Tagesarchiv für den 10. März 2011

Wie lange ist Veh noch HSV-Trainer?

10. März 2011

Wie geht es nun weiter? Das ist die Frage, die heute vor und nach der Pressekonferenz durch die Räume der Arena geisterte. Wie geht es weiter? Das weiß keiner. Ich glaube ja auch, dass das noch nicht einmal der Aufsichtsrat weiß. Aber der sollte es möglichst bald, möglichst schnell wissen, denn wenn hier niemand mehr an der Zukunft des HSV arbeitet, dann ist wohl auch schon die nächste Saison wieder gelaufen. Es ist nicht nur chaotisch, es wird so langsam auch dramatisch. Im fernen London arbeitet zwar schon der neue Sportchef Frank Arnesen an „seinem HSV“, aber was passiert in Hamburg? Hier laufen Verträge aus, hier wird ein neuer Vorstand gesucht, hier wird ein neuer Trainer benötigt. HSV-Chaos und kein Ende in Sicht – quo vadis, du uralter Bundesliga-Dino?

Wie geht es nun weiter? Nein, wie sollte es nun weiter gehen? Der Aufsichtsrat muss handeln. Es kann nicht darauf gewartet werden, wie der Fan- und Mitglieder-Kampf um Bernd Hoffmann endet. Wir waren uns heute im Kollegenkreis (fast) einig: Der HSV sollte sich jetzt von Hoffmann trennen, um Klarheit auf dem Posten des Vorstandsvorsitzenden zu schaffen. Jetzt ist nämlich alles blockiert. Vielleicht kommt Hoffmann ja später noch einmal zurück (was ich nicht ausschließen mag), aber im Moment lähmt er den Klub, weil er im Amt ist und dennoch nichts mehr entscheiden kann. Und sollte „BH“ nun mit einer Abfindung in den für ihn vorläufigen Ruhestand geschickt werden, dann müsste endlich ein fähiger Mann (oder eine Frau?) gefunden werden, der ganz oben darum bemüht ist, den Verein endlich wieder zu einen.

Es hält sich ja auch hartnäckig das Gerücht, dass der AR-Boss Ernst-Otto Rieckhoff den Vorsitz kommissarisch übernehmen könnte. Würde er (oder ein AR-Kollege) es machen, wäre endlich wieder eine gewisse Handlungsfähigkeit gegeben – und die ist dringend benötigt. Im HSV gäbe es durchaus den einen oder anderen Mann, der dieses Amt schon einmal inne hatte – Horst Becker zum Beispiel, Ronald Wulff auch. Den Namen Jürgen Hunke möchte ich gar nicht erst ins Spiel bringen, denn dann würde „Matz ab“ wohl explodieren. Wobei ich die unendlich vielen Hass-Tiraden, die hier über ihn geschrieben werden, nicht nachvollziehen kann. Er soll den HSV fast ruiniert haben? An den Abgrund gesteuert haben? In welcher Welt leben diese Menschen, die so etwas behaupten. Jürgen Hunke hat für diesen HSV mit seinem Privatvermögen gebürgt, sonst hätte der Insolvenzverwalter übernehmen müssen. Weil der HSV schon damals keine Kohle hatte – was nichts mit Hunkes Vereinsführung zu tun hatte. Hunke hat damals erst Strukturen in den Klub gebracht, ich erinnere nur an ein völlig neues Karten-Verkaufssystem – beim damaligen HSV wurde das zuvor noch wie bei einem Amateurverein aus der Bezirksliga gehandhabt.

Ich gebe allen Hunke-Kritikern zu, dass dieser Mann polarisiert, dass er auch ein ganz besonderer Mann ist – und dass er gewiss nicht jedermanns Geschmack ist. Alles okay. Das weiß er aber auch selbst, er will auch nicht everybody’s darling sein. Dass er aber den HSV ruiniert haben soll, das ist absoluter Blödsinn. Und: Durch den (angeblich riskanten) Verkauf von Thomas Doll an Lazio Rom hat er dem HSV endlich jene Million in die Kasse gespült, die zum Überleben dringend notwendig waren. Das mal nur am Rande.

Beim heutigen Training wurde ich übrigens gewarnt (und gebeten), die obige Hunke-Passage nicht (!) zu schreiben. Ich habe aber geantwortet: „So tot und so tot . . .“ Ich mag es einfach nicht, wenn man Sachen verbreitet, die nicht einmal halbwahr sind. Ja, genau, ich Euer aller Wendehals. Und indem man solche Dinge immer und immer wiederholt, werden sie nicht besser.
Das habe ich, ich sollte es auf alle Fälle noch erwähnen, bei vollem Bewusstsein und mit null Promille im Blut geschrieben.

Entsetzen herrscht ja bei Teilen der HSV-Anhängerschaft auch über die heutige Pressekonferenz. Die „Vorstellung“ von Armin Veh ist vielen ein Dorn im Auge, was man aber durchaus so und so sehen kann. Veh wirkt auf mich ausgelaugt, er wirkt müde vom ganzen Chaos, von dem seit Wochen umgeben ist. Und: Veh macht ganz offenbar keinen Hehl mehr daraus, dass er davon inzwischen die Nase gestrichen voll hat. Ich kann ihn voll verstehen. Das ist doch alles wie in einem Kaninchenzüchter-Verein.
Wer die Pressekonferenz nicht sah, sollte sie sich doch noch einmal ansehen, es liegt schon etwas Seltsames über diesem HSV im März 2011. Armin Veh hat zum Schluss gesagt: „Ich bin hier nicht der Alleinunterhalter. Ich bin das seit acht Monaten im Prinzip, aber vielleicht solltet ihr doch mal jemand anderen fragen.“ Gemeint war die Presse. Aber wer soll gefragt werden? Bernd Hoffmann im Urlaub, Katja Kraus und Bastian Reinhardt abgetaucht, der Aufsichtsrat arbeitet still im Verborgenen. Die Luft scheint raus aus diesem Klub.

Die Veh-Kritiker werteten die Pressekonferenz so: „Da bettelt ein Trainer darum, nicht bis zum Saisonende im Amt bleiben zu müssen. . .“ Oder: Der Coach möchte doch eher heute als morgen entlassen werden. Weil er null Bock auf diese Schmierenkomödie mehr hat.

Gestern und heute hielt sich deshalb auch ein Gerücht, dass Veh schon gegen den FC Bayern nicht mehr auf der HSV-Bank sitzen solle, dass Veh von Ralf Rangnick abgelöst werden würde. Das allerdings ist wirklich nur ein Gerücht, ich gehe fest davon aus, dass Armin Veh auf jeden Fall noch gegen Bayern der Chef-Coach des HSV sein wird. Was dann aber in der nächsten Woche passieren wird, das steht in den Sternen. Aber selbst wenn Armin Veh vorzeitig gehen müsste, ich glaube, das würde er inzwischen als eine Art Erlösung ansehen. Denn auch er hat so etwas, was ihm hier jetzt in Hamburg geboten wird, noch nie erlebt.

Und noch ein kleines Gerücht gab es heute im Volkspark: Dietmar Beiersdorfer soll ein Kandidat auf den HSV-Vorstandsvorsitz sein. Ja, genau, jener „Didi“ Beiersdorfer, der einst den Posten des HSV-Sportchefs bekleidete. Und im Unfrieden (Ärger mit Hoffmann) schied. Ich, das gebe ich gerne zu, könnte damit sehr gut leben. Beiersdorfer ist erstens ein Fußballer, zweitens ein Wirtschaftsexperte (Diplom-Betriebswirt), drittens ein (absoluter) Teamplayer und viertens ein ganz feiner Mensch. Und nebenbei kennt er den HSV noch immer ganz genau, so dass eine Einarbeitungszeit wohl entfallen würde. Neben Beiersdorfer der Sportchef Frank Arnesen, der Trainer Ralf Rangnick, dazu für die Finanzen einen Mann wie Cay Dingwort, der sich ja schon seit Jahren um die HSV-Finanzen kümmert – dieses Paket hätte schon was.

Da Red-Bull-Milliardär Mateschitz, so heißt es neuerdings wieder, Felix Magath nach Salzburg lotsen möchte, wäre Dietmar Beiersdorfer dort sicher „über“. Und, es wäre mir eine Freude, ihn wieder in Hamburg zu sehen, mein ehemaliger Matz-ab-Kollege Christian Pletz (der jetzt die rechte Hand von Didi ist) käme dann auch wieder zurück. Ich hätte nichts dagegen. Aber eigentlich ist es ja nur so: Es muss jetzt, genau jetzt, etwas passieren, denn der Stillstand lähmt und schadet dem HSV.

Kurz noch zum Training. Die Stimmung im Volkspark ist nicht wirklich gut, die meisten Spieler lassen die Köpfe hängen. Armin Veh bescheinigte der Mannschaft schon gestern, schlecht trainiert zu haben – heute war es nicht besser. Immerhin gab Veh auf meinen Einwand hin zu, dass „Feuer drin“ war. Nur das Niveau war eben ein wenig niedriger – als sonst.

An diesem Nachmittag wurde das Passspiel geschult, und zum Abschluss spielten drei Teams (im Turnier) gegeneinander. Auffällig dabei: David Jarolim schoss ein Traumtor, Änis Ben-Hatira schoss mehrere Traumtore, Paolo Guerrero unterstrich einmal mehr seine gute Verfassung, und Frank Rost stauchte das Talent Heung Min Son sowas von zusammen, dass selbst Ruud van Nistelrooy, den offenbar nichts mehr aus der Ruhe zu bringen scheint, mächtig zusammenzuckte. Ja, Feuer war auch heute wieder drin.

Und: Guy Demel (Wadenprellung) war erstmalig in dieser Woche dabei, er dürfte deshalb am Sonnabend rechts verteidigen. Joris Mathijsen fehlte, er wird für das München-Spiel ausfallen. Also kehrt Heiko Westermann wieder auf den Posten der Innenverteidigung (neben Gojko Kacar) zurück, und auf die Sechs rückt (neben Ze Roberto) wieder David Jarolim ein. Und, um noch einmal auf Ruud van Nistelrooy zurück zu kommen: Von ihm sieht man in diesen Tagen wirklich kaum noch etwas, er absolviert eine Art Dienst nach Vorschrift. Ein listiges Tor allerdings durfte von ihm dann doch noch bestaunt werden. Als er rechts draußen stand, erwartete er einen Ball – und der gegen ihn spielende Torwart Tom Mickel eine Flanke des Niederländers. Der aber lenkte den Ball mit der Innenseite direkt ins Netz – herrlich gemacht. Aber solche Dinge, die das Leben eines jeden Fußball-Fans bereichern, die wird es bis zum Sommer wohl nur noch im Training von ihm zu bewundern sein. Dass Armin Veh den ehemaligen Weltstar noch einmal bringen wird, halte ich nach dessen Trainingsvorstellungen für ausgeschlossen. Aber wie würde Rudi Carrell singen: „Lass dir überraschen. . .“ Gilt übrigens auch für das Ergebnis, was der HSV am Sonnabend in München einfahren wird.

PS: Training am Freitag um 13 Uhr. Aber im Stadion, also wohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

18.27 Uhr