Monatsarchiv für März 2011

Oennings Verwirrspiele – wer stürmt neben Petric?

31. März 2011

Wenn ich gefragt werde, wie ich das jeweils als nächstes anstehende Spiel beurteile, rufe ich mir immer einige Eckdaten auf. Grundlage meiner Meinungsbildung ist dabei immer die Stimmung innerhalb der Mannschaft. Insbesondere auf drei, vier Eckpfeiler im Team achte ich dabei besonders. Denn diese „Leitwölfe“ sind es zumeist, die die Stimmung am besten wiederspiegeln. Haben sie Lust und verbreiten Optimismus, kann es gut werden. Maulen sie aber oder wirken sogar unmotiviert, wird’s haarig. Eins dieser Stimmungsbilder gibt nicht selten Mladen Petric ab. Und das „Orakel Petric“ sagt heute: „Diesmal wird es ein anderes Spiel in Hoffenheim geben.“

Und damit hat er recht. Ganz sicher sogar. Was auch sonst?

Aber ich glaube auch, dass das, was er eigentlich damit sagen wollte, richtig ist: Es wird nicht noch einmal ein derartiges Debakel wie zuletzt beim 1:5 und im Jahr davor beim 0:3 in Hoffenheim. Dafür sind die Voraussetzungen diesmal deutlich besser als in den vergangenen Jahren. „Die Stimmung innerhalb der Mannschaft ist gut“, sagt Petric, „und das, obwohl ich gehört habe, dass die, die hier geblieben waren, richtig hart arbeiten mussten. Und trotzdem wird gelacht.“

Immerhin hatte Cheftrainer Michael Oenning vermehrt auf Lauf- und Kraftübungen gesetzt. „Uns tat das gut“, so Marcell Jansen, der sich mit Oenning nach seiner Nichtnominierung gegen Köln ausgesprochen hat und gegen Hoffenheim wieder im Kader stehen wird. „Er hat eine gute Reaktion gezeigt“, lobt Oenning, der allerdings nicht verraten wollte, ob Jansen von Beginn an auflaufen oder zunächst auf der Bank sitzen wird.

Ob’s an dem Hoffenheim-Scout lag, der bewaffnet mit Zettel, Stift und Kamera mal wieder ohne fundierte Erkenntnisse von dannen ziehen musste?

Auf jeden Fall wechselte Oenning heute im Trainingsspiel munter durch. Die große Frage, wer in Sinsheim den gesperrten Ruud van Nistelrooy ersetzen wird, beantwortetet der HSV-Coach zuerst südkoreanisch. Heung Min Son, der in der Länderspielpause spielfrei war und im Training alles andere als zu überzeugen wusste, durfte zuerst neben Mladen Petric ran. Allerdings wusste er erneut nicht zu überzeigen und wurde im zweiten Drittel gegen Tunay Torun ausgewechselt. Ebenso wie Gojko Kacar im Zeiten Drittel in die B-Elf wechselte, während Heiko Westermann von der „Sechs“ in die Innenverteidigung rotierte und David Jarolim die zentrale Defensive im Mittelfeld übernahm. Und während unser armer Kollege aus Hoffenheim spätestens jetzt gar nicht mehr wusste, wer nun wo spielen würde, legte Oenning im letzten Drittel noch einen drauf und ließ Marcell Jansen für den spielfreudigen Eljero Elia links im Mittelfeld ran. Und Son stürmte neben Torun – das allerdings mit ernsterem Hintergrund, denn Mladen Petric war umgeknickt und musste früher in die Kabine.

Der zweite Ausfall im Sturm?

Zum Glück nicht. Sagt Petric zumindest selbst. „Ich bin umgeknickt und habe einen Schmerz verspürt. Dass ich aufhöre, ist aber eher vorsichtshalber. Bis zum Hoffenheim-Spiel wird das schon wieder gehen.“ Muss es auch. Denn immerhin ist Mladen, dessen 2012 auslaufender Vertrag ja noch nicht verlängert wurde, mit elf Saisontreffern der Top-Torjäger des HSV. Ob er schon ein Gespräch mit dem HSV hatte? „Nein“, so Petric, „aber das ist jetzt auch nicht das Thema. Ich habe ja eh noch ein Jahr weiter Vertrag. Nächstes Thema bitte….! “

Ok, Vertragsfragen abgehakt. Dann noch mal zur Verletzung, immerhin ist Mladen für das Hoffenheimspiel ja mein Stimmungsbarometer. Und als ich schon leise Zweifel hegte, dass mein erster Optimismus verfrüht gewesen sein könnte, schob Mladen im Weggehen zum Glück noch nach: „Macht euch keine Sorgen.“

Angekommen! Und nur zu gern angenommen! Danke Mladen! Das mache ich nicht. Im Gegenteil, ich setze auf die Wende im Stadion der Schande für den HSV, in der Rhein-Neckar-Arena. Auch und gerade weil es bei der TSG Hoffenheim 1899 die vielleicht bittersten Niederlagen vor dem 0:6 gegen Bayern in der Bundesliga setzte. „Ein zusätzlicher Motivationsfaktor“, wie es Mladen Petric heute formulierte, „ich habe absolut kein negatives Gefühl vor diesem Spiel.“

Apropos, am Trainingsplatz fragte ich meine Kollegen, die neben mir standen, ob sie mit mir wetten würden. Eben weil ich so ein Gefühl habe. Denn ich glaube und hoffe, dass gegen die TSG am Sonnabendabend (18.30 Uhr, Sky überträgt live) weder Torun noch Son (beide sind momentan neben der Spur) neben Mladen beginnen wird, sondern Paolo Guerrero. Und das obwohl auch der Peruaner zuletzt wie seine jüngeren Kollegen nicht wirklich überzeugen konnte und in allen drei Dritteln des Trainingsspiels heute in der B-Elf agierte.

Aber seine heutige Leistung unterstrich meine Vermutungen, denn selbst der zusammen mit Jonathan Pitroipa angeblich schnellste Spieler im Team, Dennis Diekmeier, konnte Guerrero in dem einen oder anderen Laufduell nicht halten. Mehr noch: Guerrero traf als einziger Stürmer aus dem Spiel heraus (Petric verwandelte einen Foulelfmeter) nach schöner Hackentrickvorlage Sons sogar für die B-Elf per schöner Direktabnahme aus elf Metern. Und der Peruaner gilt als einer, der durch solche Psychospielchen, im Training immer nur B- statt A-Elf zu spielen, gekitzelt werden kann.

Das wiederum gilt ganz sicher nicht für Heiko Westermann. Der Kapitän darf sich seiner Startelfnominierung sowohl im Training als auch in der Bundesliga eigentlich immer sicher sein. So auch heute. Allerdings bleibt die Frage unbeantwortet, ob auf der „Sechs“ oder doch wieder in der Innenverteidigung neben Joris Mathijsen.

Letzteres würde mir am besten gefallen. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass Westermanns Qualitäten weniger im kreativen, also im Mittefeldbereich, denn in der Abwehr gebraucht werden. Dort hat er eine klare Aufgabe, auf die er all seine Konzentration lenken und die er mit seiner Zweikampf- und Kopfballstärke bestens ausfüllen kann. Einziges Manko hierbei wäre, dass mit ihm, mit Mathijsen, sowie rechts mit Diekmeier und links mit Aogo die Spieleröffnung zum Problem werden könnte.

Probleme gab es auch zwischen Frank Rost und Dennis Aogo, der seinem Torwart im Abendblatt-Interview vergangene Vorwürfe ob dessen Wutrede im Anschluss ans 0:6 in München gemacht hatte. Uns hatte Aogo am Mittwoch gesagt, die Sache sei ausgeräumt. Ein Telefonat zwischen ihm und Rost hätte gereicht. Daran hatte Dieter bereits gestern seine Zweifel angedeutet.

Und er lag damit absolut richtig.

Denn die Sache ist – zumindest zwischen den beiden – alles andere als ausgeräumt. Gestern, am Mittwoch, musste sich Aogo bereits intern vor versammelter Mannschaft von Oenning anhören, dass er zu weit gegangen sei. Der Trainer kritisierte die öffentliche Kritik Aogos an seinem Mitspieler. Zumal sich die Mannschaft unmittelbar vor der Länderspielpause darauf eingeschworen hatte, auf Äußerungen über Verein und Mitspieler wenigstens die letzten sieben Spiele bis Saisonende komplett zu verzichten. Das wiederum hielt nur wenige Tage und brachte Oenning in Rage. Aber anstatt sich einmal öffentlich bei Rost zu entschuldigen, setzte Aogo selbst der Diskussion ein Ende. Ein Ende, das wohl eher keins ist.

Ein Ende mache dafür ich jetzt. Mit der Nachricht, dass sich Piotr Trochowski und der FC Sevilla über einen Wechsel geeinigt haben und dies im Laufe der kommenden Woche verkünden wollen, verkünde ich das Ende des heutigen Blogs mit dem Hinweis, dass morgen um 13.30 Uhr an der Imtech-Arena trainiert wird. Und in der Hoffnung, dass die Differenzen zwischen Aogo und Rost zwischen diesen beiden Spielern bleiben und keine Auswirkungen auf die Mannschaft haben. Alt genug sind die beiden ja. Und beide wissen auch, dass es nur noch um das Ganze gehen darf. Aber warum sollte ich mich sorgen? Orakel Petric hat gesagt, die Stimmung sei gut. Ergo: sieben Wochen Ar…backen zusammenkneifen und gemeinsam da durch. Für sich, für den HSV, für die Fans – und vor allem für den letzten Funken Hoffnung auf die Europa League.

In diesem Sinne,

LG,

Scholle

19.10 Uhr

Mathijsen: “Zeit für eine Revanche”

30. März 2011

Alle wieder da, alle auch fit – von einer kleinen Phase der Müdigkeit bei Mladen Petric einmal abgesehen. Der Kroate blieb an diesem Nachmittag in der Kabine und betrieb regenatives Training. Für die Sonnabend-Partie in Sinsheim gegen Hoffenheim (18.30 Uhr Anstoß) aber ist er sicher zu 100 Prozent fit. Und alle anderen natürlich auch. Davon konnten sich die 100 Trainingskiebitze bei frühlingshaften Temperaturen überzeugen. Die Spaß-Phase dauert an. Hoffentlich nicht nur bis Sonnabend gegen 20.25 Uhr. Die Jungs sind emsig, voller Energie und mit Freude bei der Sache. Und bei einem abschließenden Spielchen wurde aus allen Lagen „geballert“. Das „Tor des Tages“ erzielte für mich Eljero Elia, der mir wie aufgeblüht vorkam. Und die „Parade des Tages“ zeigte Frank Rost, der einen unwahrscheinlichen Knaller von Piotr Trochowski (aus nächster Nähe) mit einem Super-Reflex abwehrte. Der Nachschuss von „Troche“ war dann aber genau so hart – und drin.

Aber keine Angst, ich werde den „kleinen Dribbelkünstler“ nicht gleich wieder aufgrund von guten Trainingsleistungen in die Mannschaft schreiben wollen. Im Gegenteil, ich möchte allen „Matz-abbern“, die Trochowski nicht im HSV-Team sehen wollen, folgende Mitteilung machen: Laut spanischen Medien-Berichten sollen sich der FC Sevilla und Piotr Trochowski über einen Wechsel zur nächsten Saison einig sein. Wenn jetzt jemand fragen sollte, was dieser FC Sevilla für ein Klub ist, so muss ich sagen: „Keine Ahnung. Muss so ein kleiner Dorf-Verein sein . . . Wieso aber dieser Dorf-Klub auf einen Nationalspieler wie Trochowski kommt, wie dieser Dorf-Klub einen kleinen Dribbelkünstler wie Trochowski überhaupt bezahlen kann? Keine Ahnung. Aber sie werden sich dabei etwas denken, diese ahnungslosen Spanier vom Dorfe. Die haben ja alle keine Ahnung . . .“

Wobei ich schnell anfügen möchte, dass ich mir doch schon wünschen würde, dass Piotr Trochowski – kringelnderweise – mit dem FC Sevilla durch Europa tourt. Das hätte schon was.

Aber zurück zum HSV. Der will ja erst noch nach Europa. Quasi auf die letzten Zentimeter, sprich die letzten sieben Spiele. Deshalb müsste es schon am Sonnabend in Sinsheim einen Dreier geben. Und ich sage – im Hinterkopf diese sehr guten Trainingsleistungen: „Warum auch nicht? Ich bin sonst ja eher pessimistisch veranlagt, aber in der jetzigen Phase, in der Aufbruchsstimmung und Frühlingsgefühle für großen Optimismus sorgen, traue ich der Mannschaft alles zu.“ Der Teamgeist des HSV hat seit einigen Monaten deutlich zugenommen, und wenn eine Mannschaft gemeinsam nach Erfolgen strebt, dann bleiben Siege auch nicht aus.

Über die „neue und gute“ Stimmung sprach ich heute auch mit Joris Mathijsen. Der Niederländer hat ja eine etwas andere Philosophie, wie und weshalb es jetzt auf einmal so gut im täglichen Miteinander klappt. Der Innenverteidiger, der die beiden Länderspiele gegen Ungarn (Freitag und Dienstag, zweimal 90 Minuten) bestens weggesteckt hat, erklärte: „Wichtig für den Teamgeist war das letzte Spiel der Hinrunde, unser Sieg in Mönchengladbach. Ich glaube, dieser Erfolg hat uns alle verändert. Danach haben wir gute Spiele gemacht, haben in Nürnberg zwar verloren, waren ansonsten aber in allen Spielen die bessere Mannschaft.“ Mathijsen weiter: „Danach kamen dann einige schlechte Spiele, aber trotz allem ist die Stimmung nun gut. Wir sind zwar nicht alle Freunde, das muss auch gar nicht sein, aber die Stimmung ist gut.“ Gut möglich, dass das große Chaos des HSV die Truppe zusammengeschweißt hat. Bekanntlich rückt man in der Not ja immer enger zusammen. Von diesem Effekt könnte auch die Profi-Abteilung des HSV profitiert haben.

Joris Mathijsen ist übrigens nach eigenen Angaben topfit. Nachdem er nach seiner Knöchelverletzung zu früh angefangen hatte. „Jetzt ist aber alles okay. Ich werde die nächsten zwei Tage etwas kürzertreten, aber dann ist auch alles wieder gut“, sagt der Abwehrspieler. Ich habe ihn natürlich auch zu seinem Aufenthalt bei der Nationalmannschaft befragt. Er traf da ja bekanntlich den ehemaligen HSV-Profi Rafael van der Vaart, seinen langjährigen Freund. Der hatte, woran sich noch einige erinnern werden, öffentlich davon gesprochen, Joris Mathijsen zu den Tottenham Hotspurs nach England locken zu wollen. In diesem Sommer schon. Mathijsens Vertrag läuft noch bis zum Sommer 2012, der HSV könnte also nur noch in diesem Jahr auf eine Ablöse hoffen. Aber was ist dran, an dieser Verlockung? Mathijsen: „Ich habe davon gelesen, ich habe Raffa angerufen – und wir haben beide darüber gelacht. Mehr nicht.“

Joris Mathijsen weiter: „Das hat sich seit 1996 geändert. Eigentlich läuft ein Vertrag, der 2012 endet, ja schon ein Jahr eher aus. Und dann muss der Klub entscheiden: Entweder verlängern, oder eventuell verkaufen. So sieht es mittlerweile aus in unserem Sport.“ Er selbst aber hat sich – nach eigener Aussage – noch überhaupt keine Gedanken um seine Zukunft gemacht: „Ich beschäftige mich jetzt nur mit Hoffenheim. Und ich spiele erst die letzten sieben Spiele, denn wir können ja noch etwas erreichen. Und danach hat man dann Zeit genug, um in die Zukunft zu sehen. Und wenn der HSV etwas früher von mir will, so hat er die Nummer meines Beraters, und der müsste dann eben angerufen werden. Für mich ist das jetzt aber alles noch kein Thema.“ Wie schön.

Mathijsen denkt also nur an Hoffenheim. Und er sagt auch, wie es dort gehen könnte: „Wir müssen es so machen wie gegen Köln. Wir müssen in einem Auswärtsspiel so auftreten wie in einem Heimspiel. So könnten wir es machen. So, wie wir vor dem Köln-Spiel trainiert haben, so wie wir gegen Köln gespielt haben, so müssen wir es wieder machen.“ Kling plausibel, klingt einfach – ist es aber nicht. Auswärts hat der HSV eben seine Schwächen. „Hoffenheim ist ja fast ein Angstgegner, wir haben dort zweimal klar verloren, es ist an der Zeit, Revanche zu nehmen.“ Das hätte schon was . . .

Ganz offenbar ist Joris Mathijsen bestens gelaunt von der Nationalmannschaft zurückgekommen. Bestens gelaunt und fit. Das gibt Selbstvertrauen. Das könnte auch für Ruud van Nistelrooy gelten, der in seinem 70. Länderspiel-Einsatz endlich wieder ein Tor erzielt hat (Nummer 35, falls ich nicht irre), der sich darüber auch richtig toll gefreut hat. Wie „van tha man“ gejubelt hat, da kam schon Freude auf. Es war so, als wäre ihm eine zentnerschwere Last von den Schultern gefallen. Leider darf er erst wieder gegen den Tabellenführer Dortmund ran, aber gegen die Borussia könnte ein Van-Nistelrooy-Tor ja noch wertvoller werden.

Apropos Selbstvertrauen: Davon hat auch Dennis Aogo in seinem fünften Länderspiel (Einsatz gegen Kasachstan) reichlich getankt. Er war diesmal der einzige Hamburger bei Joachim Löw, ein ungewohntes Gefühl. Dennoch hat er sich bei der Nationalmannschaft diesmal ganz besonders wohl gefühlt. „Es ist schon schön, wie man immer mehr ein Teil des Ganzen wird. Wie man von den Mitspielern akzeptiert wird, wie sich dann auch bestimmte Sympathien zu anderen Spielern bilden. Dass man auch nicht mehr nur der Neue ist, der nur am Rande steht. Das habe ich schon genossen, und ich muss schon sagen, dass ich das so in der Form nicht erwartet habe, dass ich so in die Mitte genommen werde.“ Klingt gut. Und nach Teamgeist beim DFB.

Kurz habe ich auch noch die „Sache Rost“ angesprochen. Aogo hatte, als er bei der Nationalmannschaft war, den Keeper (in einem Abendblatt-Artikel) wegen dessen öffentlicher Kritik ebenfalls kritisiert. Heute trafen die beiden HSV-Profis aufeinander, Zeit also für eine Aussprache. Ob es die gegeben hat, entzieht sich meinen Kenntnissen, aber beide Spieler hatten vorher bereits miteinander telefoniert. Rost rief Aogo an, der rief zurück. „Wir haben das geklärt, da gibt es kein großes Theater.“ Krach oder Ärger wäre ja auch in der jetzigen (guten) Phase, in der sich die HSV-Mannschaft befindet, nur kontraproduktiv. Dennis Aogo sagt aber ganz klar: „Öffentlich wird da gar nichts mehr gemacht. Das ist auch gar nicht von mir bezweckt worden. Im Gegenteil, ich wollte damit sagen, dass wir so etwas in Zukunft intern klären sollten. Und wenn es noch etwas zu sagen geben sollte, dann klären wir das intern – und die Sache ist erledigt.“ Hoffentlich – vor Hoffenheim. Ob Frank Rost dieses brisante Thema aber tatsächlich so schnell, kurz und schmerzlos abhaken kann – und wird? Da kommen mir doch einige Zweifel. Abwarten.

Ja, und kurz habe ich auch noch mit Aogo über das Spiel am Sonnabend gesprochen. Der Nationalspieler sagt: „Da haben wir ja im letzten Jahr eine richtige Packung bekommen. Hoffenheim ist eine starke Mannschaft mit hoher Qualität, sie zeigt im Moment aber nicht ganz das, was sie kann. “ Hoffentlich bleibt das auch am Sonnabend so.

19.34 Uhr (es ist später geworden als gedacht, es liegt am späten Trainingsbeginn! Sorry!!)

Oenning: “Die Jungs haben gerade viel Spaß”

29. März 2011

Es wird viel gelaufen. Und die Stimmung ist prächtig. Berg rauf, Berg runter. Und die Spieler lachen, scherzen, strahlen. Andere stöhnen, wenn sie viel laufen müssen, aber die HSV-Profis fühlen sich wohl dabei, wirken entspannt und gut gelaunt. Weil sie erstmals seit langer Zeit laufen müssen? Oder laufen dürfen? Der neue Chef, Michael Oenning, hat die Zügel deutlich angezogen. Und er erklärt: „Das hat nun nichts damit zu tun, dass ich irgendwie rückwärts gerichtet bin – ich stelle mir das aber so vor. Wir müssen eine hohe Laufbereitschaft in unserem Spiel haben müssen, deswegen müssen wir auch die Bereitschaft haben, das im Training immer wieder herzustellen. Und wir haben mit Günter Kern auch einen guten Mann, der dieses Training durchführt, und die Spieler nehmen das auch vorbehaltlos an. Sie selber merken, wie leistungsfähig sie sind, und das hilft ungemein.“

Einige Spieler sind beim Laufen sogar so emsig bei der Sache, dass sie vom Trainer schon gebremst werden müssen. Ein gutes Zeichen. Wobei Oenning auch sagt: „Wir müssen mehr machen, um einen guten Standard zu bekommen.“ Nach dieser Aussage habe ich den Coach gefragt, ob er denn diese Erkenntnis noch nicht gehabt habe, als er noch der Assistent von Armin Veh war? Eine Frage, die nicht böse gemeint war, die aber doch irgendwie auf der Hand lag. Oenning dazu: „Jeder Chef-Trainer hat seine eigenen Vorstellungen, und er gibt den Rahmen vor – so oder so möchte er das haben. Das steht denn für sich. Das hat weniger damit zu tun, ob man es darf oder nicht darf, sondern eher damit, ob gewollt oder nicht gewollt.“

Armin Veh wollte es wohl eher nicht. Michael Oenning will es jetzt schon. Und er ist jetzt der Boss. Wobei ich seit Jahrzehnten immer gehört habe, dass die Trainer des HSV gegen Ende der Saison bewusst nicht mehr angezogen haben. Eine alte Fußball-Weisheit, so hieß es stets, besagte, dass Konditions-Training zum Saisonende nichts mehr bringe. Oenning ist anderer Meinung: „Ich denke da ganz anders. Und all die Nischen, die wir da haben, die werden wir auch nutzen.“

Da gibt es zum Beispiel Ruud van Nistelrooy. Er sah zuletzt seine fünfte Gelbe Karte, er pausiert also gegen Hoffenheim – und deshalb wird er nach seiner Rückkehr nach Hamburg auch noch eine Extra-Behandlung bekommen.“ Soll heißen: Auf den Niederländer wartet auch noch die eine oder andere intensive Laufeinheit, damit er auf demselben Stand ist wie jene Kollegen, die nun hier waren (weil sie keine Länderspiel-Einsätze hatten). Oenning: „So muss das auch sein. Ich glaube, dass wir da individuell eine Menge machen können, und dafür haben wir ja auch genügend gute Trainer.“ Der neue Chef weiter: „Das wird uns auf jeden Fall begleiten, ich wüsste auch nichts, was dagegen spricht. Es ist ja ein Unterschied, ob ich etwas Populistisches mache, oder irgendwie etwas versuche – oder es passiert einfach, es läuft einfach mit. Das ist aus meiner Sicht auch Grundlagen-Arbeit. Und in vielen anderen Sportarten geht es ja auch gar nicht anders. Und wir, die stark geprägt sind vom schnellen Laufen, wir müssen natürlich am Schnelligkeits-Training arbeiten, das geht gar nicht anders.“

Die HSV-Profis, wie eingangs schon geschildert, sie machen nicht nur willig mit, sie begrüßen diese neue Härte. Wer jetzt als Kiebitz im Volkspark weilt, dem wir nicht entgangen sein, dass die Stimmung zuletzt immer besser geworden ist. Bei einem Spielchen wird nur noch selten geflucht oder gemeckert (untereinander), sondern mehr gelobt oder motiviert. So ein heutiges Beispiel: Wenn die Mannschaft von Frank Rost eine Chance vergab (ausließ), dann kommentierte der Keeper von hinten – ganz auffällig – mindestens zehn Mal (und mehr): „Schade.“ Jeder war und ist in diesen Tagen um einen guten Ton im Umgang miteinander bemüht. Und natürlich um gute Leistungen. Auffällig dabei: Von einer Seite flankten Dennis Diekmeier und Collin Benjamin, von der anderen Seite Ze Roberto, Piotr Trochowski und auch noch Marcell Jansen. „Collo“ und Diekmeier erhielten dabei von mir die etwas besseren Noten.

In der Mitte wurde der Abschluss gesucht, per Kopf und per Fuß. Muhamed Besic, der lange Zeit Pech bei seinen Versuchen hatte, traf später dreimal in Folge mit einem „Tor-des-Monats“-Treffer. Änis Ben-Hatira feierte sein einziges Kopfballtor wie den Gewinn einer Meisterschaft, und Gojko Kacar verzweifelte einige Male am glänzend reagierenden Tom Mickel, der wirklich einen Schokoladen-Tag erwischt hatte. Sogar Frank Rost entfuhr es nach einer Glanzparade des Kollegen lautstark: „Das war ja sensationell!“ Und das war es tatsächlich.

Am Rande liefen übrigens Romeo Castelen und Miroslav Stepanek, die beide noch eine Einheit mit Reha-Trainer Markus Günther absolvierten. Und dabei kam ich zu dem Gedanken, dass Castelen schon wieder so gut und „rund“ läuft, dass wir ihn wohl doch noch einmal (oder das eine oder andere Mal) auf dem Rasen in der Arena (und nicht nur dort) sehen werden. Und wie schön wäre das denn wohl?

Zurück noch einmal zur Intensität des Trainings. Kommentar von Michael Oenning: „Ich habe den Eindruck, dass die Jungs gerade viel Spaß haben an dem, was sie tun. Dass sie sehr eifrig sind, dass sie aber auch locker sind, dass sie Spaß haben. Und wenn wir das halten können, und wenn wir dann wirklich konzentriert in das Spiel gehen, dann erwarte ich einfach auch, dass wir ein gutes Spiel machen. Aber, das habe ich auch schon gesagt, wir müssen versuchen, konstant zu werden. Das heißt nicht, dass man immer am oberen Level spielt, aber man muss es schon versuchen.“ Wir bitten darum.

Michael Oenning weiß natürlich auch, dass der HSV eine Berg-und-Tal-Fahrt hinter sich hat. Mal gut, mal schlecht – und immer dann, wenn es nach oben gehen sollte, dann gab es garantiert einen Misserfolg. Und wenn der geneigte HSV-Fan an Hoffenheim denkt, dann denkt er gewiss an nicht viel Gutes. Fünf Spiele, zwei knappe Heimsiege (2:1, 1:0), ein Unentschieden (0:0) – und auswärts 1:5 und 0:3. Besonders die böse Klatsche (unter Labbadia) hat noch immer deutliche Spuren hinterlassen. Damals spielten Rost, Rincon, Boateng, Mathijsen, Aogo, Trochowski, Tesche (schoss das Ehrentor), Jarolim, Pitroipa, Berg und Petric, eingewechselt wurden Rozehnal, Arslan und Bertram. Wobei Arslan in den Schlusssekunden noch die Rote Karte sah. Es „passte“ alles, an diesem Tag. Diese Schmach könnte durchaus wieder (und noch einmal) gut gemacht werden. Zumal ein Sieg nun sehr, sehr wichtig wäre – immer noch, oder immer wieder, im Kampf um den internationalen Startplatz.

Noch hat sich Oenning nicht entschieden, wer den gesperrten Ruud van Nistelrooy ersetzen wird. Eine zweite Spitze neben Mladen Petric? Oder nur eine Spitze (Petric), dahinter dann ein breiteres Mittelfeld? Letzteres könnte, wenn ich das Mienespiel des Trainers richtig beobachtet habe, eher der Fall sein. Hinten dagegen dürfte, wenn ich richtig interpretiere, alles so bleiben wie zuletzt. Das heißt: Heiko Westermann auf der „dynamischen“ Sechs, und Gojko Kacar in der Innenverteidigung. Und der „große Ze“ auf de Zehn.

Der Trainer lotet das offenbar auch in Einzelgesprächen aus. Er spricht viel unter vier Augen, um zu erfahren, wie sich die Spieler fühlen, was sie denken, was sie wollen – wie sie die jeweilige Situation sehen. Oenning: „Ich halte das für sehr wichtig, für sehr, sehr wichtig sogar. Ich versuche möglichst, alle gleichmäßig zu erwischen. Wenn ich wissen will, was da los ist, muss ich ganz einfach mit den Leuten reden. Und es ist ja auch nicht so, dass ich nicht nur schöne Gespräche führe, sondern auch andere.“ Ernstere, entscheidende. Der Coach weiter: „Manche brauchen nur ganz wenige Gespräche, bei manchen Spielern reicht auch schon ein Blick. Ich finde, dass sie die Möglichkeiten haben müssen, sich auszuleben, dass man nicht alles unterbindet. Sie dürfen sich auch ruhig untereinander mal hoch nehmen. Entscheidend ist dann nur, dass sie immer wieder wissen wann Konzentration verlangt ist, wann es um die wichtigen Dinge geht. Das ist ein Geben und Nehmen, nur so funktioniert das.“

Mit Marcell Jansen („Der HSV legt mir Steine in den Weg“) hat sich Oenning in der vergangenen Woche ausgesprochen. Und der Trainer sagt: „Ich finde, dass er gerade eine sehr gute Reaktion darauf zeigt, denn er trainiert sehr gut.“ Apropos: Gut trainiert hat nicht nur heute auch wieder Piotr Trochowski. Wieder einmal. Über seinen „kleinen Dribbelkünstler“ (muss einfach kommen – so lange er noch da ist!) sagt der Coach: „Ich finde auch bei ihm, dass er im Moment wirklich gut trainiert. Er versucht sich in die Situation hineinzuversetzen. Trotzdem ist es ja so: Wir kommen aus dieser Konkurrenzsituation nicht heraus. Wenn alle Spieler gesund sind, dann wird es immer Härten geben. Und da ist es denn so: Weiter im Training anbieten und gucken was passiert. Das gilt auch für Troche. Wobei ich nicht weiß, wohin bei ihm die Reise geht . . .“
Florenz? Sevilla? Bremen? Oder, oder?

Grundsätzlich empfindet Michael Oenning diesen HSV-Kader als zu groß: „Im Moment ist es so. Wenn man mal elf gegen elf spielen will, man hat aber 24 Feldspieler zu Verfügung – das ist doch ein Drama. Wir haben zum Beispiel neun Stürmer? Da sagt man dann dem einen oder anderen Stürmer, er darf nicht mitmachen – das ist doch schlimm.“ Deswegen plädiert der Trainer auch für eine Kader-Verkleinerung: „Das wäre doch im Sinne der Philosophie, dass man dann auch Talente einbaut – von unten nach oben. Das wäre ideal.“ Und sicher auch ein wenig billiger für den Klub – in Sachen Unterhaltung. Und für den Nachwuchs wäre es auch hilfreicher, denn der könnte sich häufiger mal beweisen, zeigen was er kann.

Ein kleinerer Kader könnte sicher auch ein wenig schneller ein richtiges Team werden, als es die jetzige HSV-Mannschaft geschafft hat. Sie ist ja erst jetzt, gegen Ende der Saison dabei, eine Gemeinschaft zu werden. Nachdem es jahrelang nicht geklappt hat. Dass die Stimmung derzeit sehr gut ist, davon konnte auch Gojko Kacar berichten: „Es herrscht jetzt eine lockere Atmosphäre, wir lachen mehr in der Kabine, lachen auch mehr auf dem Platz. Wir sind eben auch Menschen, wir brauchen das – und so ist es ja auch viel besser. Man hat es doch gegen Köln gesehen: Wir haben sechs Tore gemacht, wir hätten aber auch noch sechs Tore mehr machen können. So, wie es jetzt ist, müssen wir weitermachen. Mit einem Lachen auf dem Platz läuft es doch viel besser.“

Dass bei diesem Stimmungswechsel auch Michael Oenning eine gewisse Rolle spielt, das sieht auch Kacar so: „Er ist ein anderer Mensch, natürlich. Bei ihm kann man Spaß haben, man kann lachen, er versucht auch immer mal, bei der Besprechung mit einem kleinen Flachs die Stimmung zu lockern – und das finde ich sehr gut. Es ist doch sonst schwer, im Training immer nur seriös zu sein. Wenn es lockerer zugeht, dann hilft es allen – ich muss doch schon im Spiel in der Innenverteidigung immer ganz seriös bleiben, ich darf mir da keinen Fehler erlauben.“

So ist es. Auch in Hoffenheim wird der HSV wieder ganz auf die seriöse Seite des Gojko Kacar setzen. Hoffentlich mit Erfolg. Wie gegen den 1. FC Köln. Auch wenn es beim 6:2-Sieg sicher einige Szenen gab, die nicht ganz so seriös aussahen – nicht nur bei Kacar.

17.41 Uhr

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