Tagesarchiv für den 20. März 2011

“Das war eine Befreiung”

20. März 2011

„Es gibt schlechtere Beginne.“ Sagte „Tante Käthe“, oder besser „uns Rudi Völler“ bei LIGA total, nachdem dort das HSV-Spiel gegen Köln gezeigt worden war. Der Beginn für Michael Oenning als HSV-Trainer war in der Tat nicht ganz so schlecht, wenn ich das einmal so leicht despektierlich sagen darf. Nein, daran gibt es nichts zu kritisieren, der Einstand des „Neuen“ war hervorragend und darf als total gelungen bezeichnet werden. Fast alles das, was Oenning geplant und sich vorgestellt hatte, ist wohl aufgegangen. Es war ein rundherum gelungener Einstand, auch wenn es diese zwei Gegentore und auch die vielen Mängel in der Defensive gegeben hatte. Bei Armin Veh wären diese Fehler vielleicht noch eiskalt bestraft worden, bei Michael Oenning ging es eben gut – das Glück des Tüchtigen? Auf jeden Fall herzlichen Glückwunsch, Trainer!

„Wir haben gegen Köln sicher nicht alles richtig gemacht, denn wir haben diese zwei Gegentore bekommen. Aber was mir gefallen hat war das, dass die Mannschaft sich für das 0:6 der Vorwoche bei den Bayern rehabilitieren wollte. Und das ist gelungen. Sie haben mit Leidenschaft gespielt, sie haben alles gegeben, und man konnte am Ende sehen, dass wir dann doch auch müde waren“, sagte Oenning, der trotz allem nur Zufriedenheit ausstrahlte: „Ich bin froh, dass wir heute wirklich eine gute Leistung geboten haben, ich will diesen Sieg jetzt erst einmal nur genießen.“

Was auffällig war: Nach dem 1:0 feierte die ganze Mannschaft mit dem Torschützen Mladen Petric. So enthusiastisch, wie es beim HSV seit Jahr und Tag nicht mehr zu erleben und zu sehen war. Oenning dazu: „Dieser Torjubel, das war schon eine Befreiung. Weil wir mit diesem Spiel beweisen wollten, dass wir eine Mannschaft sind, dass wir nicht so schlecht sind, wie wir nach dem 0:6 gemacht worden waren.“

Der Coach hatte in der Woche viele Einzelgespräche geführt, und er sagt: „Diese Gespräche waren für mich relativ einfach zu führen, denn die Mannschaft war ja in der Bringschuld. Und sie wollte auch eine Antwort gegen.“ Dann ergänzte Oenning nur noch kurz –aber für mich war es das Aha-Erlebnis des Abends: „Ich glaube, dass wir heute als Mannschaft gut funktioniert haben.“ Das hat er, der HSV.

Und darin liegt sicher auch ein Schlüssel zum Erfolg. Noch im Herbst hatte Armin Veh immer davon gesprochen, dass das seine wohl schwerste Aufgabe sei: „Aus diesem Kader eine Mannschaft zu formen.“ Weil er schon nach den ersten Wochen wusste, wie schwer das werden würde. Letztlich ist es ihm nicht gelungen. Wie allen seinen Vorgängern es nicht gelungen war. Obwohl es in den letzten Wochen den Anschein hatte, als wenn sich diese Truppe doch noch zu einer mannschaftlichen Geschlossenheit wird aufraffen können. Veh hat das Ende, oder die Vollendung (so sie sich einstellen wird) nicht mehr erlebt, ob Michael Oenning diese eigentlich unmöglich zu schaffende Aufgabe lösen wird? Köln war dafür sicher ein guter Anfang.

Wobei ich jetzt gleich einige Szenen vor Augen habe, die ein Indiz dafür sein könnten. Ein Beispiel: Als in der Schlussphase Gojko Kacar nach einem HSV-Eckstoß den Ball leichtfertig mit der Hacke ins Aus spielte, anstatt die Kugel zu Joris Mathijsen zu spielen, da hätte es früher wohl ein Donnerwetter gegeben. Diesmal nicht. Was sicher auch an der klaren Führung lag, aber nicht nur. Die Stimmung scheint besser geworden zu sein. Lachend und sich abklopfend, fast so übermütig wie kleine Kinder liefen Kacar und Mathijsen zurück in die eigene Hälfte. Kein böser Blick, kein langes (oder kurzes) Gemecker, alles war im Lot. So kann es bleiben. So muss es bleiben, wenn der HSV noch etwas mehr als einen Blumentopf in dieser Saison gewinnen will.

Vielleicht aber hat das Chaos, das zuletzt im Klub herrschte, die Mannschaft doch zusammengeschweißt. Dass die Spieler gemerkt haben, dass sie zusammenhalten müssen, wenn es schon im Verein keinen Zusammenhalt mehr gibt. Vielleicht. Und Zusammenhalt soll es ja nun auch geben – ab sofort. Die Aufbruchsstimmung war an diesem Sonnabend deutlich zu spüren, da bin ich mir ganz sicher, und das hat auch nichts mit Frühlingsgefühlen zu tun. Die Frage, die mir nach dem Sieg gestellt wurde, war die: „Bleibt Oenning nun Trainer des HSV?“ Er sagt dazu: „Das war doch nur ein Sieg, mehr nicht. Das ist natürlich eine tolle Grundlage, um Vertrauen zueinander zu bekommen. Und nun müssen wir Schritt für Schritt weitergehen. Nein, nein, wir haben einen guten Anfang gehabt, aber jetzt müssen wir von Spiel zu Spiel denken.“ Das Phrasenschwein lässt grüßen . . .

Deutlich aber erkennbar war, dass Michael Oenning den Ball absichtlich ganz flach halten wollte. Ein Anfang ist gemacht, aber mehr auch nicht. Das nächste Spiel gegen Hoffenheim wird zeigen, wie sehr sich der „neue HSV“ jetzt schon gefunden hat.

Gegen Köln hatte dem HSV auch in die Karten gespielt, dass das 1:0 relativ „glücklich“ fiel. Wäre der junge Schiedsrichter Robert Hartmann (31) auf die Schwalbe von Novakovic hereingefallen, dann hätte es dieses Tor von Mladen Petric nicht gegeben. Das wusste auch Michael Oenning: „Dieser Treffer ist für uns zum richtigen Zeitpunkt gefallen.“ Bis dahin hatte Köln das Spiel offen gehalten, dann ließen die Westdeutschen stetig nach. Der HSV-Coach: „Dann konnten wir uns den Frust von der Seele spielen. Wir mussten uns heute selber beweisen, und das haben wir geschafft.“

Laut Oenning hat dieses Spiel viele Geschichten geschrieben. So die von Ze Roberto, der klasse aufspielte, so die von Änis Ben-Hatira, der seine beste Halbzeit spielte, seit er beim HSV ist – überragend, so auch das Bundesliga-HSV-Debüt von Dennis Diekmeier (Oenning: „Es war eigentlich zu früh, aber er hat genau das gemacht, was ich mir vorgestellt hatte“). Und auch Ruud van Nistelrooy schrieb ein kleines Stück Geschichte, denn der Niederländer kämpfte sich zurück ins Team. Zuletzt hatte der ehemalige Weltstar nur noch Dienst nach Vorschrift (im Training und in den Spielen) geschoben, diesmal gab es alles, er biss, er wollte, er lief, er kämpfte – und legte auf. Hervorragend. Oenning hat es offensichtlich geschafft, die Lust in „RvN“ zu wecken. „Er hat zwar kein Tor geschossen, aber er hat eindrucksvoll bewiesen, dass er unbedingt helfen wollte. Er hat Tore vorbereitet, er ist so lange gelaufen wie er konnte.“

Letzteres haben alle getan. Jeder riss sich ein Bein aus, weil nun die Karten neu gemischt werden. Die ersten personellen Veränderungen, die Oenning vorgenommen hatte, zeigen und beweisen es. Jeder kann jetzt wieder auf den Zug aufspringen – wenn er sich durch Leistungen anbietet. Auch wenn Michael Oenning bemerkte: „Gegen Schluss fehlte bei einigen die Kraft, da ging uns ein wenig der Sprit aus, da war der Tank leer.“ Was mir nicht so richtig in den Kopf will, denn ich frage mich schon, warum das so ist – aber der Trainer hat es nun einmal thematisiert . . .

Zurück noch einmal zu „van the man“. Oenning hat mit ihm in der Woche gesprochen: „Es war relativ einfach. Willst du hier noch Fußball spielen, und wenn ja, in welcher Form? Ich habe im deutlich klar gemacht, was ich von ihm erwarte, und er hat deutlich gemacht, dass er das mittragen will. Deswegen hat er auch die Chance bekommen.“

Mitunter war Ruud van Nistelrooy an der Mittellinie zu finden, also weit raus aus der „Box“. So wie einst bei Labbadia. Das behagte dem Torjäger damals nicht so sehr, wenn ich einmal untertreiben darf. Diesmal schien er Spaß daran gefunden zu haben. Unter Oenning spielt der HSV eine 4:1:3:2-Taktik, da muss viel Bewegung herrschen. Oenning: „Im Defensivverhalten wird aus diesem System wieder ein 4:4:2, das ist mehr eine Geschichte, dass man in einer bestimmten Spielsituation versucht, mehr Leute vor den Ball zu bekommen, dass die Wege kürzer sind. Und das hat gegen Köln in Ansätzen schon ganz gut geklappt.“

Schon ganz gut? Immerhin gab es sechs HSV-Tore. Zugabe, möchte man rufen.

So, kurz noch zum heutigen Vormittag. Ich nach München, Doppelpass bei „Sport 1“ und Jörg Wontorra. Thema sollte, als ich für die Sendung eingekauft wurde, natürlich auch der HSV sein. Die Chaos-Tage von Hamburg. Aber dann kam alles ganz anders. 6:2 gegen Köln, alles in Ordnung – kein HSV mehr. Da musste ich durch. Ihr auch. Um das zu sagen: Ich habe natürlich keinerlei Einfluss auf die Themen, die dort abgehandelt werden. Ich weiß aber, dass sich einige von Euch erregt haben, dass der HSV nicht zur Sprache kam. Beim nächsten Mal, so denke ich. Dennoch kann ich nachvollziehen, wie es einigen von Euch ergangen ist: Matz im Doppelpass, der HSV das Thema, das 6:2 im Rücken – alles wird gut. Denkste. Mir schrieb ein sehr netter HSV-Fans zum Beispiel jenes:

„Oh, wie geil, dass passend zu unserer phönix-haften Auferstehung Du heute auch noch Gast beim Stammtisch bist!!!! Endlich wird auch da mal ein bisschen was gerade gerückt. Und das auch noch von Seiten der Presse.

Hoffe ich zumindest! ;-)
Alles wird gut!!!!“

Ja, wie gesagt, es tut mir leid, aber ich hatte keinerlei Einfluss darauf. Bleibt dem Doppelpass trotz allem gewogen.

Übrigens: Training hat der HSV heute nicht gehabt, auch morgen und übermorgen (Dienstag) ruht der Ball im Volkspark. Was irgendwie auch zu verstehen ist, denn es ist ja Länderspiel-Woche, es ist ohnehin keiner da. Und diejenigen, die glauben etwas tun zu müssen, die dürfen von sich aus. Ohne Aufforderung. Mir würden einige Gründe einfallen, warum der eine oder andere schon trainieren sollte.

Dann hatte ich beim Matz-ab-Treffen noch versprochen, über Hermann Rieger zu schreiben. Der war für den Freitag eingeladen, hatte auch nicht abgesagt, war dann am Sonnabend erst in der Arena zu sehen. Zwei Tage wären ihn wohl zu viel gewesen, aber er sagt, dass es ihm gut gehe. Alle zwei Wochen Chemo, aber im Moment nicht. Hermann sieht noch immer nicht allerbest aus, aber er sagt, man müsse sich keine Sorgen machen . . .
Um ganz ehrlich zu sein, ich mache sie mir doch.

PS: Vielen Dank noch einmal an dieser Stelle für die Flasche beim Matz-ab-Treffen – und die Karte dazu. Freude pur.

Noch ein PS: Diesen Bericht habe ich auf dem Flughafen von München geschrieben, sorry für etwaige Fehler.

16.56 Uhr