Tagesarchiv für den 8. März 2011

Veh gibt zum Saisonende auf – AKTUALISIERT!

8. März 2011

++++++++++++++AKTUALISIERUNG unter dem Video+++++++++++++++






Ich bin Hamburger. Und ich bin dem HSV seit meiner frühesten Kindheit verbunden. Meine HSV-Historie hatte ich Euch ja bereits erzählt. Und als ich im Jahr 2000 nach einem Praktikum beim Hamburger Abendblatt eine Festanstellung als HSV-Reporter angeboten bekam, war mein Glück vollkommen. Das dachte ich zumindest. Denn je mehr Einblick ich in die internen Abläufe bekam, desto weniger romantisch wurde mein Verhältnis zum Klub. Zumindest, was die Spieler und die Offiziellen betraf. Denn in den persönlichen Gesprächen fand ich nur zu schnell heraus, wie wenig Leidenschaft und wie viel monetäre Dinge sie mit dem Klub verbunden hatte. Eine Beschreibung, die nicht auf jeden zutraf und zutrifft, aber ganz sicher auf einen Großteil. Dennoch hatte ich bei aller Desillusionierung nicht gedacht, in welche Sphären sich meine Abneigung noch steigern könnte.

Den vorläufigen Höhepunkt haben wir aktuell erreicht. Leider.

Und damit meine ich nicht die Tatsache, dass Armin Veh seinen Vertrag nicht verlängert. Auch nicht die Tatsache, dass Bernd Hoffmanns Vertrag nicht über den 31. Dezember 2011 hinaus verlängert wurde. Das alles sind vereinspolitische Entscheidungen, die diskutabel sind, die aber vorkommen. Immer wieder. Auch bei anderen Klubs. Allerdings stellt sich mir mehr denn je die Frage, weshalb ein Verein wie der HSV, der sich auf dem Weg in die Europäische Elite wähnte, so gar keine Antworten parat hat. Schlimmer noch, die letzten Entscheidungsträger im Klub sind gar die, die statt Antworten zu liefern immer nur neue Fragen aufwerfen: Der Aufsichtsrat. Und ganz ehrlich, dabei wirken sie so hilflos, dass sich jeder Fan Gedanken machen muss.

Trainer Armin Veh nannte es heute bei seiner Rücktrittsrede (ich nenne das so, weil ich glaube, dass Veh am Seitenrand schon bald ersetzt wird) eine „große Gefahr, in der sich der tolle Klub befindet“. Und dem ist so. Wenn das aktuelle Führungschaos nicht in den nächsten Tagen schon behoben wird, droht dem HSV Schlimmes. Und damit meine ich nicht nur das aktuelle Verpassen des internationalen Wettbewerbes…

Der HSV ist führungslos. Und die, die führen, führen den HSV orientierungslos. Heute morgen war es der Ratsvorsitzende Ernst Otto Rieckhoff, der diesen Eindruck bei einer internen Ansprache vor den Mitarbeitern ungewollt unterstrich. Nachdem Katja Kraus und vor allem Bernd Hoffmann in sehr emotionalen Ausführungen den Mitarbeitern ihren Dank ausgesprochen hatten und dafür Applaus erhielten, schnappte sich Rieckhoff das Mikrofon. Er erklärte das Verhalten des Aufsichtsrates allerdings nicht wirklich, sondern klagte sein eigenes Gremium erneut an. Auf die Frage, weshalb das Kontrollgremium sich gegen Bernd Hoffmann und Katja Kraus entschieden hatte, ohne sich vorher das aktuelle Konzept erläutern zu lassen, antwortete Rieckhoff, das sei leider so. Ein Teil des Gremiums habe den Wechsel „unbedingt gewollt, unabhängig von einer inhaltlich sachlichen Auseinandersetzung. Leider“. Worte, die seine Gremiumskollegen nicht erfreuen werden – im Gegenteil. Ich glaube, Ernst Otto Rieckhoff hat sich, zumal in seiner Rolle als Ratsvorsitzender, weder bei den Geschäftsstellenmitarbeitern noch bei Aufsichtsratskollegen einen Gefallen getan.

Am schlimmsten aber finde ich, dass es bei dem eh schon vorherrschenden Chaos der letzte (Scheel und Reinhardt lasse ich raus) Entscheidungsträger nicht hinbekommt, eine klare Aussage zu treffen. Nicht einmal zur Personalie Bernd Hoffmann, die Rieckhoff gestern noch mit „wer weiß schon, was in den nächsten sechs Monaten alles passiert?“ offengelassen hatte. Heute legte er noch mal nach. In der Hoffnung, die Pro-Hoffmann-Mitarbeiter etwas beruhigen zu können, verunsicherte er sie nur noch mehr. Bei dem aktuellen Wesen seines Gremiums sei sicher nicht ausgeschlossen, dass auch noch mal mit Kraus und Hoffmann verhandelt würde.

Nun denn. Weniger Klarheit kann man nicht schaffen.

Das aktuelle Trauerspiel findet seine Fortsetzung auch im sportlichen Bereich. Armin Veh trat zurück (s. dazu das komplette Statement im Video), weil er sich mit der katastrophalen Vereinspolitik nicht mehr identifizieren kann und will. „Dieser Verein ist führungslos“, klagt er, „was hier passiert, habe ich noch nie erlebt. Das ist extrem gefährlich für den ganzen Klub. Wer jetzt glaubt, hier sei alles in Ordnung, der verkennt die Tatsachen.“ Sein Rücktritt zum Saisonende ist als direkte Reaktion auf die Demission Hoffmanns zu verstehen. Selbst das noch ausstehende Gespräch mit dem neuen Sportchef Frank Arnesen könne ihn jetzt nicht mehr umstimmen, sagt Veh. „Ich wollte das Gespräch abwarten, um mir anzuhören, was hier passieren soll. Aber jetzt weiß ich nicht mal mehr, mit wem ich zusammenarbeiten würde. Das Telefonat mit Arnesen wurde durch die jüngsten Ereignisse leider schnell eingeholt.“

Eigentlich wollte Veh erst in zwei Wochen etwas verkünden – der Aufsichtsrat hat seine Entscheidung allerdings forciert. Und was er von dem Gremium hält, zeigt schon sein Verweis auf eine Aussage von Willi Schulz, der den Aufsichtsrat als Gefahr für den Verein hinstellte und erklärte, es müsse wahrscheinlich erst einmal richtig was passieren, bis alle wach werden. „Dem kann ich nur zustimmen“, so Veh, „auch wenn ich mich eigentlich in die Vereinspolitik nicht einmischen darf – in dem Fall muss ich mal anecken, damit endlich mal was passiert.“

Was genau passieren muss, sagte Veh nicht. Musste er auch nicht. Alle hatten verstanden.

Auch die Mannschaft sei betroffen, so Veh. „Wir alle wollen in den internationalen Wettbewerb. Aber wie kommen wir dahin“, fragt Veh rhetorisch, „dazu gehört doch letztlich immer alles. Auch das Drumherum. Wir brauchen hier doch eine klare Ordnung. In der Mannschaft. Und im Klub. Aber was davon haben wir jetzt?“

Nichts. Nicht einmal den sportlichen Erfolg.

Weniger noch, der Verein steht mal wieder vor einer inneren Zerreißprobe. Einer hausgemachten natürlich. Via Internet werden Petitionen angestimmt, via SC-Forum (www.hsv-supporters.de) wurde ein Antrag auf Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung eingereicht. Selbst per Email an den Vorstand Oliver Scheel kamen zwei derartige Anträge. Allerdings eine von einem 16-Jährigen, der seit dem 1. März Vereinsmitglied ist. So wirkt sich die selbst herbeigeführte Führungslosigkeit im Klub aus. Plötzlich wollen alle etwas zu sagen haben. Vom kleinen Vereinsmitglied bis zum „großen Aufsichtsrat“. Aktionismus schlägt mal wieder Sachlichkeit. Ich glaube, so sieht Chaos aus.

Sportliches steht mal wieder im Hintergrund. Es tut mir leid, ich habe es bei den heutigen Entwicklungen tatsächlich nicht aus dem Presseraum geschafft. Ich hätte Euch gern mehr über Fußball geschrieben. Aber ich habe mir zumindest berichten lassen, dass Guy Demel und Joris Mathijsen heute nicht mittrainiert haben – trotzdem sollen beide am Wochenende in München einsetzbar sein. Selbst das Comeback von Dennis Diekmeier, der heute erstmals wieder auf dem Trainingsplatz stand und mit der Mannschaft mittrainierte, ging irgendwie unter. Stattdessen stellen sich jetzt alle, ihr wie wir, die Frage, ob Veh weiter Trainer bleibt oder abgelöst wird.

Kann ein Trainer, dessen Abschied feststeht, die Mannschaft noch erreichen?

Er kann. Das sieht zumindest ein Teil der Mannschaft so (und ich meine damit auch Spieler, die ob ihrer eigenen Situation sauer sein dürften…). Aber ich glaube es nicht. Von vielen Seiten ist zu hören, dass Michael Oenning schon bereitstehen soll, dass sich der Aufsichtsrat zumindest mit einer solchen Lösung vorsorglich beschäftigt hat. Veh war bei den Räten nicht mehr gut gelitten, seit er im Winter eine gewisse Amtsmüdigkeit suggeriert hatte. Dass Veh bis heute im Amt ist, ist allein dem überraschend guten Rückrundenstart geschuldet. Und das, obwohl Veh früh seinen Entschluss getroffen hatte, unter den gegebenen Voraussetzungen – das galt schon VOR der Entmachtung Hoffmanns – nicht weitermachen zu wollen. Einer der immer zahlreicher werdenden Gründe war auch das schlechte Verhältnis Veh/Aufsichtsrat. Der Trainer hatte nicht einmal heute den Aufsichtsrat vorher über seine Entscheidung informiert, bevor er sie uns mitteilte. „Ich habe vom Aufsichtsrat auch nie etwas gehört. Zumindest nicht direkt.“

Stattdessen haben sich einige Aufsichtsräte in der Zwischenzeit auch anderweitig nach Trainerkandidaten umgesehen und umgehört. Zwar sagte Rieckhoff auch heute wieder, das sei nicht sein beritt sondern ganz klar die Aufgabe des Vorstandes. Allerdings dürfte auch ihm nicht entgangen sein, dass es einen entscheidungsfähigen Vorstand in der Form seit Sonntag nicht mehr gibt.

Ergo: Der Aufsichtsrat sucht. Wie schon damals beim Sportchef…

Aber lassen wir das. Selbst Felix Magath ist bereits kontaktiert worden. Wobei ich weiß, dass der aktuelle Schalke-Trainer grundsätzlich großes Interesse an einer Rückkehr nach Hamburg gehabt hatte, als er vor der Inthronisierung von Huub Stevens zum Gespräch nach Hamburg bestellt worden war – und den ganzen Tag über sitzen gelassen wurde, bis er drohte abzureisen. Anschließend soll der verärgerte Magath eine Rückkehr nach Hamburg ausgeschlossen haben, solange Bernd Hoffmann in Hamburg im Amt ist.

Allerdings, das an dieser Stelle auch mal zur Ehrrettung der Kontrolleure in diesem Zusammenhang, sie haben vorgeplant. Frank Arnesen ist bereits seit der Vertragsunterschrift damit beauftragt, den Trainerposten jetzt und für die Zukunft zu besetzen. Kandidaten hierfür sind in Stale Solbakken, Ralf Rangick, Michael Laudrup und Robin Dutt bereits gefunden. Auch Mainz-Trainer Thomas Tuchel soll inzwischen auf dem Wunschzettel stehen. Aber wie ich schon vergangene Woche angekündigt hatte, werden hier noch etliche Namen genannt – und am Ende wird es doch nur einer. Veh soll in diesen Planungen allerdings von vornherein keine Rolle gespielt haben.

Eine große Rolle spielt indes weiterhin Björn Gulden als Nachfolger von Bernd Hoffmann als Vorstandsvorsitzender des HSV. Und das obwohl uns heute folgende email seines Arbeitgebers „Deichmann“ erreichte:

„Ich beziehe mich auf die Berichterstattung im Hamburger Abendblatt zum Thema HSV. Darin wird seit Samstag über einen möglichen Wechsel von Herrn Gulden aus unserem Hause zum HSV spekuliert.
Ich weise Sie darauf hin, dass an diesem Thema nichts dran ist. Für Herrn Gulden steht ein Wechsel zum HSV nicht zur Debatte. Ich bitte Sie, das bei der weiteren Berichterstattung zu berücksichtigen.

Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen/With kind regards

Ulrich Effing
Leiter Unternehmenskommunikation/Head of Corporate Communications“

Ein Dementi, dessen Halbwertszeit direkt von den Verhandlungen abhängt, die der Aufsichtsrat mit dem Norweger aufgenommen hat. Denn auch wenn Rieckhoff heute wieder einen Hoffnungsschimmer für alle Hoffmann-Freunde in den mit 120 Mitarbeitern gut gefüllten Presseraum der Imtech-Arena warf, soll der Ex-Profi des 1. FC Nürnberg weiter ein ganz heißer Kandidat sein, Hoffmann schon vor dem Vertragsende im Dezember abzulösen.

Womit Gulden zumindest ein kleines, vielleicht ja neben Arnesen DAS kleine Lichtlein am Ende des offenbar immer länger werdenden dunklen Tunnels ist.

In diesem Sinne,
auf deutlich mehr erhellende Momente,

Euer Scholle

19.45 Uhr

P.S.: ETWAS Fußball gibt es dann doch noch: Training ist morgen um 10 Uhr an der Imtech-Arena.