Tagesarchiv für den 14. März 2011

Oenning ist als Psychologe gefragt

14. März 2011

Es kann doch nur noch besser werden. Oder? Aber was noch viel richtiger und wichtiger wäre: Es muss so schnell wie möglich besser werden. Und er Anfang dazu wurde heute gemacht. Um 11 Uhr stellte sich der neue Trainer vor. Michael Oenning, 45 Jahre alt, machte einen selbstbewussten, eloquenten und intelligenten Eindruck. Der Mann macht auf mich den Eindruck, dass er ganz genau weiß, was er will. Das allein ist schon einmal beruhigend. Besser so, als säße dort ein Mann, der zittert, der hadert, der nicht weiß, wie er mit seiner neuen Aufgabe umgehen muss. Oenning hat ganz sicher, als er im Sommer 2010 beim HSV anheuerte, auf diesen Tag gewartet, es war schon damals allen klar: Falls es mit Armin Veh schief gehen sollte, dann springt der Oenning ein. Und genau so ist es gekommen. Jetzt muss nur noch die Mannschaft so mitziehen, wie sie es unter Veh zuletzt nicht mehr getan hat. Der Mensch Oenning ist jetzt vor allen Dingen als Psychologe gefragt, er muss versuchen, die Spieler – jeden einzelnen – vor allen Dingen wieder mental auf die Beine zu stellen. Und die Spieler – jeder einzelne – müssen auch bereit sein, sich in die Hände ihres neuen „Vorturners“ zu begeben. Fußball spielen kann doch jeder HSV-Profi, nun kommt es darauf an, ob der neue Coach die Blockaden im Kopf wird lösen können.

„Ich glaube, dass diese 0:6-Niederlage nicht normal war, die hat schon weh getan. Aber die Mannschaft liegt nicht am Boden, sie hat viel Potenzial, wir können viele Dinge selber regeln. Es ist ein großer Unterschied, ob eine Mannschaft in der Lage ist, sich selbst helfen zu können, oder man darauf angewiesen ist, dass wenn alles zusammen kommt es auch erfolgreich sein kann. Aber ich glaube schon, dass wir eine besondere Situation haben, dass die Köpfe der Spieler natürlich nicht so frei sind, dass man nicht so lustvoll Fußball spielen kann. Aber wir sind Profis, wir müssen das schaffen“, sagt Michael Oenning und hängt noch dran: „Und wenn wir es nicht schaffen, dann müssen wir es lernen.“ Und: „Wir müssen nun Sonnabend gegen Köln eine Reaktion zeigen. Wir haben noch acht Spiele vor der Brust. Es ist eine noch Menge möglich.“

Dass Armin Veh und Reiner Geyer gehen mussten, Michael Oenning aber bleiben durfte, das erklärt der ehemalige Nürnberger wie folgt: „Um das einmal zu sagen: Armin Veh und ich, wir sind wirklich sehr eng miteinander, nach wie vor, auch jetzt in der Situation. Ich bin ja im Prinzip Bestandteil der Arbeit, auch mit ihm. Wir haben jetzt ganz normal den Kontakt zueinander, ich würde mich da nie rausziehen wollen – im Gegenteil, ich finde, dass Armin gute Arbeit gemacht hat.“ Oenning ergänzend: „Die Entscheidung ist gefallen, dass Oenning es nun macht, dann ist es halt die Entscheidung. Die Entscheidung, die der Armin voll mit trägt. Genauso wie ich die Entscheidung voll mitgetragen hätte, wenn es hieß ihr müsst jetzt alle gehen – dann wären wir auch alle gegangen.“ Dann sagt Oenning auch: „Ich halte diese Situation nicht für normal, aber in diesem System ist es halt so. Mir gefällt das auch nicht, es wäre mir viel lieber, dass wir erfolgreich gewesen wären und wir so weitermachen hätten können wie bisher.“

Michael Oennings Vertrag als Co-Trainer war bis zum Sommer 2012 befristet. Nun ist er Chef-Trainer, seinen Vertrag läuft nun erst einmal bis zum Saisonende. Eine Vertragsverlängerung ist dann aber nicht ausgeschlossen – als Cheftrainer. Als Co-Trainer würde sein Vertrag natürlich bis Mitte 2012 weiterlaufen. Die Frage ist aber die: Wird der HSV trotz allem zur neuen Spielzeit einen neuen Chef-Coach suchen? Oenning: „Meiner Meinung nach müsste er es nicht.“ Und er sagt auch noch eines: „Ich bin nicht Trainer auf Probe. Wenn man mir das gesagt hätte, dann hätte ich es nicht gemacht.“ Er sagt aber auch: „Ich bin ja nicht blauäugig, ist doch klar. Meine Zukunft hängt davon ab, ob wir es schaffen, Ergebnisse zu erzielen, sportlich dahin kommen, wo wir alle den HSV haben wollen. Dafür werde ich alles tun. Mit meinen Ideen und mit meinen Vorstellungen vom Fußball. Aber ich bin kein Wahrsager, ich weiß nicht, was passieren wird. Ich mache die Aufgabe nun so lange, wie es geht.“

Oenning liebt den Offensiv-Fußball, und er wird sich auch personelle Gedanken über Änderungen im HSV-Team machen, wie er nun ankündigte. Eine ganz wichtige Personalie hat der neue HSV-Coach bereits getroffen: Oenning will Frank Rost im Tor belassen: „Für mich steht er im Tor. Alles andere weiß ich nicht. Im sportlichen Bereich ist der Fall geklärt, aber es gibt ja noch die vereinspolitische Ebene.“ Oenning weiter: „Ich habe mit Frank ein langes Gespräch geführt, er hat eingesehen, dass seine Kritik vor Fernsehkameras ein Fehler war. Es steht ihm in keiner Weise zu, was er gesagt hat, formal war das, was er gesagt hat und gemacht hat, nicht in Ordnung. Er ist Spieler hier und hat anständig zu verlieren. Trotzdem war es mir schon wichtig herauszufinden, was ihn dazu bewegt hat.“ Michael Oenning sagt auch: „Wir sind beide der Meinung, dass wir dem Verein noch etwas geben können. Frank Rost hat Gewicht. Er ist einer der wenigen Spieler, der wirklich sagen kann, dass er die Bundesliga geprägt hat.“

Eine Suspendierung des 37 Jahre alten Schlussmanns scheint damit ausgeschlossen. Der Vorstand trifft sich an diesem Montagabend mit Rost, wahrscheinlich wird der Torwart am Ende der Aussprache eine Geldstrafe erhalten. Sollte es im Laufe des Abends eine Entscheidung geben, werde ich diesen Beitrag ergänzen.

So, das war es zu Michael Oenning. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat noch einmal aufgelistet, was die acht HSV-Trainer vor Michael Oenning – unter der Regie von Klub-Chef Bernd Hoffmann – in Hamburg „gerissen“ haben, hier diese Aufstellung:

Kurt Jara (4. 10. 2001 – 22.10. 2003): Als Hoffmann im Februar 2003 kam, war Jara schon da. Dem in sich ruhenden Österreicher wurde das Uefa-Cup-Aus gegen Dnjepropetrowsk und ein 0:4 in Kaiserslautern zum Verhängnis. Seine Bilanz: 2003 war er mit dem HSV Vierter, entlassen auf Platz 13. 1,49 Punkte pro Spiel.

Klaus Toppmöller (23. 10. 2003 – 17.10. 2004): War als „Bundesliga-Lautsprecher“ verschrien, in Hamburg aber ruhiger. Keine Erfolgsgeschichte an der Elbe. 2003 Achter, entlassen als Letzter. 1,39 Punkte pro Spiel.

Thomas Doll (19. 10. 2004 – 31.01. 2007): War lange Zeit Liebling des Vorstandes. „Dolly“ war erst erfolgreich, verschliss sich dann als Kumpeltyp, dem nicht der nötige Respekt entgegengebracht wurde. 2005 Achter, 2006 Platz drei und Champions League, bei Entlassung Vorletzter. 1,63 Punkte pro Spiel.

Huub Stevens (2. 02. 2007 – 30.06. 2008): Als Retter geholt, verhinderte der Niederländer den erstmaligen Abstieg des HSV. Der Verein hätte ihn behalten, doch Stevens wollte nach anderthalb Jahren zurück in die Heimat zu seiner kranken Frau. 2007 Siebter, 2008 Vierter. 1,85 Punkte pro Spiel.

Martin Jol (1. 07. 2008 – 26.05. 2009): Der Mann mit dem Punktebestwert unter Hoffmann: 1,92. Erreichte Halbfinale in Europa League und im DFB-Pokal. Sollte eigentlich bleiben, flüchtete aber in einer Nacht- und Nebelaktion, weil seine Forderungen nicht erfüllt wurden.

Bruno Labbadia (1. 07. 2009 – 26.04. 2010): Der „smarte Labbadia“ war ein Missverständnis. Nach einer furiosen Hinrunde erreichte er das Team nicht mehr. Autoritätsverlust und Zwist mit Spielern ließen ihn straucheln. 1,63 Punkte.

Ricardo Moniz (26. 04. 2010 – 30.06. 2010): Sollte als Labbadias Co-Trainer die Saison nur noch über die Runden bringen und für ein versöhnliches Ende sorgen. Drei Spiele, ein Sieg,
1,33 Punkte.

Armin Veh (1. 07. 2010 – 13.03. 2011): Veh gehört zur Kategorie „feiner Kerl“ und „ehrliche Haut“. Aber dem Vorstand war stets seine Zurückhaltung ein Dorn im Auge. Amtsmüdigkeit lautete die Einschätzung schon zur Halbzeit. 1,48 Punkte pro Spiel.

So weit also die DPA-Einschätzung und -Statistik.

Am Dienstag wir im Volkspark um 10 und um 15 Uhr geübt.

18.16 Uhr

Die Rost-Ergänzung um 20.10 Uhr:

So musste es kommen. Ich in der U-Bahn, und schon ist die “Bestrafung” beschlossene Sache. Frank Rost bleibt die Nummer eins im HSV-Tor, aber er wird zur Kasse gebeten. Er muss wegen seiner Äußerungen im Fernsehen (nach der 0:6-Pleite in München) demnächst eine Geldstrafe begleichen, über die Höhe darf spekuliert werden.