Tagesarchiv für den 19. März 2011

6:2 – der HSV ist wieder da!

19. März 2011

Das war doch ein Traum! Der HSV ist wieder da! Der HSV, der zuletzt nur als Chaoten-Klub von sich Reden machte, fegte den 1. FC Köln mit sage und schreibe 6:2 aus dem Volkspark. Unfassbar! Der reine Wahnsinn! Wer hätte das geglaubt? Da geht ja doch noch was, das sah ja richtig nach Fußball aus, das war beinahe beängstigend stark. Die Aufbruchsstimmung im Verein, der Trainerwechsel, die neue Führungsriege im Klub – all das hat für diesen großen Sieg gesorgt. Nun ist nur für allen Beteiligten zu hoffen, dass dieser Sieg, dass diese Leistung keine Eintagsfliege bleibt. Einziges Manko an diesem Nachmittag: Ruud van Nistelrrooy sah seine fünfte Gelbe Karte und wird im Auswärtsspiel gegen Hoffenheim nun fehlen. Schade.

„Versprochen wurde uns schon viel, aber gehalten wenig. Heute bin ich einmal gespannt, ob die HSV-Profis wirklich mal Taten folgen lassen.“ So oder so ähnlich lauteten die Kommentare, die ich auf dem Weg zur Tribüne hörte. Eine Mischung aus Skepsis und Hoffnung. Und dann diese Sahne-Halbzeit – unfassbar. 4:0 gegen den 1. FC Köln nach 45 Minuten. Ich hatte vorher auf ein 1:1 getippt, aber so kann es gehen. Die Jungs aber hatten Biss, hatten Lust, hatten Spaß. Auch wenn es hinten zuerst alles andere als souverän aussah. Stellungsspiel und Aufbauspiel schwach. Dass das nicht bestraft wurde, das lag sicher auch an den harmlosen Kölnern.

Aber wenn der HSV nach vorne spielte, war das sehenswert. Ab der Mittellinie ging die Post ab. Und es kam den Stürmern sicher entgegen, dass Köln oft auf einer Linie stand, so dass ein einfacher Pass genügte, um die FC-Defensive auszuhebeln. Da kam Freude auf.

Köln hatte den HSV wohl etwas unterschätzt – nach dem 0:6 in München, und Köln hatte sich nach dem 4:0 gegen Hannover sicher auch etwas überschätzt. Es war schon mutig, wie die Westdeutschen den HSV schon an dessen Strafraum beim Aufbau störte – mutig und vielleicht auch ein wenig zu übermütig. Es wurde gnadenlos bestraft. Es war traumhaft, zumal teilweise noch die Sonne dabei lachte.

Wobei beim Start, dem 1:0-Führungstreffer, der Schiedsrichter eine gewichtige Rolle spielte. Ich habe dem 23. Mann schon oft eine etwas schwächere Leistung vorgehalten, aber dieser Robert Hartmann (aus Wangen), der erst 31 Jahre alt ist und erst sein zweites Bundesliga-Spiel leitete, war klasse! Jawoll, mit Ausrufezeichen. Wie er nicht auf die schauspielerische Leistung des Kölners Novakovic hereinfiel – Kompliment, Herr Hartmann, das kann sich sehen lassen. Und ich hoffe, dass dieses Spiel der Start in eine großartige Schiedsrichter-Karriere ist.

Hartmann pfiff kein Foul, als Gojko Kacar das Duell gegen Novakovic gewann, der Serbe bediente Dennis Diekmeier, der schickte Änis Ben-Hatira auf die Reise, dessen Linksschuss hielt Rensing im Kölner Tor, aber Mladen Petric stand goldrichtig und staubte ab (12.). Auch dabei lobenswert das Auge des Mannes an der Linie, Thorsten Schiffner – den es war kein Abseits.

Dieses 1:0 wirkte aber noch nicht befreiend, in der HSV-Defensive gab es manchen beängstigenden Stockfehler. Erst mit dem 2:0 kehrte ein Hauch von Souveränität ein. Aber was war das für ein Super-Tor! Der Kölner Peszko spielte Änis Ben-Hatira an, der lief ein paar Schritte und lupfte den Ball aus 17 Metern über den Kölner Keeper Rensing ins Netz (32.). Der Knoten war geplatzt. Auch deshalb, weil Ben-Hatira groß aufzog. Am Freitag hatte er noch gesagt, dass ihm Effizienz und Torgefahr fehlen würden, und nun eines vorgelegt und eines gemacht – mehr geht ja gar nicht. Super Änis!

Der bediente kurz darauf noch einmal Ruud van Nistelrooy mustergültig, doch „van the man“ wollte noch nicht – vorbei. Aber der HSV war dann wie entfesselt. Die Welle rollte, die Zuschauer waren total aus dem Häuschen. Frank Rost Abschlag genau in den Fuß von van Nistelrooy, der Ball klebte am Fuß des Niederländers, dann ein Zucker-Pass zu Petric, der trifft aus 14 Metern – 3:0 (38.). Und Petric legte noch einen nach, er köpfte nach Flanke von Eljero Elia das 4:0 (43). Schön zu sehen, wie danach auch „RvN“ zum Jubeln kam – wie auch schon beim Tor zuvor. Na bitte, es geht doch – möchte man sagen.

Auch bemerkenswert: Für viele war trotz der drei Petric-Tore Änis Ben-Hatira der Mann der ersten 45 Minuten. David Jarolim und Heung Min Son gingen nach dem Pausenpfiff sofort auf den Deutsch-Tunesier zu und knuddelten ihn. Das ist es doch, was den Teamgeist hebt.

Im zweiten Durchgang setzte sich die Unsicherheit in der HSV-Abwehr munter fort. Dennis Diekmeier wurde vor dem 1:4 von Jajalo ausgetanzt (50.). Aber vorne lief es weiter nach Wunsch: Flanke Elia, Koipfball Gojko Kacar, 5:1, nur 120 Sekunden später. Ein munteres Scheibenschießen. Wobei der Schiedsrichter auch noch einmal in Erscheinung trat. Das Foul an Petric war sicherlich kein Strafstoß, aber es gab ihn dennoch. Eigentlich wollte Petric selbst schießen, aber der Jubilar wartete geduldig auf dem Elfmeterpunkt. Und Petric gab die Kugel an Ze Roberto, der vor dem Spiel wegen seiner 330 Bundesliga-Spiele (Nummer eins der Ausländer, gemeinsam mit Sergej Barbarez) geehrt worden war, weiter. Der Brasilianer verwandelte traumhaft sicher – 6:1 (57.). Fünf Minuten später wurde Lukas „Poldi“ Podolski erstmalig an diesem Nachmittag gesehen, er umkurvte Rost, „nur“ noch 2:6. Welch ein Ergebnis! Welch ein Spiel!, Welch ein Nachmittag! So richtig schön passend zum Matz-ab-Treffen am Vorabend, das ähnlich wunderbar verlief. Bei der Gelegenheit: Vielen Dank an alle, die daran beteiligt waren, Ihr seid alle wirklich klasse, traumhaft, hervorragend. So kann es weitergehen! Vielen Dank auch für die Blumen (Gobi!), die Frau M. erhalten sollte – und die sie natürlich auch erhalten hat. Danke, danke, danke, ich kann es nur immer noch einmal wiederholen. Auch im Namen von „Scholle“, soll ich ausdrücklich ausrichten. O-Ton „Scholle“: „Es war super!“

Zurück zum Spiel. Wann hat man hier (im Volkspark) zuletzt einmal ein „Oh, wie ist das schön“ gehört? Ich kann mich nicht erinnern. Fast das gesamte Stadion sang – und klatschte dazu. Feierstimmung in Hamburg, ich habe es am Vorabend gesagt: alles wird gut! So ganz nebenbei: Es war toll von Euch, Ihr im Nord-Westen, wie Ihr Collin Benjamin gefeiert habt. Ihr habt ein Gespür dafür, was gemacht werden muss – und das musste mal gemacht werden. Collin Benjamin Fußball-Gott, er hat es verdient.

Zur Einzelkritik: Frank Rost okay, ihn werden die Gegentore wurmen, aber er konnte nichts daran halten. Dennis Diekmeier nach hinten einige Male bedenklich wackelig,aber nach vorne war er okay. Und: Endlich kamen einmal die Flanken von der rechten Seite, mehr davon. Gojko Kacar hatte trotz seines Tores einen schwachen Tag, das kann er doch viel, viel besser. Der Serbe wirkte enorm unsicher und nervös, was sich in vielen Fehlern widerspiegelte. Joris Mathijsen spielte solide (zum Glück!), und Dennis Aogo hat auch schon wesentlich bessere Spiele abgeliefert, irgendwie war diesmal viel, viel Sand im Getriebe – vor allen Dingen im Spiel nach hinten.

Auf der Sechs war Heiko Westermann emsig bemüht, aber was ging ihm an diesem Nachmittag nicht alles daneben? War es die Nicht-Berücksichtigung von Jogi Löw? So viele Fehler wie diesmal hat Westermann noch nie gemacht, obwohl er oft schon viele Fehler in seinem Spiel hatte. Dafür war sein Nebenmann, diesmal sein Vordermann (auf der Zehn), um Klassen besser. Ze Roberto in seiner Jubiläums-Begegnung fehlerfrei – und wie ein ganz, ganz junger Mann. Großartig. Und er kommt dort mit seinen spielerischen Qualitäten auch besser zur Geltung – weiter vorn.

Rechts zeigte Änis Ben-Haitra sein besten 45 Minuten, die er bislang für den HSV spielte – bitte wiederholen. Links fand Eljero Elia diesmal häufiger statt, als zuletzt. Kommt er unter Michael Oenning nun doch noch einmal? Wie schön wäre das!

Und vorne? Mladen Petric immer gefährlich, auch mit dem Auge für den Nebenmann – ganz stark. Dieses Prädikat verdiente sich auch Ruud van Nistelrooy, der diesmal nicht nur vorne wartete, sondern auch lange Wege nach hinten ging, fast in Spielmacher-Manier. Vielleicht findet er ja doch noch einmal seine Lust und seine alte Form wieder, zu wünschen wäre es diesem erstklassigen Sportsmann.

Um es abzurunden: Auch die eingewechselten Guy Demel (55., für Diekmeier), Heung Min Son (60., für Ben-Hatira) und Tunay Torun (88., für „RvN“) konnten gefallen. Logisch, bei einem 6:2. Schön zu sehen auch, als van Nistelrooy vom Platz ging. Die Zuschauer applaudierten alle, riefen „Ruud“ – und der Niederländer bedankte sich bei Michael Onenning, in dem sich beide Wange an Wange herzten. Da kommt doch Freude auf. Und: So darf es nun auch weitergehen. Bitteschön. Die anschließende Ehrenrunde, die die Sieger gingen, wurde vom Beifall getragen. Traumhaft, dieser 19. März 2011. Nur der HSV!

17.37 Uhr