiß, dass er selbst den Anfang machen muss. Schon in dieser Woche. In der Trainingswoche, die nicht nur beim Gedanken an die Nichtnominierung für den DFB für ihn besonders hart werden wird.

In diesem Sinne: auf Oenning, Arnesen, auf Marcell, auf Petric und auf dass alle wieder zusammen im Sinne der Sache arbeiten. Dann werden wir sowas wie am Sonnabend gegen Köln noch häufiger erleben…

Scholle

16.55 Uhr

P.S.: Auch ich wollte mich bei Euch noch mal ganz herzlich für den schönen Abend am Freitag in der raute bedanken. Ich fand die Veranstaltung ganz sicher auch wegen unserer tollen Gäste so interessant. Aber auch so hochinteressante Persönlichkeiten wie Ernst Otto Rieckhoff, ein Oliver Scheel oder ein Ralf Bednarek allein hätten den Abend nicht so interessant werden lassen, ohne Eure Fragen, Eure Anregungen (Briefwahl!), Euer Lob und natürlich Eure Kritik. Der Abend hat gezeigt, dass beim HSV auch verschiedenste Interessen nicht immer zu Zwietracht führen müssen, sondern durchaus konstruktive Ergebnisse fördern können. Dafür noch mal ein großes Kompliment von mir! Ihr habt den Blog von seiner stärksten Seite präsentiert. Vielen Dank dafür! Auch für die leckeren Bifis, liebe Eva, lieber Ed!! Ich werde sie bei der nächsten Aufsichtsratssitzung dabei haben, um nicht wieder hungern zu müssen ;-)