Tagesarchiv für den 11. März 2011

Elia stürmt – aber Trochowski blieb hier

11. März 2011

HSV gegen Bayern München, oder, wie diesmal, Bayern gegen den HSV – ein Duell voller Glanz und großer Tradition. Diesmal scheint aus diesem Nord-Süd-Gipfel etwas die Luft raus zu sein, aber wer weiß? Ich erinnere mich sehr, sehr gerne an das vielleicht beste Bundesliga-Spiel des HSV in München, den legendären 4:3-Erfolg am 24. April 1982, als Horst Hrubesch nach einem 1:3-Rückstand noch den Siegtreffer köpfte. Ganz grausam war es am 4. Mai 1975, als der HSV im Volkspark mit 0:5 unter die Räder gekommen war. Tausende von Fans wollten weit vor dem Schlusspfiff das Stadion verlassen, aber es ging nichts. Oder kaum etwas, denn: Vor den Stadiontoren standen Autos, in darin saßen ebenfalls Fans, die schon geflüchtet waren. Nur konnten sie nicht fahren, denn der Ordnungsdienst war mit der Lenkung des Verkehrs zu einer schon so frühen Phase restlos überfordert. Ich sehe die Fahrer noch heute vor mir – mit eingezogenen Köpfen, denn die von hinten geschobenen Fans sahen keine anderen Auswege, als über die Autos hinweg zu laufen. Ein skurriles Schauspiel, da sind viele, viele Pkw’s fast zu Totalschäden getrampelt worden. Heute unmöglich, weil die Autos viel weiter entfernt vom Stadion geparkt werden. Zum Glück.

Dann hatte ich noch ein besonderes Erlebnis im Volkspark: Ich sollte für das Abendblatt den Bayern-Trainer Franz Beckenbauer beobachten und eine Geschichte nur über ihn schreiben. Ich saß im Innenraum, und zwar genau neben der Bayern-Bank. Damals ging das noch. Und ich sah einen „Kaiser“, der ein für mich noch nie erlebtes Trainer-Szenario präsentierte. Beckenbauer sah 90 Minuten lang fast ausschließlich nur auf seine Defensive. Was vorne bei seiner Mannschaft passiert, das schien ihm egal zu sein, er dirigierte seine Abwehrleute – allen voran Lothar Matthäus, der für die Organisation auf dem rasen zuständig war. Und wehe, es passte etwas nicht – dann ging der Franz wie das HB-Männchen in die Luft, er schrie, er gestikulierte, er fuchtelte wie wild in der Luft herum – und wenn Blicke töten könnten, dann hätte Matthäus niemals 150 Länderspiele geschafft . . .

Ja, und dann gab es da noch den 2:1-Sieg des HSV auf eisigem Geläuf im Volkspark, den Andre Breitenreiter und der eigentlich von den Hamburger Fans recht wenig geliebte Uwe Jähnig am 11. Februar 1996 herausschossen. Unvergessen – vor 57 000 Zuschauern. Und diesmal? Ich glaube nicht daran, dass der HSV an diesem Sonnabend etwas aus München mitbringen wird. Der FC Bayern ist schlecht drauf, der HSV ist ebenfalls schlecht drauf, aber die Bayern werden ganz sicher alles daran setzen, nicht ein viertes Pflichtspiel in Folge zu verlieren. Denkbar ungünstige Voraussetzungen für ein Hamburger Erfolgserlebnis an der Isar. Auch wenn David Jarolim mir heute sagte: „Dieter, du weißt doch, dass wir in den letzten Jahren immer ganz gut gegen den FC Bayern ausgesehen und gepunktet haben . . .“ Natürlich weiß ich das, aber was ist von einer solchen Statistik (oder Bilanz) schon zu halten? Das ist doch wirklich nur Schnee von gestern.

Beim HSV fällt nach Joris Mathijsen nun auch Guy Demel aus. Die Wadenprellung aus dem Mainz-Spiel hat sich in den letzten Stunden so schlecht entwickelt, dass ein Einsatz unmöglich war. Für „Guiiiiiiiiiiee“ wird Tomas Rincon rechts verteidigen. Für Mathijsen rückt Heiko Westermann in die Innenverteidigung zurück, auf die Sechs geht David Jarolim, der zuletzt keine Einsätze für sich verbuchen konnte. Etwas überraschend kehrt Eljero Elia wieder in die Startformation zurück, der Niederländer wird über die linke Seite stürmen, über rechts kommt Änis Ben-Hatira. Gar nicht zum Einsatz kommen wird Piotr Trochowski, auf den Trainer Armin Veh ganz verzichtete, der „kleine Dribbelkünstler“ durfte in Hamburg bleiben. Und wenn das Kriterium dafür „schlechtes Training“ ist, so kann ich mich diesmal dem Coach anschließen.

Ein ganz gravierender Punkt des Spiels Bayern – HSV ist ja die Situation auf den Außen-Positionen der Bayer. Links der Rechtsfuß Ribery, rechts der Linksfuß Robben. In den Spielen gegen Dortmund, Schalke und Hannover wurden diese beiden Weltstars teilweise gedoppelt, oft sogar mit drei Gegenspielern bewacht. Das führte dazu, dass diese beiden Herren nicht zur Entfaltung kamen – und der FC Bayern dreimal verlor. Aber: Schafft der HSV eine solche doppelte oder auch dreifache Bewachung? Ich habe da meine Zweifel. Links vor Aogo Elia, rechts vor Rincon Ben-Hatira. Und dazwischen Ze Roberto und Jarolim. Da muss viel, unheimlich viel Laufarbeit verrichtet werden, und zwar nicht nur nach hinten, sondern auch noch nach vorne – um Entlastung zu schaffen. Dortmund hat das weltmeisterlich geschafft. Aber das ist Dortmund. Schalke jedoch ist gewiss nicht besser als der HSV, als muss auch der HSV so etwas schaffen können – oder?

„Wir werden uns natürlich noch einige Video-Szenen von Robben und Ribery anschauen, das ist normal. Aber wer die beiden nicht kennt, der ist ohnehin fehl am Platze. Es geht aber ja auch nicht nur um Robben und Ribery, sondern um die gesamte Bayern-Offensive. Die müssen wir uns ansehen, wie die funktioniert. Uns haben es ja aber auch Mannschaften zuletzt vorgemacht, wie das funktionieren kann, und diese Mannschaften haben nicht die Qualität wie wir. Deshalb müssen wir uns das ansehen und es dann so umsetzen, dass es auch bei uns funktioniert“, sagt Dennis Aogo.

Gegen Mainz stand der HSV bis zum 2:2 eigentlich ganz gut – wie auch schon in den vorauf gegangenen Spielen dieses Jahres. Dann aber wurde munter auf die Offensive gesetzt, fast alle stürmten – und Mainz konterte brutal. Das wird in München hoffentlich nicht in dieser Form passieren. Der HSV sollte aus gemachten Fehlern lernen. Jedenfalls versuchen zu lernen. Und es muss mehr geredet werden, was auch Aogo so sieht: „Es stimmt schon, wir müssen auf dem Platz besser kommunizieren. Da sollte sich jeder von uns an die eigene Nase fassen, das muss besser werden. Und auch schon im Training geübt werden.“

Und das Doppeln? Aogo: „Da muss wirklich jeder von uns mitmachen. Zuerst muss an die Defensive gedacht werden, und wenn wir sicher stehen, dann kann man aus der Defensive heraus auch das Spiel nach vorne entwickeln. Ohne die Bereitschaft von unseren offensiven Kräften werden wir in München nicht bestehen können, davon bin ich überzeugt. Wir müssen das aber auch klar ansprechen, dass wir so spielen müssen und wollen. Wenn alle mitmachen, dann sehe ich aber auch gute Chancen, dass wir da etwas holen.“

Um noch kurz auf die jetzige Situation des HSV zu kommen. Die beiden HSV-Profis, die heute vor und zu dem Bayern-Spiel Stellung bezogen, und zwar Dennis Aogo und David Jarolim, die sprachen sich unabhängig voneinander für ein Verbleiben von Vorstands-Boss Bernd Hoffmann aus. „Jaro“ befand: „Der HSV ist ein Verein mit großem Renommee. Wie viele Spieler sind hier her gekommen und an große Vereine weiter verkauft worden? Das zeigt doch, dass man auf den HSV geguckt hat, dass man ihn beachtet hat. Sicher sind auch einige Fehler gemacht worden, aber Fehler passieren überall. Ich habe die Entwicklung des HSV mitgemacht, von Anfang an, man hat vielleicht schon vergessen, wie es beim HSV früher war – und was sich entwickelt, was sich verbessert hat.“ Das spricht für Hoffmann. Um die HSV-Zukunft macht sich David Jarolim trotz allem keine Sorgen: „Es ist zurzeit unangenehm, klar, aber man muss sich jett nicht sofort Gedanken machen. Wir haben noch Ziele, die erreichbar sind, wir müssen nur Gas geben. Man sollte keine Angst haben, egal wer kommt, egal wie es ist, im HSV gibt es eine riesige Qualität, so dass sich niemand Gedanken machen muss.“

In dieser Hoffnung blicken dann alle HSV-Fans diesem Schlagerspiel entgegen. Schlusssatz „Jaro“: „Wir sind alle Profis genug, um in München Gas zu geben. Und jeder arbeitet auch für sich, jeder will doch auch gut spielen . . .“

18.36 Uhr