Tagesarchiv für den 7. März 2011

Rieckhoffs gewagte These: “Der Druck ist weg”

7. März 2011

Wären doch alle wie die Spieler. Das meine ich tatsächlich, auch wenn es sich nach dem erneuten Rückschlag beim 2:4 gegen Mainz ironisch anhören mag. Denn die haben keinen Hehl daraus gemacht, dass sie mit ihrer Leistung gegen den selbst ernannten „Karnevalsverein“ nicht zufrieden sind. Trainer Armin Veh lobte den Gegner sogar erfrischend ehrlich als „klar besser“ und nahm seine eigene Mannschaft betreffend kein Blatt vor den Mund. Warum ich das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, erwähne? Ganz einfach: in anderen Gremien werden Fehler weniger zugegeben, dafür aber in aller Regelmäßigkeit wieder und wieder gemacht. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich der HSV nach Sportchefsuche auch bei seinem Ersten Vorsitzenden in eine – vorsichtig formuliert – eingeschränkte Handlungsfähigkeit begibt?

Gestern stimmten die zwölf Aufsichtsräte nach langem Hickhack über die Zukunft von Klubboss Bernd Hoffmann und dessen rechte Hand Katja Kraus ab. Sieben Räte votierten pro, fünf contra Hoffmann/Kraus. In einer offenen Abstimmung zuhause bei Jürgen Hunke. Das ist bekannt. Wie es allerdings zu einem derartigen Stimmungswandel kommen konnte wusste niemand so recht. Hintergrund: eine Woche zuvor stimmten noch neun (!) Räte gegen Hoffmann/Kraus. Meine einzig logische Erklärung: Diesmal waren die notwendigen fünf Contra-Stimmen so schnell gefunden, dass sich der eine oder andere Hoffmann-Gegner nicht zusätzlich die Finger verbrennen wollte/musste und seinen Arm unten ließ.

Auch Chefkontrolleur Ernst Otto Rieckhoff wusste das veränderte und täuschende Stimmungsbild von 7:5 Stimmen pro Hoffmann nicht zu erklären. Oder besser gesagt, er wollte es wohl eher nicht. „Es ist nicht meine Aufgabe, eine Meinung zu haben, sondern die Meinungen im Aufsichtsrat zu einen.“

Aha.

Doch der Aufsichtsrat würde sich eh untreu, würde er nicht auch die neuerlich selbst geschaffene und unvorteilhafte Situation versuchen positiv darzustellen. „Wir wollten Klarheit. Jetzt haben wir sie“, erkennt Rieckhoff und verkennt: „Der Druck ist erst mal weg.“

Der Druck ist weg? Der HSV hat keinen Druck mehr? Gerade jetzt wo der HSV fünf Punkte Rückstand auf einen internationalen Wettbewerb hat? Jetzt, wo der HSV einen für den 1. Juli designierten, aber in London noch im Arbeitsverhältnis stehenden Sportchef, einen auf Raten ausscheidenden Trainer Armin Veh sowie einen frisch abgesägten Ersten Vorsitzenden hat? Jetzt, wo der HSV noch 20 offene Spielerverträge und den selbst angekündigt „großen Umbruch“ vor sich hat? Das verstehe wer will. Ich verstehe es nicht.

Passend hierzu auch die Erklärung, wie es denn jetzt auf der Trainerposition weiterginge. Rieckhoff: „Das ist Sache des Vorstandes.“ Klar. Das stimmt. So sieht es die interne Verantwortungsverteilung vor. Aber wer ist momentan eigentlich dieser „Vorstand“? Arnesen ist es offiziell noch nicht. Hoffmann und Kraus sind es dagegen nur noch offiziell. Gleiches gilt für Bastian Reinhardt, der gerade für Arnesen zum 1. Juli aus dem Vorstand komplimentiert wurde. De facto bleibt tatsächlich nur noch Oliver Scheel als unbeschadeter Vorstand übrig…

Nein, der werte Ernst Otto Rieckhoff versuchte die mit Sicherheit auch im Aufsichtsrat erkannt schwierige Situation nach außen hin schöner darzustellen, als sie ist. Das muss er als Vereinsrepräsentant auch, was bleibt ihm sonst übrig. Er versucht, etwas Ruhe in den intern mehr als aufgewühlten Klub zu bringen. Selbst wenn dafür einige Halbwahrheiten herhalten müssen. So sei bislang nicht über neue Kandidaten abgestimmt bzw. mit ihnen verhandelt worden. Dass sich der Aufsichtsrat zuvor mit Joachim Hilke getroffen und sich die Räte untereinander sogar ein Stimmungsbild eingeholt hatten, bleibt unerwähnt. Immerhin ist Hilke, der nicht mehrheitsfähig war, inzwischen abgehakt. Da wird schon mal verdrängt, frei nach dem Motto: aus den Augen – aus dem Sinn. Das allerdings darf nicht für Björn Gulden gelten. Der Norweger ist und bleibt ein heißer Kandidat auf die Hoffmann-Nachfolge. Und er bleibt vom Aufsichtsrat offiziell unbestätigt. Ebenso wurden Interimslösungen wie beispielsweise die mit dem ehemaligen Chefkontrolleur Udo Bandow als Obersten erfolglos angedacht.

Nein, optimale Lösungen gibt es derzeit auf keiner Entscheidungsebene des HSV.

Zwar gehen die Kontrolleure davon aus, dass Bernd Hoffmann und Katja Kraus ihre Verträge bis zum Jahresende erfüllen und ihre Aufgaben mit unverändertem Engagement ausfüllen. Immerhin „hochprofessionell“ seien beide mit der Entscheidung umgegangen. Und sie würden ebenso auch weiter arbeiten, prognostiziert Rieckhoff wider besseres Wissen. Dennoch, da lege ich mich fest und dafür habe ich auf menschlicher Ebene auch volles Verständnis, niemand kann ernsthaft von seinem Angestellten verlangen, dass dieser zu 100 Prozent loyal und mit unveränderter Passion für seinen Arbeitgeber weiterarbeitet, nachdem er gerade ein Misstrauensvotum gegen sich und zugleich seine Entlassungspapiere auf den Tisch gelegt bekommen hat. Auch nicht der HSV, der via Rieckhoff ein kleines Hintertürchen für Hoffmann und Kraus offen ließ. „Im Moment gehen wir davon aus, dass die Verträge zum Jahresende enden. Aber wer weiß, was in einem halben Jahr alles passiert.“

Das weiß tatsächlich niemand. Zumindest nicht bei diesem HSV.

Aber bei aller Kritik an den Aufsichtsräten, bzw. an deren Vorgehensweise, muss ich heute auch loben. So bezog Ernst Otto Rieckhoff heute klar Stellung, was den Aufsichtsrat als solchen betrifft. Und wie. „Ich kann nur sagen, dass mir nach den wiederholten Indiskretionen der Kragen geplatzt ist. Dieser Sonnabend hat meine Welt verändert. So geht man nicht mit Menschen um“, klagte Rieckhoff, „das belastete den gesamten Aufsichtsrat, sogar den gesamten Verein. Da wurde mit Indiskretionen regelrecht Politik gemacht. Und nachdem es derartige Indiskretionen gab, habe ich für Sonntag eine Aufsichtsratssitzung einberufen und den Antrag auf Abstimmung bezüglich eines Einjahresvertrages gestellt.“ Die Satzung sieht vor, dass nach Eingang eines solchen Antrages auch abgestimmt werden muss. Warum es über einen Ein- statt des normalen Dreijahresvertrages für Hoffmann ging? Rieckhoff: „Es war ein Kompromiss für mich.“ Mit dem bekannten Ergebnis.

Ein Ergebnis, das auf der Geschäftsstelle für Verunsicherung sorgt, sogar für eine gewisse Endzeitstimmung. Schließlich haben Hoffmann und Kraus etliche Leute neu eingestellt und niemand weiß, was die neue Führung auch an neuem Personal installieren wird. Noch heute vor seiner Abreise in den Skiurlaub mit der Familie will sich Bernd Hoffmann vor seine Angestellten stellen und die aktuelle Lage erläutern.

Die Trainerfrage wird darin nicht vorkommen. Zumal sie für alle Insider entschieden ist. Heute in 17 Tagen, so hatte es Trainer Armin Veh angekündigt, wird er selbst seine Entscheidung bekanntgeben. Bis dahin wartet der Coach noch ab, ob und in welcher Form sich Arnesen mit ihm unterhält. Allerdings rechnet tatsächlich nicht mal mehr Veh selbst damit, dass er bleibt.

Nur wer für ihn kommt ist – natürlich – offen. Zuletzt wurde der Däne Michael Laudrup gehandelt, ebenso Robin Dutt vom SC Freiburg und der aktuell vereinslose Ralf Rangnick. Weitere Namen werden folgen. Namen, über die der Vorstand zu entscheiden hat – ergo: Arnesen. Zumindest, wenn bis dahin kein neuer Erster Vorsitzender gefunden und mit der nötigen Zweidrittelmehrheit eingestellt wurde. Womit wir wieder beim Aufsichtsrat wären…

Ich hätte diesen Blog gern mit etwas sportlich Wertvollem beendet, kann Euch aber nach dem Regenerationstag mit Auslauftraining und einer kurzen Einheit für die Reservisten heute nur berichten, dass alle Spieler soweit gesund geblieben sind. Wobei, was heißt hier „nur“? Das ist doch auch schon was! Und dass wieder und trotz aller Umstände bis zu 7000 Fans mit zum Spiel in die Münchner Allianz-Arena reisen werden zeigt mir, dass es noch Dinge gibt, auf die man sich beim HSV verlassen kann. Vielleicht passen sich die Spieler wie Entscheidungsträger ja irgendwann dem Niveau ihrer Anhänger an…

In der (ist mir egal, ob es naiv ist oder nicht…) Hoffnung, dass in diesem Verein in hoffentlich naher Zukunft weniger persönliche Interessen und Differenzen denn das Gesamtwohl des Vereines im Vordergrund stehen und die fehlende Einheitlichkeit widergefunden wird, halte ich es mit den Worten Rieckhoffs. Der verurteilte die Unehrlichkeit und Indiskretion seiner Ratskollegen scharf und hofft auf einen Lerneffekt: „Ich kann nur an alle Räte appellieren: wer dem Verein schaden will, der macht es genau so…“

LG,
Scholle

19.45 Uhr