Monatsarchiv für März 2011

Oennings Verwirrspiele – wer stürmt neben Petric?

31. März 2011

Wenn ich gefragt werde, wie ich das jeweils als nächstes anstehende Spiel beurteile, rufe ich mir immer einige Eckdaten auf. Grundlage meiner Meinungsbildung ist dabei immer die Stimmung innerhalb der Mannschaft. Insbesondere auf drei, vier Eckpfeiler im Team achte ich dabei besonders. Denn diese „Leitwölfe“ sind es zumeist, die die Stimmung am besten wiederspiegeln. Haben sie Lust und verbreiten Optimismus, kann es gut werden. Maulen sie aber oder wirken sogar unmotiviert, wird’s haarig. Eins dieser Stimmungsbilder gibt nicht selten Mladen Petric ab. Und das „Orakel Petric“ sagt heute: „Diesmal wird es ein anderes Spiel in Hoffenheim geben.“

Und damit hat er recht. Ganz sicher sogar. Was auch sonst?

Aber ich glaube auch, dass das, was er eigentlich damit sagen wollte, richtig ist: Es wird nicht noch einmal ein derartiges Debakel wie zuletzt beim 1:5 und im Jahr davor beim 0:3 in Hoffenheim. Dafür sind die Voraussetzungen diesmal deutlich besser als in den vergangenen Jahren. „Die Stimmung innerhalb der Mannschaft ist gut“, sagt Petric, „und das, obwohl ich gehört habe, dass die, die hier geblieben waren, richtig hart arbeiten mussten. Und trotzdem wird gelacht.“

Immerhin hatte Cheftrainer Michael Oenning vermehrt auf Lauf- und Kraftübungen gesetzt. „Uns tat das gut“, so Marcell Jansen, der sich mit Oenning nach seiner Nichtnominierung gegen Köln ausgesprochen hat und gegen Hoffenheim wieder im Kader stehen wird. „Er hat eine gute Reaktion gezeigt“, lobt Oenning, der allerdings nicht verraten wollte, ob Jansen von Beginn an auflaufen oder zunächst auf der Bank sitzen wird.

Ob’s an dem Hoffenheim-Scout lag, der bewaffnet mit Zettel, Stift und Kamera mal wieder ohne fundierte Erkenntnisse von dannen ziehen musste?

Auf jeden Fall wechselte Oenning heute im Trainingsspiel munter durch. Die große Frage, wer in Sinsheim den gesperrten Ruud van Nistelrooy ersetzen wird, beantwortetet der HSV-Coach zuerst südkoreanisch. Heung Min Son, der in der Länderspielpause spielfrei war und im Training alles andere als zu überzeugen wusste, durfte zuerst neben Mladen Petric ran. Allerdings wusste er erneut nicht zu überzeigen und wurde im zweiten Drittel gegen Tunay Torun ausgewechselt. Ebenso wie Gojko Kacar im Zeiten Drittel in die B-Elf wechselte, während Heiko Westermann von der „Sechs“ in die Innenverteidigung rotierte und David Jarolim die zentrale Defensive im Mittelfeld übernahm. Und während unser armer Kollege aus Hoffenheim spätestens jetzt gar nicht mehr wusste, wer nun wo spielen würde, legte Oenning im letzten Drittel noch einen drauf und ließ Marcell Jansen für den spielfreudigen Eljero Elia links im Mittelfeld ran. Und Son stürmte neben Torun – das allerdings mit ernsterem Hintergrund, denn Mladen Petric war umgeknickt und musste früher in die Kabine.

Der zweite Ausfall im Sturm?

Zum Glück nicht. Sagt Petric zumindest selbst. „Ich bin umgeknickt und habe einen Schmerz verspürt. Dass ich aufhöre, ist aber eher vorsichtshalber. Bis zum Hoffenheim-Spiel wird das schon wieder gehen.“ Muss es auch. Denn immerhin ist Mladen, dessen 2012 auslaufender Vertrag ja noch nicht verlängert wurde, mit elf Saisontreffern der Top-Torjäger des HSV. Ob er schon ein Gespräch mit dem HSV hatte? „Nein“, so Petric, „aber das ist jetzt auch nicht das Thema. Ich habe ja eh noch ein Jahr weiter Vertrag. Nächstes Thema bitte….! “

Ok, Vertragsfragen abgehakt. Dann noch mal zur Verletzung, immerhin ist Mladen für das Hoffenheimspiel ja mein Stimmungsbarometer. Und als ich schon leise Zweifel hegte, dass mein erster Optimismus verfrüht gewesen sein könnte, schob Mladen im Weggehen zum Glück noch nach: „Macht euch keine Sorgen.“

Angekommen! Und nur zu gern angenommen! Danke Mladen! Das mache ich nicht. Im Gegenteil, ich setze auf die Wende im Stadion der Schande für den HSV, in der Rhein-Neckar-Arena. Auch und gerade weil es bei der TSG Hoffenheim 1899 die vielleicht bittersten Niederlagen vor dem 0:6 gegen Bayern in der Bundesliga setzte. „Ein zusätzlicher Motivationsfaktor“, wie es Mladen Petric heute formulierte, „ich habe absolut kein negatives Gefühl vor diesem Spiel.“

Apropos, am Trainingsplatz fragte ich meine Kollegen, die neben mir standen, ob sie mit mir wetten würden. Eben weil ich so ein Gefühl habe. Denn ich glaube und hoffe, dass gegen die TSG am Sonnabendabend (18.30 Uhr, Sky überträgt live) weder Torun noch Son (beide sind momentan neben der Spur) neben Mladen beginnen wird, sondern Paolo Guerrero. Und das obwohl auch der Peruaner zuletzt wie seine jüngeren Kollegen nicht wirklich überzeugen konnte und in allen drei Dritteln des Trainingsspiels heute in der B-Elf agierte.

Aber seine heutige Leistung unterstrich meine Vermutungen, denn selbst der zusammen mit Jonathan Pitroipa angeblich schnellste Spieler im Team, Dennis Diekmeier, konnte Guerrero in dem einen oder anderen Laufduell nicht halten. Mehr noch: Guerrero traf als einziger Stürmer aus dem Spiel heraus (Petric verwandelte einen Foulelfmeter) nach schöner Hackentrickvorlage Sons sogar für die B-Elf per schöner Direktabnahme aus elf Metern. Und der Peruaner gilt als einer, der durch solche Psychospielchen, im Training immer nur B- statt A-Elf zu spielen, gekitzelt werden kann.

Das wiederum gilt ganz sicher nicht für Heiko Westermann. Der Kapitän darf sich seiner Startelfnominierung sowohl im Training als auch in der Bundesliga eigentlich immer sicher sein. So auch heute. Allerdings bleibt die Frage unbeantwortet, ob auf der „Sechs“ oder doch wieder in der Innenverteidigung neben Joris Mathijsen.

Letzteres würde mir am besten gefallen. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass Westermanns Qualitäten weniger im kreativen, also im Mittefeldbereich, denn in der Abwehr gebraucht werden. Dort hat er eine klare Aufgabe, auf die er all seine Konzentration lenken und die er mit seiner Zweikampf- und Kopfballstärke bestens ausfüllen kann. Einziges Manko hierbei wäre, dass mit ihm, mit Mathijsen, sowie rechts mit Diekmeier und links mit Aogo die Spieleröffnung zum Problem werden könnte.

Probleme gab es auch zwischen Frank Rost und Dennis Aogo, der seinem Torwart im Abendblatt-Interview vergangene Vorwürfe ob dessen Wutrede im Anschluss ans 0:6 in München gemacht hatte. Uns hatte Aogo am Mittwoch gesagt, die Sache sei ausgeräumt. Ein Telefonat zwischen ihm und Rost hätte gereicht. Daran hatte Dieter bereits gestern seine Zweifel angedeutet.

Und er lag damit absolut richtig.

Denn die Sache ist – zumindest zwischen den beiden – alles andere als ausgeräumt. Gestern, am Mittwoch, musste sich Aogo bereits intern vor versammelter Mannschaft von Oenning anhören, dass er zu weit gegangen sei. Der Trainer kritisierte die öffentliche Kritik Aogos an seinem Mitspieler. Zumal sich die Mannschaft unmittelbar vor der Länderspielpause darauf eingeschworen hatte, auf Äußerungen über Verein und Mitspieler wenigstens die letzten sieben Spiele bis Saisonende komplett zu verzichten. Das wiederum hielt nur wenige Tage und brachte Oenning in Rage. Aber anstatt sich einmal öffentlich bei Rost zu entschuldigen, setzte Aogo selbst der Diskussion ein Ende. Ein Ende, das wohl eher keins ist.

Ein Ende mache dafür ich jetzt. Mit der Nachricht, dass sich Piotr Trochowski und der FC Sevilla über einen Wechsel geeinigt haben und dies im Laufe der kommenden Woche verkünden wollen, verkünde ich das Ende des heutigen Blogs mit dem Hinweis, dass morgen um 13.30 Uhr an der Imtech-Arena trainiert wird. Und in der Hoffnung, dass die Differenzen zwischen Aogo und Rost zwischen diesen beiden Spielern bleiben und keine Auswirkungen auf die Mannschaft haben. Alt genug sind die beiden ja. Und beide wissen auch, dass es nur noch um das Ganze gehen darf. Aber warum sollte ich mich sorgen? Orakel Petric hat gesagt, die Stimmung sei gut. Ergo: sieben Wochen Ar…backen zusammenkneifen und gemeinsam da durch. Für sich, für den HSV, für die Fans – und vor allem für den letzten Funken Hoffnung auf die Europa League.

In diesem Sinne,

LG,

Scholle

19.10 Uhr

Mathijsen: “Zeit für eine Revanche”

30. März 2011

Alle wieder da, alle auch fit – von einer kleinen Phase der Müdigkeit bei Mladen Petric einmal abgesehen. Der Kroate blieb an diesem Nachmittag in der Kabine und betrieb regenatives Training. Für die Sonnabend-Partie in Sinsheim gegen Hoffenheim (18.30 Uhr Anstoß) aber ist er sicher zu 100 Prozent fit. Und alle anderen natürlich auch. Davon konnten sich die 100 Trainingskiebitze bei frühlingshaften Temperaturen überzeugen. Die Spaß-Phase dauert an. Hoffentlich nicht nur bis Sonnabend gegen 20.25 Uhr. Die Jungs sind emsig, voller Energie und mit Freude bei der Sache. Und bei einem abschließenden Spielchen wurde aus allen Lagen „geballert“. Das „Tor des Tages“ erzielte für mich Eljero Elia, der mir wie aufgeblüht vorkam. Und die „Parade des Tages“ zeigte Frank Rost, der einen unwahrscheinlichen Knaller von Piotr Trochowski (aus nächster Nähe) mit einem Super-Reflex abwehrte. Der Nachschuss von „Troche“ war dann aber genau so hart – und drin.

Aber keine Angst, ich werde den „kleinen Dribbelkünstler“ nicht gleich wieder aufgrund von guten Trainingsleistungen in die Mannschaft schreiben wollen. Im Gegenteil, ich möchte allen „Matz-abbern“, die Trochowski nicht im HSV-Team sehen wollen, folgende Mitteilung machen: Laut spanischen Medien-Berichten sollen sich der FC Sevilla und Piotr Trochowski über einen Wechsel zur nächsten Saison einig sein. Wenn jetzt jemand fragen sollte, was dieser FC Sevilla für ein Klub ist, so muss ich sagen: „Keine Ahnung. Muss so ein kleiner Dorf-Verein sein . . . Wieso aber dieser Dorf-Klub auf einen Nationalspieler wie Trochowski kommt, wie dieser Dorf-Klub einen kleinen Dribbelkünstler wie Trochowski überhaupt bezahlen kann? Keine Ahnung. Aber sie werden sich dabei etwas denken, diese ahnungslosen Spanier vom Dorfe. Die haben ja alle keine Ahnung . . .“

Wobei ich schnell anfügen möchte, dass ich mir doch schon wünschen würde, dass Piotr Trochowski – kringelnderweise – mit dem FC Sevilla durch Europa tourt. Das hätte schon was.

Aber zurück zum HSV. Der will ja erst noch nach Europa. Quasi auf die letzten Zentimeter, sprich die letzten sieben Spiele. Deshalb müsste es schon am Sonnabend in Sinsheim einen Dreier geben. Und ich sage – im Hinterkopf diese sehr guten Trainingsleistungen: „Warum auch nicht? Ich bin sonst ja eher pessimistisch veranlagt, aber in der jetzigen Phase, in der Aufbruchsstimmung und Frühlingsgefühle für großen Optimismus sorgen, traue ich der Mannschaft alles zu.“ Der Teamgeist des HSV hat seit einigen Monaten deutlich zugenommen, und wenn eine Mannschaft gemeinsam nach Erfolgen strebt, dann bleiben Siege auch nicht aus.

Über die „neue und gute“ Stimmung sprach ich heute auch mit Joris Mathijsen. Der Niederländer hat ja eine etwas andere Philosophie, wie und weshalb es jetzt auf einmal so gut im täglichen Miteinander klappt. Der Innenverteidiger, der die beiden Länderspiele gegen Ungarn (Freitag und Dienstag, zweimal 90 Minuten) bestens weggesteckt hat, erklärte: „Wichtig für den Teamgeist war das letzte Spiel der Hinrunde, unser Sieg in Mönchengladbach. Ich glaube, dieser Erfolg hat uns alle verändert. Danach haben wir gute Spiele gemacht, haben in Nürnberg zwar verloren, waren ansonsten aber in allen Spielen die bessere Mannschaft.“ Mathijsen weiter: „Danach kamen dann einige schlechte Spiele, aber trotz allem ist die Stimmung nun gut. Wir sind zwar nicht alle Freunde, das muss auch gar nicht sein, aber die Stimmung ist gut.“ Gut möglich, dass das große Chaos des HSV die Truppe zusammengeschweißt hat. Bekanntlich rückt man in der Not ja immer enger zusammen. Von diesem Effekt könnte auch die Profi-Abteilung des HSV profitiert haben.

Joris Mathijsen ist übrigens nach eigenen Angaben topfit. Nachdem er nach seiner Knöchelverletzung zu früh angefangen hatte. „Jetzt ist aber alles okay. Ich werde die nächsten zwei Tage etwas kürzertreten, aber dann ist auch alles wieder gut“, sagt der Abwehrspieler. Ich habe ihn natürlich auch zu seinem Aufenthalt bei der Nationalmannschaft befragt. Er traf da ja bekanntlich den ehemaligen HSV-Profi Rafael van der Vaart, seinen langjährigen Freund. Der hatte, woran sich noch einige erinnern werden, öffentlich davon gesprochen, Joris Mathijsen zu den Tottenham Hotspurs nach England locken zu wollen. In diesem Sommer schon. Mathijsens Vertrag läuft noch bis zum Sommer 2012, der HSV könnte also nur noch in diesem Jahr auf eine Ablöse hoffen. Aber was ist dran, an dieser Verlockung? Mathijsen: „Ich habe davon gelesen, ich habe Raffa angerufen – und wir haben beide darüber gelacht. Mehr nicht.“

Joris Mathijsen weiter: „Das hat sich seit 1996 geändert. Eigentlich läuft ein Vertrag, der 2012 endet, ja schon ein Jahr eher aus. Und dann muss der Klub entscheiden: Entweder verlängern, oder eventuell verkaufen. So sieht es mittlerweile aus in unserem Sport.“ Er selbst aber hat sich – nach eigener Aussage – noch überhaupt keine Gedanken um seine Zukunft gemacht: „Ich beschäftige mich jetzt nur mit Hoffenheim. Und ich spiele erst die letzten sieben Spiele, denn wir können ja noch etwas erreichen. Und danach hat man dann Zeit genug, um in die Zukunft zu sehen. Und wenn der HSV etwas früher von mir will, so hat er die Nummer meines Beraters, und der müsste dann eben angerufen werden. Für mich ist das jetzt aber alles noch kein Thema.“ Wie schön.

Mathijsen denkt also nur an Hoffenheim. Und er sagt auch, wie es dort gehen könnte: „Wir müssen es so machen wie gegen Köln. Wir müssen in einem Auswärtsspiel so auftreten wie in einem Heimspiel. So könnten wir es machen. So, wie wir vor dem Köln-Spiel trainiert haben, so wie wir gegen Köln gespielt haben, so müssen wir es wieder machen.“ Kling plausibel, klingt einfach – ist es aber nicht. Auswärts hat der HSV eben seine Schwächen. „Hoffenheim ist ja fast ein Angstgegner, wir haben dort zweimal klar verloren, es ist an der Zeit, Revanche zu nehmen.“ Das hätte schon was . . .

Ganz offenbar ist Joris Mathijsen bestens gelaunt von der Nationalmannschaft zurückgekommen. Bestens gelaunt und fit. Das gibt Selbstvertrauen. Das könnte auch für Ruud van Nistelrooy gelten, der in seinem 70. Länderspiel-Einsatz endlich wieder ein Tor erzielt hat (Nummer 35, falls ich nicht irre), der sich darüber auch richtig toll gefreut hat. Wie „van tha man“ gejubelt hat, da kam schon Freude auf. Es war so, als wäre ihm eine zentnerschwere Last von den Schultern gefallen. Leider darf er erst wieder gegen den Tabellenführer Dortmund ran, aber gegen die Borussia könnte ein Van-Nistelrooy-Tor ja noch wertvoller werden.

Apropos Selbstvertrauen: Davon hat auch Dennis Aogo in seinem fünften Länderspiel (Einsatz gegen Kasachstan) reichlich getankt. Er war diesmal der einzige Hamburger bei Joachim Löw, ein ungewohntes Gefühl. Dennoch hat er sich bei der Nationalmannschaft diesmal ganz besonders wohl gefühlt. „Es ist schon schön, wie man immer mehr ein Teil des Ganzen wird. Wie man von den Mitspielern akzeptiert wird, wie sich dann auch bestimmte Sympathien zu anderen Spielern bilden. Dass man auch nicht mehr nur der Neue ist, der nur am Rande steht. Das habe ich schon genossen, und ich muss schon sagen, dass ich das so in der Form nicht erwartet habe, dass ich so in die Mitte genommen werde.“ Klingt gut. Und nach Teamgeist beim DFB.

Kurz habe ich auch noch die „Sache Rost“ angesprochen. Aogo hatte, als er bei der Nationalmannschaft war, den Keeper (in einem Abendblatt-Artikel) wegen dessen öffentlicher Kritik ebenfalls kritisiert. Heute trafen die beiden HSV-Profis aufeinander, Zeit also für eine Aussprache. Ob es die gegeben hat, entzieht sich meinen Kenntnissen, aber beide Spieler hatten vorher bereits miteinander telefoniert. Rost rief Aogo an, der rief zurück. „Wir haben das geklärt, da gibt es kein großes Theater.“ Krach oder Ärger wäre ja auch in der jetzigen (guten) Phase, in der sich die HSV-Mannschaft befindet, nur kontraproduktiv. Dennis Aogo sagt aber ganz klar: „Öffentlich wird da gar nichts mehr gemacht. Das ist auch gar nicht von mir bezweckt worden. Im Gegenteil, ich wollte damit sagen, dass wir so etwas in Zukunft intern klären sollten. Und wenn es noch etwas zu sagen geben sollte, dann klären wir das intern – und die Sache ist erledigt.“ Hoffentlich – vor Hoffenheim. Ob Frank Rost dieses brisante Thema aber tatsächlich so schnell, kurz und schmerzlos abhaken kann – und wird? Da kommen mir doch einige Zweifel. Abwarten.

Ja, und kurz habe ich auch noch mit Aogo über das Spiel am Sonnabend gesprochen. Der Nationalspieler sagt: „Da haben wir ja im letzten Jahr eine richtige Packung bekommen. Hoffenheim ist eine starke Mannschaft mit hoher Qualität, sie zeigt im Moment aber nicht ganz das, was sie kann. “ Hoffentlich bleibt das auch am Sonnabend so.

19.34 Uhr (es ist später geworden als gedacht, es liegt am späten Trainingsbeginn! Sorry!!)

Oenning: “Die Jungs haben gerade viel Spaß”

29. März 2011

Es wird viel gelaufen. Und die Stimmung ist prächtig. Berg rauf, Berg runter. Und die Spieler lachen, scherzen, strahlen. Andere stöhnen, wenn sie viel laufen müssen, aber die HSV-Profis fühlen sich wohl dabei, wirken entspannt und gut gelaunt. Weil sie erstmals seit langer Zeit laufen müssen? Oder laufen dürfen? Der neue Chef, Michael Oenning, hat die Zügel deutlich angezogen. Und er erklärt: „Das hat nun nichts damit zu tun, dass ich irgendwie rückwärts gerichtet bin – ich stelle mir das aber so vor. Wir müssen eine hohe Laufbereitschaft in unserem Spiel haben müssen, deswegen müssen wir auch die Bereitschaft haben, das im Training immer wieder herzustellen. Und wir haben mit Günter Kern auch einen guten Mann, der dieses Training durchführt, und die Spieler nehmen das auch vorbehaltlos an. Sie selber merken, wie leistungsfähig sie sind, und das hilft ungemein.“

Einige Spieler sind beim Laufen sogar so emsig bei der Sache, dass sie vom Trainer schon gebremst werden müssen. Ein gutes Zeichen. Wobei Oenning auch sagt: „Wir müssen mehr machen, um einen guten Standard zu bekommen.“ Nach dieser Aussage habe ich den Coach gefragt, ob er denn diese Erkenntnis noch nicht gehabt habe, als er noch der Assistent von Armin Veh war? Eine Frage, die nicht böse gemeint war, die aber doch irgendwie auf der Hand lag. Oenning dazu: „Jeder Chef-Trainer hat seine eigenen Vorstellungen, und er gibt den Rahmen vor – so oder so möchte er das haben. Das steht denn für sich. Das hat weniger damit zu tun, ob man es darf oder nicht darf, sondern eher damit, ob gewollt oder nicht gewollt.“

Armin Veh wollte es wohl eher nicht. Michael Oenning will es jetzt schon. Und er ist jetzt der Boss. Wobei ich seit Jahrzehnten immer gehört habe, dass die Trainer des HSV gegen Ende der Saison bewusst nicht mehr angezogen haben. Eine alte Fußball-Weisheit, so hieß es stets, besagte, dass Konditions-Training zum Saisonende nichts mehr bringe. Oenning ist anderer Meinung: „Ich denke da ganz anders. Und all die Nischen, die wir da haben, die werden wir auch nutzen.“

Da gibt es zum Beispiel Ruud van Nistelrooy. Er sah zuletzt seine fünfte Gelbe Karte, er pausiert also gegen Hoffenheim – und deshalb wird er nach seiner Rückkehr nach Hamburg auch noch eine Extra-Behandlung bekommen.“ Soll heißen: Auf den Niederländer wartet auch noch die eine oder andere intensive Laufeinheit, damit er auf demselben Stand ist wie jene Kollegen, die nun hier waren (weil sie keine Länderspiel-Einsätze hatten). Oenning: „So muss das auch sein. Ich glaube, dass wir da individuell eine Menge machen können, und dafür haben wir ja auch genügend gute Trainer.“ Der neue Chef weiter: „Das wird uns auf jeden Fall begleiten, ich wüsste auch nichts, was dagegen spricht. Es ist ja ein Unterschied, ob ich etwas Populistisches mache, oder irgendwie etwas versuche – oder es passiert einfach, es läuft einfach mit. Das ist aus meiner Sicht auch Grundlagen-Arbeit. Und in vielen anderen Sportarten geht es ja auch gar nicht anders. Und wir, die stark geprägt sind vom schnellen Laufen, wir müssen natürlich am Schnelligkeits-Training arbeiten, das geht gar nicht anders.“

Die HSV-Profis, wie eingangs schon geschildert, sie machen nicht nur willig mit, sie begrüßen diese neue Härte. Wer jetzt als Kiebitz im Volkspark weilt, dem wir nicht entgangen sein, dass die Stimmung zuletzt immer besser geworden ist. Bei einem Spielchen wird nur noch selten geflucht oder gemeckert (untereinander), sondern mehr gelobt oder motiviert. So ein heutiges Beispiel: Wenn die Mannschaft von Frank Rost eine Chance vergab (ausließ), dann kommentierte der Keeper von hinten – ganz auffällig – mindestens zehn Mal (und mehr): „Schade.“ Jeder war und ist in diesen Tagen um einen guten Ton im Umgang miteinander bemüht. Und natürlich um gute Leistungen. Auffällig dabei: Von einer Seite flankten Dennis Diekmeier und Collin Benjamin, von der anderen Seite Ze Roberto, Piotr Trochowski und auch noch Marcell Jansen. „Collo“ und Diekmeier erhielten dabei von mir die etwas besseren Noten.

In der Mitte wurde der Abschluss gesucht, per Kopf und per Fuß. Muhamed Besic, der lange Zeit Pech bei seinen Versuchen hatte, traf später dreimal in Folge mit einem „Tor-des-Monats“-Treffer. Änis Ben-Hatira feierte sein einziges Kopfballtor wie den Gewinn einer Meisterschaft, und Gojko Kacar verzweifelte einige Male am glänzend reagierenden Tom Mickel, der wirklich einen Schokoladen-Tag erwischt hatte. Sogar Frank Rost entfuhr es nach einer Glanzparade des Kollegen lautstark: „Das war ja sensationell!“ Und das war es tatsächlich.

Am Rande liefen übrigens Romeo Castelen und Miroslav Stepanek, die beide noch eine Einheit mit Reha-Trainer Markus Günther absolvierten. Und dabei kam ich zu dem Gedanken, dass Castelen schon wieder so gut und „rund“ läuft, dass wir ihn wohl doch noch einmal (oder das eine oder andere Mal) auf dem Rasen in der Arena (und nicht nur dort) sehen werden. Und wie schön wäre das denn wohl?

Zurück noch einmal zur Intensität des Trainings. Kommentar von Michael Oenning: „Ich habe den Eindruck, dass die Jungs gerade viel Spaß haben an dem, was sie tun. Dass sie sehr eifrig sind, dass sie aber auch locker sind, dass sie Spaß haben. Und wenn wir das halten können, und wenn wir dann wirklich konzentriert in das Spiel gehen, dann erwarte ich einfach auch, dass wir ein gutes Spiel machen. Aber, das habe ich auch schon gesagt, wir müssen versuchen, konstant zu werden. Das heißt nicht, dass man immer am oberen Level spielt, aber man muss es schon versuchen.“ Wir bitten darum.

Michael Oenning weiß natürlich auch, dass der HSV eine Berg-und-Tal-Fahrt hinter sich hat. Mal gut, mal schlecht – und immer dann, wenn es nach oben gehen sollte, dann gab es garantiert einen Misserfolg. Und wenn der geneigte HSV-Fan an Hoffenheim denkt, dann denkt er gewiss an nicht viel Gutes. Fünf Spiele, zwei knappe Heimsiege (2:1, 1:0), ein Unentschieden (0:0) – und auswärts 1:5 und 0:3. Besonders die böse Klatsche (unter Labbadia) hat noch immer deutliche Spuren hinterlassen. Damals spielten Rost, Rincon, Boateng, Mathijsen, Aogo, Trochowski, Tesche (schoss das Ehrentor), Jarolim, Pitroipa, Berg und Petric, eingewechselt wurden Rozehnal, Arslan und Bertram. Wobei Arslan in den Schlusssekunden noch die Rote Karte sah. Es „passte“ alles, an diesem Tag. Diese Schmach könnte durchaus wieder (und noch einmal) gut gemacht werden. Zumal ein Sieg nun sehr, sehr wichtig wäre – immer noch, oder immer wieder, im Kampf um den internationalen Startplatz.

Noch hat sich Oenning nicht entschieden, wer den gesperrten Ruud van Nistelrooy ersetzen wird. Eine zweite Spitze neben Mladen Petric? Oder nur eine Spitze (Petric), dahinter dann ein breiteres Mittelfeld? Letzteres könnte, wenn ich das Mienespiel des Trainers richtig beobachtet habe, eher der Fall sein. Hinten dagegen dürfte, wenn ich richtig interpretiere, alles so bleiben wie zuletzt. Das heißt: Heiko Westermann auf der „dynamischen“ Sechs, und Gojko Kacar in der Innenverteidigung. Und der „große Ze“ auf de Zehn.

Der Trainer lotet das offenbar auch in Einzelgesprächen aus. Er spricht viel unter vier Augen, um zu erfahren, wie sich die Spieler fühlen, was sie denken, was sie wollen – wie sie die jeweilige Situation sehen. Oenning: „Ich halte das für sehr wichtig, für sehr, sehr wichtig sogar. Ich versuche möglichst, alle gleichmäßig zu erwischen. Wenn ich wissen will, was da los ist, muss ich ganz einfach mit den Leuten reden. Und es ist ja auch nicht so, dass ich nicht nur schöne Gespräche führe, sondern auch andere.“ Ernstere, entscheidende. Der Coach weiter: „Manche brauchen nur ganz wenige Gespräche, bei manchen Spielern reicht auch schon ein Blick. Ich finde, dass sie die Möglichkeiten haben müssen, sich auszuleben, dass man nicht alles unterbindet. Sie dürfen sich auch ruhig untereinander mal hoch nehmen. Entscheidend ist dann nur, dass sie immer wieder wissen wann Konzentration verlangt ist, wann es um die wichtigen Dinge geht. Das ist ein Geben und Nehmen, nur so funktioniert das.“

Mit Marcell Jansen („Der HSV legt mir Steine in den Weg“) hat sich Oenning in der vergangenen Woche ausgesprochen. Und der Trainer sagt: „Ich finde, dass er gerade eine sehr gute Reaktion darauf zeigt, denn er trainiert sehr gut.“ Apropos: Gut trainiert hat nicht nur heute auch wieder Piotr Trochowski. Wieder einmal. Über seinen „kleinen Dribbelkünstler“ (muss einfach kommen – so lange er noch da ist!) sagt der Coach: „Ich finde auch bei ihm, dass er im Moment wirklich gut trainiert. Er versucht sich in die Situation hineinzuversetzen. Trotzdem ist es ja so: Wir kommen aus dieser Konkurrenzsituation nicht heraus. Wenn alle Spieler gesund sind, dann wird es immer Härten geben. Und da ist es denn so: Weiter im Training anbieten und gucken was passiert. Das gilt auch für Troche. Wobei ich nicht weiß, wohin bei ihm die Reise geht . . .“
Florenz? Sevilla? Bremen? Oder, oder?

Grundsätzlich empfindet Michael Oenning diesen HSV-Kader als zu groß: „Im Moment ist es so. Wenn man mal elf gegen elf spielen will, man hat aber 24 Feldspieler zu Verfügung – das ist doch ein Drama. Wir haben zum Beispiel neun Stürmer? Da sagt man dann dem einen oder anderen Stürmer, er darf nicht mitmachen – das ist doch schlimm.“ Deswegen plädiert der Trainer auch für eine Kader-Verkleinerung: „Das wäre doch im Sinne der Philosophie, dass man dann auch Talente einbaut – von unten nach oben. Das wäre ideal.“ Und sicher auch ein wenig billiger für den Klub – in Sachen Unterhaltung. Und für den Nachwuchs wäre es auch hilfreicher, denn der könnte sich häufiger mal beweisen, zeigen was er kann.

Ein kleinerer Kader könnte sicher auch ein wenig schneller ein richtiges Team werden, als es die jetzige HSV-Mannschaft geschafft hat. Sie ist ja erst jetzt, gegen Ende der Saison dabei, eine Gemeinschaft zu werden. Nachdem es jahrelang nicht geklappt hat. Dass die Stimmung derzeit sehr gut ist, davon konnte auch Gojko Kacar berichten: „Es herrscht jetzt eine lockere Atmosphäre, wir lachen mehr in der Kabine, lachen auch mehr auf dem Platz. Wir sind eben auch Menschen, wir brauchen das – und so ist es ja auch viel besser. Man hat es doch gegen Köln gesehen: Wir haben sechs Tore gemacht, wir hätten aber auch noch sechs Tore mehr machen können. So, wie es jetzt ist, müssen wir weitermachen. Mit einem Lachen auf dem Platz läuft es doch viel besser.“

Dass bei diesem Stimmungswechsel auch Michael Oenning eine gewisse Rolle spielt, das sieht auch Kacar so: „Er ist ein anderer Mensch, natürlich. Bei ihm kann man Spaß haben, man kann lachen, er versucht auch immer mal, bei der Besprechung mit einem kleinen Flachs die Stimmung zu lockern – und das finde ich sehr gut. Es ist doch sonst schwer, im Training immer nur seriös zu sein. Wenn es lockerer zugeht, dann hilft es allen – ich muss doch schon im Spiel in der Innenverteidigung immer ganz seriös bleiben, ich darf mir da keinen Fehler erlauben.“

So ist es. Auch in Hoffenheim wird der HSV wieder ganz auf die seriöse Seite des Gojko Kacar setzen. Hoffentlich mit Erfolg. Wie gegen den 1. FC Köln. Auch wenn es beim 6:2-Sieg sicher einige Szenen gab, die nicht ganz so seriös aussahen – nicht nur bei Kacar.

17.41 Uhr

“Gefahr erkannt, Gefahr gebannt”

28. März 2011

Folgende Meldung lief heute über den „Ticker“: Das Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und Australien am Dienstag in Mönchengladbach (20.45 Uhr, live im ZDF) stößt bei den Fans auf kein großes Interesse. Am Montag waren erst 25 500 der zur Verfügung stehenden 45 800 Tickets verkauft, wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mitteilte.

Das ist ja mal ’ne Nachricht. Auf nach Mönchengladbach. Oder besser doch nicht? Irgendwann wird der HSV sicher auch auf die Idee kommen, Eintrittskarten für das Training im Volkspark zu verkaufen. Und wenn dann die Mannschaft „fünf gegen zwei“ spielt, dann darf auch nicht gepfiffen werden . . . Sonst werden die Eintrittspreise erhöht.

Ich habe heute ganz kurz mit einem Gewinner von Kaiserslautern sprechen dürfen: Heiko Westermann. Der HSV-Kapitän hatte nur die erste Halbzeit des Kasachstan-Kicks gesehen – der Glückliche. Und weil er bei diesem Spiel nicht dabei war, darf er sich nun als Gewinner fühlen. Wäre er dabei gewesen, wäre er sicherlich auch „vernichtet“ worden. Als ich ihm sagte, dass man statt der zweiten Halbzeit in Kaiserslautern auch das Spielchen „fünf gegen zwei“ hätte übertragen können, ist er lächelnd in die Kabine gegangen. Besser nichts sagen . . .

Dennis Aogo wird wohl kaum gegen Australien zum Einsatz kommen. Dortmunds Schmelzer soll links verteidigen. Am Mittwoch sollte Aogo dann wieder in Hamburg sein, um dann auch gemeinsam mit der Mannschaft zu trainieren. Ob es dann auch einen „Einlauf“ jedweder Form gibt für ihn? Vom Klub? Von Frank Rost? Vom Kapitän? Oder von allen? Das entzieht sich meiner Kenntnis, ich könnte mir aber schon vorstellen, dass in einer ganz bestimmten Sache noch das eine oder andere Wort fällig ist.

Aogo hatte doch in der vergangenen Woche im Abendblatt mal aus dem Nähkästchen geplaudert, was ihn am HSV derzeit alles stört. So die Tatsache, dass „wenn man jedes Jahr einen neuen Trainer bekommt, das keine schöne Situation sei“. Oder dass die Aussagen von Frank Rost, die der Keeper nach dem 0:6 gegen die Bayern losließ, nicht besonders glücklich waren. Für Dennis Aogo jedenfalls. Der Abwehrspieler hatte gesagt: „Mit Frank Rosts Aussagen war ich von Anfang an nicht einverstanden, damit hat er niemandem geholfen.“

Ob es aber dem HSV und der Mannschaft und der Stimmung in der Mannschaft hilft, wenn ein Profi die Aussagen des anderen Teamkollegen kommentiert, das sei auch dahingestellt. Besser wäre es wohl, auch mal zu schwiegen. Oder noch besser: Alles das, was das Innenleben einer Mannschaft beeinflussen kann, das sollte auch innerhalb der Mannschaft, und dazu noch in der Kabine, besprochen werden. Dann kann alles so heiß und heftig und emsig diskutiert werden, bis es vom Tisch ist. Das wäre dann optimal. Wenn man sich am Ende dann kollegial, besser noch freundschaftlich, die Hände reichen würde, dann wäre es dem guten Klima auch noch zuträglich. Aber vielleicht bin ich in der Beziehung ja auch nur ein hoffnungsloser Träumer, ein Weichei, einer von gestern.

Trotz allem bleibe ich dabei dass es niemandem etwas nützt, wenn sich gegenseitig angeblafft wird. Wenn das alles vernünftig, ruhig und ohne laut zu werden an- und ausgesprochen wird, dann ist sogar ein solcher Zwist hilfreich. Könnte es jedenfalls sein. Sollte es aber eine lautstarke oder auch handfeste Anmache geben, könnte der Mannschaftsgeist, der sich zuletzt gerade auf dem Wege der Besserung befand, wieder einmal erheblich leiden – oder auch einen deftigen Rückschlag erleiden. Deswegen wünsche ich allen Beteiligten einen ganz coolen Kopf. Und ich wünsche darüber hinaus auch dem Herrn Oenning, dass er mit folgendem Motto durch den Tag geht – Augen und Ohren dazu offen hält: „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“. Sonst wäre eventuell auch seine „Mission Vertragsverlängerung“ ein wenig gefährdet(er).

So, und dann gibt es ja jene Spekulationen, die jetzt wieder wie die Pilze aus dem Boden schießen: Ruud van Nistelrooy nach Spanien? Piotr Trochowski nach Florenz oder Sevilla? Marcell Jansen, so die Bild, zum AC Mailand? Und was ist mit Paolo Guerrero? Mladen Petric? Tomas Rincon? Heung Min Son? Eljero Elia? Robert Tesche?

Keine Angst, die kommen alle noch an die Reihe. Ze Roberto natürlich auch. Der Brasilianer hatte ja vor Wochen angekündigt, sich Ende Mai (2011) entscheiden zu wollen, doch das ist nun auch schon wieder hinfällig geworden. „Ich entscheide mich erst nach der Saison. Ich wollte mich eigentlich früher entscheiden, aber es ist zuviel passiert. Trainerwechsel, der Vorstand weg – deswegen möchte ich jetzt erst einmal die letzten sieben Spiel absolvieren, und dann werden wir in aller Ruhe entscheiden, wie es weiter geht.“ Der 36-jährige Mittelfeldspieler über die neue Situation im HSV: „Es ist gut für den Verein, dass Ruhe eingekehrt ist. Nach dem großen Chaos können wir uns jetzt wieder ganz auf die Bundesliga und unser Spiel konzentrieren.“ Zum Abschluss des kurzen Gesprächs fragte der Mopo-Reporter noch: „Hat der HSV überhaupt noch eine Chance, dass du bleibst?“ Der „große Ze“ hebt die Schulter an – und grinst. Auch eine Antwort. Dann sagt er nach einigen Sekunden doch noch: „Zu diesem Thema möchte ich mich jetzt nicht äußern.“ Okay.

Apropos nicht äußern. Im Moment scheint ohnehin das „große Schweigen“ im Volkspark zu herrschen. Kaum ein Spieler will sich zu seiner Zukunft äußern. Robert Tesche zum Beispiel wiegelte ab: „Danke, sorry.“ Und ging weiter – in die Kabine. Und Piotr Trochowski gab im Vorübergehen die kostenlose Auskunft: „Es gibt nichts zu sagen.“ Und vielsagend: „Es ist noch zu früh.“

Einer, der immerhin ganz kurz Auskunft gab, war David Jarolim. „Ich habe doch noch ein Jahr Vertrag hier, ich habe keine Eile“, sagt der Tscheche und fügt an: „Abwarten. Es ist auch nicht einfach für mich, nach acht Jahren beim HSV, dazu zwei Monate vor Ende der Saison, zu sagen, mal gucken, was kommt. Dazu habe ich doch auch viel zu schöne Zeiten hier in Hamburg erlebt, um zu sagen, dass man nun einen Schnitt machen möchte. Es will alles gut überlegt sein, es ist alles nicht ganz so einfach. Und weil ich diese schönen Zeiten hier hatte, möchte ich auch keinen großen Wirbel machen.“ Dann wird Jarolim auch noch kurz sportlich und ehrgeizig: „In erster Linie geht es jetzt nicht um neuen Verträge und um mich, sondern darum, dass jetzt für alle die letzten sieben Spiele im Fokus stehen. Wir müssen Gas geben, denn noch ist es ja möglich, dass wir den internationalen Startplatz erreichen . . .“

„Jaro“ bleibt eben auch in schwierigen Zeiten ein Gentleman. Und man merkt ihm deutlich an, dass er die Raute tief im Herzen trägt. Er sagt es nicht nur, er lebt es auch. Das zeichnet ihn eben aus. Andere Profis würden an seiner Stelle viel robuster und hemdsärmeliger durch den Tag gehen, würden eher rücksichtslos ihre Meinung vertreten und verkünden. Bei der Gelegenheit: Ich habe mich am Wochenende gefragt, wieso David Jarolim nicht mehr für die Tschechen spielt? Diese Frage habe ich dann auch sofort an ihn weitergegeben – und er sagte mir: „Das ist so abgesprochen. Ich war lange genug dabei, habe die WM mitgemacht, habe schöne Zeiten mit der Nationalmannschaft erlebt – aber ich habe jetzt auch keine Lust mehr, für 20 Minuten eingesetzt zu werden. Das Thema ist erledigt.“

Am Dienstag wird um 10 und 15 Uhr im Volkspark trainiert.

17.51 Uhr

Gedanken am Sonntag

27. März 2011

Poahhh, ist dat langweilich!
Kein HSV-Spiel, nicht mal ein HSV-Training, da fällt einem ja die Bude auf den Kopf. Na gut, ganz so schlimm ist s noch nicht, aber schlimm schon. Dazu kein Ärger, kein Streit und kein Chaos mehr rund um den HSV, was soll man denn davon halten? Zum Glück hatten wir ja ein 45-minütiges Länderspiel in Kaiserslautern, und dazu ja auch noch den Amateurfußball. Ich war heute am Vormittag beim Barmbeker Derby, Paloma gegen BU, das nach ähnlich dramatischem Spielverlauf wie die zweite Halbzeit in der Pfalz mit einem „leistungsgerechten“ 0:0 endete. Das Beste an dem Oberliga-Spiel war die neon-gelbfarbige Kleidung von Schiedsrichter Ralph Vollmers, der auch der beste Mann auf dem Platz war – aber das nur am Rande. Apropos am Rande: Der HSV ist ja am Rande immer ein Thema. Dreimal wurde ich auf die offene Trainerfrage bei den Rothosen angesprochen, dreimal war dabei zu hören: „Die sollen bloß keinen Quatsch machen, die sollen ganz einfach den Michael Oenning behalten – und Ende.“ Ich komme später darauf zurück.

Zuerst noch einmal dieses „Knaller-Spiel“ von Kaiserslautern – mit einem kurzen Umweg über Luxemburg garniert: Der Franzose Franck Ribery musste sich Pfiffe bei seinem Länderspiel-Comeback (2:0-Erfolg im EM-Qualifikationsduell in Luxemburg) gefallen lassen, war aber nicht entsetzt oder gar aufgebracht, sondern reagierte ganz entspannt, sagte nur leise und relativ bescheiden: „Man muss mit den Pfiffen umgehen können.“ Ob er so etwas nur so daher sagt, oder ob er wirklich und tatsächlich damit umgehen kann, das vermag ich nicht zu beurteilen. Fest steht aber, dass die deutschen Nationalspieler mit Pfiffen immer noch nicht umgehen können.

Wer hat sich nach dem 4:0-Sieg über Kasachstan nicht alles über das Publikum in Kaiserslautern aufgeregt? Fast alle, würde ich meinen. Angefangen vom Bundestrainer Joachim Löw ( „Ich habe das als äußerst negativ empfunden.“) bis hin zu DFB-Manager Oliver Bierhoff, der befand: „Sicher haben wir die Ansprüche hoch gesetzt und es ist unser Anspruch, immer attraktiv zu spielen, aber die Verbindung mit den Fans muss sich auch in Zeiten zeigen, in denen es nicht so läuft.“ Reals Sami Khedira war ebenfalls angefressen („Ich finde es nicht fair, wenn so gepfiffen wird und die Spieler so angegriffen werden.“), und auch der ausgewechselte Bastian Schweinsteiger gab sich ein wenig dünnhäutig: „Wir können nicht nur Hacke, Spitze, eins, zwei, drei spielen. Ich verstehe die Zuschauer nicht . . .“ Aber genau das war es doch: Hacke, Spitze, eins, zwei, drei! Und zwischendurch gab es noch den 64. gelupften Ball u bewundern. Vom 128. Fehlpass mal ganz abgesehen. Nur deswegen haben die Zuschauer doch gepfiffen. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Das können die Fans bei jedem Training sehen. Dafür müssen sie nicht nach Kaiserslautern fahren und sich vorher die teuren Eintrittskarten kaufen.

Nein, nein, ich hatte Mitte der zweiten Halbzeit dermaßen die Nase voll von diesem Kick, dass ich mich durch das deutsche Fernsehprogramm gezappt habe. Und als Frau M. kurz und sehr überraschend vor den Fernseher trat, war ich gerade beim „Musikantenstadl“ gelandet. Sie, gesundheitlich schwer angeschlagen, fragte voller Entsetzen: „Was soll das denn nun? Bist du krank?“ Ich nicht Aber um ihrer Gesundheit einen weiteren Rückschlag zu ersparen, schaltete ich sofort wieder nach Kaiserslautern um, sagte aber begleitend und ein wenig drohend und beleidigt: „So weit ist es nun schon gekommen, dass ich lieber den Musikantenstadl sehe, als Fußball.“

War natürlich nur eine faule Ausrede, denn den Musikantenstadl werde ich mir selbst als 99-jähriger Opa nicht ansehen. Aber diese zweite Halbzeit von Lahm, Klose und Co war schon sehr, sehr gewöhnungsbedürftig. Und ich bin mir sicher, dass auch die Herren Nationalspieler eines fernen Tages, wenn sie keine Buffer mehr schnüren müssen, über ein solches Spiel lachen oder auch nur böse hetzen würden, wenn man ihnen einen solchen Grotten-Kick zur besten Zeit im Fernsehen präsentieren würde.

Übrigens: Lediglich Miroslav Klose zeigte Verständnis für die frustrierten Fans: „Die Zuschauer unterstützen uns, wenn wir guten Fußball spielen, aber das haben wir heute einfach nicht getan.“ So ist es. Und wenn man ein solches Spielchen dann auch beim Namen nennt, dann könnten auch die Zuschauer im Nachhinein besser damit umgehen. Natürlich hat Deutschland nach fünf Spiele 15 Punkte geholt – prima. Natürlich hat Deutschland auch eine Super-WM 2010 gespielt – traumhaft war das. Aber was zählt das alles, wenn man gute 45 Minuten gegen Kasachstan gezeigt hat, 3:0 führt – und an den Bundesliga-Endkampf denken muss? Das zählt dann nicht viel. Aber sollen deswegen die Zuschauer zur Pause das Stadion verlassen? Oder sollen die, die vorm Fernseher sitzen, auf den „Musikantenstadl“ umschalten? Man weiß es ja nicht, aber ich würde doch vermuten: eher nicht. Fußball ist ja nicht nur Kalkül, sondern Spaß, Lust, Freude. Und ich hätte mich gefreut, wenn die Kollegen dem Miroslav Klose noch das eine oder andere Ding auf den Schlappen gelegt hätten, damit der endlich einen neuen Torrekord für die Nationalmannschaft aufgestellt hat.

Und um ein letztes Mal auf das Länderspiel zu kommen: Mir tut ja Dennis Aogo ein wenig leid. Er erntete einige (schlechtere) Kritiken, die er nicht verdient hatte. Aber irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass es Hamburger oft ein wenig schwerer haben, als andere Spieler. Das war früher mit Jörg Albertz so, dass war zuletzt auch bei Jerome Boateng und auch bei Piotr Trochowski zu beobachten. Ich habe Aogo nicht schlecht gesehen, er ist – vornehmlich in der ersten Halbzeit – immer wieder mit nach vorne marschiert, er hinterlief Posdolski, er bot sich immer wieder an, wenn es galt, einem Kollegen auf engstem Raum den Ball abzunehmen (weil der Kollege nicht mehr weiter wusste). Oftmals wurde Dennis Aogo auch freistehend übersehen. Wo er sich, das muss ich zugeben, verbessern kann, das sind seine Flanken; einige von ihnen verfehlten doch weit ihr Ziel. Wenn ich Dennis Aogo eine Schulnote hätte geben müssen, dann wäre es eine satte Drei gewesen.

So, zurück zum „richtigen“ Fußball. Zu Paloma gegen BU, zu Oenning und zum – genau, zum HSV. Der jetzige Trainer soll bleiben, so Volkes Stimme. Ich habe nichts gegen Michael Oenning, die Spieler, seine aktuellen Spieler, wohl auch nicht. Dennis Aogo zum Beispiel will beim 6:2-Erfolg über den 1. FC Köln schon die Handschrift des Interimstrainers erkannt haben. Kann ja auch sein. Dennoch glaube ich nicht so recht daran, dass Oenning bleiben wird, den: Frank Arnesen kommt im Sommer zu einem HSV, der eine ganz neue Führung hat. Der Däne hat als Sportchef sicherlich seine eigenen Vorstellungen, wie er den HSV führen und auch umkrempeln will, und genau deswegen kann ich nicht glauben, dass Oenning als Chef-Coach bleiben wird. Ich stelle mir vor, dass Arnesen einen totalen Neuanfang machen möchte, und das würde dann zugleich bedeuten, dass es auch einen neuen Trainer gibt. „Seinen“ Trainer, den er ausgesucht hat, dem er vertraut, dem er auch zutraut, den neuen HSV zu formen.

Das könnte Oenning mit Sicherheit auch, aber als Arnesen vom HSV verpflichtet wurde, da war noch Armin Veh im Amt, und zu jener Zeit hieß es schon immer (hinter vorgehaltener Hand), dass Arnesen sich ganz sicher einen Trainer nach seiner Wahl mit nach Hamburg bringen wird. Nun gut, wir werden es abwarten müssen. Und vielleicht lässt sich ja auch ein Frank Arnesen noch umstimmen, wenn er durch die passenden Ergebnisse eines Besseren belehrt wird. Oder sich belehren lässt.

Vielleicht hätte der künftige HSV-Sportchef damit auch eine Baustelle weniger, denn Arbeit wartet genügend auf den Dänen. Der Umbruch soll im Sommer kommen, der Umbruch wird kommen, wird kommen müssen. Erst recht dann, wenn für den HSV weiterhin kein internationaler Fußball auf dem Programmplan stehen sollte. Wovon im Moment ja noch ausgegangen werden muss.

Ohne Europa League werden weitere Köpfe rollen. Ich habe mir an diesem Sonntag einmal die HSV-Mannschaft vorgenommen, wer am Ende dieser Saison noch bleibt, wer gehen könnte, wer gehen muss und müsste. Und ich wage einmal zu jedem Spieler einen Tipp.

Frank Rost: Vertrag bis Sommer 2011. Im Winter hätte ich gesagt, dass er auf jeden Fall gehen wird, jetzt schätze ich diese Chance auf
40:60 gegen den HSV.

Jaroslav Drobny: Vertrag bis Sommer 2013. Keine Frage, der Tscheche wird bleiben – so er dann nicht die Nase voll haben sollte, falls Rost doch ein weiteres Jahr dranhängen wird.
100 Prozent HSV.

Tom Mickel: Vertrag bis Sommer 2012. Er dürfte bleiben, wenn er die neue Nummer zwei wird. Ansonsten hielte ich ein Leihgeschäft für ratsam, damit er mehr Spielpraxis (als in der Regionalliga) sammelt.
50:50.

Guy Demel: Vertrag bis 2012. Sollte der HSV mit „Giiiiiiiie“ noch Geld verdienen wollen, so müsste er nach Saisonende gehen. Er selbst hat einmal gesagt, dass er sich dem Wunsche des Klubs nicht widersetzen würde. Deswegen denke ich:
20:80 Prozent gegen den HSV.

Dennis Diekmeier: Vertrag bis Sommer 2014. Da er gerade einmal erst ein Spiel für den HSV bestritten hat, wird er auf jeden Fall ein weiteres Jahr bleiben:
100 Prozent HSV.

Dennis Aogo: Vertrag bis Sommer 2015. Der Nationalspieler wird in jedem Fall bleiben, weil er ehrgeizig genug ist, mit dem HSV eine neue Mannschaft aufzubauen:
100 Prozent HSV.

Heiko Westermann: Vertrag bis Sommer 2015. Der Kapitän bleibt auch, keine Frage, ob nun als „dynamischer Sechser“ oder als Innenverteidiger:
100 Prozent HSV.

Joris Mathijsen: Vertrag bis Sommer 2012. In seinem Falle möchte ich nichts ausschließen, zumal es zuletzt das Gerücht gab, dass ihn Rafael van der Vaart nach England locken möchte. Falls sich der demnächst 31-jährige Mathijsen noch einmal verändern will, so würde es in diesem Sommer Sinn machen. Und zwar auch für den HSV, weil es in diesem Jahr noch Ablöse geben würde. Deswegen tippe ich auf:
50:50.

Miroslav Stepanek: Vertrag bis Sommer 2012. Der leider schon seit Jahren verletzte Abwehrspieler wird ohnehin schon lange von der Berufsgenossenschaft bezahlt, er dürfte (vorerst) bleiben. Es sei denn, er wechselt frustriert zu einem Amateurklub, weil er selbst nicht mehr an die große Profi-Karriere glaubt (wegen andauernder Verletzungen). Ansonsten:
100 Prozent HSV.

Muhamed Besic: Vertrag bis Sommer 2013. Der A-Nationalspieler von Bosnien-Herzegowina steht erst am Anfang seiner Laufbahn (in Hamburg), er wird bleiben, denn noch hat er sich nicht so interessant für andere Klubs gemacht, als würden die ihn dann vom HSV wegkaufen wollen:
100 Prozent HSV.

Lennard Sowah: Vertrag bis Sommer 2013. Er hat keine Chance, beim HSV in der Bundesliga zu spielen, aber welcher Profi-Verein bietet ihm einen (noch) besseren Vertrag – als der HSV? Ich sehe in Deutschland keinen. Aber auch bei ihm könnte es natürlich heißen Ab in die Dritte Liga. Oder auch Vierte Liga. Nach seinen Erfahrung mit dem Profi-Fußball in Deutschland halte ich das nicht für unmöglich – er muss eigentlich total frustriert sein:
10:90 gegen den HSV.

Collin Benjamin: Vertrag bis Sommer 2011 – und „Collo“ ist dann mal weg! Und zwar:
100 Prozent gegen den HSV.

Tomas Rincon: Vertrag bis Sommer 2014. Könnte möglich sein, dass der HSV ihn auf dem Markt anbietet, deswegen denke ich:
50:50.

Gojko Kacar: Vertrag bis Sommer 2015. Keine Probleme, der Serbe bleibt:
100 Prozent HSV.

Ze Roberto: Vertrag bis Sommer 2011. Der 36-jährige Brasilianer will sich in ungefähr einem Monat entscheiden, ob er ein weiteres Jahr in Hamburg bleibt – ich denke, er wird den Abflug wagen:
30:70 gegen den HSV.

Robert Tesche: Vertrag bis Sommer 2012. Der ehemalige Bielefelder wollte im Winter schon zu Hannover 96 wechseln (Armin Veh überredete ihn dann zum Bleiben) – in diesem Sommer wird es klappen, vielleicht auch zu einem anderen Klub:
10:90 gegen den HSV.

David Jarolim: Vertrag bis Sommer 2012. Der Tscheche wird, so denke ich, den Weg aus Hamburg suchen – leider. Leider deswegen, weil er einer jener Spieler (für mich) ist, der stets 100 Prozent gibt, er sich auch zu 100 Prozent mit der Raute identifiziert. Weil das so ist, wird „Jaro“ auch niemals, wie es zuletzt hieß, zu Werder Bremen gehen. Überall hin, nur zu den Bremern nicht. Aber weg ist (noch einmal leider) weg, obwohl ich noch eine hauchdünne Chance zum Bleiben sehe:
10:90 gegen den HSV.

Marcell Jansen: Vertrag bis Sommer 2013. Kein wenn, kein aber, der Nationalspieler bleibt. Selbst wenn er noch so viel davon sprechen sollte, dass ihm der HSV kleinere Steine in den Weg (zu Jogi Löw) gelegt haben soll . . .
100 Prozent HSV.

Piotr Trochowski: Vertrag bis Sommer 2011. An „Troche“ scheiden sich (hier) seit Jahr und Tag die Geister. Ich würde ihn behalten wollen, andere würden einen Feiertag einlegen, wenn feststehen sollte, dass er den HSV verlässt. Jedem das Seine. Trotz allem lege ich mich fest, dass er gehen wird, denn ablösefrei ist für ein Fußball-Profi von heute wie ein Sechser im Lotto (für mich zum Beispiel):
100 Prozent gegen den HSV.

Eljero Elia: Vertrag bis Sommer 2014. Der Niederländer hat schon oft genug von einem Vereinswechsel gesprochen, sprechen lassen. In diesem Sommer, so denke ich, wird es klappen. Auch schon deswegen, weil der kleine Dribbelkünstler (hey, noch ein kleiner Dribbelkünstler!) einer der wenigen HSV-Profis ist, die noch als „Tafelsilber“ zu verkaufen sind:
20:80 gegen den HSV.

Änis Ben-Hatira: Vertrag bis Sommer 2012. Da sich der HSV schon um eine Vertragsverlängerung bemüht, da sich Änis noch nicht hundertprozentig in Liga eins „durchgebissen“ hat (was er unbedingt schaffen will!), wird er bleiben:
100 Prozent HSV.

Romeo Castelen: Vertrag bis Sommer 2011. Der „Pechvogel“ kassiert sein Gehalt auch schon lange von der Berufsgenossenschaft, er wird bleiben. Und beide Seiten werden hoffen, dass es doch noch einmal, was einem kleinen Wunder gleich käme, klappt. Die Hoffnung stirbt zuletzt:
100 Prozent HSV.

Jonathan Pitroipa: Vertrag bis Sommer 2012. Zuletzt ist es deutlich stiller um ihn geworden, deswegen könnte ich mir auch vorstellen, dass „Piet“ das Weite sucht. Vielleicht der 1. FC Köln? Warum in die Ferne schweifen, wenn der gute Freund (Volker Finke) so nah?
50:50.

Tunay Torun: Vertrag bis Sommer 2011. Der Türke ist gerade A-Nationalspieler geworden, ich erkenne nicht gerade, dass der HSV ihn auf jeden Fall und unter allen Umständen behalten will:
30:70 gegen den HSV.

Erik-Maxim Choupo-Moting: Vertrag bis Sommer 2011. Wollte im Winter schon nach Köln, aber das väterliche Fax-Gerät wusste es zu verhindern. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben:
100 Prozent gegen den HSV.

Paolo Guerrero: Vertrag bis Sommer 2014. Sollte es nicht ein überraschendes Angebot aus Übersee geben (aber wer hat da schon so viel Geld?), so wird der Peruaner Hamburger bleiben:
100 Prozent HSV.

Mladen Petric: Vertrag bis Sommer 2012. Der Kroate wird bleiben, auch schon deshalb, weil er ein Jahr später ablösefrei wechseln könnte:
90:10 für den HSV.

Heung Min Son: Vertrag bis Sommer 2014. Bleibt:
100 Prozent HSV.

Ruud van Nistelrooy: Vertrag bis Sommer 2011. Ich lege mich da fest, leider wird „van the man“ Hamburg wieder verlassen. Leider, leider:
100 Prozent gegen den HSV.

So, das sind sie, die HSV-Spieler. Jedenfalls die, die hier sind. Aber es gibt ja auch noch die ausgeliehenen Hamburger, und das sind nicht wenige. Auch sie bedeuten viel, viel Arbeit für Frank Arnesen und für Bastian Reinhardt.

„Unterwegs“ sind bis zum Sommer 2011:

Alex Silva (Sao Paulo), Tolgay Arslan (Alemannia Aachen), David Rozehnal (OSC Lille), Wolfgang Hesl (SV Ried/Österreich), Gerrit Pressel (Willem II Tilburg/Niederlande), Marcus Berg (PSV Eindhoven), Kai-Fabian Schulz (FSV Frankfurt II), Macauley Chrisantus (KSC) und Sören Bertram (FC Augsburg). Zudem ist Maximilian Beister noch bis 2012 an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen. Zehn Spieler, welch eine stattliche Zahl. Und jeder von ihnen bedeutet Arbeit, Arbeit, Arbeit. Packt es an.

18.45 Uhr

Sorgen Sie sich um den HSV, Herr Rieckhoff?

26. März 2011

Er ist ein Urgestein des HSV, hat schon verschiedene, stets ehrenamtliche Posten im Klub bekleidet, war in der Ära von Ernst Naumann der Schatzmeister des Vereins, doch nun steht er wohl vor seiner größten Herausforderung mit dem, nein, mit seinem HSV. Ernst-Otto Rieckhoff (59) ist seit der Mitgliederversammlung am 18. Januar quasi jeden Tag damit beschäftigt, den „neuen HSV“ auf die Beine zu stellen. Der Boss des Aufsichtsrates „bastelt“ unheimlich emsig und akribisch daran, dass wieder Ruhe, eine gewisse Entspanntheit und vor allem der Erfolg zur Raute zurück- und einkehrt. „Matz ab“ sprach mit Rieckhoff über den Klub.

Ma: Herr Rieckhoff, haben Sie eigentlich den Schock schon verdaut?

ERNST-OTTO RIECKHOFF: Welchen Schock, habe ich da etwas verpasst?

Ma: Nein, nein, gemeint ist nur jener Schock, den Sie erlitten, als Sie kürzlich beim Matz-ab-Treffen in der Raute bei Ihrem Erscheinen mit donnerndem Applaus begrüßt worden sind – das war zu jener Zeit ja wohl total ungewöhnlich.

RIECKHOFF: Das war doch kein Schock, das war ein äußerst angenehmes Gefühl, denn in den zwei Wochen zuvor habe ich oft genug das Gegenteil kennen gelernt.

Ma: Wie waren die zwei Wochen zuvor?

RIECKHOFF: Die waren geprägt durch eine permanente Druck-Situation. Es ging doch in erster Linie um die Handlungsfähigkeit des HSV. Die musste wieder hergestellt werden.

Ma: Haben Sie eigentlich schon einmal bereut, die Nummer eins des Aufsichtsrates übernommen zu haben?

RIECKHOFF: Ganz klar nein. Wenn ich etwas im Sinne des HSV mache, dann führe ich das auch zu Ende.

Ma: Derzeit ist in den HSV wieder Ruhe eingekehrt. Haben auch Sie das schon registrieren können, werden Sie eventuell auch darauf mal angesprochen?

RIECKHOFF: Ja, sehr oft sogar. Doch ich beobachte das auch, diese Ruhe ist nun wieder da, das ist auch meine Wahrnehmung. Wenn ich zum Beispiel auf der Geschäftsstelle bin, dann höre ich das auch von vielen Mitarbeitern. Es ist jetzt, nach so kurzer Zeit, schon eine Normalisierung eingetreten. Wir reden jetzt alle wieder über den Fußball, es wird kaum noch über Vereinspolitik gesprochen, und es wird ja auch in den Medien inzwischen weniger darüber geschrieben.

Ma: Was hat Ihrer Meinung nach denn zu dieser neuen Ruhe im Verein
geführt?

RIECKHOFF: Ich glaube, dass wir in der letzten Zeit eine ganz klare Polarisierung im HSV hatten, das war unser Problem. Das hing mit der Person Bernd Hoffmann zusammen, aber diese Polarisierung ist nun verschwunden.

Ma: Mussten Sie deshalb schon den einen oder anderen Glückwunsch annehmen, weil der Klub nun begonnen hat, wieder ganz normal zu ticken?

RIECKHOFF: Nein, keine Glückwünsche, aber man sagt mir hin und wieder doch schon, dass wir diese Ruhe im Verein auch dringend benötigt haben – und, ich wiederhole mich, dass wir uns jetzt endlich mal wieder über Fußball Gedanken machen. Das ist, so glaube ich, auch bei der Mannschaft gut angekommen.

Ma: Zur Ruhe und Entspanntheit hat doch vielleicht auch der 6:2-Erfolg über den 1. FC Köln beigetragen, dieser Sieg kam wohl zur rechten Zeit, oder?

RIECKHOFF: Ja, ganz sicher, das war in diesem ganzen Konzert ein wichtiger Beitrag, keine Frage. Aber dieser Sieg war nur ein Teil dessen, was wir uns noch bis zum Ende der Saison von der Mannschaft erhoffen.

Ma: Sie haben mit dem Team gesprochen, der neue Vorstand hat mit den Spielern gesprochen – wie kam das an bei den Profis?

RIECKHOFF: So genau kann ich das nicht beurteilen, aber im Nachhinein gab es so manchen Kommentar aus der Mannschaft zu hören, und dabei stand im Mittelpunkt, dass man nun ganz glücklich sei, wieder Ansprechpartner zu haben.

Ma: Sie haben in den letzten Wochen schon oft mit dem neuen Sportchef Frank Arnesen zu tun gehabt, was für ein Mensch ist der Däne?

RIECKHOFF: Er zeichnet sich durch eine sehr, sehr hohe sportliche Kompetenz aus, er hat menschliche Wärme und er ist eigentlich immer fröhlich. Das strahlt er praktisch immer aus, und das wird ihm und uns sicher helfen, wenn er Gespräche mit potenziellen neuen Spielern führt, oder wenn er auch mit HSV-Spielern spricht, bei denen es um eine Vertragsverlängerung geht. Eines muss ich auch deutlich sagen: Der Sportchef ist die zentrale Position im HSV, und ich bin restlos davon überzeugt, dass wir mit Frank Arnesen die optimale Lösung für unseren Verein gefunden haben.

Ma: Arnesen bestimmt das Sportliche, wie wird er wohl in Sachen Trainer entscheiden? Hat Michael Oenning eine Chance, zu bleiben?

RIECKHOFF: Das wird die Klub-Führung entscheiden, nicht der Aufsichtsrat.

Ma: Frank Arnesen kommt erst im Sommer, er ist ja noch für den FC Chelsea tätig, wie aber kann er, was wohl dringend erforderlich ist, schon jetzt für den HSV arbeiten?

RIECKHOFF: Er arbeitet zwar noch nicht für den HSV, aber man tauscht sich aus, und zwar in einem ganz normalen Rahmen, so dass seine Tätigkeit für Chelsea dadurch nicht beeinträchtigt wird. Es stört ihn ganz sicher nicht, es beeinflusst ihn auch nicht negativ, wenn er hin und wieder an den HSV denkt – und er kann dabei schon eine ganze Menge tun, indem er aktuell mit unserer sportlichen Führung in Hamburg spricht und entsprechende Entscheidungen für diesen Sommer schon auf den Weg bringt.

Ma: Im Aufsichtsrat fehlt, so hieß es in den letzten Jahren immer wieder, sportliche Kompetenz. Werden in Zukunft solche HSV-Ikonen wie Uwe Seeler, Willi Schulz, Manfred Kaltz oder auch Ditmar Jakobs mehr eingebunden und um Rat gefragt?

RIECKHOFF: Dass die sportliche Kompetenz im Aufsichtsrat nicht so vorhanden ist, das ist nicht neu, so ist es ja seit Jahren. Das haben die Wahlen eben ergeben. Gespräche sind uns aber immer willkommen, und was mich persönlich angeht, so kann ich sagen, dass ich schon seit geraumer Zeit mit der einen oder anderen HSV-Größe im Gespräch stehe, ohne dass ich da Namen nennen werde.

Ma: Mal Butter bei die Fische, Herr Rieckhoff, sind die Kassen des HSV tatsächlich leer?

RIECKHOFF: Die finanzielle Situation wird der Lage entsprechend angepasst. Das heißt, wir werden im Sommer sehen, ob wir dann international spielen – oder nicht.

Ma: Wenn kein Geld vorhanden ist, oder niur wenig, wie kommt Frank Arnesen denn damit kalr?

RIECKHOFF: Frank Arnesen hat zehn Jahre überaus erfolgreich beim PSV Eindhoven gearbeitet, und er hat sich dadurch ausgezeichnet, dass dort viele Talente entdeckt wurden und die dann zu Stars ausgebildet worden sind. Wenn er diese Arbeit so erfolgreich auch in Hamburg fortsetzen kann, dann ist uns schon sehr geholfen.

Ma: Bestehen denn überhaupt noch Chancen, dass Spieler und Spitzenverdiener wie Frank Rost, Ze Roberto oder auch Ruud van Nistelrooy doch in Hamburg gehalten werden können?

RIECKHOFF: Das ist auch eine Sache der sportlichen Leitung.

Ma: HSV-Ochsenzoll ist ja auch eine Herzensangelegenheit von Ihnen. Tut es Ihnen nicht auch schon lange, lange weh, dass nur recht wenige Talente bislang den Weg von Norderstedt in die Bundesliga geschafft haben?

RIECKHOFF: Ja, natürlich. Dass wir eigene Spieler ganz nach oben bringen, das war immer mein Wunsch, und ich bin damit sicherlich nicht allein. Ich weiß aber auch, dass wir in Ochsenzoll schon vor einem Jahr Maßnahmen ergriffen haben, und die Entwicklung dort ist ja auch schon weit vorangetrieben ist. In naher Zukunft erwarte ich deshalb schon wesentlich mehr positive Ergebnisse.

Ma: Was passiert eigentlich mit dem Team um Paul Meier, der von Urs Siegenthaler und auch von Bernd Hoffmann für den HSV-Nachwuchs installiert wurde?

RIECKHOFF: Das wird alles im Team der sportlichen Leitung entschieden, da kenne ich keine Details, das wird eine Entscheidung des gesamten Vorstandes.

Ma: Mal kurz zu Ihrem Alltag. Sie sind Pensionär, aber hatten zuletzt sicher reichlich Arbeit, das ging doch oft über 24 Stunden am Tag, oder?

RIECKHOFF: Ich hatte seit dem 18. Januar sicherlich einen Full-time-Job, das war schon heftig. Nun aber ist Erleichterung in Sicht, es ist zuletzt etwas ruhiger geworden. Ich habe weniger Termine, zudem sind die Telefonate reduziert – aber dennoch bin ich immer noch voll am Ball. Das wird wohl auch erst einmal so bleiben.

Ma: Ihr Vorgänger im HSV-Aufsichtsrat war Horst Becker, Sie sind seit vielen Jahrzehnten die dicksten Freunde – hat sich etwas an diesem guten Verhältnis geändert?

RIECKHOFF: Nein, gewiss nicht, rein gar nichts. Wir haben uns früher ausgetauscht, und wir tauschen uns heute noch aus. Und im privaten Bereich hat sich überhaupt nichts zwischen uns geändert, eine Männerfreundschaft, die so viele Jahrzehnte hält, die lässt sich auch nicht so leicht auseinander dividieren. Trotz der Tatsache, dass wir gelegentlich mal unterschiedlicher Meinung sind, sind wir weiterhin beste Freunde.

Ma: Immer wieder gibt es ja das Gerücht, dass sich drei oder vier Aufsichtsratsmitglieder noch mit Rückzugsgedanken tragen. Geben einige der zwölf Herren doch noch auf, oder was steckt dahinter?

RIECKHOFF: Davon habe ich noch nichts gehört, davon weiß ich nichts, mit mir hat keiner darüber gesprochen. Das ist ein Gerücht, das ich gewiss nicht weiter verfolgen werde.

Ma: Herr Rieckhoff, beim Matz-ab-Treffen nahmen Sie die Bitte um Briefwahl zur Kenntnis, wie stehen Sie heute dazu, was ist in diesem Punkt passiert, was muss passieren?

RIECKHOFF: Den Wunsch, dass sämtliche Mitglieder mehr in die Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden wollen, den habe ich mit Freude zur Kenntnis genommen – und ich unterstütze ihn auch. Ich bin derjenige, der den gesamten Verein im Auge hat, und nicht nur Auszüge. Und deswegen begrüße ich es, dass sich jetzt immer mehr HSV-Mitglieder auch aktiv an all diesen Dingen beteiligen, die den Verein beschäftigen.

Ma: Noch einmal nachgefragt, was ist in dieser Sache passiert, was muss passieren?

RIECKHOFF: Die Dinge sind ja bereits eingeleitet. Es gibt eine Satzungskommission, in der bereits das Thema Briefwahl auf der Tagesordnung steht. Aber: Eine Entscheidung wird es immer nur in einer Mitgliederversammlung geben, die Satzungskommission kann nur Vorschläge machen.

Ma: Abschließend gefragt, Herr Rieckhoff, machen Sie sich eigentlich Sorgen um den HSV, oder könnten Sie verstehen, dass sich Fans und Mitglieder Sorgen um den Klub machen?

RIECKHOFF: Ich würde mir wünschen, dass wirklich alle Mitglieder und Fans den nun handelnden Personen, und ich meine allen handelnden Personen, ihr Vertrauen schenken. Wenn das der Fall ist, und ich bitte wirklich alle darum, dann mache ich mir ganz sicher keine Sorgen um den HSV. Bei jedem müssten nun die persönlichen Interessen in den Hintergrund treten, alle müssten nun in erster Linie nur an den HSV und das Klub-Wohlbefinden denken. Wenn wir alle gemeinsam, mit absoluter Geschlossenheit alle anstehenden Aufgaben anpacken, dann ist mir um unseren Klub ganz gewiss nicht bange.

20.13 Uhr

“Es gibt voll Lack”

25. März 2011

So ruhig war es ja seit Monaten nicht mehr . . . Kein Gemecker, kein Gezanke, keine schlechte Stimmung im Volkspark. So kann, so darf, so muss es weitergehen. Herrlich, diese Ruhe, einfach nur herrlich. Die Trainings-Kiebitze können sich nun wieder – ganz ungewohnt – ausschließlich auf den Fußball konzentrieren, ist gibt nichts mehr zu „dibbern“. Die Lage wirkt total entspannt, so als hätte der Fußball-Gott jede Menge Weichspüler über den Volkspark gekippt. Jetzt müssten sich nur noch die sportlichen Erfolge wieder einstellen, und schon ist der HSV wieder ein ganz normaler Bundesliga-Verein. Im Training wird dafür richtig gut und hart gearbeitet. In dieser Woche mussten die Profis ordentlich laufen. So wie seit Jahr und Tag nicht mehr, hatte es den Anschein. Berg rauf, Berg runter, quer über den Platz, lang über den Platz, Steigerungsläufe und kurze Sprints, alles war dabei. Für Fußballer nicht gerade das ideale Training, aber im Moment, so scheint es, mögen es alle. Weil es irgendwie ja auch dazu gehört, dass es mal ans Eingemachte geht. Wie gesagt, lange nicht mehr erlebt, seit vielen Jahren schon nicht mehr, aber für mich auch deutlich ein Zeichen dafür, dass im Volkspark noch einmal jeder beißen will. Es darf geschwitzt werden.

Schade eigenlich, dass diese Programm nicht alle mitmachen (müssen, dürfen), denn es sind zurzeit ja nur Frank Rost, Heiko Westermann, Marcell Jansen, Ze Roberto, Robert Tesche, David Jarolim, Gojko Kacar, Dennis Diekmeier, Piotr Trochowski, Änis Ben-Hatira und Heung Min Son anwesend. Zur Regionalliga-Mannschaft waren heute Tom Mickel und Lennard Sowah „abkommandiert“ (2:0-Sieg gegen Oberneuland). Der „Rest“ weilt bekanntlich bei den Nationalmannschaften. Aber auch sie werden, wenn sie erst wieder in Hamburg weilen, die neue „harte Welle“ des HSV noch kennen lernen, da bin ich mir sicher.

„Wir haben schon immer gut trainiert, in den drei Jahren, in denen ich jetzt beim HSV bin. Aber es stimmt schon, was jetzt abläuft, das ist schon ganz speziell. Ich muss sagen, dass der Günter Kern das im Zusammenspiel mit Manfred Düring sehr gut macht. Wir hatten zwar vorher drei Tage frei, aber wir wussten schon, was danach auf uns zukommen würde. Und das haben wir auch heute wieder gespürt“, sagt Marcell Jansen, der anfügt: „Aber, das sage ich auch ganz klar, es ist völlig in Ordnung, es macht Spaß, es ist alles mit System – es ist gut. Es ist nicht immer schön, natürlich, aber es passt, die Stimmung ist trotz der härteren Anforderungen gut.“ Jansen nennt es ganz speziell: „Es gibt voll Lack.“ Und lobt noch einmal die Amateure von Eintracht Norderstedt, wo der HSV ja bekanntlich ein Benefizspiel ausgetragen und 4:0 gewonnen hat: „Die waren gut, die waren sogar sehr gut, die haben ordentlich dagegen gehalten, da mussten wir auch alles geben, um da zu gewinnen – da mussten wir schon ordentlich anziehen.“

Dabei fing alles erst ganz harmlos an. Ballschule, danach Pässe über das gesamte Spielfeld (quer). Es spielten zwei gegen zwei, die Bälle mussten in ein Quadrat von acht mal acht Metern gespielt werden, gelang das nicht, gab es den Punktgewinn für den Gegner. Die Teams wurden durchgewechselt, ein Gewinner-Team wurde von den Kiebitzen die „Bremer Fraktion“ genannt: David Jarolim und Piotr Trochowski. Warum wohl die „Bremer Fraktion“ . . ? Und erst nach diesen Spielchen ging es ans Laufen. Und ans Schnaufen. Kommentar Marcell Jansen: „Wir haben richtig gezogen, der Puls war kurz vorm Explodieren.“ Und: „Es ist ja nicht so, dass der Günter Kern uns sagt, dass wir einfach nur mal laufen sollen, nein, da wird schon komplexer gedacht, da wird schon moderner gedacht. Günter Kern und Manfred Düring, die machen sich richtig Gedanken, da steckt etwas hinter.“

Auch so darf es ja ruhig bleiben.

Und so ruhig natürlich auch. Die letzte Unruhe gab es in dieser Woche, als sich Marcell Jansen über seine Nicht-Nominierung der Nationalmannschaft aufregte – und dem HSV dabei eine gewisse Mitschuld einräumte. Deshalb gab es danach eine Unterredung mit Trainer Michael Oenning, und Jansen musste auch in die Chef-Etage, zu Noch-Sportchef Bastian Reinhardt. „Wir haben uns ausgesprochen, es gibt überhaupt kein Problem mehr, es geht wieder neu los, ich werde Vollgas geben, werde mich professionell erhalten – im Moment zählt nur der Verein. Unruhen gab es genug. Jetzt müssen wir gucken, dass wir alle an einem Strang ziehen. Ich wollte nicht draufhauen, es war ja auch nicht auf den jetzigen Trainer bezogen – also nicht auf Michael Oenning“, sagt Marcell Jansen. Also ging sein Seitenhieb in Richtung Armin Veh? Jansen: „Auch mit Veh habe ich mich gut verstanden. Wenn ich jetzt etwas gegen ihn sage, dann heißt es sofort wieder, dass ich gegen unseren ehemaligen Trainer nachtrete, aber das ist es ja nicht. Es ist ja einfach nur Fakt. Ob das berechtigt ist oder nicht, dass ist Ansichtssache, das soll jeder so für sich interpretieren, wie er das möchte. Es ist ja aber auch nicht so, dass ich – meiner Meinung nach – grottenschlecht gespielt habe . . .“

Der Nationalspieler gibt sich aber auch einsichtig: „Es geht nicht um mich, es handelt sich ja um Mannschaftssport, es geht um ein ganzes Gebilde, und da kommt man hier und da mal zu gut weg, und hier und da auch mal schlechter weg. Das ist eben so.“ Michael Oenning hatte zuletzt mehr Selbstkritik von Marcell Jansen gefordert. Der Mittelfeldspieler dazu: „Ich war bei zwei Weltmeisterschaften und bei einer Europameisterschaft, ich habe einige Länderspiele gemacht – wenn ich da nicht selbstkritisch gewesen wäre, dann hätte ich das nie geschafft, dann wäre ich in der Kreisliga A. Wenn man nämlich nicht selbstkritisch ist, dann kommt man nicht nach oben.“

Letztere Ausführungen könnten ruhig mit in die Satzungen des HSV mit aufgenommen werden. Wird das beherzigt, läuft es sicher immer rund und runder – und zwar auf allen Ebenen.

Zum Trainingsplan: Am Sonnabend und Sonntag herrscht Ruhe im Volkspark, die Spieler haben ein freies Wochenende, es geht erst am Montag um 15 Uhr weiter.

18.37 Uhr

Arnesen spricht – und er verbreitet Hoffnung

24. März 2011

Eigentlich war das heute Rosamunde Pilcher. Zumindest nenne ich so Tage, die in scheinbar perfekter, fast schon kitschig schöner Harmonie ablaufen. Soll heißen: schönes Wetter, nette Leute, und überall ein friedvolles Miteinander. Wie heute beim HSV. Da kam Frank Arnesen um 10.41 Uhr im Auto von Teammanager Marinus Bester vorgefahren. Er stieg aus, betrachtete die durch Sonnenstrahlen reflektierenden Fenster der Geschäftsstelle und blieb beim Blick gen Vorstandsbüros hängen. Bei eben jenen Räumen, die auch er in hoffentlich nicht allzu langer Zeit nutzen wird. „Der HSV ist von außen fantastisch. Jetzt lerne ich ihn von inne kennen.“ Sprach der Däne und verschwand zur Stadiontour, die ihn über das Stadioninnere durch die Raute und das Museum bis in den Presseraum brachte.

Dabei verkörpert Arnesen das dänische Klischee: er ist einfach nett, er lächelt viel und er antwortet sehr nett. Letzteres übrigens auch auf den HSV bezogen. Also auch inhaltlich, meine ich. Immer wieder wurde er heute auf die Personalie Michael Oenning angesprochen. Und obwohl er selbst jede Antwort verweigerte und behauptete, mit Oenning in dem rund drei Stunden langen Gespräch gestern nach dem Benefizspiel nicht über die Zukunft des Münsterländers als Chefcoach gesprochen zu haben, wirkte er fokussiert. Innerhalb der nächsten fünf Wochen, spätestens Ende April will der designierte Sportchef eine Entscheidung gefällt haben. Arnesen: „Ich hatte ein sehr langes, sehr interessantes Gespräch mit Michael. Wir haben über Fußball, seine Spielweise, seine Ansichten über Nachwuchsarbeit, über Taktik und seine Spielphilosophie gesprochen. Lange. Und es war ein sehr gutes Gespräch. In den nächsten fünf Wochen werden wir die Personalie Cheftrainer klären müssen. Schon allein, um Neuzugänge abzustimmen. Aber Michael und ich haben nicht über ihn und seine Situation gesprochen. Bislang ist noch nichts entschieden und nicht der Moment, darüber zu sprechen.“

Arnesen vermied es heute, Entlassungen und Änderungen beim bisherigen HSV-Personal zu verkünden. Stattdessen machte er allen ihm am Sommer unterstellten Mitarbeitern Mut. Er verpackte jede Antwort in eine Art Liebeserklärung an die Stadt („Hamburg ist eine sehr, sehr schöne Stadt. Ich war am Dienstag und Mittwoch zwei Tage zusammen mit Teammanager Marinus Bester unterwegs und habe eine tolle neue Unterkunft in Eppendorf gefunden. Meine Frau und ich werden uns hier sehr schnell wohlfühlen. Ganz sicher“) und natürlich seinen Bald-Arbeitgeber: „Hier steckt riesiges Potenzial. Der HSV ist reich an Tradition, war in en Siebzigern neben Ajax, Bayern und Juve die beste Mannschaft Europas. Ich kann und will hier nicht alles umbrechen. Gute Leute werde ich versuchen zu halten. Unser Kerngeschäft bei der Kaderplanung muss Deutschland sein, deshalb werden wir primär hier nach Spielern suchen“, so Arnesen.

Die vielleicht am häufigsten gestellte Frage, wann er beim HSV anfängt, lächelt der Däne einfach weg. Und er erklärt die Hintergründe: „Ich habe Roman Abramowitsch schon im Oktober mitgeteilt, dass für mich Schluss sein würde nach der Saison. Das war heikel – immerhin hätte er mich von allen perspektivischen Entscheidungen abziehen können. Aber stattdessen bat er mich, zu bleiben. Das war schon überraschend für mich. Und als ich ihm mitteilte, ich würde zum HSV gehen, sagte er nur: ‚Fantastisch’. Er sagte, er würde die Stadt kennen und hat mir gratuliert. Aber er hat mir auch gleich gesagt, dass er mich auf keinen Fall gehen lassen will. Und obwohl ich nicht die neuen Spieler verpflichte, so kümmere ich mich um die Verträge der aktuell im Kader befindlichen Spieler. Ich werde gebraucht – und es ist für mich eine Frage der Ehre, meinen Vertrag zu erfüllen. Auch wenn natürlich klar ist, dass mit meinen Gedanken auch immer beim HSV bin.“ Ebenso telefonisch: „Die Verbindung zum Vorstand, dem Trainer und Basti Reinhardt reißt nie ab…“

Und ganz am Ende unseres langen Gesprächs, das geprägt war von unfassbar langen und inhaltreichen Antworten, kam dann eine Antwort, die mich hellhörig machte. Gefragt hatte mein geschätzter Kollege Matthias Linnenbrügger von der „Welt“, ob der HSV die guten Kontakte zu Abramowitsch nutzen und vielleicht eine Kooperation anstreben würde. Arnesens Antwort ließ dabei viel Raum für Spekulationen und Träumereien: „Ich habe da ein paar Ideen und hoffe, dass wir was gemeinsam machen können. Ob ich Spieler mitbringe ist noch offen. Zumal die Trainerfrage nicht entschieden ist.“ Bevor das nicht geschehen ist, bräuchten wir uns also noch keine Gedanken über beim FC Chelsea weniger benötigte Spieler machen, die – so sagen es Spötter – immer noch genug Klasse haben, um beim HSV als Führungsspieler zu agieren.

Ich tue es trotzdem. Denn ganz ehrlich, so sehr ich mich gegen den Gedanken, ein Farmteam der Engländer zu werden, wehre, der erste Gedanke ist dennoch positiv. Denn gerade jetzt, wo der HSV den internationalen Wettbewerb zu verpassen droht und finanziell zwar dem Vernehmen nach solide aufgestellt ist, aber sicher keine Riesensprünge machen kann, wären Leihgeschäfte übergangsweise eine gute Lösung. Das betonte auch Arnesen, der zudem Verkäufe von Geld bringenden Spielern nicht ausschließen will: „Uns muss immer klar sein, dass wir auf die Finanzen achten müssen. Ich mache mir auch keine Sorgen, sollten wir den internationalen Wettbewerb verpassen.“ Zumal er eine solche Situation von einer seiner früheren Stationen gut kennt: „Früher beim PSV Eindhoven habe ich zehn Jahre lang Spieler ausgebildet, um sie zu verkaufen und den Verein so finanziell am Leben zu halten. Ich bin das gewohnt. Und ich komme klar damit.“

Gleiches gilt im Übrigen für den HSV an sich. Nicht wenige hatten befürchtet, Arnesen könne ob der Turbulenzen der letzten Wochen sein Engagement noch mal überdenken und vielleicht noch absagen. Dem ist allerdings mitnichten so. Das beteuerte der Däne heute glaubwürdig. „Schon als mich Bernd Hoffmann und Ernst Otto Rieckhoff damals angesprochen haben, hatten sie mir angedeutet, dass sich personell im Vorstand etwas verändern könnte. Das war für mich kein Donnerschlag, ich wusste das. Und der neue Vorstand mit Carl Jarchow und Joachim Hilke ist sehr kompetent. Ich habe meine Tage in Hamburg zu vielen Gesprächen mit allen Beteiligten genutzt und finde die neue Zusammenstellung im Vorstand fantastisch.“

Dennoch setzt Arnesen auch auf altgewohntes und bringt gleich fünf Mitarbeiter vom FC Chelsea mit nach Hamburg. „Es sind drei Scouts, ein Analyst und Lee Congerton, meine linke und meine rechte Hand. Mein Sohn Sebastian übernimmt dabei das Scouting im Bereich Belgien und Holland. Das hat er schon erfolgreich für Chelsea gemacht. Ebenso wie Bjarne Hansen den skandinavischen und Jan Ricka den tschechischen Raum. Dazu ist ein Ökonom dabei, der die Abläufe und Scoutingprogramme optimiert, wichtige Datenbanken und Statistiken erstellt. Und natürlich Lee, der selbst ein hoch talentierter Juniorennationalspieler für Wales. Allerdings war er gerade mal so schnell wie meine Großmutter. Deswegen hat er schon mit 21 umgeschult und wurde der jüngste Profitrainer Englands, ging trotz großer Angebote zu Wexham und landete später beim FC Liverpool, ehe er zu Chelsea kam. Dort habe ich ihn vor fünf Jahren kennengelernt und ihm immer mehr Vertrauen können und von Jahr zu Jahr mehr Verantwortung übertragen. Als ich Sportchef wurde, habe ich ihn mit ins Vorstandgebäude genommen, weil ich ihm zu 100 Prozent vertraue. Wie er mir. Und wenn mich jemand fragt, warum Congerton? Dann antworte ich: weil er besser ist als ich.“

Arnesen, so viel ist bis heute festzustellen, ist ein gewinn für den HSV. Einer, der ob seiner Vita und seinem dem vernehmen nach unfassbar umfangreichen privaten Telefonbuch Hoffnung auf bessere Zeiten macht. Ein Mann mit Erfahrung und internationalem Format. Und ein Mann, der mit seiner Art, über sich und die Zukunft beim HSV zu sprechen, Optimismus verbreitet. Er nimmt sich selbst nicht zu wichtig („Der Trainer genießt volles Vertrauen, deshalb muss ich nicht auf der Bank sitzen. Da habe ich nichts zu suchen. Ich sitze auf der Tribüne.“) und er hat einen Plan: „Es gibt für mich die fünf Ringe: das Technisch-Taktische, die Physis, das Medizinische, die Mentalität und die Lebensweise. Diese fünf Punkte gilt es bei jedem Spieler zu analysieren und zu verbessern. Bei jedem.“

Mit Arnesen scheint dem HSV ein großer Coup gelungen. Das, was man bisher von ihm und von anderen über ihn hörte ist durchweg positiv. Sollte ihm – und da habe ich ehrlich gesagt keine Zweifel – die Arbeitsteilung Chelsea/HSV gelingen, können wir uns nach zwei eher undurchsichtigen Kaderplanungen auf einen strukturierten Neuanfang freuen. Ob und inwieweit das mit altem Personal erfolgt, lasse ich hier offen. Arnesen wird schon die richtige Dosis finden. Hoffentlich…

Eine ordentliche Dosis bekamen derweil die in Hamburg gebliebenen Profis. Und zwar in Form von Konditionstraining. Trainer Oenning hatte bereits eine harte Woche angekündigt – und er hielt Wort. Heute mussten die Spieler – unter ihnen auch ein beachtlich fitter Torwsrt Frank Rost – in zwei Fünfergruppen jeweils zehn 400-Meter-Läufe auf Zeit absolvieren. Ein Programm, das am Freitag in wieder zwei Einheiten um zehn und um 15 Uhr seine Fortsetzung erfahren soll.

In diesem Sinne, bevor der Blog zu lang wird: Endlich mal wieder richtig hoffnungsvoll,

LG, Euer Scholle

Oenning trifft Arnesen – die Kaderplanung läuft

23. März 2011

Wenn sich Michael Oenning diese Zeilen durchliest, wird er es zum einen aus informellen Gründen machen. Zum anderen wird er die Zeilen auch auf Stilistik untersuchen. Denn, das steht schon mal fest, rhetorisch besser als der studierte Sport- und Deutschlehrer war in Hamburg noch kein Trainer vor ihm. Allerdings kann Michael Oenning auch anders. Und beweist der HSV-Trainer seit Wochen und Monaten im Training. „Manchmal muss man es auch einfach und kurz halten“, weiß der Nachfolger des vor zehn Tagen geschassten Armin Veh. „Den einen oder anderen Spieler würde man mit zu weiten Ausführungen nur langweilen.“ Und somit seine Konzentration verlieren.

Dennoch, und das war für mich die Quintessenz der heutigen Runde mit dem neuen Trainer, Michael Oenning ist Herr der Lage. Keinerlei Autoritätsprobleme, kaum Umgewöhnung. Und selbst seine persönliche, noch ungeklärte Zukunft beim HSV scheint den smarten Münsterländer nicht zu beunruhigen. „Mir ist bewusst, wo ich Trainer bin“, betont Oenning die ihm bewusste Verantwortung beim HSV, „mir bleibt nur, so erfolgreich wie möglich zu arbeiten.“ Dass er selbst am Sonntag in Zürich zum Beobachten neuer Spieler unterwegs war, ohne zu wissen, ob er überhaupt über diese Saison hinaus als Cheftrainer arbeiten soll – kein Thema. „Es wäre fahrlässig von mir, jetzt nicht so zu arbeiten, wie ich es auch sonst machen würde. Und ganz ehrlich – unsere Kaderplanung hat schon länger begonnen.“

Oenning arbeitet, als würde er Cheftrainer bleiben. Was auch sonst? Allein das heutige Gespräch mit dem künftigen Sportchef Frank Arnesen könnte daran etwas ändern. Zum Positiven, sollte ihm der dänische Bald-Vorstand eine Dauerbeschäftigung in Aussicht stellen oder sogar versprechen können. Kontraproduktiv wäre indes, wenn Arnesen sich nicht klar äußert und Oenning in eine Unklarheit entlässt, die ihn trotz des überdurchschnittlichen Intellekts unter unnötigen Druck setzt. Allerdings, und so schätze ich Arnesen nach unserem ersten Treffen vor drei Wochen (das müssen die Kollegen eines wöchentlich erscheinenden Sportmagazins irgendwie übersehen habe – ansonsten hätten sie nicht „exklusiv das erste Interview mit Frank Arnesen“ geschrieben…) einfach ein, wird sich der Däne klar äußern. „Ich bin ein Entscheider. Ich stehe für Klarheit“, hatte Arnesen damals angekündigt. Und es gibt absolut keinen Grund, das nicht zu glauben.

Im Gegenteil, es macht Hoffnung. Der Däne scheint sich beim FC Chelsea loseisen zu können. Und auch wenn er offiziell noch keine Entscheidungen für den HSV trifft, sieht das praktisch ganz anders aus. Jeden Tag telefonieren Noch-Sportchef Bastian Reinhardt und Arnesen. Selbst Oenning hatte bereits erste Gespräche via Telefon mit dem Mann, auf den die HSV-Fans hoffen. Heute Abend steht nun auch das erste persönliche Treffen zwischen Oenning als Trainer und Arnesen als Sportchef an.

Dabei geht es in erster Linie um die Kaderplanung. Soll heißen, nachdem Reinhardt bereits den gesamten Kader inklusive der vertraglichen Situationen vorgestellt und eingeschätzt hatte, will Arnesen heute von Oenning dessen Einschätzung und dessen Konzept für die neue Saison hören. „Wir treffen uns abends im Hotel“, so Oenning vor seinem „Bewerbungsgespräch“ betont ruhig, „und alles ist offen. Es ist für mich auch kein Bewerbungsgespräch, da wir beide – er wie ich – im Job sind.“ Dennoch, das weiß insbesondere Schlaukopf Oenning, er hat heute Abend eine kleine Restchance, den Dänen, der schon seit Wochen auf der Suche nach einem neuen, starken Trainer ist, doch noch von sich zu überzeugen. Und dafür sind ein gutes Gespräch samt möglichst vieler inhaltlicher Übereinstimmungen zwischen den beiden ganz sicher förderlich.

Auf die Frage, ob Oenning sich auch vorstellen könnte, in der neuen Saison wieder als Assistent zu fungieren, wollte er nicht antworten. Oder besser: er hatte keine Antwort. „Das ist im Moment kein Gedanke. Diese Kapazitäten habe ich gar nicht.“ Schließlich ist er ja wieder Cheftrainer – nicht mehr nur Beobachter der Entscheidungen. „Ich bin jetzt deutlich angespannter – im positiven Sinne“, sagt Oenning und stellt den Hauptunterschied zwischen seiner Assistentenzeit bei Veh und heute heraus: „Als Assistent hast du mehr Zeit, zu beobachten, wie und warum Entscheidungen getroffen werden. Da stecken etliche Erfahrungen drin, die im Fußball elementar sind. Jetzt muss ich mich gedanklich um viel mehr kümmern. Ich stehe ständig vor wichtigen Entscheidungen.“ Eine Situation, die er aus Nürnberg kennt, wo er zwischen September 2009 und Dezember 2010 53 (17 Erst-, zwei Relegations- und 34 Zweitligaspiele) als Cheftrainer absolvierte. Ob er einen Unterschied ausmacht zwischen den Franken und dem „großen HSV“? „Hamburg ist als Ganzes einfach größer und umfangreicher. Aber der Verein allein, zu dem ich schon seit meiner Kindheit eine innige emotionale Beziehung pflege, motiviert mich über alle Maße. Auch wenn hier jeder, auch ich natürlich, unter deutlich mehr Beobachtung steht als beim FCN.“ Ob er sich verändert hätte durch seine Zeit beim HSV? „Das zu beantworten ist noch nicht möglich, dafür ist es noch zu früh. Aber ich habe eine sehr gute Zusammenarbeit mit Armin Veh gehabt, in der ich vieles aufgeschnappt habe. Ich verstehe den Trainerjob als Lehr- und Lernberuf. Und als Assistent habe ich gesehen, wie man vieles löst.“

Eine Lösung hätte Oenning dann auch gleich mal, was die neue Saison betrifft. „Ginge es nach mir, würde Zé Roberto auch nächste Saison noch bei uns spielen. Was der am Samstag gezeigt hat, war schon große Klasse. Das zeigt, dass er wirklich noch lange in der Lage ist, länger zu spielen.“ Zuletzt hatte Oenning einen schönen Begriff erfunden, wie ich finde: „Zé Roberto ist altersfrei“, so der Trainer vor der Köln-Partie. Und ja, ich stimme dem zu 100 Prozent zu.

Wie Ihr ja wisst, halte ich den Brasilianer für DIE Spielerpersönlichkeit im Offensiv- und vor allem Kreativbereich beim HSV. Ist Zé gut drauf, spielt der HSV gut. Ist der Linksfuß mal weniger gut, hakt es beim HSV. Schon deshalb war ich hocherfreut, als Oenning Zé aus dem defensiven Mittelfeldbereich in den offensiveren Bereich umstellte. Eine taktische Umstellung, die sich in Form eines offensiv einwandfreien Auftrittes gegen Köln auszahlte. Dass es parallel defensiv arge Probleme gab, würde ich dagegen eher den formschwachen Auftritten Heiko Westermanns und der gesamten Viererkette zuordnen.

Interessant war dann auch, dass Oenning, nachdem er sich bereitwillig klar für Zé Roberto ausgesprochen hatte, auf Piotr Trochowski doch eher zurückhaltend bis gar nicht antworten wollte. Er könne jetzt nicht alle Personalien einzeln durchgehen, bevor er mit Arnesen gesprochen habe, so die kurze, ausweichende Antwort, die Raum für Spekulationen lässt. Nun weiß ich ja um die besondere Brisanz im Thema Trochowski gerade hier im Blog. Dennoch möchte ich allen, die Troche lieber gestern als gleich weghaben wollen, sagen, dass der Billstedter Junge in seiner gesamten Zeit beim HSV nie mal fünf Spiele am Stück auf derselben Position gespielt hat. Immer wieder wurde er anderen Spielern (van der Vaart etc.) hintenangestellt. Oder er wurde ob seiner zweifellos vorhandenen Vielseitigkeit (beidfüßig stark) auf immer der Position eingesetzt, die gerade vakant war.

Troche hat im Mittelfeld alle Positionen gespielt, vom defensiven Mittelfeldspieler über die linke zur rechten Seite bis hin zum Zehner. Dabei hat er es nicht geschafft, bleibenden Eindruck zu hinterlassen, obwohl sein Talent unverkennbar vorhanden ist. Dass sich dabei keine feste Größe entwickeln kann, ist glaube ich allen von uns klar, auch denen, die nie selbst gekickt haben. Armin Veh, eher kein Befürworter von Troche, ging sogar so weit, dass er „gar keine Position für Trochowski im System“ erkannt haben wollte. Insofern, ohne die hier im Blog schon exzessiv geführte Diskussion künstlich anzuheizen, stehen den Beobachtern unterschiedlichste Wertungen zu. Allein der HSV wäre gut beraten, jetzt Klarheit zu schaffen. Und das gleich in allen Bereichen: Vor allem im Fall Oenning bzw. der Trainerfrage für die kommende Saison, zum anderen bei der Kaderplanung. Und ganz sicher auch bei Trochowski. Entweder der gestern 27 Jahre alt gewordene Nationalspieler erhält beim HSV dauerhaft das Vertrauen auf einer Position – oder man trennt sich. Eine andere Lösung, gibt es nicht. Das haben die vergangenen Jahre nachweislich und für Troches Freunde genauso wie für dessen Kritiker deutlich erkennbar gezeigt.

Heute Abend spielt der HSV mit den hier gebliebenen, nicht für Länderspiele nominierten Spielern beim Oberligisten Eintracht Norderstedt. Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele von Euch da hingehen. Schließlich kommt der gesamte Erlös der Partie den Hinterbliebenen des vor verstorbenen C-Jugendlichen Arlind Berisha zugute. Der damals 14-jährige Arlind hatte sich im Rahmen eines Verbandsliga-Punktspiels zwischen den C-Jugendmannschaften von Eintracht Norderstedt und dem Hamburger SV so schwer verletzt, dass er am 2. März 2009 seinen schweren Verletzungen erlag. Die Karten kosten zwischen 5 Euro (Stehplatz) und 10 Euro (Sitzplatz). Kinder bis 10 Jahren haben freien Eintritt.

In diesem Sinne,

Euer Scholle

17.20 Uhr

P.S.: Mir ist gestern der peinliche Fehler unterlaufen, mich bei Eva statt bei Gobi für die Bifis, die ich beim Matz-Ab-Treffen geschenkt bekommen habe, zu bedanken. Diesen Fehler möchte ich heute noch mal ausräumen und mich bei Gobi ebenso entschuldigen wie nochmals bedanken!! Zumal sie mein schlechtes Gewissen heute in ungeahnte Sphären trieb, als sie mir (und anderen Kollegen) eine schöne Tulpe schenkte. Die Blumen zieren jetzt unseren erstmals nicht mehr kahlen Presseraum in der Imtech-Arena. Oenning, der diese neue Deko als Erster erleben durfte, hat es bereits gefallen…

P.P.S.: Training ist am Donnerstag um zehn und um 15 Uhr an der Imtech-Arena.

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