Tagesarchiv für den 15. März 2011

Oennings erster Tag – und neue Hoffnung? ERGÄNZUNG: Hoffmann und Kraus lösen Verträge auf

15. März 2011

++++++++ACHTUNG: Ergänzung am Ende des ersten Textes++++++++

„Gut gearbeitet, Jungs“, brüllte Michael Oenning nach seiner ersten Trainingseinheit als Cheftrainer heute Mittag zufrieden über den Trainingsplatz. Und er hatte recht. Nachdem sich die Mannschaft um 10.19 Uhr auf den Platz begeben hatte, es ein kurzes Warmmachprogramm (OHNE Kreisspiel…) gab und eine Passübung absolviert war, ging es zum Abschlussspiel. Besser gesagt: zum Abschlussturnier mit drei Siebener-Mannschaften auf halbem Platz. Wobei sich Oenning noch nicht abschließend festlegte, seine Startelf noch nicht offenbarte. Im Gegenteil, neben den als „gesetzt, wenn fit“ geltenden Gojko Kacar, Joris Mathijsen und Dennis Aogo ließ er Dennis Diekmeier auf der rechten Seite in der „Stamm“-Viererkette spielen. Der Langzeitverletzte und „Gerade-wieder-fit“-Verteidiger wusste dabei allerdings nur begrenzt zu gefallen. Weniger noch: defensiv taumelte der 21-jährige, nach vorn war ihm die fehlende Spielpraxis anzusehen. Normal – aber schon deshalb können wir davon ausgehen, dass der ehemalige Nürnberger am Sonnabend eher nicht zum Kader gegen Köln gehören wird. Zumal neben der München-Variante Tomas Rincon heute auch wieder – ich weiß, hier freuen sich jetzt einige – Guy Demel mittrainierte.

Besonders auffällig im Training war einmal mehr Zé Roberto. Der Brasilianer sprühte vor Spielwitz, war in der ausschließlich mit A-Elf-Spielern besetzten Mannschaft der überragende Mann. Höhepunkt seiner Künste war, als er dem völlig verdutzten Lennard Sowah den Ball über den Kopf lupfte, um ihn direkt aus der Luft auch wieder zurück zu überlupfen. Einzig die anschließende Direktabnahme verzog der Brasilianer knapp übers Tor – und erhielt trotzdem Applaus für die technisch brillante Szene.

Oennings Applaus wurde indes falsch gedeutet. Statt die Mannschaft nach dem sehenswerten Turnier in die Kabine zu entlassen, hatte der Münsterländer einen Parcours parat, der es in sich hatte. Und so musste die Mannschaft anschließend von 11.44 Uhr bis 12.07 den angrenzenden Hügel hochlaufen, dabei sogar Hürden überspringen. Ein Kraftakt, der nachmittags von einer fast ausschließlichen Konditionseinheit ergänzt wurde.

Dabei war die erste Hürde bereits vor dem Training genommen. Eine knappe halbe Stunde saßen Mannschaft und das neue Trainerteam – mit Rodolfo Cardoso, den ich am Ende noch mal explizit erwähnen werde, kam immerhin ein neuer Co-Trainer dazu – vor dem Vormittagstraining zusammen und besprachen das weitere Vorgehen für die letzten acht Saisonspiele. „Wir haben uns darauf geeinigt, uns ausschließlich um den Fußball zu kümmern“, erklärte uns Mannschaftskapitän Heiko Westermann, „wir werden keine Kommentare mehr zum Drumherum abgeben.“ Immerhin gibt es auf dem Platz genug zu tun. „Was in den letzten Tagen und Wochen passiert ist, war genau das Beispiel dafür, wie es nicht laufen darf. Und wir müssen uns den Vorwurf gefallen lassen, dass wir schlecht gearbeitet haben“, so Westermann selbstkritisch. „Wir müssen jetzt eine Reaktion zeigen. Gegen Köln. Am Sonnabend. Auf dem Platz.“

Mit Oenning an der Seite – und neuen Impulsen? „Ich glaube schon“, sagt Westermann, „er kennt die Strukturen, er kennt die Spieler. Er weiß am besten, was jetzt zu tun ist.“ Obwohl Oenning schon seit der Winterpause die Trainingsarbeit übernommen und die gesamte Zeit über in alle Entscheidungen eingebunden war? „Das glaube ich“, so Westermann, ehe er plausibel nachschob: „Es ist doch trotzdem für alle, für Spieler wie Trainer, eine neue Situation. Und darin liegt auch eine Chance.“

Der neue Trainer kommt an. Und er gibt mächtig Gas. „Er ist bei uns allen voll akzeptiert. Das gibt kein Problem. Im Gegenteil: man merkt schon, dass er richtig heiß ist“, sagt Westermann. Vor der ersten Einheit heute unterhielt er sich zuerst rund 30 Minuten mit der Mannschaft (Westermann: „Er hielt fast einen Monolog“), auf dem Weg zum Training mit Zé Roberto. Und selbst zwischen den beiden Trainingseinheiten schnappte sich Oenning Ruud van Nistelrooy und fuhr mit dem Niederländer weg, um sich mit ihm zu unterhalten. Vielleicht schafft es Oenning ja, dem zuletzt unter Armin Veh immer lustloser wirkenden Ex-Welttorjäger die letzten acht Saisonspiele noch mal schmackhaft zu machen. Abwarten.

Die Basis für einen Aufschwung ist jedenfalls wieder da. „Ich weigere mich, über vergangene Dinge zu sprechen und blicke nur noch nach vorne“, sagt Westermann und gibt damit eine Marschroute aus: „Wir müssen einiges wiedergutmachen. Insbesondere bei unseren Fans, die allein gegen Bayern 800 Kilometer gereist waren, um in der zweiten Halbzeit nicht mal mehr eine Mannschaft zu sehen. Mit dem Köln-Spiel am Sonnabend können wir damit anfangen. Für die Fans – und für unser Gefühl. Wir können wieder stabiler werden – wir müssen wieder stabiler werden.“

Und auch was die persönliche Sicherheit einiger Spieler betrifft, gibt es Grund zur Hoffnung, da in der kommenden Woche die Gespräche mit allen acht Spielern geführt werden sollen, deren Verträge auslaufen. Collin Benjamin hat bereits das Angebot erhalten, als Stand-by-Spieler der U23 zu bleiben und in der Zwischenzeit seine Trainerscheine zu machen. Und die anderen sieben Spieler werden folgen. Vor 14 Tagen hatte Noch-Sportchef Bastian Reinhardt samt seiner Scouting-Abteilung den Bald-Sportchef Frank Arnesen in London besucht und ihm alle Spieler samt Vertragssituation in einer Power-Point-Präsentation erläutert. Und während sich Reinhardt und Arnesen bei Zé Roberto darauf einigen konnten, dass der Brasilianer grundsätzlich zu halten sei, wenn es finanziell machbar ist, sind die Situationen bei Piotr Trochowski und Frank Rost weiter unklar. Letztgenannter hat Arnesen sportlich überzeugt, allerdings wären Rost und Drobny zu teuer. Die Tendenz von Arnesen geht dahin, einen von beiden (Drobny oder Rost) gehen zu lassen. Dass Rost selbst am Sonntag im Zuge seiner Brandrede davon sprach, wenn überhaupt dann für einen anderen Verein zu spielen, gilt noch nicht als in Stein gemeißelt. „Ich werde mit Frank auch darüber sicher noch mal sprechen“, so Reinhardt. Weniger spekuliert wird bei den Angreifern Maxim Choupo-Moting und Ruud van Nistelrooy, deren Verträge auslaufen und die intern als Abgänge feststehen.

Gehalten werden soll indes Tunay Torun, dem zuletzt ein Angebot aus Stuttgart vorgelegen hatte. Unter Veh kaum noch berücksichtigt, hatte sich der Deutsch-Türke schon intensiv mit einem Abschied beschäftigt. „Er war natürlich nicht zufrieden. Allerdings haben sich auch für ihn die sportlichen Perspektiven verändert. Wir sind jetzt mit ihm im Gespräch“, so Reinhardt, der ebenso wie bei Änis Ben-Hatira auch bei dem kleinen Stürmer auf eine Vertragsverlängerung hofft.

Zumal der HSV auf Talente setzen muss. Und will. Zum einen, weil so der geplante Umbruch angeschoben werden soll. Und zum anderen aus der finanziellen Not heraus, die sich durch das wahrscheinlich erneute Verpassen der Europa League ergibt. Denn noch immer ist offen, inwieweit sich der HSV von seinen teuren, aber wohl sportlich nicht mehr gebrauchten Spielern trennen kann, um so Finanzen frei zu machen. Denn bislang scheint klar, dass von den zehn verliehenen Spielern wohl nur zwei zur neuen Saison wiederkommen sollen und werden: Tolgay Arslan (von Alemannia Aachen) und Sören Bertram (Augsburg). Derweil sollen Marcus Berg (an Eindhoven), Alex Silva (an FC Sao Paulo) und David Rozehnal (OSC Lille) möglichst teuer abgeben werden, während man Mickael Tavares (Middlesbrough), Macauley Chrisantus (Karlsruhe) und Kai-Fabian Schulz (FSV Frankfurt II) möglichst eigene Kosten sparend vermitteln möchte. Und während Wolfgang Hesl (SV Ried) nicht wieder zurückkommen möchte, steht Maximilian Beister vor einem weiteren Jahr auf Leihbasis bei Fortuna Düsseldorf.

Seine eigene Vertragssituation geklärt hatte dagegen Rodolfo Cardoso schon vor Wochen, als er seinen Kontrakt als Coach der U23 vorzeitig bis 2013 verlängerte. „Vielleicht bin ich ja schon in ein paar Wochen wieder zurück bei meiner alten Mannschaft“, scherzt der Argentinier, der inzwischen auch den deutschen Pass hat und auf einen längeren Verbleib als Assistent im Bundesligateam hofft. „Als ich am Sonntag den Anruf bekommen habe, war ich richtig aufgeregt“, so der ehemalige „Zehner“ des HSV, „ich konnte mich gar nicht mehr auf unser Spiel konzentrieren.“ Und so ging die Partie der U23 gegen Wolfsburgs Zweite mit 0:1 verloren, ohne dass sich Cardoso wirklich ärgerte. „So eine Chance bekommt man nicht häufig. Ich freue mich riesig auf die neuen Aufgaben.“ Der 42-Jährige gilt als positiver Mensch, als ein Fußballfachmann mit Gespür für Stimmungen. „Ich habe hier aber keine Situation vorgefunden, die Sorgen machen muss“, so Cardoso, den sich Oenning als seinen Assistenten gewünscht hatte, „die Mannschaftsstimmung ist gut. Und wir werden als Mannschaft am Sonnabend ein Signal geben und alle aufwecken. Es liegt an uns, etwas auf das Spielfeld zu bringen, das wieder gute Stimmung weckt.“ Mit einem Sieg gegen Köln. Hoffentlich.

In diesem Sinne, bis morgen. Mit hoffentlich weiteren hoffnungsvollen Ansätzen,

Euer Scholle

P.S.: Ich kann es gar nicht glauben, aber es ist unfassbar schön, einen ganzen Blog mal wieder mit Fußball füllen zu können…

+++++ERGÄNZUNG++++++

….zu früh gefreut. Es gibt eben momentan keinen Tag ohne Politik. Heute mit der Nachricht, dass beide Vorstände, Katja Kraus und Bernd Hoffmann, ihre Verträge vorzeitig auflösen. Trotz anderslautender Ankündigungen. Denn nachdem vor dem Mainz-Spiel eine Verlängerung der Verträge von Bernd Hoffmann und Katja Kraus um ein Jahr an einer Stimme gescheitert war, erklärte Oberkontrolleur Ernst-Otto Rieckhoff zunächst überraschend, dass beide Vorstände ihre Verträge bis zum 31. Dezember erfüllen sollen.

Im Hintergrund setzte sich der Prozess um eine Umgestaltung der Klubführung jedoch unvermindert fort. Das Ergebnis vieler Gespräche steht nun unmittelbar bevor: Noch in dieser Woche dürften Hoffmann und Kraus ihre Auflösungsverträge unterzeichnen, wenn die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen werden sollten. Eine Einigung steht zwar noch aus, es ist jedoch damit zu rechnen, dass sehr zeitnah, jedenfalls vor dem kommenden Heimspiel gegen den 1. FC Köln am Sonnabend, der Abschluss erfolgt.

Zunächst war der Eindruck entstanden, unter anderem während der Versammlung mit den Mitarbeitern der Geschäftsstelle in der vergangenen Woche, dass Hoffmann weiter mit aller Macht um einen Verbleib kämpfen will. Nun aber scheint er nach gut achtjähriger Amtszeit, entnervt von den jüngsten Vorkommnissen im HSV, vorzeitig seinen Abschied nehmen zu wollen.

Eine Ära geht zu Ende.

Angeblich ist der Personalausschuss des Aufsichtsrats weiter bemüht, den bisherigen Favoriten Björn Gulden an die Elbe zu lotsen, obwohl die Presseabteilung der Deichmann-Gruppe Verhandlungen zwischen dem Norweger und dem HSV kürzlich energisch dementierte. Als Nachfolger für Kraus wird Joachim Hilke (früher Sportfive) gehandelt, ebenfalls in den Vorstand rücken könnte der bisherige Finanzchef Cay Dingwort.

Selbst eine neu formierte Führung ändert allerdings nichts daran, dass nur gute Ergebnisse für Ruhe im Verein sorgen können. So skurril es nach dem 0:6-Debakel bei den Bayern auch klingt: Mit einem Sieg gegen Köln und einer Niederlage von Mainz beim BVB betrüge der Rückstand auf den Hauptkonkurrenten im Kampf um Platz fünf wieder nur drei Punkte.