Monatsarchiv für Februar 2011

Veh: “Ich habe so etwas noch nie erlebt”

20. Februar 2011

„So ist Fußball. Gegen St. Pauli hatten wir 25:4 Torschüsse und schießen kein Tor, gegen Werder war das Verhältnis 13:8 – und wir gewinnen 4:0.“ Sagte mir Bernd Hoffmann nach dem Sieg über Werder. Ja, so ist Fußball. Manchmal. Dieses 4:0 über die Bremer war ja ein gefühltes 8:0 für mich. Unglaublich, wie schwach die Schaaf-Herde diesmal war – so spielt ein Absteiger. Wie aber der Werder-Trainer die 90 Minuten in Hamburg sah, das überraschte dann auf jeden Fall jene Medienvertreter, die sonst nur den HSV verfolgen. Tenor im Presseraum: „Welches Spiel hat Schaaf denn gesehen?“ Denn der Coach sagte: „Diese hohe Niederlage war in der ersten Halbzeit nicht erkennbar, ich fand, dass wir eigentlich ganz gut drin im Spiel waren, dass wir den HSV gut zugestellt haben, dass wir nicht viel zugelassen haben – das 0:1 wie aus heiterem Himmel bekommen haben. Die erste Halbzeit haben wir noch ganz gut geführt, aber nach dem zweiten Gegentor haben wir uns dann nicht mehr gewehrt.“ Schaaf hat sich am Rande versucht zu wehren, er war aktiv, aber seine Truppe wirkte schlapp, langsam, umständlich, zusammenhang- und leblos – ohne Herz. Nein, Herz gab es dann und wann, nämlich dann, wenn es galt, Schiedsrichter Florian Meyer ein paar passende Takte in Sachen Spielleitung zu erzählen. Allen voran Ober-Motzer Frings. Der vergeudete viel Kraft, fast seine ganze Kraft, beim Protestieren. Aber was schreibe ich? Das sind ja alles hausgemachte Probleme der Bremer, das hat mich ja gar nicht zu interessieren.

Beim HSV waren sie nach diesem Befreiungsschlag alle glücklich. Es herrschte zwar kein Jubel, aber eine gewisse Zufriedenheit. Vor allen Dingen wohl deshalb, weil der von vielen prophezeite Absturz (nach der Pauli-Pleite) nicht eingetreten war. Ich habe es bereits geschrieben, der HSV hat sicher nicht überragend gespielt, einige Fans meinten sogar, dass der HSV schlechter als gegen St. Pauli war, aber gegen diese uninspirierten Bremer mit Zweitliga-Niveau langte es eben zu diesem großen Resultat. 4:0 gegen Werder, wie oft hat sich der Hamburger Anhang einen solchen Hammer-Erfolg gewünscht und erhofft? Zu oft.

Armin Veh hatte die HSV-Elf auf einigen Positionen umgekrempelt – und dabei sicher sehr, sehr viel Mut bewiesen. Wenn das schiefgegangen wäre . . . So aber durfte auch er sich als großer Sieger fühlen, und das genoss er sichtlich. Wie er am Rande die Tore bejubelt hat, dass hatte schon was. Richtig explodiert ist er fast jedem Treffer, so kannte ihn Hamburg noch gar nicht. Zentnerschwere Lasten dürften dabei von seinen Schultern gefallen sein. Obwohl ich ja glaube, dass er innerlich schon mit dem Kapitel Hamburg abgeschlossen hat. Er verrät ja nichts über seine Zukunft, aber es spricht fast alles für seinen Abschied – spätestens im Sommer.

Mein von mir sehr geschätzter Kollege Matthias Linnenbrügger hörte sich, wie alle anderen Medien-Vertreter auch, die folgenden Aussagen von Veh zum Thema neuer Sportchef (Frank Arnesen) ganz genau an und befragte den HSV-Coach später dazu.

Veh sagte zum (am Sonnabend noch offenem) Sportchef-Thema: „Wenn es so ist, wenn Arnesen kommen sollte, dann wäre das für den HSV sicher eine sehr, sehr gute Personalie, dann hätten sie einen großen Schritt gemacht. Ein Schritt, der aus meiner Sicht auch notwendig ist, und darauf kann sich der HSV sicher freuen. Wenn es so kommt. Und ich hoffe, dass es denn so kommt. Für den HSV. Es sind ja schon ein paar andere Dinge passiert – aber in diesem Fall glaube ich, dass es hoffentlich so kommt.“

Jetzt Linnenbrüggers Frage: „Herr Veh, Sie haben eben nur vom HSV und von dem Verein gesprochen, Sie haben haben nicht von wir gesprochen, aber Sie sind doch HSV, oder?“ Die Antwort von Veh: „Ich kann nicht von uns und wir sprechen. Ich bin jetzt bis zum 1. Juli HSV. Ich habe nur einen Ein-Jahres-Vertrag, von daher . . . kann ich dazu nichts weiter sagen.“ Die Nachfrage: „Haben Sie für sich schon entschieden, wie es im Sommer mit Ihnen weiter geht?“ Veh ein wenig zögerlich: „Ich sage jetzt erst einmal nichts.“ Dann folgt noch: „Ich versuche mein Bestes, ich versuche, wie ich es immer sage, ich versuche das Beste daraus zu machen aus der Situation. Das ist ja auch schwierig, denn normalerweise, wenn man einen Ein-Jahres-Vertrag hat, dann verlängert man im Winter. Denn sonst wird es schwierig, denn die Mannschaft weiß dann ja, dass der Trainer am Ende der Saison weg ist. Der Trainer plant ja gar nicht mehr für die nächste Saison . . .“ Veh tröstet sich über diese Situation selbst hinweg: „Aber dafür, dass das so ist, kriegen wir das jetzt noch ganz gut hin.“

Wie klingt das für Euch? Zuversicht sieht anders aus, liest sich sicher auch ganz anders. Und wenn ich da ein wenig (oder etwas mehr) Abschied in diese Sätze lege, dann liege ich wahrscheinlich nicht ganz so falsch. Oder?

Armin Veh wirkt bei seinen Aussagen betroffen. Die gesamte Situation geht nicht spurlos an ihm vorbei. Und er fügt noch ein wenig wehmütig an: „Nun stellen Sie sich mal vor, wir hätten noch am Mittwoch gewonnen. Diese Niederlage hat uns sehr wehgetan, aber wir hätten es doch auch gewinnen müssen. Und dann wären wir die beste Rückrunden-Mannschaft gewesen, dann hätten wir 15 Punkte nach sechs Spielen gehabt – aber die Stimmung ist hier so, als hätten wir minus zehn Punkte . . .“ Glücklich klingt anders.

Wer aber plant denn schon für die nächste Saison? Der HSV befindet sich ganz offenbar in einem Vakuum-Zustand. Nichts Genaues weiß man nicht. Dazu die Meinung von Veh: „Wenn jetzt ein Sportchef kommt, dann müssen die handelnden Personen planen, ganz klar, diese Personen müssen es dann machen. Im Moment sind wir nicht handlungsfähig, wer soll das denn machen? Deswegen ist es ganz, ganz wichtig, dass ein Sportchef kommt. Wer soll das denn machen? Das ist doch ganz entscheidend für die nächsten Jahre.“

Inzwischen steht längst fest, dass der HSV Frank Arnesen als Sportchef verpflichtet hat. Der Klub schickte deshalb eine Mail an alle Sportredaktionen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Hier ist sie:

„Frank Arnesen wird ab dem 1. Juli 2011 neuer Sportchef des Hamburger SV. Der Aufsichtsrat des Vereins und der 54-jährige Däne, der aktuell als Sportdirektor beim Premiere-League-Klub FC Chelsea tätig ist, einigten sich auf einen Vertrag bis zum 30. Juni 2014. HSV-Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff: „Ich bin sehr glücklich, dass uns diese großartige Lösung gelungen ist. Frank Arnesen hat nicht nur mit seiner Erfahrung als Manager internationaler Top-Klubs Erfahrungen gesammelt, sondern insbesondere durch seinen Fokus auf Nachwuchsarbeit und der Ausbildung von Spielern genau die Kompetenz, die für uns in Zukunft von richtungsweisender Bedeutung ist.”
Auch Frank Arnesen freut sich auf die Herausforderung und seine erste Station im deutschen Fußball: „Ich bin geehrt vom Interesse des HSV und der Überzeugung der Verantwortlichen des Vereins. Der HSV ist ein besonderer Klub mit einer großen Tradition und fantastischen Bedingungen. Ich bin überzeugt, dass wir mit der vorhandenen Kraft und den richtigen Entscheidungen etwas Großes entwickeln werden.”
Begleitet wird Frank Arnesen vom aktuellen Chefscout des FC Chelsea Lee Congerton, der zukünftig die Funktion des Technischen Direktors übernehmen wird. Ebenfalls zum sportlichen Führungsteam gehört Bastian Reinhardt,der vom 1. Juli an auf sein Vorstandsmandat verzichten wird. Ernst-Otto Rieckhoff: „Bastian Reinhardt hat sich in den vergangenen Monaten mit seiner Arbeit und seiner Loyalität um den Verein verdient gemacht. Ich bin froh, mit ihm gemeinsam eine Lösung gefunden zu haben, die allen Beteiligten, dem HSV und insbesondere Bastian gerecht wird.”
Der ehemalige dänische Nationalspieler Frank Arnesen begann seine Aufgabe beim amtierenden Premiere-League-Champion FC Chelsea 2005, zunächst als Nachwuchsleiter und Chefscout. Im Mai 2008 wurde er zusätzlich in den Vorstand des Vereins berufen, seit 2009 arbeitet er als Sportchef und ist zudem Chefanalytiker. In seiner Zeit beim FC Chelsea wurde der Verein zweimal englischer Meister (2006, 2010) und gewann 2007, 2009 und 2010 den englischen Pokal, zudem 2009 den englischen Super-Cup. In der Champions League stand Chelsea 2008 im Finale sowie zweimal im Halbfinale (2007, 2009).
Nachdem er seine Karriere als Profi beendete, war Arnesen zunächst Co-Trainer von PSV Eindhoven und übernahm 1994 das Amt des Sportdirektors. 2004 wechselte er dann als Manager zu Tottenham Hotspur nach England.
Frank Arnesen begann seine Karriere bei Fremad Amager in Kopenhagen. 1975 wechselte er zu Ajax Amsterdam, dort wurde er 1977, 1979 und 1980 niederländischer Meister und gewann zudem 1979 den niederländischen Pokal. Zur Saison 1981/82 wechselte er zum FC Valencia, wo er zwei Jahre lang blieb und dann zum RSC Anderlecht wechselte. 1985 wechselte er zum PSV Eindhoven, mit dem er dreimal niederländischer Meister wurde und 1988 den Europapokal der Landesmeister gewann. 1988 beendete er seine Karriere.
Für die dänische Nationalmannschaft absolvierte Arnesen 52 Länderspiele und schoss dabei 14 Tore. Er nahm an der Europameisterschaft 1984 in Frankreich und der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko teil. Bei der EM in Frankreich wurde er mit drei Toren hinter Michel Platini zweitbester Torschütze.“

So, das ist das offizielle Schreiben (und die Erklärung) des HSV. Was aus dem Team um den Schweizer Paul Meier wird, das noch vom Fast-HSV-Sportchef Urs Siegenthaler installiert wurde, bleibt offen. Vorerst jedenfalls.

Zurück zu sportlichen Seite des 4:0-Sieges. Heiko Westermann auf der Sechs, Gojko Kacar als Innenverteidiger. Das waren die gravierendsten Änderungen, die Veh diesmal vorgenommen hatte. Und geht es nach dem Trainer (und danach geht es ja nur), dann wird das auch in Zukunft so bleiben. Die Erklärung des Trainers: „Auf der Sechs hatten wir bislang mit Ze Roberto und David Jarolim zwei ganz ähnliche Spieler, die oft kurz-kurz spielen, aber wir kamen nicht da vorne rein. Mit Heiko Westermann wollte ich Dynamik ins Mittelfeld bringen, und wenn sich keiner verletzt, dann bleibt er auf dieser Position, denn wir müssen schneller werden, wir müssen mit Tempo in die Spitze spielen. Es ist schade für Jaro, aber ich habe mich so entschieden.“

Entschieden hatte sich der Trainer auch gegen Eljero Elia. Rauf auf die Tribüne. Die Erklärung Vehs: „Ich wollte einmal das sehen, was er von sich behauptet, dass er 100 Prozent gibt, dass er alles tut für den Verein. Und dann muss er es mir auch zeigen. Ich habe ihn Mittwoch gegen St. Pauli eingewechselt, er hatte vorher in der Zeitung angekündigt, dass er alles geben werde – und wenn er das dann nicht tut und nicht versucht, aus meiner Sicht, dann ist auch mal Ende der Fahnenstange.“ Vielleicht ist es ja genau eine solche Maßnahme, die Elia noch vor einem totalen Untergang in Hamburg bewahrt – wenn er denn tatsächlich alles so versteht, wie es der Trainer gerne möchte. Aber darauf haben andere in Hamburg auch schon (vergeblich) gewartet. Ein Jammer, wie sich ein solches Talent selbst solchen Schaden zuführen kann. Wo bleibt da der Berater, der sich auch mal beratend einschaltet – und nicht nur mit einem neuen Verein aufwartet?

Abwarten, wie es nun weiter geh mit Elia. Armin Veh sprach nach dem Spiel am Sonnabend auch über den Druck, den er (und die Mannschaft) vor dem Bremen-Spiel hatte: „Die Situation nach dem Mittwoch-Spiel war nicht normal. Ich habe eine solche Situation auch noch nie erlebt. Dass man enttäuscht ist, das ist klar, aber dass das so extrem ist, das habe ich noch nie erlebt. Da konnte man ein solches Spiel ja gar nicht sachlich analysieren, darum ging es ja gar nicht – da ging doch um Animation. Oder um Dinge, die mit Sport weniger zu tun haben.“ Und: „Wir waren doch alle platt, wir waren doch alle down.“

So ist es. Und einige sind es sicherlich noch immer. Fans, Offizielle – und Spieler. Und in Zukunft wird auch so mancher HSV-Profi noch platter sein. Am Sonnabend saßen Stars wie Ruud van Nistelrooy, David Jarolim und Piotr Trochowski auf der Bank, Eljero Elia sogar auf der Tribüne. Und so mancher wird sich darauf einstellen können, dass sich an diesem Zustand sobald auch nichts ändern wird. Veh: „Wir müssen versuchen, dass wir permanent die beste Mannschaft aufstellen, von der man meint, dass es die beste Mannschaft ist. Auch wenn es Spieler gibt, die damit nichts anfangen können, aber das ist mir denn im Prinzip . . .“ Der HSV-Coach hält kurz inne, dann fährt er mit einem neuen Satz fort: „Auch wenn man draußen sitzt, dann sollte man sich mit dem Team identifizieren. Wenn einer das nicht macht, dann ist er fehl am Platz. Das, genau das machen uns doch alle vor, Mannschaften wie Hannover und Freiburg, auch Nürnberg macht uns vor.“ Teamgeist versetzt Berge, die „Kleinen“ zeigen es derzeit, wie es geht, gehen kann, und die Arrivierten wie Werder, Stuttgart, Schalke oder auch Wolfsburg setzen dagegen eher auf die Millionen, die sie für neue Spieler ausgeben. Armin Veh: „Wir haben zwar die besseren Einzelspieler, aber wir müssen besser als Team auftreten. Wer das nicht kann, wer da draußen sitzt und nicht mitfiebert, der wird es bei mir schwer haben in Zukunft.“

Bei Hannover 96 war das am Wochenende sehr schön zu sehen. Da stürmte die gesamte Mannschaft nach einem Tor auf den (schmollend?) auf der Bank sitzenden Ersatztorwart Fromlowitz zu und umarmte ihn. Beim HSV sah man eine solche Szene (in dieser Saison) höchst selten, aber – es geht bergauf. Jawoll, langsam, aber es geht. Nach dem 4:0 von Änis Ben-Hatira kamen alle Feldspieler auf den Torschützen zu und feierten ihn – an der Eckfahne des Werder-Tores. So etwas hat es lange, lange nicht mehr gegeben. Und auch nach dem Schlusspfiff kamen die Ersatzleute auf die HSV-Spieler zu (um zu gratulieren), die bis zuletzt auf dem Rasen waren. Na bitte, es geht doch. Und: weiter so! Kurzer und knapper Kommentar Veh: „Ich finde, dass sich so etwas auch gehört.“

Auch Ruud van Nistelrooy war dabei. Über ihn und seine derzeitige Situation befand der Coach: „Ruud wollte in den letzten Spielen, aber es war schwierig. Kopf und Körper sind eins, das habe ich schon oft erlebt, und dann macht man sich so viele Gedanken – und es wird schwer dadurch. Eines ist doch klar: Alles fokussiert sich auf ihn, das hat er sich ja auch hart erarbeitet, und deswegen erwartet hier jeder, dass er seine Leistung bringt. Und wenn er die dann einmal nicht bringt, dann ist es besser, dass man ihn auch mal raus nimmt aus der Schusslinie.“ Aber wie lange? Und schafft „RvN“ noch einmal die Wende? Veh: „Vom Körper her wird er es absolut wieder hinbekommen, ich hoffe nur, dass er es auch vom Kopf her schafft.“

An diesem Montag ist kein Training im Volkspark.

16.24 Uhr

4:0 – Wiederauferstehung im Volkspark

19. Februar 2011

Der HSV ist wieder da! Wer hätte das nach der Pleite vom Mittwoch gedacht? Gegen die Mannschaft von Werder Bremen, die wie ein Absteiger in Hamburg vorspielte, gab es einen lockeren 4:0-Erfolg. Es durfte endlich einmal bei einem Duelle mit dem ewigen Nordrivalen so richtig schön gejubelt werden – nach einem ganz schlimmen Tag nun ein ganz, ganz besonderer. Werder wurde in alle Einzelteile zerlegt, Torwart Frank Rost hatte nur einen einzigen Ball zu halten – und den gab es nach einem Querschläger sogar von den eigenen Kollegen. Keine Frage, so macht Fußball doch wieder Spaß!

Den Mut zur Lücke. Einige hatten ihn, einige aber verzichteten darauf. Sie feuerten ihren HSV, ihren Lieblingsverein weiterhin an – und das war auch gut so. Zwar war es relativ ruhig im Volkspark, aber nach dem, was vorher gelaufen war, hätte ich größere Lücken erwartet. Und eine Bus-Blockade gab es auch nicht. Das Leben geht eben auch nach einer Derby-Niederlage und einem weiteren krassen Rückschlag weiter.

Armin Veh hatte aufgeräumt. Gegenüber der Pauli-Pleite waren Gojko Kacar, Jonathan Pitroipa, Paolo Guerrero und Heung Min Son neu in der Startformation. Auf der Bank saßen Marcell Jansen und Ruud van Nistelrooy, dazu, und das sahen wirklich viele, viele Fans als ungerecht an: Auch David Jarolim und Änis Ben-Hatira sahen zu. Für mich waren das zwei, die sich gegen die „Braunen“ noch den Hintern aufgerissen hatten, die zu den Besseren im Veh-Team gehört hatte. Aber gut, der Trainer hat so entschieden, er wollte ein Zeichen setzen – vielleicht haben es ja alle verstanden.

Vor dem Spiel gab es noch eine interessante Szene in den Katakomben der Arena. Als die Mannschaften zum Aufwärmen aus den Kabinen kamen, entdeckte Ruud van Nistelrooy den hinter der Bande stehenden Kult-Masseur Hermann Rieger. „RvN“ klopfte „Hermann the german“ auf die Schulter und begrüßte ihn ganz herzlich – wie Hermann auch: „Hallo Burschi.“ Dabei streichelte er kurz die Wange des Niederländers. Eine sehr herzliche und menschliche Szene. Ich sprach mit Hermann Rieger, der mir sagte: „Es geht mir wirklich gut, wirklich gut. Es machen sich viele, viele Fans Sorgen um mich, ich danke allen für die Anteilnahme – ich bekomme unheimlich viel Post.“ Zum Matz-ab-Treffen am 18. März habe ich Hermann natürlich eingeladen, geht es ihm wie heute, dann ist er dabei. Das klingt doch gut, oder?

Nicht ganz so gut dann aber das Spiel. Einigen HSV-Profis steckte St. Pauli noch in den Knochen, denn von Tempo, Lust, Herz und Leidenschaft war nicht viel zu sehen. Verständlich in meinen Augen, auch wenn jetzt so mancher Fan sagen wird: „Wieso das denn? Die kriegen Geld, und nicht zu knapp, die sind alle Profis, die haben sich einzusetzen.“ Ist ja was dran, aber in diesem Falle denke ich, dass der eine oder andere HSV-Spieler eben nicht so schnell zur Tagesordnung übergehen kann. Profi hin, Profi her, das ist menschlich. Ich bin auch immer noch restlos bedient, von diesem schrecklichen Mittwoch . . .

Um mit einer aktuellen Nachricht zu beginnen, bevor es auf den Rasen geht: Frank Arnesen ist nach meinen Informationen schon der neue HSV-Sportchef, der Däne kommt im Sommer vom FC Chelsea und soll dann diesen maroden HSV auf Vordermann bringen. Möge er eine gute Hand haben, damit es endlich einmal wieder bergauf geht mit dem Klub.

Armin Veh hatte umgestellt, Heiko Westermann auf die Sechs genommen, Kacar neben Joris Mathijsen in die Innenverteidigung. Westermann war dann auch ein großer Aktivposten, lief viel, bot sich immer wieder an – und wollte als Kapitän ganz offensichtlich mit bestem Beispiel voran gehen. Auch wenn nicht jeder Pass von ihm ankam, er brachte eine gute Leistung.

Sein Nebenmann Ze Roberto spielte seinen „Stiefel“ so wie im Training herunter, eine „Hallo-wach-Tablette“ hätten sich besser auch Mathijsen und Paolo Guerrero eingeworfen. Wie gesagt, ich nehme sie diesmal in Schutz, ich habe Verständnis für eine solche Reaktion. Wobei Guerrero ja viel versuchte, aber ihm klebte irgendwie das Pech an den Stiefeln (in Halbzeit eins). Und wenn es mal gut aussah, dann stand Paolo auch meistens im Abseits . . . Aber er kam ja noch.

Guy Demel spielte rechts passabel, Dennis Aogo links ebenso. Kacar rechtfertigte seine Nominierung mit einer konzentrierten und engagierten Leistung, das war okay. Über links versuchte sich diesmal der kleine Son, und er kam nicht über einige Versuche hinaus. Er hängt nach der Asien-Meisterschaft immer noch irgendwie durch, da müssen alle noch reichlich Geduld aufbringen. Aber: Mit Eljero Elia hatten die HSV-Anhänger stets Geduld, dann wohl erst recht mit Son. Rechts war wieder einmal Pitroipa am Start, und der war in der Tat (auch wenn ihm längst nicht alles gelang) ein bewegendes Element. „Pit“ versuchte etwas, dribbelte, sprintete, lief. Ein Vorbild. Auch wenn er nach wie vor in Sachen Abschluss seine Erstklassigkeit sucht. Das wird aber wohl bis zum Ende seiner Karriere verfolgen.

Vorne gab es das Duo Mladen Petric und Guerrero. Petric fand in der Anfangsphase nicht ins Spiel, biss sich dann aber über den Kampf hinein. Kompliment, er hat bewiesen, dass es auch über einen solchen Weg geht. In seinem Eifer trat er sogar einmal Son um (41.), so dass der Südkoreaner einige Zeit leicht humpelte.

Das Spiel an sich war gewöhnungsbedürftig. Erschreckend, wie schwach Werder Bremen geworden ist, ganz erschreckend. Natürlich haben da einige sehr gute Kräfte gefehlt, aber dennoch, so schlecht habe ich den Nordrivalen seit Jahr und Tag nicht mehr erlebt. Irgendwie wie eine Altherren-Truppe. Und das gegen diesen so angeschlagenen HSV.

Bei dem natürlich auch viele Dinge daneben gingen. Freistöße und Eckbälle zum Beispiel – erschütternd. Und immer wenn der Ball quer oder zurück gespielt wurde, bewiesen die Fans ihre Ungeduld. Oder besser: Sie quittierten jeden dieser Tempo verschleppenden Pässe mit Pfiffen. Und einige skandierten es auch laut: „Wir ha’m die Schnauze voll.“ Nämlich von dieser Art Schnecken-Fußball.

Diesmal aber ging es nicht schief, diesmal rappelte sich der HSV auf. Angeführt von Westermann und dem immer aktiveren Petric ging es mehr und mehr Richtung Werder-Tor. Und das wurde belohnt: Erst störte Guerrero am Bremer Strafraum, dann kam Pitroipa am Eck des Sechszehners an den Ball, ein großartiger Doppelpass mit Westermann, der Pass zur Mitte – und Petric netzte ein (42.). Die Erlösung! Völlig verdient ging es mit dieser Führung in die Pause.

Nach dem Seitenwechsel weiter in dieselbe Richtung. Grün fand nicht statt. Im Gegensatz zu Mladen Petric, der immer mehr aufblühte. Lag es daran, dass der sonst übliche Nebenmann fehlte? Ich vermute es fast, aber zu beweisen ist so etwas natürlich nicht. Petric aber war der Mann, der das 2:0 fast im Alleingang besorgte. Er luchste Mertesacker die Kugel ab, Querpass auf den mitgelaufenen Guerrero, der diesmal nicht im Abseits stand und ohne die geringste Mühe den Ball ins leere Werder-Tor lenken konnte (64.). Und aus dem Norden tönte es : „Werder, Werder, Zweite Liga, oh ist das schön, euch dort wieder zu seh’n . . .“ Da fiel eine Riesenlast von den Schultern der HSV-Fans, die so lange auf eine Revanche für viele, viele Niederlagen gewartet haben. Für das 3:0 sorgte Guerrero mit der Pieke (79.). So schön und so einfach kann Fußball sein.

Den Schlusspunkt setzte der für Son eingewechselte Änis Ben-Hatira – nach einem Zuckerpass von Ze Roberto. Erfreulich: Bis auf Frank Rost kamen alle an die rechte Eckfahne (des Werder-Tors) gelaufen, um dem Talent zu gratulieren. Herrlich anzusehen.

Die Besten beim HSV: Petric und Westermann. Und, um auch das noch zu sagen: Im zweiten Durchgang legten sie alle noch eine Schippe drauf, auch die, die zunächst ein wenig schläfrig gewirkt hatten. Ze Roberto kam sogar noch prächtig in Fahrt. Und Guerrero belohnte seine Fleißleistung mit einem Doppelpack. Am Rande flippte Armin Veh fast aus vor Freude – alles richtig gemacht. Obwohl: David Jarolim draußen zu lassen, das werde ich nie verstehen. Zumal nach dieser (seiner) Leistung. Aber gut, da haben hier ja auch einige dieselbe Meinung wie der Trainer.

Übrigens: Auf dem Weg ins Stadion traf ich Ilka Seeler, die Frau unseres Mittelstürmer-Idols. Sie: „Na, wie geht das Spiel heute aus?“ Ich: „0:0.“ Sie: „Nein, nein, das können Sie vergessen, es gibt einen klaren 3:0-Sieg für den HSV, denken Sie an meine Worte.“ Habe ich. Und was war denn mit dem 4:0, Frau Seeler?

17.27 Uhr

Veh sortiert aus – auch “Jaro”? ERGÄNZUNG: Elia aus dem Kader gestrichen

18. Februar 2011

+++++++Nach dem Training verabschiedete sich Eljero Elia als Erster. Der Niederländer wurde von Trainer Armin Veh aus dem Kader gestrichen und schien mit der Entscheidung nicht einverstanden zu sein. Fortsetzung folgt….+++++++

Ganz schlecht drauf. Alle. Die Fans, die Mannschaft, auch ich. Und natürlich der Trainer. Wer sich die heutige Pressekonferenz ansehen kann, dem wird nicht entgehen, dass Armin Veh echt schlecht aussieht. Der Mann leidet. Und wie. Okay, irgendwie leiden wir ja alle, aber so wie ich Veh nun erlebt habe, so habe ich ihn noch nie wahrgenommen. Der wäre am liebsten gar nicht erst zur PK gekommen, der hätte wahrscheinlich schon besser heute als morgen gegen Werder spielen lassen – damit Gras über diese Sache wächst. Aber wächst da überhaupt so schnell Gras drüber? Da habe ich meine Zweifel. Zumal ja nicht garantiert ist, dass der HSV die Bremer aus dem Stadion pustet. Was ist, wenn der HSV nicht gewinnen sollte? Oder, noch schlechter: Was ist dann, wenn der HSV gegen den ewigen Nordrivalen, der ja eigentlich noch viel schlimmer angeschlagen ist als der morgige Gastgeber, verlieren sollte?


Dabei fällt mir ein: Die St.-Pauli-Fans sangen ja am Mittwoch nach dem Schlusspfiff auch irgendetwas von „Nummer eins in Hamburg“. Darum ging es ja auch. Oder? Nein, für mich eher nicht. Wie lächerlich ist denn das, nach der Nummer eins in dieser Stadt zu fragen? Diese Frage ist doch schon seit Jahrzehnten geklärt, da kann doch nicht ein solches Spiel dazu genommen werden, die Nummer eins zu werden. Wer ist denn die Nummer eins der beiden Städte Nürnberg und Hamburg? Der Club natürlich: 1:1 im Hinspiel, 2:0 gegen den HSV im Rückspiel gewonnen. Diese Frage, wer wo die Nummer eins ist, die ist doch totaler Blödsinn. Die Tabelle lügt nicht, sie allein zeigt die Wahrheit, nur diese eine Tabelle – und nichts anderes. Deswegen geht es auch morgen im Volkspark nicht darum, wer im Norden die Nummer zwei ist. Es geht darum, wieder aufzustehen. Es geht darum, Charakter zu zeigen, die richtige Einstellung – endlich einmal die richtige Einstellung.

Wer schlecht spielt, der darf wenigstens kämpfen, rennen, kloppen, beißen, kratzen.

Der HSV hat doch am Mittwoch nicht schlecht gespielt. „Wir haben St. Pauli eine Stunde lang an die Wand gespielt“, hat Dennis Aogo (der noch immer sehr betroffen wirkte) auch heute noch gesagt. Dem ist ja nicht zu widersprechen. Nur nach dem 0:1, da passierte kaum noch etwas. Da hätte eine erfahrene Mannschaft sich wehren müssen. Kämpfen, rennen, kloppen, beißen, kratzen – und das Herz auf dem Rasen zeigen. Und dann sind wir auch schon wieder bei Werder. Wenn diese HSV-Mannschaft das morgen nicht besser schafft, dann werden die Fans ganz sicher darauf reagieren. Ganz sicher sogar.

Denn schon jetzt ist ja von „Boykott“ die Rede. Viele Fans wollen gar nicht erst wieder ins Stadion kommen, ganze Fan-Klubs wollen sich für den Rest der Saison zurückziehen. Weil sie angeblich keine Kraft mehr haben. Ich denke aber, dass das nicht die richtige Antwort auf diese unglaubliche Pleite ist. Ein echter Fan steht auch dann zu seinem Klub, wenn es eine Katastrophe gegeben hat. Die hat es nun einmal gegeben, aber dann muss man da eben noch einmal durch. Jawoll, noch einmal und noch einmal und noch einmal. Was sollen denn die Anhänger von zum Beispiel Bochum, Bielefeld oder Hertha BSC sagen? Abgestiegen – und dann? „Ich bin dann mal weg!“ Aber gut, ich will und kann niemanden überreden, jeder ist seines Glückes Schmied. Alle sollten aber mal so denken: Keinem einzigen HSV-Fan hat diese Niederlage Spaß gemacht, keinem! Wenn nun alle beleidigt reagieren würden, alle schmollend zu Hause bleiben, weil es gegen den kleinen Nachbarn eine historische Niederlage gegeben hat – dann kann die Arena geschlossen werden. Oder es dürften dort in Zukunft Hunderennen ausgetragen werden. Ich halte es da eher mit diesen Leuten, die heute Flagge gezeigt haben: An den Autos klebten nach wie vor die HSV-Aufkleber, in der U-Bahn trugen die Leute HSV-Mützen und –Schals, sogar im Springer-Verlag lief ein Mitarbeiter mit einem HSV-Schal durch die Kantine. Bravo! Jetzt erst recht!

Morgen, gegen den notorischen Spielverderber aus Bremen, stehen mehr als nur die drei läppischen Punkte auf dem Spiel. Aufstehen und kämpfen. Alle. Auch der Trainer. Der ganz sicher weiß, dass es auch um seine Zukunft in Hamburg geht. Armin Veh ist Realist. Viel mehr Realist als alle anderen HSV-Trainer, die ich vor ihm hier erlebt habe (seit über 30 Jahren). Veh erkennt die Zeichen der Zeit wie kein anderer, und er wird ganz genau wissen, dass es gegen Werder auch um ihn geht. Und die Mannschaft wird es auch wissen. Im Interesse des Trainers ist zu wünschen, dass die Herren Profis ihren Chef nicht im Regen stehen lassen wollen, dass sie auch für ihn Gas geben und sich zerreißen. Es wird von allen HSV-Fans sicher ganz genau beobachtet, wie sehr sich die Mannschaft ins Zeug legen wird. Endlich einmal jeder 100 Prozent. Endlich einmal, bitte!

Mir hat ein Beitrag bei „Matz ab“ ganz gut gefallen. Da hieß es in etwas so: „Wir hatten drei Total-Ausfälle, und mit nur acht Spielern haben wir St. Pauli trotz allem noch beherrscht – das ist doch ein gutes Zeichen.“

Hoffen wir alle, dass es gegen Werder nicht einen Total-Ausfall geben wird. Armin Veh wird seinen Mannen den Marsch blasen, sie heißer als noch am Mittwoch machen.

Wobei ich gespannt bin, wie der Trainer ein gewisses Dreiecks-Problem lösen will: Gojko Kacar neben Joris Mathijsen in die Innenverteidigung, Heiko Westermann dann auf die (eine) Sechs. Neben wem? David Jarolim? Ze Roberto? Ginge es nach mir, würde ich keinen der beiden Staubsauger rausnehmen. Ze hat mir am Mittwoch spielerisch gefallen, „Jaro“ hat sich 90 Minuten zerrissen – als einer der wenigen HSV-Stars. Veh kann Jarolim nicht draußen lassen – ich hoffe es wenigstens sehr. Obwohl es jetzt doch ganz danach aussieht.
Ich wollte es ja eigentlich nie schreiben, nie, aber weil ich die Angst habe, dass „Jaro“ ein „Opfer“ dieser Pleite werden könnte, deswegen setze ich mich heute einfach mal über das mir selbst gegebene Versprechen hinweg:

Es war beim Sommertrainingslager in Österreich. Ihr erinnert Euch? Überall hieß es, dass der neue HSV-Trainer Armin Veh sich von „Jaro“ trennen will. Auch der Tscheche wusste es – und er gab im Training die richtige Antwort. Weil er ein Kämpfer ist. Nach einer Einheit traf ich „Jaro“ auf dem Weg vom Platz ins Hotel. Ganz allein. Ich fragte ihn, wie es denn nun um ihn stehen würde? Da zuckte er nur mit den Schultern. Dann war Pause. Plötzlich griff sich „Jaro“ an die Brust, dorthin, wo auf dem Trikot die Raute ist. Er sah mich so an, als ging es um Leben und Tod. Und er sagte mit einer Mischung aus Kampfgeist und Entsetzen in der Stimme: „Ich würde immer einen Verein finden, das ist überhaupt keine Frage, aber wenn ich aus Hamburg weg müsste, dann würde es mir das Herz zerreißen. Dieter, ganz ehrlich, es würde mir das Herz zerreißen . . .“ Dabei griff er sich noch energischer an sein Trikot und zerrte wie wild an seiner Brust. Das war keine schauspielerische Leistung, das war bitterer Ernst. Ich werde diese Szene niemals vergessen.

Ich wurde schon vor dem ausgefallenen Derby von einigen angegriffen, weil dort Veh auch schon geplant hatte, aus Jarolim zu verzichten. „St. Pauli lacht sich tot“, schrieben mir einige, und einer forderte von mir: „Dann habe einen Arsch in der Hose und schreibe es, dass du dagegen bist.“ Jarolim hätte aber doch gespielt. Deswegen kann man schlecht vorher Alarm schlagen. Diesmal aber sieht es wieder so aus, als wenn „Jaro“ draußen bleiben müsste – und das wäre nach seiner Leistung vom Mittwoch eine schreiende Ungerechtigkeit. Es wäre für mich das völlig falsche Signal, denn warum sollte einer draußen bleiben, der 90 Minuten Gas gibt. Für den HSV. Für die Raute. Für die Mannschaft. Für die Fans.

Aber gut, letztlich bin ich auch nur einer, der jede Maßnahme eines Trainers hinnehmen muss. Ich kann es nicht verhindern, wenn es denn tatsächlich ohne „Jaro“ gegen die Bremer gehen sollte. Und: Werder muss ja auf Pizarro und Wiese verzichten, vielleicht ist dann der Verzicht aus Jarolim ein kleines Entgegenkommen auf Hamburger Art. Vielleicht. Mal abwarten. Beim heutigen Training in der Arena spielte folgende Elf: Rost; Demel, Kacar, Mathijsen, Aogo; Westermann, Ze Roberto; Pitroipa, Son; Guerrero, Petric.

Ohne Ruud van Nistelrooy eigentlich – und das wiederum finde ich gut. Wobei ich sagen muss, dass ich nichts gegen den Menschen van Nistelrooy habe. Der Trainer aber hat wohl eingesehen, dass es mit van Nistelrooy und Petric als Doppel-Spitze einfach nicht geht. Es geht nicht. Die beiden Stars können nicht miteinander, obwohl alle beim HSV, die eine Funktion haben, stets das Gegenteil beschwören, aber sie liegen falsch, falsch, und nochmals falsch. Deswegen ist es richtig, wenn Veh nun auf einen der beiden Angreifer verzichtet, und dass es „RvN“ getroffen hat, ist keine Überraschung, er hat zuletzt einfach nichts mehr gezeigt. Oder nur das gezeigt, dass er zurzeit – immer noch wegen des geplatzten Real-Wechsels – nicht so gut drauf ist.

Beim St.-Pauli-Spiel allerdings hatte ich auch phasenweise den Eindruck, als wenn niemand mehr in dieser HSV-Mannschaft den früheren Weltstar suchen, in sein Spiel mit einbeziehen würde. Als gäbe es da eine Barriere, die keiner nehmen kann – oder will. Traurig stimmt mich das schon, aber es ist offenbar auch nicht mehr zu ändern. Auch daran dürfte, wenn es denn eines nicht mehr fernen Tages zur Trainer-Trennung kommt, Armin Veh letztlich gescheitert sein. Diese Mannschaft beherbergt einfach zu viele Spieler, die zuviel Neid mit sich herumschleppen. Deswegen wird diese Mannschaft auch nie ein Team.

Das ist sicher der Hauptgrund, warum diese Saison nicht so verlaufen ist, wie es von vielen vorher erhofft worden war. Ein anderer gewichtiger Grund ist aber auch das fehlende Tempo. Der HSV baut in Zeitlupe auf, Schnecken-Fußball: stümperhaft, zähflüssig, umständlich, unkoordiniert – Wahnsinn. Als ich am Mittwoch nach dem Spiel aus der Arena „geflüchtet“ bin, sah ich noch ein wenig bei Arsenal gegen Barcelona rein. Weil ich nach dem Kick im Volkspark einfach noch Bock auf richtigen Fußball (endlich mal Fußball!) hatte. Mensch Meyer, was war das für ein Hochgeschwindigkeits-Fußball? Unglaublich. Da liegen ja Welten dazwischen. Zwischen Hamburg, London und Barcelona. Und sicher gibt es noch viele, viele Städte, die man da noch nennen könnte. Der HSV spielt dagegen keinen Fußball, er quält Fußball. Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn. Aber gut, es ist ja so wie es ist – sagt Steffi.

Noch einmal zum Schluss (viele werden nun sagen: „Wo wir gerade beim Thema Tempo sind.“): Glaubt eigentlich ein jeder HSV-Fan, der sich (auch bei Matz ab) schon gegen Piotr Trochowski geäußert hat, dass es ohne ihn besser läuft? Um es einmal klar zu sagen (da habe ich einen Arsch in der Hose): Ich glaube das immer noch nicht, und ich werde es auch nicht glauben – nie.

Aber, wie sagte früher ein uns nicht ganz unbekannter Mittelstürmer: „Das ist ganz allein Sache des Bundestrainers.“ Und so ist es dann ja auch.

16.59 Uhr

So, noch eine kleine Ergänzung: Dass Frank Arnesen neuer Sportchef werden soll, das stimmt – wir werden in den nächsten Tagen wissen, wann, wie, warum.
Und zum Geheim-Training im Volkspark: Die B-Mannschaft besiegte die A-Vertretung 3:1. Für B traf Ruud van Nistelrooy zweimal, das Tor für A erzielte Mladen Petric per Elfmeter. Eine verpatzte Generalprobe beschert ja oftmals eine glanzvolle Premiere . . . Zuletzt aber hat meistens B gewonnen.

“Kopf hoch, Arsch hoch – und weiter geht’s!”

17. Februar 2011

Wunden lecken. Nicht sprechen. „Es ist alles gesagt worden“, sagte Kapitän Heiko Westermann heute, als er um 12.36 Uhr die Kabine gen Heimat verließ. Und irgendwie hatte er recht. Jedes zusätzliche Wort zu dieser Niederlage würde nur zusätzliche Leidenszeit bescheren. Entsprechend hatten sich alle HSV-Profis heute ein Sprechverbot auferlegt. „Wir müssen uns damit abfinden, diese Schmach ein halbes Jahr zu ertragen, bis sich die nächste Gelegenheit zur Revanche bietet.“ Das waren die Worte des Kapitäns direkt nach Spielschluss. Und sie spiegeln das wieder, was derzeit unumgänglich ist. „Da müssen wir jetzt durch“, sagt Frank Rost, „aber am Sonnabend geht es schon weiter. Deshalb kann es für uns nur gelten: Kopf hoch, Arsch hoch und weitermachen. Von Spiel zu Spiel.“

Und auch wenn es meiner journalistischen Sorgfaltspflicht entspräche, heute noch mal in die detaillierte Analyse zu gehen, es täte zu sehr weh. Nein, ich schummel mich aus diesem Dilemma mit der Ausrede heraus, dass in 48 Stunden schon das nächste wichtige Spiel ansteht. Das nächste Nordderby. Die nächsten eingeplanten drei Punkte. Und die Möglichkeit, Wiedergutmachung zu betreiben.

Wirklich Wiedergutmachung?

Ich glaube ganz ehrlich, dass auch ein Sieg gegen Werder, der in den letzten Jahren alles andere als selbstverständlich war, nicht alle Wogen glätten kann. „Jeder Spieler weiß, dass er die Möglichkeit hat, zumindest ein kleines Pflaster auf die große Wunde zu legen“, sagt Bernd Hoffmann und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Auch er weiß, dass diese Niederlage gegen die Nummer zwei der Stadt nur dann eine untergeordnete Rolle spielen wird, wenn sich der HSV doch noch zu seinem Minimalziel Europa League retten kann. Aber dafür ist ein Sieg im Heimspiel gegen den abstiegsbedrohten Nordrivalen von der Weser Pflicht. Kaum auszudenken, was passieren würde, wenn auch das zweite brisante Derby verloren ginge…

Die Frage, die sich stellt, ist, wie reagiert der HSV? Welche Reaktion zeigen die Spieler, welche der Trainer? Und während die Erstgenannten gestern nach einer kurzen Analyse seitens Veh individuelle Einheiten im Kraftraum absolvierten, deutete der Trainer bereits an, personell reagieren zu wollen. Nicht wenige rechnen mit einer Auszeit für Ruud van Nistelrooy. Genauso soll Gojko Kacar wieder in die Innenverteidigung rotieren. Und auf links scheint sich nach seiner schwachen ersten Halbzeit Marcell Jansen wieder ins Hintertreffen gebracht zu haben. Alles nicht wirklich überraschend. Oder doch?

Zumindest bei Kacar scheint es interessant zu werden, denn der Serbe soll nicht etwa Joris Mathijsen wieder ablösen sondern mit eben jenem zusammen die Innenverteidigung bilden. Dafür rückt Heiko Westermann auf die Sechs neben Zé Roberto. Leidtragender hierbei wäre der für mich beste HSVer gegen St. Pauli, David Jarolim. Oha! Westermann als zuletzt ordnender Abwehrchef aus dem Abwehrzentrum raus, dort stattdessen mit den beiden zweikampf- aber nicht zwingend sprintstarken Mathijsen und Kacar spielen – für mich ein unnötiger Umbau. Und ein unverständlicher, vor allem zu diesem Zeitpunkt. Die Abwehr hat in den letzten Wochen wenig bis nichts zugelassen, was zu einem großen Teil an der Zweikampstärke Westermanns festzumachen ist. Und Veh hatte vor kurzem „mehr Männer auf dem Platz“ gefordert und diese Forderung ausgerechnet vom Tschechen par excellence umgesetzt bekommen. Aber gut, abwarten. Schon vor zwei Wochen hatte Veh angedroht, Jarolim aus der Startelf zu nehmen und ihn letztlich doch wieder ins A-Team berufen. Egal. Schließlich ist es bislang noch nicht mehr als ein Gerücht, dass Jarolim diesmal wirklich draußen bliebt.

Gleiches gilt für van Nistelrooy. Der Niederländer genoss zuletzt den Vertrauensvorschuss seines Trainers. Und es scheint, als sei dieser langsam aufgebraucht. Mannschaftsintern genießt der ehemalige Welttorjäger weiter einen guten Ruf. Allerdings lassen die Spieler in ihren Analysen auch keinen Anlass aus, zu betonen, dass dem HSV einfach die Effizienz vor dem gegnerischen Tor fehlt. Und dabei nehmen sie auch van Nistelrooy stark mit in die Verantwortung, der kaum Torszenen geschweige denn Tor vorzuweisen hat.

Das wiederum liegt zum einen an den derzeit schwachen Außenbahnen (Aogos Flanke in der 40. Minute ist da eine der wenigen Ausnahmen), aber zum anderen auch an van Nistelrooy selbst. Der Angreifer scheint aktuell nicht in Form zu sein. Ob er dies mangels Motivation – wie die einen sagen – oder mangels sportlicher Verfassung ist, lasse ich ganz bewusst dahingestellt. In der Konsequenz bleibt es sich gleich – denn die würde bedeuten, einen formstärkeren Angreifer zu bringen, bis Ruud wieder in Form ist.

Oder eben die Außenbahnen umzubesetzen. Änis Ben-Hatira hat gegen St. Pauli wieder viele gute Aktionen begonnen – und sie wie zumeist unvollendet gelassen bzw. schwach abgeschlossen. Der 22-Jährige betreibt einen unglaublich und lobenswert hohen Aufwand. Ihm wäre ein Tor oder eine Torvorlage zu gönnen, er hätte es wirklich verdient. Aber er spielt einfach unglücklich. Sein Spiel ist fast symptomatisch für die mangelhafte Effizienz im Angriff. Gut möglich, dass Veh Ben-Hatira gegen Werder eine Pause gönnt und Jonathan Pitroipa oder Eljero Elia bringt. Oder auch beide, sofern auch Jansen auf die Bank muss.

Ich bin gespannt. Sehr sogar. Nach der Pressekonferenz mit dem Trainer und dem anschließenden Abschlusstraining um 16 Uhr unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Imtech-Arena werden wir mehr wissen. Mehr gibt es heute nicht zu sagen. Im Gegenteil, so schwer es momentan auch noch fallen mag, es muss weitergehen. Werder ist das Stichwort – und die Europa League weiterhin ein zu realisierendes Ziel.

Ich mache es mir einfach und halte es mal mit den Worten von Frank Rost: „Kopf hoch, Arsch hoch – und weiter geht’s!“

In diesem Sinne, bis morgen!

19.30 Uhr

Eine historische 0:1-Niederlage

16. Februar 2011

Es ist doch geschehen. Der HSV verliert nach über 33 Jahren wieder einmal ein Punktspiel gegen den FC St. Pauli. Unfassbar, aber wahr. 1:0 siegten die „Braunen“ im Volkspark, weil der HSV lange Zeit kein Mittel fand, gegen den Kiez-Beton anzugehen, und weil dazu einige gute Tormöglichkeiten nicht genutzt wurden. Der HSV ist wieder auf dem Boden der Realität angekommen, die Aufholjagd erfuhr ein abruptes und ein – ich muss es leider schreiben – schreckliches Ende. Das war viel zu wenig, HSV. So sieht auch kein internationaler Fußball aus. Das war eine Leistung, wie sie eine Mannschaft bietet, die im Bundesliga-Mittelfeld beheimatet ist. Armin Veh steht nun auf einer Stufe mit Rudi Gutendorf, der 1977 der letzte HSV-Trainer war, der gegen St. Pauli vergeigt. Vorher ging es oft nur um die Höhe des HSV-Sieges, aber wenn eine Mannschaft in den Volkspark kommt, die 90 Minuten kämpft, dann ist auch eine Überraschung möglich. So bitter dieser 16. Februar 2011 auch ist. Einfach nur schade, jammerschade.

Zur Pause diskutierten sie mit dem Schiedsrichter. Erst Asamoah, dann Heiko Westermann und Ze Roberto. Dabei hatte Günter Perl nicht viele Dinge falsch gesehen. Zwei Gelbe Karten gegen den HSV, keine gegen St. Pauli. Das war er wohl, der kleine Aufreger. Gelb für David Jarolim, der Bartels umfegte, war Pflicht, die Gelbe gegen Ze Roberto, der Asamoah legte, war ein wenig zu hart –es geschah im Mittelfeld, und Ze hatte vorher noch kein einziges Foul begangen. Im Gegensatz zu St. Paulis Kante Zambrano, der sich einige Dinge erlaubte, die hart an der Grenze oder auch schon drüber waren. Aber da schloss Perl großmütig beide Augen . . . Was nicht spielentscheidend war, natürlich nicht, aber in einem Derby ist immer Zunder, und da geht es um Kleinigkeiten.

Aber es hielt sich eigentlich alles im Rahmen. Bis auf die St.-Pauli-Fans, die um 19.10 Uhr ein kleines Feuerwerk im Volkspark zündeten. Muss nicht sein, kommt aber immer wieder mal vor. Sogar beim HSV. Gelegentlich. Auf dem Rasen blieb es bei kleineren Scharmützeln. Boll attackierte einige HSV-Profis verbal, was sich für einen Kommissar nicht unbedingt gehört, aber er war ja nicht im Dienst. Änis Ben-Hatira legte sich mit Zambrano an, weil der bei einem geglückten Rettungsversuch noch schön mit gestrecktem Bein „nachzog“. Perl sah es nicht, obwohl er ja im Abendblatt gesagt hatte, dass er einst Fußball gespielt hat. Ehemalige Fußballer aber sehen eine solche Aktion (wie die von Zambrano) – und ahnden sie dann auch.

Tore? Mangelware. Hätte Perl nicht zur Pause gepfiffen, der HSV würde es immer und immer und immer wieder versucht haben. Nur das rechte Mittel, das fiel den Hausherren nicht ein. Oder viel zu selten. Das war erschütternd. Woran es lag? St. Pauli stand mit Mann und Maus hinten drin, und das ist bekanntlich erlaubt. Dann muss (und darf) sich der Gegner etwas einfallen lassen, aber genau daran lag es ja. Der gute Ruud (van Nistelrooy) vorne drin hatte einen Kopfball (den er sonst wohl macht), ansonsten aber nicht eine einzige Szene. Nicht mal einen so guten Pass, wie den in Wolfsburg auf Mladen Petric. Letzterer hatte auch keine Szene. Zu gut bewacht, diese beiden Spitzen. Zum Glück für den HSV zeigte rechts wenigstens Änis Ben-Hatira Leben. Ich war vorher skeptisch, ich hätte Jonathan Pitroipa gebracht, aber Änis strafte mich mit einer engagierten Leistung ab. Mein Gott, wenn er noch einen halbwegs vernünftigen oder koordinierten Abschluss hätte, dann . . . Dann hätte er zum Beispiel das 1:0 erzielt (42.). Aber er „schnibbelte“ den Ball aus 15 Metern am Pauli-Tor vorbei.

Links zeigte Marcell Jansen nichts. Und genau das war zu leicht für St. Pauli. Der hüftsteife Thorandt, sonst Innenverteidiger, der dürfte sich „totgelacht“ haben, denn mit einem kleinen Dribbelkünstler (wie Eljero Elia) hätte er sicher mehr (was heißt mehr, er hatte ja gar keine) Schwierigkeiten gehabt. Zum Glück korrigierte Trainer Armin Veh seine Aufstellung, denn dann kam Elia – endlich, möchte ich hinzufügen.

Die HSV-Defensive hatte alles (fast alles) im Griff. Nur zweimal hatte Joris Mathijsen schwer mit dem immer noch sehr agilen Asamoah zu kämpfen, zweimal war der St.-Pauli-Spieler weg, fiel zweimal, Glück, dass es da kein Gelb für den Niederländer gab. Ansonsten aber null Problemo. Guy Demel ließ nichts zu, Dennis Aogo auch nicht. Und im Mittelfeld arbeiteten Jarolim und Ze Roberto wie die „Wahnsinnigen“. Ze bestimmte den Rhythmus des Spiels, „Jaro“ erlief sich unglaublich viele Bälle, rieb sich in vielen, vielen Duellen auf – gab wieder einmal alles. Bravo! Schlecht von Ze: Seine Freistöße. Die Bälle verhungerten in schöner Regelmäßigkeit und landeten beim ersten St.-Pauli-Spieler, der ohne Mühe klären konnte. Das sind, ich sage es ja immer und immer wieder, Chancen, die man soooo leichtfertig nicht vergeben darf. In so engen Spielen muss man die Standards nutzen . . .

Die zweite Halbzeit hätte mit einem Paukenschlag beginnen können. Hätte. Elia bediente Ze Roberto, der erschien frei vor Pliquett, doch der Brasilianer traf nur das Außennetz. Das war eine fast “Hundertprozentige“. Aber es war auch der Auftakt zu einem Fußballspiel. Jetzt war noch mehr Feuer drin, jetzt ging es hin und her, weil auch St. Pauli einmal mitspielen wollte – und der HSV hatte Chancen. Ben-Hatira hätte von rechts klarer abspielen müssen, Ruud van Nistelrooy traf eine Ben-Hatira–Flanke nicht, und Mathijsen scheiterte aus fünf Metern an Pliquett. Es sollte nicht sein.

Das Tor fiel dann auf der anderen Seite: Kruse-Ecke, Boll verlängert, Asamoah köpft ein. Erste St.-Pauli-Chance, gleich ein Treffer – so kann es gehen (59.). Und: Alter schützt vor Toren nicht. Man kann sie nämlich auch erzwingen, man muss nur wollen.

Nach dem 0:1 brauchte der HSV, um wieder in Schwung zu kommen. Es passierte lange Zeit nichts. „Wir woll’n euch kämpfen seh’n“, so tönte es aus dem Nord-Westen, aber gekämpft wurde doch! Fußball aber hätte besser gespielt werden müssen.

Veh versuchte es dann mit einem Doppelwechsel. Van Nistelrooy (zu spät) und Ben-Hatira raus, Elia und Pitroipa rein (72.). Schon in der Anfangsphase hatte der neben mir sitzende „Scholle“ gesagt: „Der Sieg kommt heute von der Bank.“ Schön wär’s ja, habe ich so bei mir gedacht, aber ab der 75. Minute habe ich nur noch gehofft, gehofft, gehofft . . .

Aber es lief nichts mehr zusammen. Die Spieler standen zu weit auseinander, die Lücken zwischen Abwehr und Angriff viel zu groß. Die Angst vor einer Derby-Niederlage machte sich breit und lähmte ganz offenbar doch einige HSV-Spieler. Und wenn ich nach den ersten 45 Minuten noch gehofft hatte, dass St. Pauli diese hohe Laufbereitschaft nicht bis zum Ende durchhalten würde, so war auch das ein Trugschluss. Die „Braunen“ hielten durch, eher hatte ich beim HSV das Gefühl, dass einige überpowert hatten.

Elia, der ganz gut und vielversprechend begonnen hatte, tauchte völlig ab. Der eingewechselte Pitroipa zeigte auch wenig Leben, das war oft nur brotlose Kunst, was da gezeigt wurde.

Fast ein Skandal dann zum Schluss. Boll liegt am Boden (vor dem eigenen Strafraum), Ebbers läuft auf das HSV-Tor zu, könnte das 2:0 machen – gestoppt. Dann kontert der HSV, Boll liegt immer noch am Boden – und Perl pfeift ab. Richtig? Darüber kann man ganz sicher geteilter Meinung sein, vielleicht sollte der Schiedsrichter einmal darüber mit seiner Zunft reden, wo bleibt da die Gerechtigkeit?

Zum Schluss kippten die St.-Paulianer um wie die Fliegen. Auch das gehört zum Fußball. Zeitspielen ist ein oft genommenes Mittel – wenn der Unparteiische es zulässt.

Die Besten beim Verlierer: Heiko Westermann, der sich total verausgabte, und dazu auch David Jarolim, der ein gigantisches Pensum absolvierte. Und, das muss ich auch noch sagen dürfen: Mir tut Piotr Trochowski leid. Warum? Weil es Freistöße gab, die niemand schießen konnte oder wollte. Und die einige geschossen haben, die eigentlich nicht schießen dürften. Aber auch das gehört zum HSV 2011.

Dass die “Braunen” später noch lange Karneval im Volkspark feierten – das tat vielen, vielen HSV-Fans schon enorm weh. Und auf der Videowand wurde dazu ein wenig deplatziert geworben: Die zehn besten HSV-Spiele der Vereins-Geschichte . . . Lang, lang ist es her.

20.50 Uhr

“Uns Uwe” tippt auf 2:1 für den HSV

15. Februar 2011

Während des Abschlusstrainings schneite es unaufhörlich. Der HSV probte auf dem Bilderbuch-Rasen in der Arena ein letztes Mal für das Derby. Und um 16.26 Uhr wurde die spannende Frage beantwortet, wer denn am Mittwoch um 18.45 Uhr in der Startformation stehen wird. Da verteilte Co-Trainer Michael Oenning die grünen Hemden an: Rost, Demel, Westermann, Mathijsen, Aogo; Jarolim, Ze Roberto; Pitroipa, Jansen; Ben-Hatira, van Nistelrooy. Experten werden auf Anhieb erkenne, wer in dieser Formation fehlt: Mladen Petric. Der Stürmer fehlte beim Abschlusstraining, weil er sich einen grippalen Infekt eingefangen hat. Petric fühlt sich schlapp, aber er fährt dennoch mit ins Hotel, und erst am Tag des Spiels wird dann entschieden, ob er doch noch spielen kann. Die Frage ist, wer heute den „Platzhalter“ für Petric spielte? Ben-Hatira? Pitroipa? Oder keiner, weil Petric morgen passen muss?

So richtig Feuer war in diesem Training noch nicht erkennbar. Noch nicht. Wahrscheinlich haben sich die Spieler für morgen geschont. „Ich werde zu diesem Spiel nicht viel ändern, auf zwei Position eventuell“, sagt Armin Veh vor dem St.-Pauli-Spiel: „Die elf Spieler, die zum Einsatz kommen werden, die werden hoffentlich alles geben was sie drin haben – und ich hoffe, dass sie viel drin haben werden.“

Dann hoffen wir eben alle mal. Fest steht: Ruud van Nistelrooy steht auch diesmal wieder in der Anfangsformation. Und Eljero Elia dürfte, obwohl er so gerne zum Stammpersonal gehören würde (und es zuletzt auch in der Mopo forderte), dürfte auch diesmal wieder nur zum Bankpersonal gehören. Die kleinen Fragezeichen, die er zuletzt hinter dem Einsatz von Joris Mathijsen gab, dürften sich spätestens heute erledigt haben, denn der Niederländer spielte im Abschlusstraining neben Heiko Westermann, also dürfte die Innenverteidigung auch so stehen. Was bedeutet: Viel Pech für Gojko Kacar, der zuletzt wegen einer Roten Karte passen musste, denn der Serbe bleibt wohl auch zunächst draußen. Ich bin aber davon überzeugt, dass seine Zeit noch kommen wird – schon bald sogar.

„Wenn wir die nächsten zwei Spiele gewinnen, dann sind wir wieder oben dabei. Wenn wir aber nicht gewinnen, dann haben wir wieder ein riesiges Problem – so eng liegt das nebeneinander. Gewinnen wir zweimal, dann haben wir eine gute Ausgangsposition“, sagt Armin Veh zur näheren Zukunft seiner Mannschaft. Erst St. Pauli besiegen, dann auch am Sonnabend Werder Bremen – und schon sähe die Welt des HSV wieder absolut rosig aus. Aber diese zweimal 90 Minuten müssen eben auch erst einmal siegreich absolviert werden. Und das dürfte in beiden Fällen sehr, sehr schwierig werden, denn beide Kontrahenten kämpfen ums Überleben.

Und beim HSV kämpfen sie in diesen Tagen mehr denn je um einen Stammplatz. Gespannt bin ich darauf, wie der Dreikampf zwischen den Innenverteidigern Westermann, Mathijsen und Kacar ausgehen wird. Rückt der Kapitän eventuell auch vor auf die Sechs? Veh: „Das kann der Heiko auch gut spielen, da ist er torgefährlich, das kann er spielen.“ Und Außenverteidiger? Westermann betonte heute noch einmal, dass er dazu „keine Lust habe“. Und: „Ich gehe davon aus, dass ich morgen als Innenverteidiger auflaufen werde. Und wie es in Zukunft läuft, das lasse ich mal offen. Erst kommt das Derby.“ Der Trainer aber sagt zu dieser Problematik: „Natürlich kann der Heiko auch außen spielen – wenn Not am Mann ist. Ze Roberto hat das ja auch gemacht. Wenn es erforderlich ist, dann muss ein Spieler auch mal außen spielen, es ist dann ja für die Mannschaft nötig. Ist ja ein Mannschaftssport . . .“

Und da Heiko Westermann der HSV-Kapitän ist, wird er sich sicherlich auch fügen, wenn er dann mal eine andere Position als die des Innenverteidigers bekleiden soll. Noch ist es nicht wo weit. Und, wie schon gesagt, erst einmal kommt das Derby, dann alle anderen Gedanken. „Es ist das erste Stadt-Derby in der Bundesliga für mich, und wir sind alle heiß, dass wir dieses Spiel gewinnen wollen. Wir reden über nichts anderes mehr – und für die Fans ist es das wichtigste Spiel des Jahres. Und für uns ist es ein richtungsweisendes Spiel. Es geht ums Prestige, und ich gehe stark davon aus, dass wir gewinnen werden – und dann haben wir Rückenwind und rücken auch noch enger mit den Fans zusammen. Und dann können wir noch viel erreichen“, sagt Heiko Westermann und fügt an: „Wir werden brennen, und egal ob wir schön spielen oder schlecht spielen, wichtig ist, dass die drei Punkte im Volkspark bleiben.“

So ist es. Und so denken wohl auch alle HSVer. Obwohl der Größte unter ihnen zugibt, dass ihn das Derby-Fieber noch nicht so richtig gepackt hat. Uwe Seeler lacht, als er auf diese Frage antwortet: „Nein, nein, ich kenne das ja aus der Vergangenheit, es gab ja auch zu unserer Zeit oft diese Duelle mit dem FC St. Pauli. Derby-Fieber bekomme ich, wenn überhaupt, erst kurz vor dem Anpfiff.“ Wobei „uns Uwe“ diesmal nicht in der Arena sitzen wird. Die Rücken-Operation ist noch immer nicht so restlos verheilt, als dass sich das große HSV-Idol schon wieder ins Getümmel stürzen könnte: „Ich lasse es noch langsam angehen, obwohl es mir schon wieder gut geht. In diesem Fall ist aber Vorsicht angebracht.“

Natürlich, die Gesundheit geht vor. Und am Fernsehgerät ist es dann auch sicher etwas entspannter. Obwohl auch Uwe Seeler weiß, wie wichtig Derbys sind: „Klar, man will als Sieger vom Platz gehen, man will die Nummer eins in der Stadt sein, das ist der Hauptantrieb in diesen 90 Minuten. Wobei man im Sport ja immer mal davon ausgehen muss, dass es mal ein wenig schlechter laufen könnte, und dass einem auch mal das Pech an den Stiefeln klebt. Das gab es zu unseren Zeiten doch auch.“ Obwohl Uwe Seeler auch sagt, dass es zu seiner Zeit, in der Oberliga Nord, „nur wenige Niederlagen gegen den Nachbarn vom Millerntor gegeben hat“. Der HSV war in Hamburg immer die Nummer eins.

In der Bundesliga gab es ohnehin nur die eine, die vom 3. September 1977. Und diesmal? Uwe Seeler tippt auf einen 2:1-Sieg für den HSV. Und wenn nicht? Wenn der HSV verlieren sollte, was ja durchaus passieren könnte. „Dann“, sagt Uwe Seeler, „dann muss man ganz einfach feststellen, dass eine Niederlage ja auch kein Beinbruch wäre, davon würde die Welt nicht untergehen.“

Aber vorstellen kann sich der Ehrenspielführer nicht, dass „sein HSV“ als Verlierer vom Rasen geht, denn: „St. Pauli kommt als Aufsteiger in den Volkspark, der HSV hat vom Potenzial her ja die wesentlich bessere Mannschaft. Diese Unterschiede sollten normal ja zu sehen sein. Aber unsere Mannschaft muss wissen, dass sie nur über den Kampf zum Spiel finden wird. Das klingt zwar abgedroschen, aber es ist die Wahrheit. St. Pauli wird brennen, und deshalb muss der HSV von der ersten Minute an wach sein und den Kampf annehmen wollen.“ Seeler weiter: „Ich bin aber immer optimistisch, der Trainer und die Mannschaft, sie alle werden wissen, was in einem solchen Spiel zu tun ist.“

Ein Lob an Uwe Seeler trotz allem noch für den Außenseiter parat: „St. Pauli spielt bislang eine gute Saison, die Mannschaft lebt von ihrer Geschlossenheit, da wird alles gemeinsam gemacht, St. Pauli zeigt stets eine großartige Laufbereitschaft und auch ein großes Kämpferherz. Die Spieler wissen genau, dass sie nur gemeinsam ihr Ziel, den Klassenerhalt, erreichen können.“

Wenn aber der FC St. Pauli kämpft und rennt, hat der HSV dann nicht klare fußballerische Vorteile auf seiner Seite, die zum Sieg führen müssten? Seeler: „Beides kann man nicht so richtig vergleichen. Es ist doch so, dass man nur mit spielerischen Mitteln nicht immer zum Erfolg kommen kann, und gerade in einem Derby nicht, da muss auch Kampf und Laufbereitschaft gezeigt werden. Deshalb wäre der HSV gut beraten, wenn er gleich den Kampf annehmen würde.“

Dass Armin Veh auch weiterhin auf Ruud van Nistelrooy setzt, das hält Uwe Seeler für richtig: „Der Ruud ist immer gefährlich, auch wenn er zuletzt nicht so gute Spiele gezeigt hat. Jeder Spieler aber hat ein Recht darauf, auch mal nicht so gut zu spielen. Ich bin überzeugt, dass er wieder in seine Bestform zurückkommt.“ Der HSV wird darauf warten, weil ein „RvN“ in Torlaune durch keinen anderen Spieler zu ersetzen ist. Der HSV braucht Van-Nistelrooy-Tore. Auch um den Weg an die Spitze fortsetzen zu können. Wie beobachtet Uwe Seeler den HSV in diesem Jahr, hat er seinem Klub einen so guten Rückrunden-Start zugetraut? Seeler: „Was heißt zugetraut? Ich habe es erwartet, ich bin davon ausgegangen. Der HSV hat doch einen sehr gut besetzten Kader, der viel besser ist als der von den meisten anderen Bundesliga-Vereinen, da muss man doch erwarten, dass der HSV erfolgreich ist. Und das muss man ja auch noch sagen: Der HSV hat zwar zuletzt drei von vier Spielen gewonnen, aber vom Potenzial her kann er sicher noch um einiges besser spielen.“

Ob das aber ausgerechnet im Derby klappen wird? Eher ist davon nicht auszugehen. Das wird viel Kampf, Krampf, Gewürge, Gekicke, vielleicht auch etwas Getrete und Gekloppe. Für mich ist dann die Hauptsache, dass am Ende dieser „Schlacht“ der HSV als Sieger den dann umgepflügten Rasen verlässt. 2:1, wie Uwe Seeler tippt, oder 1:0, woran ich glaube – egal. Hauptsache Sieg.

Übrigens: Als der HSV den Rasen um 17 Uhr verließ, da war von einem kräftigen Grün kaum noch etwas zu erkennen. Im Gegenteil, das Spielfeld war weiß. Schnee-weiß. Ich will ja nicht unken . . .

17.29 Uhr

Zé Robertos Traum soll Wirklichkeit werden

14. Februar 2011

+++++Korrektur: Gündogan statt Erdogan+++++++

Bei Holger Stanislawski will noch immer kein echtes Derby-Feeling aufkommen. Sagt er zumindest selbst. Nur, was genau will er uns damit sagen? Dass ihm die Motivation fehlt?

Kein Problem!

Allein ich glaub es nicht. Ich kenne Stani seit Jahren und weiß, wie heiß der auf ein Spiel ist. Besonders auf dieses Derby. Seine Mannschaft ist in einem Rausch, er selbst lässt sich anstecken und prahlt, dass der FC St. Pauli in der aktuellen Verfassung nicht zu schlagen sei. Von niemandem. „Außer von uns“, kontert HSV-Sportchef Bastian Reinhardt die „leicht verfehlte“ Selbsteinschätzung Stanislawskis. Reinhardt selbst ist nach eigener Auskunft seit mehr als einer Woche schon in Derbystimmung. „Das sind alles kleine Sticheleien, die dazugehören. Vor dem Hinspiel und auch zuletzt vor dem ausgefallenen Spiel war es mir sogar schon zu viel Friede, Freude, Eierkuchen. Der FC St. Pauli kommt mit seiner besten Elf – und das ist auch gut so. Und wir gewinnen. Das ist sogar noch besser. Denn dann ist endlich wieder Ruhe in der Stadt.“

Einmal dabei, legt Reinhardt gleich noch nach. „Sollte Pauli gewinnen, wäre das eine Sensation. Die haben nichts zu verlieren. Und wir haben nichts zu gewinnen, weil jeder den Sieg erwartet. Aber wisst ihr was? Wir selbst auch. Jeder bei uns weiß, dass es eine ganz wichtige Woche ist, dass gerade jetzt unheimlich wichtige Spiele mit den beiden Derbys anstehen. Und alle wissen, dass sie sich in diesen Spielen in der HSV-Geschichte verewigen können.“

Auch Ruud van Nistelrooy. Der Niederländer, der gegen Wolfsburg laut Statistik nur drei von 14 Zweikämpfen gewann und auch sonst wie schon in den Vorwochen nicht zu den formstärksten gehörte, wird voraussichtlich wieder beginnen. Obwohl Reinhardt sagt: „Bei uns ist keiner unantastbar. Auch nicht Ruud. Das gilt für alle gleichermaßen.“ Dennoch scheint beim HSV einer gleicher zu sein als der Rest. Obgleich Reinhardt den ehemaligen Welttorjäger auch in den letzten Spielen nicht so schwach gesehen wie meine Kollegen und ich gesehen haben will. „Er gibt den entscheidenden Pass vorm Tor und muss eigentlich auch selbst ein Tor machen. Trifft er den, hätte er ein Tor und einen Assist beim dann 2:0-Sieg. Das wäre sehr ordentlich.“ Allerdings hat van Nistelrooy nicht getroffen. „Das stimmt natürlich“, sagt Reinhardt, „aber Ruud hat viel gearbeitet und viele gute Pässe gespielt.“

Van Nistelrooy wird protegiert. Obwohl im Training Paolo Guerrero seit Wochen bärenstark ist und sowohl Reinhardt als auch Trainer Armin Veh nicht müde werden, die Ersetzbarkeit eines jeden einzelnen Spielers zu betonen. Gerade jetzt, wo alle Spieler wieder gesund sind hätte Veh die Möglichkeit, Ruud van Nistelrooy zu ersetzen.

Weil es nicht anders geht?

Immerhin könnte man auch glauben, eine Nicht-Berücksichtigung des stolzen Niederländers könnte gleichbedeutend mit dem vorzeitigen Ende seiner Karriere beim HSV sein. Und ehrlich gesagt werde ich auch das Gefühl nicht los, dass sich die Verantwortlichen nur deshalb noch in Geduld üben, weil sie hoffen, dass der zweifellos mit dem Instinkt eines Weltklassetorjägers ausgestattete van Nistelrooy doch noch mal zündet. Wenigstens für die letzten Bundesligaspiele. Schön wär’s!

Wie auch immer. Van Nistelrooy darf weiter spielen – und das ist auch okay. Trifft er gegen St. Pauli und Bremen oder zumindest in einem der Spiele ist auch alles wieder gut. Dann würde der Niederländer gefeiert und Veh sowie der Vorstand bekämen die aufgebrachte Geduld zurückbezahlt. Ich jedenfalls werde mich hüten, einen solchen Mann vorzeitig abzuschreiben.

Geduld, wie bei „Van the man“ scheint man beim HSV bezüglich Eljero Elia nicht mehr zu haben. Heute hat sich Eljero via „Mopo“ über zu wenig Vertrauen ihm gegenüber beschwert. Und auch wenn ich überzeugt davon bin, dass Elia noch immer in der Bringschuld ist und sich das geforderte Vertrauen erst mit guten (oder besser: mit besseren) Leistungen erarbeiten muss, so bietet ihm der Umgang des Trainers mit van Nistelrooy zumindest eine Relation, die Kritik grundsätzlich gestattet.

Frei von jeder Kritik ist Zé Roberto. Der Brasilianer blüht langsam wieder auf. In Wolfsburg agierte der Linksfuß stark. Und auch gegen den FC St. Pauli wird es gerade auf ihn ankommen. Das weiß auch Reinhardt. Trotzdem mauert der Sportchef, angesprochen auf die Vertragsgespräche mit Zé Roberto. Ob es von Vereinsseite schon eine Tendenz gibt? „Im März werden wir eine Entscheidung treffen.“ Wie er Zé sportlich sieht? „Er zählt ganz sicher zu den Stützen der Mannschaft.“ Das gelte im Übrigen auch für Frank Rost, so Reinhardt. Oldies but Goldies eben.

Wie auch immer. Die Stimmung (Achtung, Phrasenschweinalarm!) steht und fällt mit Siegen und Niederlagen. Selbst das zuletzt so oft und von allen Seiten kritisierte Führungsvakuum (20 Spielerverträge laufen aus, der Trainer hat ebenso wie der Vorstand noch nicht verlängert und Entscheidungen scheinen nicht in Sicht) sei nach Siegen ertragbar. „Erfolgserlebnisse machen alles leichter“, sagt Reinhardt, „in den Gesprächen mit interessanten Spielern spielen unsere internen Personalien zumindest keine wichtige Rolle“, sagt Reinhardt und widerspricht damit den Beratern, mit denen ich mich (und der HSV übrigens auch) unterhalten habe. Reinhardt versucht dabei die Bedeutung des HSV hervorzuheben. „Der HSV ist immer noch eine große Adresse – egal was in den letzten Monaten vorgefallen ist. Natürlich hätte jeder gern Sicherheit, aber die gibt’s im Fußball nicht. Und die Spieler, mit denen wir sprechen, interessiert es auch nicht primär, wer zum Beispiel Trainer ist. Die sind ausreichend von sich überzeugt. Die wissen, dass sie sich bei egal welchem Trainer durchsetzen können.“

Und während beispielsweise mit FCN-Akteur Gündogan schon konkret gesprochen wird (an dem Nürnberger ist allerdings auch der FC Bayern interessiert) schiebt sich Julian Schieber immer weiter in den Vordergrund. Der an die Franken verliehene Linksfuß mit Vertrag beim VfB Stuttgart (bis 2012 plus vereinsseitige Option auf ein weiteres Jahr) gilt als absoluter Wunschspieler des HSV. Erste Gespräche mit Schiebers Berater Robert Schneider hat es bereits gegeben. Und sollte Stuttgart tatsächlich absteigen, könnte die Personalie neuen Schwung aufnehmen. Auch wenn Reinhardt tief stapelt: „Schieber ist ein richtig Guter. Das zeigt er – und das sehen eben auch alle. An dem sind 90 Prozent aller Bundesligisten interessiert.“ Auch der HSV. Es heißt: Daumen drücken.

Das gilt auch für Zé Roberto. Zumindest für die Erfüllung seiner Träume. Denn der Brasilianer träumt nicht nur von zwei weiteren Siegen am Mittwoch und am Sonnabend. „Dann sind wir wieder ganz dicht dran an der Europa League“, so der Brasilianer, der nach eigener Aussage die Spiele mit Real Madrid gegen Barcelona und mit Brasilien gegen Argentinien die heißesten Derbys seiner Karriere hatte. Ob er selbst sogar noch mehr hofft? „Klar. Ich habe, seit ich in Deutschland spiele, immer nur Champions League gespielt. Und das kann dieser HSV auch. Die Europa League wäre toll, gerade weil wir nicht so eine Saison spielen, wie wir es uns selbst vorgestellt haben. Aber wie jeder andere Fußballer träume auch ich immer wieder von den schönen Spielen in der Champions League. Mal sehen, vielleicht geht da noch was, wenn wir unsere Spiele weiter gewinnen.“

Ein Indiz zu seinem Verbleib wäre allerdings auch die Qualifikation für die Champions League nicht. „Nein, meine Entscheidung treffe ich mit meiner Familie.“ Wohin die tendiert? „Meine Kinder sind vier, sieben und elf Jahre alt. Und nur der Große realisiert schon alles. Der will nie nach Brasilien, weil er hier seine Freunde hat. Und wenn wir da sind, will er nie zurück, weil er da auch Freunde hat.“ Unentschieden also. Und was sagt die Frau? „Die macht mit, was auch immer ich entscheide. Zuhause bin ich noch der Chef.“ Also weiterhin alles offen.

Und während die Stamm-Mannschaft heute maximal so eine Art „aktive Erholung“ als Trainingseinheit einlegte (Warmmachen, Kreisspiel, Auslaufen) halten sich die HSV-Offiziellen vor dem Derby betont zurück. Keine Sticheleien aus dem Volkspark gen Millerntor. Was nicht schlecht sein muss. Im Gegenteil. „Ein 1:0 reicht mir vollkommen“, sagt Zé Roberto, „Hauptsache ist doch, dass wir gewinnen und unsere Fans, die lange auf dieses Spiel im eigenen Stadion warten mussten, glücklich machen.“

Mir würde es jedenfalls reichen. Die große Klappe kann man sich eh immer erst dann wirklich erlauben, wenn man sie sich zuvor verdient hat. Alles andere kann nur bös‘ nach hinten losgehen, nicht wahr, Herr Meggle?

In diesem Sinne, morgen ist beim HSV erst Pressekonferenz mit Armin Veh und anschließend aller Voraussicht nach Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Allerdings hatten wir zuletzt immer das Glück, geduldet zu werden. Worauf ich auch für morgen hoffe. Denn ein, zwei sehr interessante Personalien stehen wohl noch an. Zum einen die Frage, ob Joris Mathijsen oder doch wieder Gojko Kacar in der Innenverteidigung neben Heiko Westermann aufläuft. Und zum anderen die Frage, wer für den voraussichtlich auf die Bank rotierenden Änis Ben-Hatira die rechte Seite übernimmt. Elia? Oder Pitroipa? Oder gar Piotr Trochowski?

Ich persönlich bin – gerade in Anbetracht der Leistungen von Volz und Thorandt auf den beiden Außenverteidigerpositionen beim FC St. Pauli – noch immer der Meinung, der HSV braucht viel Tempo. Einen trickreichen Elia gegen den extrem fitten und hart spielenden, aber eben auch häufiger mal etwas hölzerner agierenden Thorandt. Und eben einen pfeilschnellen Außen gegen den eher langsamen Volz. Das könnte passen. Und vor allem: so könnte tatsächlich auch Ruud wieder etwas besser zur Geltung kommen…

Aber okay, mehr dazu gibt’s morgen. Da wird es im Gegensatz zu heute wohl wieder ein Abschlussspiel mit der A- gegen die B-Elf geben, das in der Regel immer aufzeigt, wer am darauffolgenden Tag in der Startelf steht.

Ich bin gespannt.

Und ganz ehrlich: ich habe richtig Bock auf dieses Derby! Ein ausverkauftes Stadion, ne Menge Brisanz, Flutlichtstimmung und ein HSV-Sieg 😉 – Fußballerherz, was willst du mehr?

In diesem Sinne: Nur der HSV!

18.45 Uhr

P.S.: Der HSV testet aktuell den dänischen Offensivallrounder Uffe Manich Bech. Der 18-Jährige dänische U-21-Nationalspieler gilt als das Supertalent in Dänemark und hat bei Lyngby BK noch einen bis 2013 laufenden Vertrag. Der 169 Zentimeter „kleine“ Bech, der als Spielertyp Bremens Marko Marin ein wenig ähnelt, trainiert bei der U-23 des HSV zur Probe mit.

Vier Siege – und immer Theater

13. Februar 2011

„Wir haben defensiv gut gearbeitet und nicht viel zugelassen, dieser Sieg gibt uns Selbstbewusstsein für das Derby.“ So das Resümee von Armin Veh nach dem 1:0-Sieg in Wolfsburg. Der HSV hat auswärts gewonnen, und zwar bei einer abstiegsbedrohten Mannschaft, die ums Überleben kämpft, die zudem einen neuen Trainer hatte. Vorher haben viele Fans gebangt, sie hatten Angst um „ihren“ HSV. Dann gewinnt der HSV, und trotzdem herrscht noch lange nicht bei allen totale Zufriedenheit. Natürlich, es geht immer noch besser, aber ich kenne Leute, die zum Wolfsburg-Spiel eine klare Hamburger Niederlage mit mehr als zwei Toren Unterschied getippt hatten. Meine „rosarote Brille“ hatte ein gutes HSV-Spiel erkannt, kein überragendes. Und: Es war der vierte Sieg aus den letzten fünf Spielen. Dazu noch einmal Trainer Veh: „Ich habe das Gefühl, das bekommt kaum einer mit – weil andere Themen wichtiger sind.“ Und: „In einigen Bundesliga-Klubs herrscht Theater, bei uns herrscht aber irgendwie immer mehr Theater – das scheint schon chronisch zu sein.“ Treffer! Besser kann man es nicht formulieren. Und das schätze ich ja so an Armin Veh. Egal wie es um ihn, um den Klub und um die Mannschaft steht, er sagt immer seine Meinung. Na ja, meistens. Für mich auf jeden Fall immer positiv.

Seine Meinung hatte zuletzt ja auch Dennis Aogo gesagt. In fast allen Hamburger Zeitungen wurde diese dann auch gedruckt. Was dem Jung-Nationalspieler nicht immer die uneingeschränkte Zustimmung der Kollegen eingebracht hat. Schade eigentlich, denn ich fand Aogos Aussagen zu 100 Prozent positiv und treffend. Weil ich es so sehe: Da hat ein großes Talent, das erst am Anfang seiner Karriere steht, erst an seiner ersten Weltmeisterschaft teilgenommen (traumhaft!), dann seinen Vertrag mit dem HSV langfristig verlängert (großartig!), und dann einmal seinen Mund aufgemacht. Und zwar deshalb, weil er sich Sorgen um den Klub macht. Siehe erster Absatz, zweite Veh-Aussage. Und: Aogo macht sich sicher auch Gedanken darüber, ob er richtig beraten war, bei diesem HSV, dem im Sommer ein großer bis dramatischer Umbruch droht, verlängert zu haben?

Deshalb möchte ich Dennis Aogo sagen: Diejenigen Kollegen, die sich nun wenig erfreut über die öffentliche Kritik (die in meinen Augen völlig berechtig war und ist) geäußert haben, werden im Sommer 2011 nicht mehr beim HSV sein. Und Aogo selbst wird dann ein hoffnungsvoller HSV-Spieler sein, der Verantwortung übernimmt, um den herum eine neue, eine junge, eine heiße Mannschaft aufgebaut wird. Ich würde mich dann freuen, wenn dieser Dennis Aogo weiterhin für Deutschland spielt – und dem HSV eine sehr, sehr große Stütze ist. Und wie sagte nicht der neue HSV-Aufsichtsrats-Boss Ernst-Otto Rieckhoff nach der Aogo-Schelte: „Ich bin für mündige Spieler.“ Na bitte, dann sind wir uns ja einig.

Zum Derby am Mittwoch. St. Pauli hat zuletzt gut gespielt, ich halte es deshalb eher mit HSV-Sportchef Bastian Reinhardt, der sagt: „Das wird kein Selbstgänger.“ Armin Veh aber meint: „Wir wollen mit einem Dreier nachlegen, ich hoffe auch, dass es uns gelingen wird – wir sind die bessere Mannschaft.“ Und was sagt St.-Pauli-Coach Holger Stanislawski? „Wenn das Derby denn stattfinden sollte, dann ist der HSV in der Bringschuld, nicht wir. Und dann wollen wir mal sehen, was da denn rauskommt.“ Und: „Meine Vorfreude auf das Derby war schon mal größer, da dieses erste Spiel ja unter komischen Umständen nicht stattgefunden hatte . . .“ Oha. Komische Umstände. Na ja, kann man eventuell so sehen. Holger Stanislawski schickte nach dem 3:1-Sieg über den Tabellenletzten auch noch eine kleine Warnung an den HSV ab: „Mönchengladbach und zuletzt Köln hätten wir auch mit sechs, sieben Dinger nach Hause schicken können. Wir sind im Moment physisch stark, haben viel Selbstvertrauen und sind fußballerisch gut.“ Ob das die HSV-Profis glauben werden? In meinen Augen wären sie klug beraten, diese Aussagen ernst zu nehmen. Wie heiß aber die St.-Pauli-Spieler sind, das bezeugt eine Aussage von Mittelfeldkämpfer Fabian Boll: „Da müsste mir am Mittwoch schon ein Bein fehlen, damit ich auf das Derby verzichte . . .“

Es wird – trotz des erneuten Wintereinbruchs – immer heißer.

Übrigens, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Bastian Reinhardt hat auch noch gesagt: „Ich denke, dass wir gegen St. Pauli immer Favorit sein werden.“ Fest steht: Mit einem Sieg im Derby und mit einem anschließenden Heimsieg gegen Werder Bremen wäre der HSV wieder bestens im Geschäft im Kampf um die internationalen Startplätze. Aber dazu müssten am Ende der Woche auch schon sechs weitere Punkte auf dem Konto des HSV sein.

Gespannt bin ich, wie Armin Veh auf das Spiel in Wolfsburg reagiert. Drei, vier Baustellen wurden ja trotz des Sieges aufgemacht. Was wird aus Joris Mathijsen, denn Gojko Kacar kommt nach seiner Sperre wieder zurück? Veh hatte zuletzt von der serbischen Innenverteidiger-Entdeckung geschwärmt, und zwar derart, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass der Coach Kacar draußen lassen wird. Gibt es dann das Duo Kacar/Westermann? Oder das Duo Kacar/Mathijsen? Letzteres würde zur Folge haben, dass Heiko Westermann wohl auf die Sechs rücken würde. Für David Jarolim? Oder für Ze Roberto? Veh hatte den „großen Ze“ zuletzt für gesetzt erklärt. Und eines dürfte feststehen: Westermann wird hier niemals als Außenverteidiger zum Einsatz kommen, denn deshalb ist er im Sommer 2010 von Schalke nach Hamburg gewechselt – Westermann hatte vom Verteidiger-Dasein restlos die Nase voll.

Ganz vorne dürfte es auch noch ein wenig schwieriger für Armin Veh werden. Ruud van Nistelrooy raus? Wo der Niederländer doch gerade versprochen hat: „100 000 Prozent für den HSV.“ In Wolfsburg waren es aber nicht einmal 60 Prozent. Mit schweren Schritten (und ohne Timing) schleppte sich der Torjäger zu jener Chance (64.), die als hundertprozentig zu bezeichnen war, die er aber kläglich vergab. Jetzt steht Veh vor einer schweren Wahl: Mit RvN, oder doch besser mit Paolo Guerrero, der in Wolfsburg als Einwechselspieler durchaus einige gute und auch agile Szenen hatte? Ich würde gegen die „Braunen“ Petric und Guerrero spielen lassen.

Und was passiert auf den Flügeln? Marcell Jansen ist noch lange nicht bei 100 Prozent. Die Frage wird sein, ob es sich der HSV (und Veh) erlauben kann, den Nationalspieler auch im so wichtigen Derby weiter aufzubauen? Und, was erschwerend hinzukommt: Der eingewechselte Eljero Elia hatte – ähnlich wie Guerrero – auch einige vielversprechende Szenen. Die hatte er für mich auch beim Länderspiel gegen Österreich, bei dem er ebenfalls eingewechselt worden war. Nehme ich beide Spiele zusammen, so scheint mir Elia so langsam wieder in die richtige Richtung zu galoppieren. Er dürfte eine Option für den Trainer sein.
Und rechts? Änis Ben-Hatira hatte sich bei Armin Veh einen kleinen Bonus erspielt, in Wolfsburg aber hatte das große Talent seine besten Szenen lediglich in der Rückwärtsbewegung. Das ist zwar auch ganz wichtig, aber vorne wäre natürlich auch wünschenswert. Veh hätte zwei Alternativen: Jonathan Pitroipa und Piotr Trochowski. Ich bin sehr gespannt.
Grundsätzlich aber ist es schon höchst erfreulich, dass der HSV all diese Alternativen schon wieder einplanen kann. Das scheint mir ein weiterer wichtiger Grund dafür zu sein, dass es doch noch eine großartige Rückrunde geben könnte. Könnte. Immerhin ist die ja nun gut gestartet worden. Die Siege in diesem Jahr lassen die Hoffnung noch glimmen. Und das trotz des Theaters, das in Hamburg immer in schöner Regelmäßigkeit herrscht. Dazu hat Mladen Petric übrigens in Wolfsburg folgende Meinung geäußert: „Dieses Theater kann man zwar nicht so einfach beiseite schieben, aber man kann sich dran gewöhnen. Das ist ja das ganze Jahr über so . . .“
Also alles nur eine Frage der Gewöhnung, irgendwann bekommen sie alle ihr dickes Fell. Früher oder später.

Vier Dinge noch am Rande:

1.) Der Rasen in der Arena ist in guter Verfassung, daran konnte auch der Schnee vom Sonnabend nichts ändern. Nach jetziger Lage dürfte am Mittwoch gespielt werden, auch wenn das beim FC St. Pauli noch nicht jeder glauben mag.
2.) An diesem Montag feiert Kevin Keegan seinen 60. Geburtstag. Die „Mighty Mouse“ war auch am 3. September 1977 mit von der Partie, als es gegen St. Pauli im Volkspark eine 0:2-Niederlage gab. Keegan war der damalige Liebling von Frau M., und er war ein Mann, der seinen Weg ging – unbeirrt. Wenn zum Beispiel die Mannschaft vor einem Spiel zum Mittagessen gebeten wurde, und der gute „King Kev“ keinen Hunger hatte, dann nahm er an diesem Mahl auch nicht teil. Motto: „Ich esse dann, wenn ich Hunger habe. Nicht wenn ich esse soll.“ Es wurde geduldet, wenn auch schweren Herzens.
3.) Diejenigen, die Michael Ballack im Sommer so gerne beim HSV gesehen hätten, die werden nun ganz sicher anders darüber denken. In Leverkusen setzte ihn Trainer Heynckes zuletzt auf die Bank (beim 3:0-Sieg in Frankfurt), und am Sonntag meldete sich Ballack schon wieder verletzt ab. Eine Kernspin-Untersuchung hat ergeben, dass der ehemalige Nationalmannschafts-Kapitän an einer erneuten Kniereizung leidet – und das ohne eine einzige Spielminute im Knie.
4.) Mein früherer Matz-ab-Kollege Christian Pletz, der jetzt für Red Bull Salzburg arbeitet, sah am Sonnabend das Spiel Austria Wien gegen SV Ried (1:0) und schwärmte vom Torwart des Verlierers: „Was dieser Wolfgang Hesl gehalten hat, das war erste Sahne. Der hat mehrere Paraden von der Art gezeigt, wie sie Frank Rost gegen den Wolfsburger Graftit hatte – Wahnsinn. Hesl ist in überragender Form.“ Gut zu wissen, dass der vom HSV ausgeliehene Keeper derzeit in Bestform hält.

Training am Montag um 15 Uhr im Volkspark.

17.27 Uhr

1:0 in Wolfsburg – da geht noch was!

12. Februar 2011

Der HSV meldet sich zurück. Und zwar mit einer sehr guten Leistung und einem 1:0-Sieg beim VfL Wolfsburg. Das Unternehmen „neun Punkte“ ist damit sehr erfolgreich gestartet worden, das Derby kann kommen – und danach auch Werder Bremen. Auch wenn das Tor per Foulelfmeter erzielt wurde, so war dieser Auswärtssieg absolut verdient, es konnte nach 90 Minuten nur den Sieger HSV geben. Die Aufholjagd hat begonnen, jetzt muss „nur“ noch nachgelegt werden. Ein höchst erfreulicher Sonnabend, dieser 12. Februar 2011.

So allmählich kommt Armin Veh (und der HSV) der Wunsch-Formation, die vor der Saison durch die Köpfe fast aller Fans und Experten geisterte, näher. Und wenn dann zu bedenken ist, dass Könner wie Paolo Guerrero, Piotr Trochowski, Eljero Elia und auch Jonathan Pitroipa draußen sitzen, dann kann der geneigte Hamburger Anhänger hoffen, dass es personell keine weiteren Rückschläge mehr gibt. Diese Vorstellung sah nach Fußball aus. Natürlich scheint der VfL Wolfsburg verunsichert, natürlich griff bei den Niedersachsen nicht ein Rädchen in das nächste, aber ein Trainerwechsel sorgt meistens für Bewegung, und das hat der HSV diesmal sehr gut abgefangen.

Nach vorne waren immer einige Hamburger in Bewegung, noch besser lief es aber nach hinten, denn da machten sie dann alle mit. Die Räume wurden gut zugestellt, die Zweikämpfe angenommen und meistens gewonnen, zudem klappte das Umschalten sehr gut, insbesondere Ze Roberto schaltete einige Male blitzschnell um.

Nach acht Minuten kam der HSV, der das Geschehen bis dahin offen halten konnte, besser ins Spiel. Der Ball wurde lange in den eigenen Reihen gehalten, es wurde diszipliniert, konzentriert und souverän gespielt – das lief fast im Stile einer Heimmannschaft. Wolfsburger Tormöglichkeiten blieben vor der Pause Mangelware, erst ein Zufallsprodukt, als Änis Ben-Hatira einen Ball zurückköpfte und Guy Demel die Kugel nicht mehr kontrollieren konnte (was auch schwer genug war), stand Grafite erstmals im Blickpunkt. Den Schuss des Brasilianers hielt Frank Rost aber sensationell, statt 1:1 nur Eckball für die Wölfe.

Völlig berechtigt hieß es zur Pause 1:0 für den HSV. Die einzige Szene, die bis dahin Ruud van Nistelrooy hatte, führte zur Führung. Der Niederländer bediente seinen Nebenmann Mladen Petric mit einem Zuckerpass, der Däne Kjaer stand falsch und säbelte danach Petric um – Elfmeter. Den verwandelte der Gefoulte selbst souverän, sein sechstes Saisontor (32.). Höchst erfreulich: Beim anschließenden Jubel wurde Petric sogar von van Nistelrooy geknuddelt, das war schön anzusehen – es geht doch!

Natürlich lief es noch nicht alles so rund, wie vielleicht von Veh und den Fans erhofft. Guy Demel, der sich im zweiten Durchgang steigern konnte, hatte zum Beispiel wieder einmal arge Schwierigkeiten auf seiner rechten Abwehrseite, auf der immer wieder Tuncay nach vorne marschierte. Der Türke war sicher einer der besten Spieler der Wolfsburger, aber mir fiel er ein wenig zu oft – der nächste Schauspieler in der Bundesliga?

In der Mitte der Viererkette stand der HSV ganz hervorragend. Heiko Westermann verdiente sich die Note eins, er eroberte unglaublich viele Bälle, an ihm gab es kaum ein Vorbeikommen – ein echter Kapitän. Joris Mathijsen spielte seinen Part ganz solide und routiniert herunter, da brannte nichts an. Und Dennis Aogo hatte seine linke Seite bestens im Griff, von dort drohte dem HSV kaum einmal Gefahr. Aogo knöpfte für mich an seine Leistung im Länderspiel gegen Italien an, schon da gefiel er mir gut (defensiv), nach vorne wurde er bei seinen Vorstößen für meine Begriffe zu oft übersehen. In Wolfsburg marschierte der deutsche Nationalspieler seltener mit in die Offensive, was er ja auch dann nicht unbedingt braucht, wenn Jansen vor ihm „herumturnt“.

Die beiden Sechser rackerten wie in ihren guten Zeiten überall, gingen weite Wege, waren deutlich wirkungsvoller als ihre Gegenspieler vom VfL. David Jarolim war nach Westermann der zweitbeste Balleroberer, lief wieder viel, auch wenn ihm im Abspiel nicht immer alles gelang. Mir ist aber dennoch viel, viel wohler, wenn „Jaro“ dort aufläuft, denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Robert Tesche auch nur annähernd so effektiv spielen könnte, wie der Tscheche. Eine gute Partie bot Ze Roberto, der zwar nie glänzte, der aber immer bestens im Bilde war. Was mich wieder einmal überzeugte: Ze war wieder einmal enorm ballsicher, er übernahm Verantwortung, bot sich auch auf engstem Raum immer wieder an – und wusste stets etwas mit der Kugel anzufangen.

Auf der rechten Seite durfte Ben-Hatira diesmal ran, mir gefällt es, dass der Trainer so viel Vertrauen zu ihm hat. Allerdings muss der gute Änis aufpassen, dass er seine besten Szenen nicht nur in der Arbeit nach hinten hat. Dort blockierte er einige VfL-Vorstöße, dort lief er so manchen Raum zu – aber diese Fleißarbeit kostet Kraft – und Konzentration. Die fehlt ihm dann, wen er Akzente in der Offensive setzen muss und will. Daran muss Änis Ben-Hatira noch arbeiten, vor allem im Training. Auffällig: Die Linksflanken von Ben-Hatira „verhungerten“ oftmals auf dem Weg in den VfL-Strafraum, da muss er sich einfach mehr und besser konzentrieren.

Auf der linken Seite durfte Marcell Jansen diesmal wieder von Beginn an mitmachen. Das Motto von Armin Veh dürfte lauten: Jedes Spiel bringt den Nationalspieler wieder den 100 Prozent näher. Diese Maßnahme des Trainers ist sicher absolut richtig, auch wenn Jansen für mich maximal bei 80 Prozent ist. Ist Jansen aber gesund (und verletzungsfrei), dann gehört er in diese Mannschaft, dann kann der HSV von seinen Offensivqualitäten profitieren – was aber diesmal noch nicht der Fall war.

Und vorne? Da geschah mir oftmals ein wenig zu wenig. Anfangs wirkten beide Stürmer nicht sonderlich gedankenschnell, was sich allerdings bei Mladen Petric nach einer durchwachsenen Anfangsphase schnell änderte. Sein Tor dürfte dem Kroaten zudem sehr, sehr gut getan haben und zusätzliche Kräfte wecken. Nach seinem Treffer wirkte Petric in manchen Szenen wie befreit und beflügelt.

Was nicht auf seinen Nebenmann zutraf. Ruud van Nistelrooy blieb weit hinter seinen Möglichkeiten, mich enttäuschte er bis auf eine Szene (den Pass zum 1:0) total. Mitte der zweiten Halbzeit hätte ich mir gewünscht, dass Armin Veh Jonathan Pitroipa gebracht hätte. Der rechts, Ben-Hatira neben Petric, das wäre sinnvoll gewesen – und hätte für so manche Entlastung gesorgt. „Van the man“ wirkte auf mich nicht fit, was er auch in der 64. Minute gnadenlos offenbarte, als er eine „Hundertprozentige“ saft- und kraftlos vergab. Er zeigt mir auch viel zu wenig Temperament (oder Anteilnahme am Spiel seiner Mannschaft). Da muss schon noch mehr kommen, wenn er wieder ganz der Alte werden will.

Und als ich das schreibe, kommt ein Wechsel (79.). Paolo Guerrero für RvN – so geht es natürlich auch. Aber mit „Pit“ hätte der HSV gegen die anstürmenden Wolfsburger besser Konter fahren können – Veh hatte andere Gedanken. Guerrero hat natürlich auch die Qualität, den Ball vorne halten zu können.

Es klappte ja auch so. Und ohnehin hat hier nur einer das Sagen: Armin Veh. 1:0 sind doch die schönsten Siege. Und jetzt scheint nach vorne (oder oben) doch noch etwas zu gehen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

17.31 Uhr

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