Tagesarchiv für den 17. März 2011

Wenn die gute Laune den Spitzenwert erreicht…

17. März 2011

Fußball! Endlich wieder Fußball!!! Es geht wieder um das, was uns – ich hoffe es zumindest – alle am meisten interessiert. Da geht es plötzlich wieder um politikfreie Torquoten, um überraschende Startelfnominierungen und ehemalige Weltstars, die den Neuanfang nutzen wollen, um sich auf den letzten Metern ihrer HSV-Zeit doch noch mal auf sportlichen Höchstniveau zu präsentieren. Kurzum: es macht endlich wieder Spaß beim HSV!

Und das ist im Training zu erkennen. Und auch wenn ich ganz klar sagen muss, dass die Trainingseinheiten in dieser Serie zumeist eher täuschend und ganz sicher kein Gradmesser der aktuellen Form sind, so machen sie mir in schwierigen Momenten wenigstens etwas Hoffnung. Wie eben jetzt. Und so in etwa wie Michael Oennings Aussagen heute über den Problemfall Ruud van Nistelrooy. Seit seinem untersagten Wechsel zu Real Madrid in der Winterpause schien der Niederländer nicht mehre auf die Beine zu kommen. Oder besser: nicht mehr kommen zu wollen. Lustlose Trainingseinheiten waren mit schwachen Leistungen auf dem Platz eine Mischung, die ihn unter Oennings Vorgänger Armin Veh logischerweise zum Reservisten degradierten. Ein Zustand, den Oenning ändern will. „Ich habe mich mit ihm länger unterhalten, um herauszufinden, woran es liegt“, sagt Oenning, „und wir hatten ein sehr offenes, ehrliches Gespräch. Ruud hat eine komplizierte Zeit hinter sich. Er möchte aber noch mal Fußball spielen, guten Fußball. Und das ist eine gute Grundlage, nach der ich zu dem Eindruck gekommen bin, dass Ruud hier noch etwas zeigen will.“ Und das wird er voraussichtlich anstelle Paolo Guerreros am Sonnabend gegen Köln dürfen. „Es gab zwei mögliche Optionen“, so Oennings Erklärung, „entweder wir fangen noch mal bei null an und ich bringe ihn – oder eben nicht.“

Und auch wenn van Nistelrooy im Training zu den eher mäßig begeisternden Spielern zählt, setzt Oenning auf den Effekt des Neubeginns. „Ruud van Nistelrooy – das ist immer noch ein Name, der in der Liga Angst und Schrecken verbreitet. Wir müssen versuchen, Ruud in die für ihn besten Situationen zu bringen, und die sind natürlich im Sechzehner.“ Ob der Niederländer im Zusammenspiel mit Mladen Petric nicht vielleicht etwas zu wenig Laufleistung verspricht? „Nein“, sagt Oenning, „deswegen spielen wir ja nicht mit einem echten Stürmer und einem dahinter sondern mit zwei echten Stürmern. Und Ruud weiß auch, dass das kein Freifahrtschein ist, dass ich ihn ganz normal nach seiner Leistung bewerte. Er kriegt nicht automatisch fünf Spiele am Stück, das war nicht der Deal.“

Ein so genannter „Big Deal“ könnte indes eine Startelfnominierung von Dennis Diekmeier werden, nachdem der 21-Jährige seit Saisonbeginn ausgefallen war und gegen Köln eine Option für die Startelf ist. Meine Meinung kennt Ihr dazu, aber vielleicht geht Oennings Plan dahinter auf. „Ich bin froh, dass Dennis in so kurzer Zeit wieder soweit ist. Er ist 100 Prozent fit und ich weiß, wo er uns helfen kann. Er ist gedanklich und real eine Option.“ Festlegen wollte sich Oenning dann allerdings nicht, da sich gestern Nachmittag Guy Demel wieder fit zurückmeldete und auch heute ganz normal mit der Mannschaft trainieren konnte.

Klar ist allerdings, dass Oenning offensiv spielen lassen will. Im Training haben Pressing-Übungsspiele Hochkonjunktur. Auch heute, wo wieder in Turnierform über den halben Platz gespielt wurde. „Ich möchte offensiv spielen. Das ist mit hoher Konzentration und Laufbereitschaft verbunden. Und mit einem Risiko – aber das wollen wir nehmen.“

Eine Konsequenz daraus könnte sein, dass er ob der eher ökonomischen Spielweise van Nistelrooys und Petrics mit zwei fleißigen Außenstürmern beginnt. Im Training waren das zuletzt Änis Ben-Hatira und Heung Min Son, wobei auch Jansen und der im Training fleißige und von Oenning dafür oft gelobte Eljero Elia eine Alternative sein dürften. Und so gern ich klar sagen würde, wer wo spielt – in diesem Fall kann ich das noch nicht. Was mich einerseits ärgert – andererseits bewirkt diese Ungewissheit für einen hohen Konkurrenzdruck innerhalb der Mannschaft. Und der soll ja bekanntlich förderlich sein.

Zumal die Mannschaft endlich die nötige Ruhe zum Arbeiten hat. Sagt Mladen Petric. „Die Unruhen haben alle belastet, auch uns, obwohl das nicht so sein sollte. Aber jetzt ist hier Bewegung reingekommen und der Verein hat gehandelt. Es hat sich einiges geändert und es gibt endlich wieder eine klare Richtung“, freut sich der Kroate, der auch sonst zuversichtlich wirkt, auch den internationalen Wettbewerb noch nicht abgehakt hat: „Irgendwo gibt es ja doch noch eine ganz kleine Chance. Und die wollen wir nutzen.“ Motivation dafür sei schon allein aus dem letzten Spiel, dem peinlichen 0:6 in München, im Übermaß vorhanden. „Wir müssen was zeigen“, so Petric, „immerhin haben wir uns in München abschlachten lassen. Und wenn wir den Neuanfang haben – dann wollen wir ihn auch nutzen und in die andere Richtung als zuletzt rudern.“

Klingt gut, finde ich. Inwieweit der Neuanfang seine persönliche Situation beeinflusst, vermochte Petric nicht zu beantworten. „Es ist nicht so, dass ich weg will. Gleich beim ersten Widerstand abhauen, das ist nicht mein Ding. Aber es gibt halt noch keine Tendenzen, weder von mir noch von Vereinsseite.“ Dafür sei bislang ja auch kein Ansprechpartner vorhanden gewesen. Auch nicht Noch-Sportchef Bastian Reinhardt, „der sich ja auch erst mit dem neuen Sportchef abstimmen musste“. Zudem will Petric abwarten, in welche Richtung der HSV plant. Wer kommt, wer geht? Schafft der HSV noch den internationalen Wettbewerb? „Das sieht man natürlich nicht gern. Wir haben in der Mannschaft viele Nationalspieler, die den Anspruch haben, international zu spielen“, sagt Petric, den aber nicht minder interessiert: was für einen Vertrag bekommt er geboten? „Bis 34 will ich noch auf höchstem Niveau spielen“, so der 30-Jährige, der damit auch klar machen will, dass er seinen letzten großen Vertrag plant.

Den hat Zé Roberto längst hinter sich. Obwohl ihm Oenning heute attestierte, noch viele Jahre auf allerhöchstem Niveau spielen zu können. „Wie lange er noch Fußball spielt, hängt allein von seiner Lust ab. Körperlich hat er keine Probleme, er ist frei von Alter. Und fußballerisch zähle ich ihn in die Kategorie ‚Künstler‘. Ich sehe ihn bei uns deshalb auch eher im zentral-offensiven Bereich.“ Und das nach Möglichkeit noch einige Jahre. Oenning: „Wenn es nach mir geht, ist er noch sehr, sehr lange hier.“

Womit klar ist, worauf Oenning in seinem ersten Spiel am Sonnabend gegen Köln setzt: Er hat sich gleich mit seinen ersten Amtshandlungen die drei Stammesältesten herausgegriffen – Rost im Zuge seines Interviews, danach van Nistelrooy und Zé Roberto – und ihnen mit seinen Worten seine volle Rückendeckung versprochen. Bleibt zu hoffen, dass ihm dies auch zurückgezahlt wird.

In diesem Sinne, wer heute nur Sportliches lesen will, der soll bitte das „P.S.“ unter meinem Abschiedsgruß heute ignorieren.

Ich verlasse jetzt endlich mal wieder gut gelaunt den Presseraum der Imtech-Arena. Und ich werde zusammen mit meiner Freundin gegenüber in der „O2-World“ dank Comedian Dieter Nuhr meine gute Laune zu einem lange nicht mehr erreichten Spitzenwert verhelfen, der nur am Sonnabend nach dem Schlusspfiff gegen Köln nochmals gesteigert wird… Hoffentlich…

In diesem Sinne,
Scholle

18.25 Uhr

P.S.: So partout ich diesen Blog mit Fußball und nichts anderem beschließen wollte, zumindest noch eine vereinspolitische Sache. Und die auch nur, weil sie grundsätzlich positiv ist. Denn der Interimsboss Carl Edgar Jarchow verbreitet auf der Geschäftsstelle wie bei der Mannschaft positive Stimmung. Das wiederum hat den Aufsichtsrat dazu veranlasst, sich selbst und vor allem seiner Übergangslösung ein Kompliment auszusprechen: „Die ersten Kommentare bestätigen uns in der Einschätzung, eine Lösung von hoher Akzeptanz und großem Vertrauen gefunden zu haben, die wieder Ruhe in den Verein bringen wird.“ Dadurch habe der Aufsichtsrat die komfortable Situation, in Ruhe nach einer Dauerlösung für den Posten des Ersten Vorsitzenden zu suchen. Angeblich seien die zuletzt immer wieder genannten Björn Gulden und Heribert Bruchhagen dabei aktuell keine Gesprächspartner.

Wie auch immer, in den nächsten Tagen und Wochen werden wir früh genug darauf eingehen müssen – verzichten wir deshalb heute ausnahmsweise mal auf eine Interpretation dieser Aussagen.