Tagesarchiv für den 16. März 2011

Endlich sind die (ersten) Personalien geklärt

16. März 2011

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bin irgendwie müde. Müde ob der täglichen Überdosis Vereinspolitik. Da hatte ich mich gestern schon gefreut, endlich mal nur über Fußball zu schreiben, bis sich am späten Nachmittag die Ereignisse überschlugen. Inzwischen ist auch das geklärt, Carl Edgar Jarchow ist kommissarisch neuer Vorstandsvorsitzender des HSV und Joachim Hilke. Zwei alte Bekannte, der eine stand immerhin von 2001 bis 2003 im HSV-Aufsichtsrat, der andere agierte bereits 1998 bis 2001 als Vorstand Marketing.

Dafür ist eine große und lange Ära beendet. Und so müde ich auch sein mag, Bernd Hoffmann und Katja Kraus haben es nach ihren Vertragsauflösungen verdient, hier noch mal für ihre erfolgreiche Arbeit der letzten acht Jahre gewürdigt zu werden. Als Team im Februar (Hoffmann) bzw. März (Kraus) 2003 in den HSV-Vorstand berufen, haben die zwei den HSV zum zweithöchsten Umsatz der Bundesliga gepusht. Merchandising und Marketing wurden fast jährlich mit neuen (Vereins-)Rekordzahlen bilanziert, während sich der Verein sportlich von Platz 78 bis in die Top-20 Europas spielte. Und das, was man – ich nehme mich da in keinster Weise aus – als streitbar beim „Machtmenschen“ Bernd Hoffmann und seiner Marketing-Fachfrau Katja Kraus erachtete, war nicht selten deshalb erfolgreich, weil beide hart und kompromisslos an ihren Wegen festhielten. Im Sinne des Vereins. Ginge es rein nach Zahlen und Ergebnissen, gibt es wirklich nur für den verbohrtesten Kritiker ein Haar in der Suppe zu finden. Selbst wenn, wie es sich bereits andeutet, in den nächsten Wochen einige Bestandsaufnahmen und Zahlen veröffentlicht werden, die den Ausblick auf die kommende Saison etwas trüben könnten, Kraus und Hoffmann haben allen Grund, sich als „echte HSVer“ zu betiteln. Denn viel mehr als die beiden haben nicht besonders viele Amtsträger zuvor für den HSV geleistet. „Bernd Hoffmann und Katja Kraus und der HSV haben sich einvernehmlich, wobei ich das Wort ‚einvernehmlich‘ betone, getrennt. Der Aufsichtsrat hat Herrn Hoffmann und Frau Kraus ausdrücklich für die für den Verein geleistete exzellente Arbeit gedankt und wünscht ihnen persönlich und beruflich alles Gute für die Zukunft“, erklärte Otto Rieckhoff, Aufsichtsratsvorsitzende des HSV. Dass es dann plötzlich doch alles ganz schnell ging, sei einer „unerträglichen“ weil unklaren Situation für Kraus/Hoffmann sowie den Verein geschuldet. „Wir haben jetzt ein klares Signal gegeben und werden auf der exzellenten Arbeit aufbauen. Es wird sich einiges ändern – aber nicht das, was gut war.“

Womit die Messlatte hoch gelegt ist. Sehr hoch sogar für das neue Führungsduo Jarchow/Hilke. Wobei der sichtlich erleichterte Ernst Otoo Rieckhoff aus dem Loben gar nicht mehr herauszufinden schien. „Carl Edgar Jarchow ist ein angesehener hanseatischer Kaufmann mit einer großen Leidenschaft für den HSV.“ Immerhin ist Jarchow bekennend seit seiner Kindheit HSV-Fan und aktueller Dauerkartenbesitzer. Als der Vorschlag im Kontrollgremium (Rieckhoff: „Jeder hat seinen Hut in den Ring geworfen“) aufkam, sei er sofort begeistert gewesen. „Sein Name hat mich sofort angesprochen. Er steht für Hamburger Tugenden wie Seriosität und Verlässlichkeit“, lobt Rieckhoff den Imterimsboss ebenso wie die Entscheidung seines Gremiums. Zumal nicht mal ausgeschlossen wird, dass Jarchow auch zur dauerhaften Lösung wird.

Aber wer genau ist Jarchow?

Jarchow ist nach langjähriger Geschäftsführertätigkeit im Im- und Export seit 2005 als Gesellschafter der Firma Empire Megastores tätig. Er ist seit 1990 Mitglied des HSV, war von 1998 bis 2001 stellvertretender Leiter der Abteilung Fördernde Mitglieder/Supporters und von 2001 bis 2004 Mitglied des HSV-Aufsichtsrates. Jarchow ist zudem neugewähltes Mitglied der Hamburger Bürgerschaft – und heiß auf seine neue Aufgabe. „Das ist ein ganz besonderer Tag für mich“, freute sich das neue HSV-Oberhaupt heute, „Ich bin Fan dieses Vereins, solange ich lebe und habe dem Verein schon in anderer Position dienen dürfen.“

Dienen dürfen – klingt angenehm devot, oder? Hier scheint der Verein absolut im Vordergrund jeder Eitelkeit zu stehen. Hoffe ich zumindest…

Auf jeden Fall legte Jarchow bei seiner heutigen Vorstellung einen richtig guten, einen richtig sympathischen Auftritt hin. Erst bei den naturgemäß ob des Vorstandswechsels beunruhigten Mitarbeitern vorgestellt („Es ist keine einfache Situation, aber ich setze auf Kontinuität“), wusste er nach der Pressekonferenz heute auch der Mannschaft zu gefallen, der er sich vor dem Nachmittagstraining im Kabinentrakt vorstellte.

Gleiches gilt für Joachim Hilke. Wer Hilke ist?

Der 43-Jährige saß von 1998 bis 2010 in verschiedenen Führungspositionen der SPORTFIVE Group, zuletzt von Juni 2009 bis Dezember 2010 als CEO SPORTFIVE International und Geschäftsführer aller SPORTFIVE Gesellschaften. Hilke ist HSV-Mitglied seit 1998 und saß von 1998 bis 2001 im HSV-Vorstand. Er hat in dieser Zeit den Abschluss maßgeblicher Sponsoren-Verträge vorangetrieben, gleiches gilt für Planung und Umsetzung des neuen Stadions. Hilke ist aufgrund seiner Arbeit bei SPORTFIVE besonders gut vernetzt in DFB, DFL, Uefa und Fifa.

So zumindest stellte ihn der HSV vor. Hilke selbst gab sich ob seiner lesenswerten Vita selbstbewusst, aber geerdet. „Ich sehe beim HSV eine langfristige Perspektive. Ich bin ein absoluter Teamplayer und gehe den Job mit einer riesengroßen Motivation und einem hohen Maß an Respekt an. Ich bin mir sicher, dass wir eine Menge bewegen können.“ Und während Jarchow nur solange im Amt bleibt, bis der neue Vorstandsvorsitzende gefunden ist. Favorit hierfür ist und bleibt der ehemalige Fußballprofi und heutige geschäftsführende Direktor der Deichmann-Gruppe Björn Gulden, mit dessen Noch-Arbeitgeber der Aufsichtsrat über eine vorzeitige Vertragsauflösung des Norwegers (Guldens Vertrag läuft noch bis zum 31. Dezember) in aussichtreichen Verhandlungen steht.

Aber lieber zurück zu den Fakten. Kraus und Hoffmann sind per sofort aus dem Vorstand ausgeschieden, mit Jarchow, Hilke, Reinhardt und Oliver Scheel steht ein neues Quartett bis auf weiteres dem Verein vor. Und ich glaube, dass sich trotz des Imterims-Status‘ so wenigstens etwas Ruhe herstellen lassen kann. Etwas Ruhe, um die kleine Chance auf das Erreichen der Europa League doch noch umzusetzen. Denn, mal angenommen, Dortmund schlägt am Wochenende Mainz, mit einem Sieg über Köln könnte der HSV wieder auf drei Punkte an Mainz herankommen. Schlagdistanz nennt man sowas – und so unfassbar diese Möglichkeit nach gefühlten 100 Rückschlägen in dieser Saison auch ist – sie baut mich auf. Weil sie mich endlich wieder hoffen lässt. Hoffen, dass sich jetzt erst mal vereinspolitisch keine neuen Gräben auftun. Und hoffen, dass in den nächsten Wochen der Sport wieder in den Vordergrund rückt.

So, wie heute nach der Präsentation im Presseraum der Imtech-Arena. Da setzte sich Dennis Diekmeier zu uns und beantwortete mit einem dauergrinsen unsere Fragen. Den 21-Jährigen, der es bislang auf genau NULL Bundesligaspiele für den HSV bringt, konnte heute nichts schocken, nachdem ihm Trainer Michael Oenning eine Startelfnominierung für Sonnabend gegen Köln avisierte. „Ich kann es kaum noch erwarten“, so der Rechtsverteidiger, der für den noch nicht wieder 100-prozentiug fitten Guy Demel (leichte Probleme nach Schlag auf die Wade) ins Team rücken soll. „ich habe letzte Woche 90 Minuten bei der Zweiten gespielt – das war wichtig für den Kopf. Ich weiß jetzt, dass ich zurück bin“, sagt Diekmeier, der ebenso weiß, bei wem er sich zu bedanken hat: „Mit Oenning verbinde ich nur gute Gedanken. Er hat mich in Nürnberg hochgebracht“ – und er wiederholt das jetzt beim HSV.

Ich weiß, dass jetzt einige sagen: „Der Scholle hat doch gestern erst geschrieben, dass Diekmeier noch nicht soweit ist“. Und ja, das habe ich auch. Und so kritisch ich diese Neubesetzung auch heute und vielleiht auch morgen noch sehe, jetzt ist meine Meinung komplett unwichtig und die Unterstützung Diekmeiers, der nach seiner extrem langen Verletztenpause Zuspruch sicher brauchen wird, vorrangig.

Zudem noch ein kleiner Hammer: Gestern hatte ich von dem Gespräch van Oenning/Nistelrooy geschrieben. Es scheint gefruchtet zu haben. Zumindest beförderte der Neu-Trainer den zuletzt müden Niederländer im Abschlussspiel in die A-Elf. Dafür musste Paolo Guerrero weichen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sich Oenning (der ließ auf den Außen Son und Ben-Hatira spielen) etwas dabei gedacht hat…

Zumal ich insgesamt die zarte Hoffnung hege, dass sich bei der Mannschaft endlich etwas Ruhe einstellen wird. Oenning ist mindestens bis Saisonende Trainer, Jarchow eine vernünftige Interimslösung und Hilke ein Vollprofi für Zahlen und Marketing (Hilke: „Das operative kommerzielle Geschäft ist mir wie auf den Leib geschneidert“). Bastian Reinhardt hat entscheidende Gespräche mit den Spielern angekündigt, deren Verträge auslaufen. Und Frank Arnesen trifft munter personelle Entscheidungen aus London, wobei er dieser Tage auch nach Hamburg kommen soll, um die Geschäfte anzukurbeln und sich einen kompletten Überblick über den Status Quo des HSV zu verschaffen. Und geht es nach Hilke, ist dieser Zustand gar nicht mal schlecht: „Der Verein ist in einer besonderen Situation. Aber der HSV steht gut da.“

Alle vier Personalentscheidungen (Auflösungsverträge Hoffmann und Kraus sowie Einsetzungen von Jarchow und Hilke) bedurften übrigens jeweils einer Zweidrittelmehrheit. Laut dem Aufsichtsratsvorsitzenden Ernst Otto Rieckhoff wurden alle Entscheidungen mit großer Mehrheit getroffen. Und ich weiß, dass sich viele für die genauen Ergebnisse interessieren.

Ich allerdings nicht.

Nicht heute. Denn nachdem ich gehört hatte, dass Hoffmann zehn Tage nach der knappen 7:5 Abstimmung für ihn jetzt mit 3:9 ins Hintertreffen geraten sein soll, war mir klar, dass hier rein ergebnisorientiert abgestimmt wurde. Es durfte einfach keine Abstimmung ergebnislos weil ohne Zweidrittelmehrheit bleiben. Das hätte dem Verein aber in erster Linie dem Kontrollgremium geschadet. Daher sind die genaue Abstimmungsverhältnisse kein genaues Stimmungsbild des Gremiums und für mich völlig zweitrangig. Ich halte es eh am liebsten damit, über gute Ergebnisse auf dem Platz zu berichten.

Na denn, personell gibt es endlich an allen Fronten (mindestens zarte) Fortschritte. Und da mit der Trainerfrage die nächste Personalie seine Schatten bereits vorauswirft, hoffen wir mal, dass die Mannschaft am Sonnabend gegen Köln nicht nur nachzieht, sondern die Vereinspolitik nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder in den Schatten stellt.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

Scholle

19.45 Uhr

P.S.: Heute rief mich ein alter Bekannter an und erzählte mir, dass er sich beim HSV beworben habe: Andrej Panadic. Der ehemalige Innenverteidiger des HSV hat inzwischen seinen Fußballlehrer („Sogar mit Prädikat“) gebaut und hofft auf ein Engagement beim HSV. „Als Assistent oder bei der Zweiten – mir egal. Ich will dem großartigen Verein, meinem Verein, helfen. Ich glaube, der HSV kann ein paar echte HSVer mehr gut gebrauchen.“

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