Tagesarchiv für den 12. März 2011

0:6 – ein Debakel passend zum HSV-Chaos Ergänzungen von und mit Frank Rost

12. März 2011

Dieser Bericht wurde erstmalig ergänzt um 20.09 Uhr

Und ein zweites Mal um 0.11 Uhr (am Ende).

Erst spricht Frank Rost bei “Sky”, dann auch Klartext bei “LIGA total”.

Gut begonnen, dramatisch nachgelassen, katastrophal aufgehört. Der HSV präsentierte sich beim 0:6-Untergang in München genau so, wie sich der Klub seit Wochen präsentiert – einfach chaotisch. Die Auflösungserscheinungen sind für jeden sichtbar, es ist ein einziges Desaster, und das Schlimme daran ist, dass nun noch acht weitere Akte in diesem Trauerspiel folgen. Erst dann ist Ende der Vorstellung. Dieser HSV ist längst zu einem bemitleidenswerten Papiertiger verkümmert, aber zum Glück sind schon so viele Punkte gesammelt worden, dass es wohl kaum noch einmal ein Kampf gegen den Abstieg geben dürfte. Blamabel, einfach nur blamabel, aber diese Mannschaft, die verunsichert und ausgebrannt wirkt, fühlt sich wahrscheinlich von der Führung des Klubs total allein gelassen.

Dabei fand der HSV zunächst gut ins Spiel. Die Hamburger brannte, und sie rannten und kämpften. Gerade so, als ging es in diesem Spiel um einen Titel. Diese Herrlichkeit dauerte allerdings nur 20 Minuten, dann verfiel der HSV wieder ein seine schon oft gesehene Lethargie. Langsam, umständlich, naiv, pomadig, amateurhaft und niveaulos dann die restlichen 70 Minuten.

Armin Veh hatte sich einen schönen Anzug angezogen, er trug eine Krawatte – wie passend zu seinem Abschiedsspiel. 15 Minuten vor dem Anpfiff hatte der HSV-Trainer noch ein Interview mit NDR-Moderator Martin Roschitz (NDR II)geführt. Der Radiomann fragte nebenbei: „Herr Veh, wenn Sie Vorstand des HSV wären, würden Sie dann den Trainer Veh noch im Amt lassen?“ Kommentar Veh: „Das ist eine linke Frage, bitte ziehen Sie die zurück.“ Was Roschitz dann auch machte. Aber nun gehe ich ganz, ganz stark davon aus, dass dieser blutleere Auftritt des HSV bei den Bayern das letzte Veh-Spiel war. Egal, wer nun Trainer des HSV wird, es muss und es wird diesen Wechsel geben. Wobei ich ganz klar sage: Einen solchen miesen Abgang hat Armin Veh nicht verdient. Nur ist auch das zu sagen: Er passt zu dieser Mannschaft, zu dieser Führung, zu diesem Klub. Diese Leute, die nun am Werke sind, haben den ruhmreichen Namen HSV der Lächerlichkeit preis gegeben, sie alle haben die Raute beschmutzt. Aber wer nun den Vorstand, der nicht mehr im Amt bleiben soll, glorifiziert, der liegt auch absolut daneben – wer hat denn diese Mannschaft zusammengestellt?

Zu diesem Debakel werde ich auf eine Einzelkritik verzichten. Nur so viel: Mir taten Frank Rost und David Jarolim leid, sie gaben bis zuletzt alles, sie wehrten sich profihaft – während die anderen in Halbzeit zwei stetig aufgaben.

Das war unterirdisch. In der Tat. In dieser Verfassung wird es in dieser Saison keinen einzigen Sieg mehr geben. Die nächste Klatsche wartet am Sonnabend im Volkspark, dann kommt der ehemalige Abstiegskandidat Köln. Der ist in der jetzigen Verfassung ganz sicher auch zu stark für diesen abgewrackten HSV.

17.25 Uhr

So, nun erfolgt die Ergänzung. Nach dem Spiel wurde Frank Rost auf “Sky” interviewt, hier seine Aussagen:

Rost . . .
. . . nach Schlusspfiff: „Es ist schwer, nach so einer Niederlage Worte zu finden. Es wird schwierig, nächste Woche wieder aufzustehen. Man hat wieder mal gesehen, wie labil das Ganze ist und wie schnell es auseinander bricht.“

…über die Situation beim HSV: „Das ist ein wankender Riese – und das unterschätzen viele, weil sie ihre persönliche Situation, ihre persönlichen Egoismen immer nach vorne stellen.“

…über die Vereinsführung: „Sie müssen es immer wieder vorleben, dann wird auch der Trainer stark, dann wird auch der ganze Verein stark. Wenn sie meinen, sie müssen die Spieler auswechseln, dann müssen sie es tun, dann müssen sie es mit aller Konsequenz tun. Nehmen sie meine Situation: Wenn man den Drobny holt, dann muss man ihn spielen lassen und keine Spielchen in der Öffentlichkeit machen. Das geht so das ganze Jahr. Man kann gar nicht mehr vernünftig arbeiten. Das ist Wahnsinn.“

HSV-Vorstands-Chef Bernd Hoffmann wird seinen Urlaub abbrechen, morgen trifft sich der Vorstand in Hamburg, mit von der Partie wird dann auch Trainer Armin Veh sein. Es ist damit zu rechnen, dass der Trainer dann beurlaubt wird.

Gleiches könnte übrigens auch Frank Rost geschehen, denn mit seinen Aussagen hat er auch die Klub-Führung attackiert – und nicht den Trainer. Als Jaroslav Drobny im Sommer 2010 verpflichtet wurde, hatte das auch den Sinn, den oft sehr kritischen Rost “mundtot” zu machen. Was auch weitesgehend gelang. Bis heute jedenfalls.

Armin Veh hat es übrigens in München abgelehnt, von sich aus zurück zu treten: “Das habe ich einmal gemacht, und zwar bei Hansa Rostock, das war ein Fehler.”

Schlusswort Ze Roberto: “Im HSV herrscht Chaos, dieses Spiel war Ausdruck des ganzen Vereins, wie er sich zurzeit darstellt.”

Ergänzt um 20.09 Uhr

Jetzt folgt die zweite Ergänzung um 0.11 Uhr.

O-Ton-Meldung von LIGA total!:

Frank Rost holt bei LIGA total! zum Rundumschlag aus: “Beim HSV ist vieles ringsherum im Argen, weil die Dinge ausgesessen und nicht geregelt werden!”

“Leute werden enteiert! Nehmen Sie doch mein Beispiel: Man hat einen Torhüter geholt. Warum hat man den geholt? Den hat man geholt, damit der Rost mal die Klappe hält!”

“Man muss eine Linie haben: Wie möchte ich meinen Verein sehen, wie möchte ich Fußball spielen – und die muss ich gnadenlos durchziehen! Da muss ich auch diejenigen unterstützen, die das mitziehen – und kann sie nicht enteiern!”

“Das müssen Sie vorleben – die Begeisterung auf dem Spielfeld! Warum sind denn Leute wie Klopp oder Tuchel erfolgreich? Ja, die strahlen das aus, die Begeisterung! Auch vom Verein: Watzke, der stellt sich hinter seine Leute, das ist so eine Einheit!”

Ob er solche Rückendeckung von Bernd Hoffmann vermisse: “Ich habe noch nichts gehört! Er hat 160 Millionen Jahresumsatz gemacht – das war sein Erfolg.”

“Ich muss die Dinge aktiv regeln – und nicht aussitzen! Stellen Sie sich mal vor, jeder Spieler, bei dem der Vertrag ausläuft, macht jetzt Urlaub!”

Torhüter Frank Rost rechnete am Abend nach dem 0:6 in München bei LIGA total! mit deutlichen Worten mit den Verantwortlichen beim Hamburger SV ab und kritisierte die Gesamtsituation bei den Hanseaten.

Frank Rost: “Wer ist der Schuldige? Das kenne ich beim HSV jetzt seit vier Jahren, dass man Schuldige sucht. Aber darum geht’s doch nicht: Es geht um Lösungen! Und solche Dinge – ich kann sie nur für mich persönlich mitnehmen, das, was ich hier erlebe – bitte nicht so machen später, Frank! Weil das geht voll in die Hose! Das musst Du als Lehre mitnehmen.”

Rost weiter: “Ich glaube, Schuldige zu suchen ist zwar toll, da freuen wir uns alle. Das ist wie in der Politik: Suchen wir mal einen Schuldigen und dann haben wir das Problem gelöst – nein, wir haben es nicht gelöst! Sie müssen die Dinge vorleben. Sie müssen keine Wertediskussion führen, aber Sie müssen es in erster Linie vorleben. Da können Sie viel drüber diskutieren, Sie müssen alles vorleben – und dann können Sie das auch von ihren Leuten verlangen! Nur so wird ein Schuh draus – und genauso ist es bei uns in der Mannschaft. In den zurückliegenden anderthalb Jahren sind viele Dinge entstanden, Baustellen, das ist Wahnsinn! Das sind viele kleine Baustellen, die sich summieren zu einer riesengroßen.”

Der 37-Jährige auf die Nachfrage, welche Baustellen er konkret meine: “Das sind doch viele Sachen! Sie erzählen doch jeden Tag davon – warum soll ich Ihnen das erzählen? Ich bin Torwart, ich muss versuchen, das Beste daraus zu machen auf dem Feld. Aber ich kann Ihnen auch sagen, dass das schwer ist beim HSV, weil vieles ringsherum im Argen ist, weil die Dinge ausgesessen und nicht geregelt werden! Leute werden enteiert – nehmen Sie doch mein Beispiel: Man hat einen Torhüter geholt. Warum hat man den geholt? Den hat man geholt, damit der Rost mal die Klappe hält! Aber wenn man konsequent ist, dann lässt man ihn auch spielen. Aber wie könnte das in der Öffentlichkeit aussehen? Und von dieser Art der Baustellen haben wir hunderte aufgemacht! Auch im Verein: Wenn Sie immer nur reingehen und gucken, wer sitzt denn da und hoffentlich sage ich nichts Falsches – da wird eine Misstrauenskultur geschaffen. Das ist schwierig – und Sie sehen das auf dem Spielfeld wieder: Da passiert ein Ding und dann bricht alles auseinander! Wenn da eine gewisse Stabilität da ist, dann passiert das nicht! Dann kriegt man auch mal eins auf den Deckel, aber nicht in der Häufigkeit, wie wir das in dieser Saison erlebt haben. […] So wie heute, da bricht das eben gnadenlos auseinander!”

“Es geht nicht um Fehler – man muss eine Linie haben: Wie möchte ich meinen Verein sehen, wie möchte ich Fußball spielen – und die muss ich gnadenlos durchziehen! Da muss ich auch diejenigen unterstützen, die das mitziehen – und kann sie nicht enteiern! Wenn ich dann gar niemanden mehr habe, der irgendwas sagt, wenn ich denke: Wenn einer etwas Kritisches sagt, das ist dann gleich ein Feind – das ist schwierig! Dann funktioniert das nicht im Fußball. Weil das ist ein Geschäft, da ist Druck, da müssen Sie unter schwierigen Bedingungen Erfolg haben. Das müssen Sie vorleben – die Begeisterung auf dem Spielfeld! Warum sind denn Leute wie Klopp oder Tuchel erfolgreich? Ja, die strahlen das aus, die Begeisterung! Auch vom Verein: Watzke, der stellt sich hinter seine Leute, das ist so eine Einheit! Und das ist aus der Not heraus entstanden. Und es ist halt schade, wenn man das Gefühl hat, man muss erst Dinge gegen die Wand fahren, bevor man sich an das Wesentliche erinnert.”

Ob er – wenn er das Beispiel Watzke nennt – das Gefühl habe, dass sich Bernd Hoffmann beim HSV nicht hinter die Mannschaft stelle: “Ich habe noch nichts gehört! Er hat 160 Millionen Jahresumsatz gemacht – das war sein Erfolg. Die Mannschaft hat nur 50 Spiele gemacht – aber scheißegal! Das ist total uninteressant, ob sie mich wegfackeln, ist mir Wurscht! Scheißegal, dann sollen sie mich wegfackeln. Wir müssen gucken, dass wir 40 Punkte kriegen – das ist das Entscheidende! Was glauben die hier: Dass wir irgendwo hinfahren und irgendwelche Leute abschießen? Wir haben heute nicht mal einen Blumentopf getroffen! Aber ich muss die Dinge aktiv regeln – und nicht aussitzen! Stellen Sie sich mal vor, jeder Spieler, bei dem der Vertrag ausläuft, macht jetzt Urlaub!”

Der Torhüter auf die Nachfrage, ob er damit auf den im Skiurlaub weilenden Bernd Hoffman anspiele: “Was interessiert mich Bernd Hoffmann? Wir müssen ein Verein sein, der eine Einheit ist! Nur dann haben wir eine Chance! Was wir jetzt sehen, ist ein wankender Riese – und wenn wir noch eine auf die ‘Gusche’ kriegen, dann fällt er um, der Riese!”

Was nun passieren müsse, um die Situation zu retten: “Dass alle fest zusammenstehen und dass man die Probleme, die man hat, aktiv regelt! Das geht von ganz oben los, die Spieler können es ja schwer regeln!”

Frank Rost auf die Frage, welchen Einfluss der Trainer dabei habe: ” Ich bin jetzt gute vier Jahre hier – fünf Trainer. Und, was ist besser geworden? Die Probleme sind doch die gleichen. Ihr fordert doch auch laufend: Wir müssen einen neuen Trainer holen, wir brauchen neue Spieler. Glauben Sie, wir gehen mit so einem breiten Kreuz ins Spiel, wenn wir wissen: Nächstes Jahr werden eh’ alle ausgetauscht? Wenn Ihnen Ihr Chef sagen würde: Nächste Woche sind Sie eh’ weg – mal sehen, mit was für einer Begeisterung Sie mir dann Fragen stellen! Solange ich meine Leute hab’, verteidige ich sie bis aufs Messer: Meine Spieler, meine Mannschaft – die das Wertvollste ist, was dieser Verein hat! Weil ohne Bundesliga können alle anderen den Deckel zu machen!”