Tagesarchiv für den 13. März 2011

Beifall für Frank Rost

13. März 2011

Der achte Trainer in acht Jahren ist HSV-Geschichte. Armin Veh ist nicht mehr im Amt. Um 10.21 Uhr verließ er mit seinem Dienstwagen das Gelände an der Arena. Gesagt hat er nichts mehr. Nur so viel: Ich sage jetzt nichts, ich geben keinen Kommentar mehr ab – das wäre ja noch schöner.“ In der Tat. Es spricht alles für sich: Dieses 0:6-Debakel, diese gruselig-traurige Vorstellung der Mannschaft, das nicht enden wollende Chaos im HSV, die Auflösungserscheinungen des Bundesliga-Dinos. Erbärmlich, diese Vorstellung, die derzeit im Volkspark über die Bühne geht. Einer allerdings, der maßgeblich an diesem Schauspiel beteiligt ist, der erhielt heute doch Beifall. Frank Rost. Als der Torwart heute noch einmal seine mutigen Sätze von gestern vor den Kameras, Mikrofonen und vor den Print-Journalisten bekräftigte, da hörten auch einige HSV-Fans als Kiebitze zu. Am Ende der Ausführungen stieg Rost unter Beifall der HSV-Anhänger in sein Auto. Applaus für den einzigen mutigen Mann, den der HSV derzeit noch in seinen Reihen hat.

Um nicht groß rum zu eiern: Ich bewundere Frank Rost für seine Offenheit, da kann man mich ruhig von verschiedener Seite zum Teufel wünschen. Endlich spricht einer einmal Klartext, spricht das aus, was es schon seit Wochen, ja seit Monaten hinter vorgehaltener Hand zu hören gab. Rost weiß sehr wohl, dass er sich damit selbst in Frage stellt, seine Zukunft in Hamburg dürfte nach diesen – ich nenne sie beherzten Auftritten – auf wackeligen Beinen stehen. Und, ich gehe noch weiter: Ich würde versuchen, Frank Rost auch in Zukunft in Hamburg zu halten, denn er wüsste, wie eine Mannschaft und ein Verein zu funktionieren haben.
Jedenfalls haben sie nicht so zu funktionieren, wie es zuletzt beim HSV gewesen ist.

Kurz noch zu einer Aussage von Mladen Petric, der dazu befragt wurde, wie er zu den Sätzen des Keepers stehen würde: “Man kann diskutieren, ob das gut oder schlecht ist, aber Frank bringt die Sachen natürlich auch oft auf den Punkt.” Das interpretiere ich mal als dezente Zustimmung für den Teamkollegen.

Bei der heutigen Pressekonferenz gehörte das Thema Rost allerdings noch nicht zur Tagesordnung. Da ging es nur um die Akte Veh. Noch-Sportchef Bastian Reihardt allerdings befand zum Thema Frank Rost: „Bei allem Verständnis für ihn, und ich habe ihn oft genug verteidigt und in Schutz genommen, kann es dennoch nicht sein, dass er immer dazu beiträgt, diesen Verein zu beschädigen und Öl ins Feuer zu gießen.“ In der kommenden Woche wird sich der Vorstand mit Rost und dessen Äußerungen beschäftigen, nimmt man die Fans, die heute im Volkspark anwesend waren, als Maßstab, so wird allseits mit einer Entlassung von Frank Rost gerechnet.

Dem Keeper selbst wäre es egal, wenn ihn der Klub vor die Tür setzen würde: „Das wäre mir wurscht. Und darum geht es hier für mich auch nicht, ich stelle mich nicht irgend über einen anderen Kollegen hier.“ Dann fügte Frank Rost noch hinzu: „Ich würde mich freuen, wenn der HSV irgendwann in der Zukunft mal das erreicht, wovon hier alle träumen. Nur allein vom Träumen wird das nichts, man muss versuchen, wie ich es gestern schon gesagt habe, die Dinge vor zu leben. Man muss die Dinge mit Leidenschaft vorleben, brutal vorleben, sonst hat man in der heutigen Zeit keine Chance mehr.“

Ob sich Rost im Sommer einen neuen Klub suchen wird, ließ er offen: „Ich fühle mich fit. Und wenn ich weiter spiele, dann musst du woanders hingehen – und den anderen Kollegen für die nächste Saison hier viel Glück wünschen. Hier sind so viele Leute angeditscht, angeschossen, da kannst du als Spieler nur verlieren . . .“

Von seinen Sätzen, die er nach den sechs Gegentoren in München vom Stapel ließ, distanzierte sich Frank Rost ausdrücklich nicht: „Ich habe ja niemanden beleidigt. Und man kann nicht immer nur zur Tagesordnung übergehen.“ Und: „Wir standen in den letzten Jahren zweimal im Europa-League-Halbfinale gestanden, einmal im Pokal-Halbfinale – aber hier waren wir immer nur schlecht. Und das geht an keinem Spieler vorüber.“ Zur Entlassung von Armin Veh befand Rost: „Es ist schade, dass er gegangen ist, denn ich habe ihn wirklich geschätzt als Mensch, er war immer offen, ehrlich und korrekt, er ist noch ein Mensch von der alten Schule. Er eckt natürlich mal an mit seiner offenen Art, aber offenbar ist das heute leider nicht mehr gewollt. Die Enttäuschung, dass er nun gehen muss, ist riesig groß, es hat viel Spaß gemacht mit ihm, Veh ist einer von der alten Schule – uns bleibt nur, uns bei ihm zu bedanken, es ist sehr, sehr schade, dass er gehen musste.“

Doch daran ist nun nichts mehr zu ändern. Veh ist endgültig HSV-Geschichte. Die Frage, wie es mit dem Vorstand nun weitergehen wird, ist aber noch offen. Bernd Hoffmann, der seinen Urlaub abgebrochen hat, wollte heute Fragen zu seiner Situation als HSV-Vorstandsvorsitzender nichts sagen: „Also, heute ist die Trainer-Frage dran gewesen aus unserer Sicht, aus Sicht des Vorstandes. Der Vorstand hat sich ja voll handlungsfähig gezeigt – und es ist auch genau die richtige Entscheidung zum heutigen Zeitpunkt. Und das hat auch nichts mit den Vorstandverträgen zu tun, das ist etwas, was wir später diskutieren, heute geht es nur um die Trainerentlassung.“ Auch der Sportchef bekräftigte: „Die Krise, in der wir uns angeblich befinden, ist heute nicht das Thema – wir haben heute den Trainer entlassen.“

Und dazu nahm Bastian Reinhardt dann auch noch einmal indirekt Stellung: „Wir sind sicher in einer schwierigen Situation, das hat sicherlich auch ein Stück weit Auswirkungen auf die Mannschaft, aber ich glaube aber nicht, dass das die alleinige Erklärung für diese Niederlage ist. Das wäre mir persönlich zu einfach, und ich glaube auch nicht, dass es so ist.“ Reinhardt dann weiter: „Man kann in München verlieren, aber die Art und Weise, wie wir das Spiel dann hergeschenkt haben, wie wir einfach taktisch zu viele Fehler begangen haben, wie wir nicht mehr in der Lage waren, dagegen zu steuern, dass wir nach dem 0:2 nicht die richtigen Signale innerhalb der Mannschaft ausgesendet haben, das darf einfach nicht sein.“

Was Bastian Reinhardt für die letzten acht Spiele erwartet, das verriet er auch noch: „Ich will eine Mannschaft sehen, die mit Leidenschaft auftritt, die sich gut präsentiert – gerade in dieser schwierigen Situation, die ist gewiss nicht einfach. Und dann werden wir natürlich auch den Blick verstärkt in Richtung nächster Saison richten.“ Reinhardt sagte auch noch: „Wir haben noch acht Spiele, die wollen wir nicht herschenken.“

Hoffentlich wird ihm die Mannschaft folgen.

Das neue Trainer-Duo Michael Oenning und Rodolfo Cardoso (die Regionalliga-Elf verlor daheim gegen Wolfsburg II mit 0:1) wird viel Arbeit, Aufbauarbeit zu verrichten haben. Und ich bin gespannt, wie sehr die Spieler ihrem bisherigen Co-Trainer Oenning folgen werden. Nicht alle sind nämlich damit einverstanden, dass neben Armin Veh auch Reiner Geyer gehen musste, Michael Oenning aber bleiben durfte. Die Mannschaft jedoch, oder besser der Mannschaftsrat, oder auch nur der Kapitän, wurden nicht zum Trainerwechsel befragt, diese Entscheidung traf allein der Vorstand. Und: Die „Zweite“ wird in Zukunft vom bisherigen Cardoso-Assistent Soner Uysal trainiert.

Um noch einmal auf Frank Rost zurück zu kommen. Bei LIGA total hatte er folgende Sätze gesagt.

Rost . . .

Über die Gesamtsituation: „Wer ist der Schuldige? Das kenne ich beim HSV jetzt seit vier Jahren, dass man Schuldige sucht. Aber darum geht’s doch nicht: Es geht um Lösungen! (…) Schuldige zu suchen ist zwar toll, da freuen wir uns alle. Das ist wie in der Politik: Suchen wir mal einen Schuldigen und dann haben wir das Problem gelöst – nein, wir haben es nicht gelöst! Sie müssen die Dinge vorleben. Sie müssen keine Wertediskussion führen, aber Sie müssen es in erster Linie vorleben. Da können Sie viel drüber diskutieren, Sie müssen alles vorleben – und dann können Sie das auch von ihren Leuten verlangen! Nur so wird ein Schuh draus – und genauso ist es bei uns in der Mannschaft. In den zurückliegenden anderthalb Jahren sind viele Dinge entstanden, Baustellen, das ist Wahnsinn! Das sind viele kleine Baustellen, die sich summieren zu einer riesengroßen.“

Welche Baustellen? „Ich kann Ihnen auch sagen, dass das schwer ist beim HSV, weil vieles ringsherum im Argen ist, weil die Dinge ausgesessen und nicht geregelt werden! Leute werden enteiert – nehmen Sie doch mein Beispiel: Man hat einen Torhüter geholt. Warum hat man den geholt? Den hat man geholt, damit der Rost mal die Klappe hält! Aber wenn man konsequent ist, dann lässt man ihn auch spielen. Aber wie könnte das in der Öffentlichkeit aussehen? Und von dieser Art der Baustellen haben wir Hunderte aufgemacht! Auch im Verein: Wenn Sie immer nur reingehen und gucken, wer sitzt denn da und hoffentlich sage ich nichts Falsches – da wird eine Misstrauenskultur geschaffen. Das ist schwierig – und Sie sehen das auf dem Spielfeld wieder: Da passiert ein Ding und dann bricht alles auseinander! Wenn da eine gewisse Stabilität da ist, dann passiert das nicht! Dann kriegt man auch mal eins auf den Deckel, aber nicht in der Häufigkeit, wie wir das in dieser Saison erlebt haben. […] So wie heute, da bricht das eben gnadenlos auseinander!“

Über enteierte Profis: „Es geht nicht um Fehler – man muss eine Linie haben: Wie möchte ich meinen Verein sehen, wie möchte ich Fußball spielen – und die muss ich gnadenlos durchziehen! Da muss ich auch diejenigen unterstützen, die das mitziehen – und kann sie nicht enteiern! Wenn ich dann gar niemanden mehr habe, der irgendwas sagt, wenn ich denke: Wenn einer etwas Kritisches sagt, das ist dann gleich ein Feind – das ist schwierig! Dann funktioniert das nicht im Fußball. Weil das ein Geschäft ist, da ist Druck, da müssen Sie unter schwierigen Bedingungen Erfolg haben. Das müssen Sie vorleben – die Begeisterung auf dem Spielfeld! Warum sind denn Leute wie Klopp oder Tuchel erfolgreich? Ja, die strahlen das aus, die Begeisterung! Auch vom Verein: Watzke, der stellt sich hinter seine Leute, das ist so eine Einheit! Und das ist aus der Not heraus entstanden. Und es ist halt schade, wenn man das Gefühl hat, man muss erst Dinge gegen die Wand fahren, bevor man sich an das Wesentliche erinnert.“

Über das Gefühl habe, dass sich Bernd Hoffmann beim HSV nicht hinter die Mannschaft stellt? „Ich habe noch nichts gehört! Er hat 160 Millionen Jahresumsatz gemacht – das war sein Erfolg. Die Mannschaft hat nur 50 Spiele gemacht – aber scheißegal! Das ist total uninteressant, ob sie mich wegfackeln, ist mir wurscht! Scheißegal, dann sollen sie mich wegfackeln. Wir müssen gucken, dass wir 40 Punkte kriegen – das ist das Entscheidende! Was glauben die hier: Dass wir irgendwo hinfahren und irgendwelche Leute abschießen? Wir haben heute nicht mal einen Blumentopf getroffen! Aber ich muss die Dinge aktiv regeln – und nicht aussitzen! Stellen Sie sich mal vor, jeder Spieler, bei dem der Vertrag ausläuft, macht jetzt Urlaub!“

Über die Frage, ob er Bernd Hoffmann meint? „Was interessiert mich Bernd Hoffmann? Wir müssen ein Verein sein, der eine Einheit ist! Nur dann haben wir eine Chance! Was wir jetzt sehen, ist ein wankender Riese – und wenn wir noch eine auf die ‚Gusche’ kriegen, dann fällt er um, der Riese!“

Über die Frage, was jetzt passieren muss? „Dass alle fest zusammenstehen und dass man die Probleme, die man hat, aktiv regelt! Das geht von ganz oben los, die Spieler können es ja schwer regeln!“

Über den Einfluss, den ein Trainer habe? „Ich bin jetzt gute vier Jahre hier – fünf Trainer. Und, was ist besser geworden? Die Probleme sind doch die gleichen. Ihr fordert doch auch laufend: Wir müssen einen neuen Trainer holen, wir brauchen neue Spieler. Glauben Sie, wir gehen mit so einem breiten Kreuz ins Spiel, wenn wir wissen: Nächstes Jahr werden eh alle ausgetauscht? Wenn Ihnen Ihr Chef sagen würde: Nächste Woche sind Sie eh’ weg – mal sehen, mit was für einer Begeisterung Sie mir dann Fragen stellen! Solange ich meine Leute hab’, verteidige ich sie bis aufs Messer: Meine Spieler, meine Mannschaft – die das Wertvollste ist, was dieser Verein hat! Weil ohne Bundesliga können alle anderen den Deckel zu machen!“

So, das war Frank Rost noch einmal, damit wirklich alle im Bilde sind.

Kurz möchte ich noch auf das Aufsichtsratsmitglied Marek Erhardt eingehen. Es hieß ja, dass er sich mit seiner Stimme gegen Bernd Hoffmann am HSV-Vorstandsvorsitzenden für die damalige Entlassung aus HSV-Stadionsprecher „gerächt“ habe. So viel sei dazu gesagt: Erhardt wurde nicht von Hoffmann entlassen, weil dazu Hoffmann gar nicht befähig gewesen wäre. Erhardt war nämlich nicht (!) beim HSV angestellt. Aber dieses Thema stand heute ja auch nicht auf der Tagesordnung, im Gegenteil, es war weit, weit entfernt von jeglicher Tagesordnung. Es gibt ja genügend andere Baustellen, die nun beackert werden müssen.

Mit einer „Ackerei“ begann der neue Chef-Coach Michael Oenning übrigens gleich nach dem Schlusspfiff in München. Er ging zu den konsterniert auf den Rasen stehenden Hamburgern, ging von Mann zu Mann und begann sogleich mit der moralischen Aufbauarbeit. Hoffentlich hat es da schon etwas gefruchtet. Das Köln-Spiel am Sonnabend wird es offenbaren.
Aber vorher findet ja am Freitag noch unser Matz-ab-Treffen (19 Uhr, in der Raute) statt. Nicht vergessen. Auch wenn es nicht viel zu feiern gibt – im Moment.

17.44 Uhr