Monatsarchiv für Februar 2011

Veh: “Ich habe keine Lust mehr auf diese Eierei”

22. Februar 2011

Wenn wir Journalisten am Abend vorher oder vormittags den bevorstehenden Tag planen, dürfen wir beim HSV Wünsche äußern, mit wem wir gern sprechen würden. Und so engagiert Klubsprecher Jörn Wolf unseren Wünschen auch nachgeht, eine für alle hundertprozentig zufriedenstellende Lösung ist selbst für ihn selten machbar.

Außer heute.

Da hatten wahrscheinlich alle den Wunsch mit Bastian Reinhardt und Armin Veh zu sprechen. Die beiden, deren Positionen unmittelbar mit dem Gusto des am Wochenende präsentierten neuen Sportchefs Frank Arnesen hängen. Würde Reinhardt in die zweite Reihe rücken oder gar hinschmeißen? Was passiert mit Armin Veh? Plant Arnesen mit dem Trainer oder hat er, wie zu hören war, seinen eigenen Spezi, den er gern installieren würde? Zuletzt war von Arnesen zu lesen, er würde beispielsweise besonders gut mit Michael Laudrup, derzeit Trainer bei RCD Mallorca, verstehen.

Fragen, die offensichtlich auch Veh lieber jetzt als gleich beantwortet wissen möchte. „Ich habe keine Lust mehr auf diese Eierei. Dafür bin ich alt genug.“ Veh macht wie immer keinen Bogen um das, was er (sagen) will. Ihm geht es darum, seinen Vertrag, der von ihm wie vom Verein zum 31. Mai hin gekündigt werden kann, zu verlängern oder die Zusammenarbeit zu beenden. Und jetzt, wo der HSV seinen sportlichen Verantwortlichen nach viel Hin und Her gefunden hat, scheint ihm dafür der richtige Moment. Wäre da nicht das Problem, dass sich Veh noch nicht mit Arnesen unterhalten hat. „Ich habe von ihm gehört, über ihn gelesen“, sagt Veh und lobt die Kompetenz Arnesens als Gewinn für den HSV, „aber ein Gespräch hat es bislang nicht gegeben.“ Ob es noch eines geben wird? Veh zuckt mit den Schultern, macht lieber einen Scherz: „Wahrscheinlich hat er angerufen – aber ich gehe nie ran, wenn ich die Nummer nicht kenne.“

Äußerungen, bei denen Veh’s zuletzt oft durchschimmernder Frust mal wieder deutlich wird. Der Trainer scheint unzufrieden damit, dass er trotz fünf Siegen aus den letzten sieben Spielen in Hamburg noch keine ungeteilte Rückendeckung erhält. Intern soll man vor Arnesens Verpflichtung immer auf Zeit gespielt haben, weil man wusste, dass es einen neuen Sportchef geben würde. Für Veh offenbar kein Argument: „Ich war schon immer eher ein Entscheider. Ich konnte Dinge immer selbst entscheiden“, polterte er heute, wobei sich genau an diesem Punkt die Aussagen des Vereins und seines Trainers widersprechen. „Wir hatten im Winter eine klare Absprache getroffen. Dabei hatten wir uns darauf geeinigt, uns zu gegebenem Zeitpunkt mit ihm hinzusetzen und eine Entscheidung zu treffen“, berichtet Noch-Vorstand Bastian Reinhardt und stichelt Richtung Veh, der zuletzt keine Gelegenheit ausgelassen hatte, seine Unzufriedenheit über die ausstehende Entscheidung zu verdeutlichen: „Und der Vorstand hält sich an diese Absprache. Mehr gibt es zu diesem Thema nicht zu sagen.“ Nicht? Wann denn der „gegebene Zeitpunkt sei“ wollten wir wissen. „Ende März“, so die Antwort Reinhardts, die Veh‘s Ungeduld ad absurdum führt und mich fragen lässt? Warum ist Veh seit Wochen eindeutig zweideutig, was seine eigene Zukunft betrifft, wenn er doch selbst zusammen mit dem Vorstand Ende März als Termin für eine Entscheidung bestimmt hat?

Dennoch, bei aller Deutlichkeit Reinhardts muss die Frage erlaubt sein, weshalb hier nicht früher Klarheit geschaffen wird. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Herren und die Dame im Vorstand sich erst jetzt anfangen, richtig Gedanken zu machen. Im Gegenteil, ich bin mir ziemlich sicher, dass hier schon eine Entscheidung getroffen wurde, maßgeblich beeinflusst von dem Winter-Theater, als Veh andeutete, nicht mehr weitermachen zu wollen. Warum aber haben die HSV-verantwortlichen ihren Cheftrainer zum Weitermachen überredet, wenn er am Saisonende doch gehen soll? Eine Frage, die mir mit dem motivierenden Umgang Vehs mit der Mannschaft begründet wurde. Veh gilt als ruhiger, autoritärer und dennoch positiver Typ. Selbst die Spieler, die als Härtefälle auf der Bank landen, finden zwar die Entscheidung sch…, nicht aber ihren Übungsleiter. Veh soll sich selbst bei der Verkündung schlechter Nachrichten immer so gut vor der Mannschaft verkauft haben, dass alle Verständnis hatten. Zum (zugegebenermaßen sehr überschaubaren) Teil auch die betroffenen Spieler selbst.

Es deutet weiterhin alles auf ein baldiges Ende hin. Sogar Veh selbst. „Ich werde mich heute zu meiner Zukunft beim HSV erklären, mich aber in naher Zukunft dazu äußern.“ Wann genau er das vorhat: „Sehr zeitnah.“ Das verschmitzte Grinsen und das zwischenzeitliche „Ist ja alles ein Wahnsinn hier“ lassen erahnen, in welche Richtung es gehen wird. Veh scheint sich mit seinem Abgang zu arrangieren, ihm fehlt nur noch der richtige Abgang. Wobei, auch den hat er gefunden: „Wenn wir hier am Ende unter die ersten fünf kommen, bei all den Dingen, die hier passieren, dann wäre das richtig geil. Ich will das!“ Einen Abgang im Konfettiregen…

Aber, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, kaum einer glaubt daran, dass Veh hier noch bis Saisonende an der Seite steht. Veh selbst hatte vor der Winterpause wiederholt betont, dass ein Trainer, dessen Ende bereits beschlossen ist, Probleme mit der Akzeptanz bei Spielern hätte. Und auch wenn er sich selbst heute aus diesem Beispiel herausstehlen wollte („Ich glaube, dass ich immer was zu sagen hätte in dieser Mannschaft“) wirkte er fast etwas resignierend, als er sagt: „Alles Wahnsinn. Aber es ist wie es ist.“

Und vielleicht ist am Sonnabend schon alles anders. Schlechtes Omen: Mit dem Betzenberg verbindet Veh seine bislang schlimmste fußballerische Erinnerung. Am 6. Oktober 1984 brach er sich als Profi für Borussia Mönchengladbach das Bein und kam als Spieler anschließend nie mehr richtig auf die selbigen. „Das war mein Karriereende als Spieler“, so Veh. Sollte hier auch seine Karriere als Trainer beendet werden? Immerhin hatte Veh zuletzt angekündigt, der HSV sei seine letzte Station als Trainer in der Bundesliga. Reinhardt jedenfalls wirkte heute nicht begeistert über Veh‘s Äußerungen. Eine Niederlage in Lautern, wo Veh als Trainer und Spieler in sechs Spielen noch sieglos ist, würde seine Position auch nach den jüngsten Aussagen in Hamburg zudem nicht stärken.

Und das, obwohl sportlich alles wieder läuft. Zwar hängt die Niederlage gegen Pauli nach wie vor wie eine dunkle Wolke über der Imtech-Arena, aber der Sieg gegen Werder Bremen macht Mut, dass es auch auf dem alten „Betze“ klappen kann. „Wir sind deutlich stabiler geworden“, sagt Veh und bezieht sich darauf, gegen Wolfsburg und St. Pauli wenig bis nichts defensiv zugelassen zu haben und gegen Bremen mit dem ungeheuren Druck sehr gut umgegangen zu sein, dazu sogar wieder ausreichend Torchancen erarbeitet. Zum einen, weil die Defensive mit Westermann, Kacar und Mathijsen neue Stabilität hat. Zum anderen lobte Veh heute explizit Mladen Petric: „Er hat eine Entwicklung genommen, die mir gefällt. Er ist zu 100 Prozent gesetzt.“ Auf der Position dahinter dürfte nach seinen beiden Treffern gegen Werder Guerrero ebenso seinen Platz sicher haben. Schlecht für Ruud van Nistelrooy und Piotr Trochowski. Insbesondere Letztgenannter hat es derzeit besonders schwer, da keine Position für ihn frei zu sein scheint. Hintergrund: Im defensiven Mittelfeld ist Zé Roberto gesetzt, daneben wechseln sich Jarolim und Westermann ab. Auf der Zehnerposition sieht Veh den in Billstedt aufgewachsenen Mittelfeldspieler ebenfalls nicht: „Ich setze auf der Zehn auf einen echten Stürmer.“ Trochowski bleibt nur die Außenbahn. Und die ist sowohl links mit Jansen, Elia und Son sowie rechts mit Pitroipa, Ben-Hatira und letztlich ihm überbesetzt.

Aber, auch wenn mir hier eine Affinität zum dribbelstarken Nationalspieler nachgesagt wird, sein Problem ist eines, das mich positiv stimmt. Ebenso wie das von van Nistelrooy, Elia und allen anderen Reservisten, zeigt es doch, welch Konkurrenzkampf auf hohem Niveau wieder innerhalb der Mannschaft herrscht. Der ist seit Wochen im Training – einzige Ausnahme hierbei ist die Woche nach der Nürnberg-Pleite – zu erkennen. Auch heute, obwohl vormittags Jarolim und Ben-Hatira (Grippe) sowie nachmittags Mathijsen, Zé Roberto (geschont) und weiter Ben-Hatira fehlten. Morgen geht es um 15 Uhr an der Imtech-Arena weiter.

Was die nähere Zukunft für Reinhardt bringt, ist indes offen. Ohne dass es den ehemaligen Abwehrrecken beunruhigt. „Ich hatte ein Gespräch mit Frank Arnesen. So wie ich ihn kennengelernt habe, ist er mir sehr positiv gestimmt. Und ich selbst sehe es als große Chance, hier alles von der Pike auf an zu lernen.“ In welcher Form und mit welchen Aufgaben? „Das ist noch nicht geklärt“, sagt Reinhardt, der trotz seiner Degradierung sehr gefasst wirkt, fast erleichtert. „Ich bin diesmal voll involviert gewesen, was bei der Sammer-Geschichte nicht der Fall war. Ich bin froh, wie der Aufsichtsrat diese Personalie gehändelt hat. Und der Verein hat mit Frank jemanden gefunden, der über ausreichend Erfahrung verfügt, diesen Verein voranzubringen.“ Und eben jemanden, der Reinhardt aus der Schusslinie nimmt. „Das stimmt“, freut sich Reinhardt, „ich habe jetzt die nötige Ruhe, zu lernen.“ Zumindest auf dem Sportchefposten scheint es nur Gewinner zu geben.

In diesem Sinne, bis morgen!

19.15 Uhr

Was wird aus dem Duo Hoffmann/Kraus?

21. Februar 2011

Die wichtigste Baustelle ist geschlossen worden. Ein Sportchef wurde gefunden – und sogar unter Vertrag genommen! Kompliment dem Aufsichtsrats-Vorsitzenden Ernst-Otto Rieckhoff, der das – im Zusammenspiel mit den Räten und vornehmlich Bernd Hoffmann – endlich geschafft hat. Eine Ära und eine neue Kultur des bislang viel gescholtenen Kontrollgremiums? Es ist zu hoffen. Arnesen fängt zwar erst im Sommer an, aber das heißt nicht, dass er bis dahin nicht im Sinne des HSV denkt – und tätig ist. Der Mann weiß, wo in Hamburg der Hebel angesetzt werden muss, und er wird dementsprechend auch schon früher zur Sache gehen. Nach wie vor gibt es nämlich genügend Baustellen, die von Arnesen beackert werden müssen. Und zwar schnellstens, denn andere Vereine haben bereits alle Weichen für die Zukunft und die nächste Saison gestellt, der HSV hinkt diesbezüglich noch ein wenig hinterher.

Die größte Baustelle, die jetzt eigentlich ganz dringend geschlossen werden müsste, ist die des Vorstandes. Was wird auf Bernd Hoffmann, was aus Katja Kraus? Ihre Verträge laufen zum Jahresende aus, nun sollte demnächst und zeitnah eine Entscheidung getroffen werden, ob es mit ihnen weitergeht, oder ob es zum Jahre 2012 einen neuen Vorstand geben wird. Vor der Aufsichtsratswahl vor einigen Wochen standen die Zeichen für eine Vertragsverlängerung ja eher auf Sturm, das heißt, der HSV (-Aufsichtsrat) würde die Zusammenarbeit mit dem Duo Hoffmann/Kraus wohl beenden. Nach der Wahl hatte ich aber das Bauchgefühl, dass die Leute, die aus der „Opposition“ in den Kreis der Räte gewählt wurden (und die eher als Hoffmann-„Gegner“ galten), keine ganz so harte Linie mehr verfolgen würden. Wie gesagt, ein Bauchgefühl, mehr nicht. Wie es wird, wenn es darauf ankommt, bleibt abzuwarten. Ich gehe aber zum jetzigen Zeitpunkt schon davon aus, dass mit Hoffmann/Kraus doch wieder verlängert wird.

Auch schon deshalb, weil damit erstens Kontinuität gewahrt werden würde, und weil zweitens die Position des Vorstandsvorsitzenden ja doch erheblich an Gewicht verloren hat – durch Frank Arnesen. Der Däne ist vom Sommer 2011 an der neue große starke Mann des HSV, er allein (mit seinem Team) wird die Verantwortung im sportlichen Bereich tragen, und genau das ist es ja, was viele (die meisten) HSV-Mitglieder und auch die Fans wollten. Es wird wahrscheinlich auch in Zukunft noch den einen oder anderen Alleingang geben (so wie es Hoffmann oft nachgesagt wurde), aber dann einzig und allein von Frank Arnesen. Und der Mann, das weiß ich aus Gesprächen mit mehreren Experten, der hat es tatsächlich drauf. Der ehemalige dänische Nationalspieler kennt sich nicht nur bestens im Welt-Fußball aus, er kennt auch die Bundesliga ganz genau (obwohl er noch nie hier tätig war) – und er kennt beinahe jedes Talent in Europa mit Namen. Nachwuchsarbeit war eine Hauptbetätigung von ihm. Und gerade auf diesem Sektor schwärmen sie alle geradezu von ihm. Da kommt, wenn mich nicht alles täuscht, etwas ganz Großes auf den HSV zu.

Und gerade die Tatsache spricht ja auch für Bernd Hoffmanns Bleiben, denn: Jahrelang wurde dem Boss vorgeworfen, er würde keinen starken Mann an seiner Seite dulden. Auch ich habe das oft genug und lange geglaubt. vielleicht war ja auch etwas Wahres daran – bis Hoffmann selbst gemerkt hat, dass er ganz dringend einen Fußball-Experten an seiner Seite benötigt. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als Matthias Sammer verpflichtet werden sollte, war der lange erhobene Vorwurf an Hoffmann aber haltlos, denn Sammer wäre gewiss kein Mann gewesen, der sich vom Vorstandsboss in den sportlichen Bereich hätte hineinreden lassen. Und genau das trifft auch auf Arnesen zu. Der Däne den Sport (und das ist und bleibt die Nummer eins), Hoffmann die Wirtschaft – so könnte es doch gehen.

Aber dazu sollte in naher Zukunft die Entscheidung der Räte erfolgen: Pro Hoffmann, contra Hoffmann? Damit alle wissen, wie die Zukunft des HSV aussieht. Denn es gibt ja auch Baustellen im Bundesliga-Bereich – und auch darunter. Was wird zum Beispiel aus den Siegenthaler-Leuten in Ochsenzoll? Die Crew um Paul Meier ist gerade erst installiert worden, aber wird sie von Frank Arnesen auch übernommen? Der Däne will sich darüber erst dann ein Bild verschaffen, wenn er seine Arbeit in Hamburg aufgenommen hat. Und dann wird entschieden, wer bleiben darf und wer gehen muss. Immerhin ist es nicht so, dass Arnesen aus der Ferne schon den Daumen senkt – oder hebt. Er verschafft sich erst einen Ein- und Überblick, und genau das ist der richtige Weg.

Etwas eher aber sollten die personellen Probleme rund um die Bundesliga-Mannschaft schon angepackt und gelöst werden. Was wird aus Frank Rost, dessen Vertrag ausläuft? Was wird aus Ze Roberto, dessen Vertrag ebenfalls ausläuft? Was geschieht mit Eljero Elia, der zwar in seiner Nationalmannschaft spielt und hin und wieder dabei glänzt, der in Hamburg aber keinen Fuß vor den anderen bringt? Und was wird auch aus Piotr Trochowski, dessen Kontrakt mit dem HSV auch im Sommer enden wird. Um „Troche“ tut es mir wirklich leid. Ich weiß, dass ich damit nicht jedermanns Geschmack treffe, trotz allem schreibe ich es. Denn es ist doch so: Trochowski war in der Hinrunde Stammspieler, er hat, auch wenn das nicht alle so sehen, als einer der wenigen HSV-Profis konstant seine Leistung gebracht. Nicht immer gut, aber auch nicht vorwiegend schlecht. Und auf seine Kreisel, die ihm immer vorgeworfen wurden, hatte er seit diesem Herbst fast komplett verzichtet – weil er sein Spiel umgestellt hatte.

Mit dem (ehemaligen) Sportchef Bastian Reinhardt gab es um die Jahreswende ja schon erste Gespräche, aber es gab kein Vorankommen. Und nun dürfte Frank Arnesen gefragt sein. Ganz sicher kennt er Trochowski und dessen Spiel, und er wird sich gewiss auch schon Gedanken über die Trochowski-Zukunft gemacht haben. Von den HSV-Verantwortlichen war in den letzten Jahren immer wieder zu hören, dass Piotr Trochowski die in ihn gesetzten Erwartungen noch lange nicht erfüllt hat, die Frage ist nun, ob er die nächste Chance bekommt, es noch einmal zu versuchen. Ganz sicher würde aber dazu auch gehören, dass er einen Trainer hat (oder bekommt), der ihm das Vertrauen schenkt. Und im Moment hat „Troche“ ohnehin nur dann eine Chance auf Bewährung, wenn der eine oder andere Mittefeldspieler ausfallen sollte. Wobei Armin Veh wohl ganz von ihm abgerückt ist, denn gegen Werder gab es trotz einer klaren Führung nur zwei Aus- und Einwechselungen, es kamen Ben-Hatira und Tesche – Trochowski aber schmorte weiter und bis zum Ende auf der Bank. Ein klares Zeichen, dass er bei Armin Veh keine Chance mehr hat?

Auf jeden Fall ist es so, dass Trochowski niemals bei einem Trainer darum betteln würde, dass er mal wieder eingesetzt wird. Der Nationalspieler a. D. ist keiner, der seinem Vorgesetzten sonst wo hinein kriecht, noch ist er ein Schleimer. Und das ist auch gut so. Wäre es anders, so würde er bei mir (und sicher nicht nur bei mir) viel verlieren.

Ähnlich verhält es sich mit David Jarolim, der sich nun an fünf Fingern ausrechnen kann, dass er kaum noch einmal zum Stammpersonal (also Anfangsformation) gehören wird. Dazu waren die Aussagen des Trainers nach dem 4:0-Sieg über Werder zu eindeutig. Heiko Westermann und Ze Roberto sind die (neun) Sechser, für „Jaro“ bleibt – so lange sich keiner verletzt oder gesperrt ist – nur die Bank. Und das wird der ehemalige HSV-Kapitän ganz sicher auf Dauer nicht ertragen wollen. Er ist dann mal weg – im Sommer.

Wie ja auch garantiert schon Ruud van Nistelrooy. Was ich menschlich sehr bedauere, was sportlich aber durchaus vertretbar ist. Zumal das Werder-Spiel eines ganz deutlich gezeigt hat (mir jedenfalls): Im HSV-Angriff kann es nur einen von diesen zwei Spitzen geben: „RvN“ oder Mladen Petric. Letzterer blühte doch beim Sieg am Sonnabend ganz groß auf. Nach durchwachsenem Beginn war der Kroate nicht nur der dominierende Mann in der HSV-Offensive, er untermauerte sein großartiges Spiel auch mit einer Leistung, die aus einer Mischung von Lust, Spaß, Willen und Leidenschaft bestand. Spätestens nach seinem Treffer zum 1:0 war Petric nicht mehr zu halten, und eine solche Leistung habe ich zuletzt bei ihm gesehen, als Ruud van Nistelrooy noch nicht beim HSV unter Vertrag stand . . . Mladen Petric wirkte wie befreit, und er weiß, dass wenn er solche Leistungen bringt, alle Fans nur auf ihn blicken. Das genießt er – und das braucht er auch irgendwie für sein Spiel. Es ist ja nicht zum Nachteil für den HSV, es ist das Gegenteil.

Training am Dienstag zweimal: 10 und 15 Uhr im Volkspark.

16.26 Uhr

Veh: “Ich habe so etwas noch nie erlebt”

20. Februar 2011

„So ist Fußball. Gegen St. Pauli hatten wir 25:4 Torschüsse und schießen kein Tor, gegen Werder war das Verhältnis 13:8 – und wir gewinnen 4:0.“ Sagte mir Bernd Hoffmann nach dem Sieg über Werder. Ja, so ist Fußball. Manchmal. Dieses 4:0 über die Bremer war ja ein gefühltes 8:0 für mich. Unglaublich, wie schwach die Schaaf-Herde diesmal war – so spielt ein Absteiger. Wie aber der Werder-Trainer die 90 Minuten in Hamburg sah, das überraschte dann auf jeden Fall jene Medienvertreter, die sonst nur den HSV verfolgen. Tenor im Presseraum: „Welches Spiel hat Schaaf denn gesehen?“ Denn der Coach sagte: „Diese hohe Niederlage war in der ersten Halbzeit nicht erkennbar, ich fand, dass wir eigentlich ganz gut drin im Spiel waren, dass wir den HSV gut zugestellt haben, dass wir nicht viel zugelassen haben – das 0:1 wie aus heiterem Himmel bekommen haben. Die erste Halbzeit haben wir noch ganz gut geführt, aber nach dem zweiten Gegentor haben wir uns dann nicht mehr gewehrt.“ Schaaf hat sich am Rande versucht zu wehren, er war aktiv, aber seine Truppe wirkte schlapp, langsam, umständlich, zusammenhang- und leblos – ohne Herz. Nein, Herz gab es dann und wann, nämlich dann, wenn es galt, Schiedsrichter Florian Meyer ein paar passende Takte in Sachen Spielleitung zu erzählen. Allen voran Ober-Motzer Frings. Der vergeudete viel Kraft, fast seine ganze Kraft, beim Protestieren. Aber was schreibe ich? Das sind ja alles hausgemachte Probleme der Bremer, das hat mich ja gar nicht zu interessieren.

Beim HSV waren sie nach diesem Befreiungsschlag alle glücklich. Es herrschte zwar kein Jubel, aber eine gewisse Zufriedenheit. Vor allen Dingen wohl deshalb, weil der von vielen prophezeite Absturz (nach der Pauli-Pleite) nicht eingetreten war. Ich habe es bereits geschrieben, der HSV hat sicher nicht überragend gespielt, einige Fans meinten sogar, dass der HSV schlechter als gegen St. Pauli war, aber gegen diese uninspirierten Bremer mit Zweitliga-Niveau langte es eben zu diesem großen Resultat. 4:0 gegen Werder, wie oft hat sich der Hamburger Anhang einen solchen Hammer-Erfolg gewünscht und erhofft? Zu oft.

Armin Veh hatte die HSV-Elf auf einigen Positionen umgekrempelt – und dabei sicher sehr, sehr viel Mut bewiesen. Wenn das schiefgegangen wäre . . . So aber durfte auch er sich als großer Sieger fühlen, und das genoss er sichtlich. Wie er am Rande die Tore bejubelt hat, dass hatte schon was. Richtig explodiert ist er fast jedem Treffer, so kannte ihn Hamburg noch gar nicht. Zentnerschwere Lasten dürften dabei von seinen Schultern gefallen sein. Obwohl ich ja glaube, dass er innerlich schon mit dem Kapitel Hamburg abgeschlossen hat. Er verrät ja nichts über seine Zukunft, aber es spricht fast alles für seinen Abschied – spätestens im Sommer.

Mein von mir sehr geschätzter Kollege Matthias Linnenbrügger hörte sich, wie alle anderen Medien-Vertreter auch, die folgenden Aussagen von Veh zum Thema neuer Sportchef (Frank Arnesen) ganz genau an und befragte den HSV-Coach später dazu.

Veh sagte zum (am Sonnabend noch offenem) Sportchef-Thema: „Wenn es so ist, wenn Arnesen kommen sollte, dann wäre das für den HSV sicher eine sehr, sehr gute Personalie, dann hätten sie einen großen Schritt gemacht. Ein Schritt, der aus meiner Sicht auch notwendig ist, und darauf kann sich der HSV sicher freuen. Wenn es so kommt. Und ich hoffe, dass es denn so kommt. Für den HSV. Es sind ja schon ein paar andere Dinge passiert – aber in diesem Fall glaube ich, dass es hoffentlich so kommt.“

Jetzt Linnenbrüggers Frage: „Herr Veh, Sie haben eben nur vom HSV und von dem Verein gesprochen, Sie haben haben nicht von wir gesprochen, aber Sie sind doch HSV, oder?“ Die Antwort von Veh: „Ich kann nicht von uns und wir sprechen. Ich bin jetzt bis zum 1. Juli HSV. Ich habe nur einen Ein-Jahres-Vertrag, von daher . . . kann ich dazu nichts weiter sagen.“ Die Nachfrage: „Haben Sie für sich schon entschieden, wie es im Sommer mit Ihnen weiter geht?“ Veh ein wenig zögerlich: „Ich sage jetzt erst einmal nichts.“ Dann folgt noch: „Ich versuche mein Bestes, ich versuche, wie ich es immer sage, ich versuche das Beste daraus zu machen aus der Situation. Das ist ja auch schwierig, denn normalerweise, wenn man einen Ein-Jahres-Vertrag hat, dann verlängert man im Winter. Denn sonst wird es schwierig, denn die Mannschaft weiß dann ja, dass der Trainer am Ende der Saison weg ist. Der Trainer plant ja gar nicht mehr für die nächste Saison . . .“ Veh tröstet sich über diese Situation selbst hinweg: „Aber dafür, dass das so ist, kriegen wir das jetzt noch ganz gut hin.“

Wie klingt das für Euch? Zuversicht sieht anders aus, liest sich sicher auch ganz anders. Und wenn ich da ein wenig (oder etwas mehr) Abschied in diese Sätze lege, dann liege ich wahrscheinlich nicht ganz so falsch. Oder?

Armin Veh wirkt bei seinen Aussagen betroffen. Die gesamte Situation geht nicht spurlos an ihm vorbei. Und er fügt noch ein wenig wehmütig an: „Nun stellen Sie sich mal vor, wir hätten noch am Mittwoch gewonnen. Diese Niederlage hat uns sehr wehgetan, aber wir hätten es doch auch gewinnen müssen. Und dann wären wir die beste Rückrunden-Mannschaft gewesen, dann hätten wir 15 Punkte nach sechs Spielen gehabt – aber die Stimmung ist hier so, als hätten wir minus zehn Punkte . . .“ Glücklich klingt anders.

Wer aber plant denn schon für die nächste Saison? Der HSV befindet sich ganz offenbar in einem Vakuum-Zustand. Nichts Genaues weiß man nicht. Dazu die Meinung von Veh: „Wenn jetzt ein Sportchef kommt, dann müssen die handelnden Personen planen, ganz klar, diese Personen müssen es dann machen. Im Moment sind wir nicht handlungsfähig, wer soll das denn machen? Deswegen ist es ganz, ganz wichtig, dass ein Sportchef kommt. Wer soll das denn machen? Das ist doch ganz entscheidend für die nächsten Jahre.“

Inzwischen steht längst fest, dass der HSV Frank Arnesen als Sportchef verpflichtet hat. Der Klub schickte deshalb eine Mail an alle Sportredaktionen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Hier ist sie:

„Frank Arnesen wird ab dem 1. Juli 2011 neuer Sportchef des Hamburger SV. Der Aufsichtsrat des Vereins und der 54-jährige Däne, der aktuell als Sportdirektor beim Premiere-League-Klub FC Chelsea tätig ist, einigten sich auf einen Vertrag bis zum 30. Juni 2014. HSV-Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff: „Ich bin sehr glücklich, dass uns diese großartige Lösung gelungen ist. Frank Arnesen hat nicht nur mit seiner Erfahrung als Manager internationaler Top-Klubs Erfahrungen gesammelt, sondern insbesondere durch seinen Fokus auf Nachwuchsarbeit und der Ausbildung von Spielern genau die Kompetenz, die für uns in Zukunft von richtungsweisender Bedeutung ist.”
Auch Frank Arnesen freut sich auf die Herausforderung und seine erste Station im deutschen Fußball: „Ich bin geehrt vom Interesse des HSV und der Überzeugung der Verantwortlichen des Vereins. Der HSV ist ein besonderer Klub mit einer großen Tradition und fantastischen Bedingungen. Ich bin überzeugt, dass wir mit der vorhandenen Kraft und den richtigen Entscheidungen etwas Großes entwickeln werden.”
Begleitet wird Frank Arnesen vom aktuellen Chefscout des FC Chelsea Lee Congerton, der zukünftig die Funktion des Technischen Direktors übernehmen wird. Ebenfalls zum sportlichen Führungsteam gehört Bastian Reinhardt,der vom 1. Juli an auf sein Vorstandsmandat verzichten wird. Ernst-Otto Rieckhoff: „Bastian Reinhardt hat sich in den vergangenen Monaten mit seiner Arbeit und seiner Loyalität um den Verein verdient gemacht. Ich bin froh, mit ihm gemeinsam eine Lösung gefunden zu haben, die allen Beteiligten, dem HSV und insbesondere Bastian gerecht wird.”
Der ehemalige dänische Nationalspieler Frank Arnesen begann seine Aufgabe beim amtierenden Premiere-League-Champion FC Chelsea 2005, zunächst als Nachwuchsleiter und Chefscout. Im Mai 2008 wurde er zusätzlich in den Vorstand des Vereins berufen, seit 2009 arbeitet er als Sportchef und ist zudem Chefanalytiker. In seiner Zeit beim FC Chelsea wurde der Verein zweimal englischer Meister (2006, 2010) und gewann 2007, 2009 und 2010 den englischen Pokal, zudem 2009 den englischen Super-Cup. In der Champions League stand Chelsea 2008 im Finale sowie zweimal im Halbfinale (2007, 2009).
Nachdem er seine Karriere als Profi beendete, war Arnesen zunächst Co-Trainer von PSV Eindhoven und übernahm 1994 das Amt des Sportdirektors. 2004 wechselte er dann als Manager zu Tottenham Hotspur nach England.
Frank Arnesen begann seine Karriere bei Fremad Amager in Kopenhagen. 1975 wechselte er zu Ajax Amsterdam, dort wurde er 1977, 1979 und 1980 niederländischer Meister und gewann zudem 1979 den niederländischen Pokal. Zur Saison 1981/82 wechselte er zum FC Valencia, wo er zwei Jahre lang blieb und dann zum RSC Anderlecht wechselte. 1985 wechselte er zum PSV Eindhoven, mit dem er dreimal niederländischer Meister wurde und 1988 den Europapokal der Landesmeister gewann. 1988 beendete er seine Karriere.
Für die dänische Nationalmannschaft absolvierte Arnesen 52 Länderspiele und schoss dabei 14 Tore. Er nahm an der Europameisterschaft 1984 in Frankreich und der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko teil. Bei der EM in Frankreich wurde er mit drei Toren hinter Michel Platini zweitbester Torschütze.“

So, das ist das offizielle Schreiben (und die Erklärung) des HSV. Was aus dem Team um den Schweizer Paul Meier wird, das noch vom Fast-HSV-Sportchef Urs Siegenthaler installiert wurde, bleibt offen. Vorerst jedenfalls.

Zurück zu sportlichen Seite des 4:0-Sieges. Heiko Westermann auf der Sechs, Gojko Kacar als Innenverteidiger. Das waren die gravierendsten Änderungen, die Veh diesmal vorgenommen hatte. Und geht es nach dem Trainer (und danach geht es ja nur), dann wird das auch in Zukunft so bleiben. Die Erklärung des Trainers: „Auf der Sechs hatten wir bislang mit Ze Roberto und David Jarolim zwei ganz ähnliche Spieler, die oft kurz-kurz spielen, aber wir kamen nicht da vorne rein. Mit Heiko Westermann wollte ich Dynamik ins Mittelfeld bringen, und wenn sich keiner verletzt, dann bleibt er auf dieser Position, denn wir müssen schneller werden, wir müssen mit Tempo in die Spitze spielen. Es ist schade für Jaro, aber ich habe mich so entschieden.“

Entschieden hatte sich der Trainer auch gegen Eljero Elia. Rauf auf die Tribüne. Die Erklärung Vehs: „Ich wollte einmal das sehen, was er von sich behauptet, dass er 100 Prozent gibt, dass er alles tut für den Verein. Und dann muss er es mir auch zeigen. Ich habe ihn Mittwoch gegen St. Pauli eingewechselt, er hatte vorher in der Zeitung angekündigt, dass er alles geben werde – und wenn er das dann nicht tut und nicht versucht, aus meiner Sicht, dann ist auch mal Ende der Fahnenstange.“ Vielleicht ist es ja genau eine solche Maßnahme, die Elia noch vor einem totalen Untergang in Hamburg bewahrt – wenn er denn tatsächlich alles so versteht, wie es der Trainer gerne möchte. Aber darauf haben andere in Hamburg auch schon (vergeblich) gewartet. Ein Jammer, wie sich ein solches Talent selbst solchen Schaden zuführen kann. Wo bleibt da der Berater, der sich auch mal beratend einschaltet – und nicht nur mit einem neuen Verein aufwartet?

Abwarten, wie es nun weiter geh mit Elia. Armin Veh sprach nach dem Spiel am Sonnabend auch über den Druck, den er (und die Mannschaft) vor dem Bremen-Spiel hatte: „Die Situation nach dem Mittwoch-Spiel war nicht normal. Ich habe eine solche Situation auch noch nie erlebt. Dass man enttäuscht ist, das ist klar, aber dass das so extrem ist, das habe ich noch nie erlebt. Da konnte man ein solches Spiel ja gar nicht sachlich analysieren, darum ging es ja gar nicht – da ging doch um Animation. Oder um Dinge, die mit Sport weniger zu tun haben.“ Und: „Wir waren doch alle platt, wir waren doch alle down.“

So ist es. Und einige sind es sicherlich noch immer. Fans, Offizielle – und Spieler. Und in Zukunft wird auch so mancher HSV-Profi noch platter sein. Am Sonnabend saßen Stars wie Ruud van Nistelrooy, David Jarolim und Piotr Trochowski auf der Bank, Eljero Elia sogar auf der Tribüne. Und so mancher wird sich darauf einstellen können, dass sich an diesem Zustand sobald auch nichts ändern wird. Veh: „Wir müssen versuchen, dass wir permanent die beste Mannschaft aufstellen, von der man meint, dass es die beste Mannschaft ist. Auch wenn es Spieler gibt, die damit nichts anfangen können, aber das ist mir denn im Prinzip . . .“ Der HSV-Coach hält kurz inne, dann fährt er mit einem neuen Satz fort: „Auch wenn man draußen sitzt, dann sollte man sich mit dem Team identifizieren. Wenn einer das nicht macht, dann ist er fehl am Platz. Das, genau das machen uns doch alle vor, Mannschaften wie Hannover und Freiburg, auch Nürnberg macht uns vor.“ Teamgeist versetzt Berge, die „Kleinen“ zeigen es derzeit, wie es geht, gehen kann, und die Arrivierten wie Werder, Stuttgart, Schalke oder auch Wolfsburg setzen dagegen eher auf die Millionen, die sie für neue Spieler ausgeben. Armin Veh: „Wir haben zwar die besseren Einzelspieler, aber wir müssen besser als Team auftreten. Wer das nicht kann, wer da draußen sitzt und nicht mitfiebert, der wird es bei mir schwer haben in Zukunft.“

Bei Hannover 96 war das am Wochenende sehr schön zu sehen. Da stürmte die gesamte Mannschaft nach einem Tor auf den (schmollend?) auf der Bank sitzenden Ersatztorwart Fromlowitz zu und umarmte ihn. Beim HSV sah man eine solche Szene (in dieser Saison) höchst selten, aber – es geht bergauf. Jawoll, langsam, aber es geht. Nach dem 4:0 von Änis Ben-Hatira kamen alle Feldspieler auf den Torschützen zu und feierten ihn – an der Eckfahne des Werder-Tores. So etwas hat es lange, lange nicht mehr gegeben. Und auch nach dem Schlusspfiff kamen die Ersatzleute auf die HSV-Spieler zu (um zu gratulieren), die bis zuletzt auf dem Rasen waren. Na bitte, es geht doch. Und: weiter so! Kurzer und knapper Kommentar Veh: „Ich finde, dass sich so etwas auch gehört.“

Auch Ruud van Nistelrooy war dabei. Über ihn und seine derzeitige Situation befand der Coach: „Ruud wollte in den letzten Spielen, aber es war schwierig. Kopf und Körper sind eins, das habe ich schon oft erlebt, und dann macht man sich so viele Gedanken – und es wird schwer dadurch. Eines ist doch klar: Alles fokussiert sich auf ihn, das hat er sich ja auch hart erarbeitet, und deswegen erwartet hier jeder, dass er seine Leistung bringt. Und wenn er die dann einmal nicht bringt, dann ist es besser, dass man ihn auch mal raus nimmt aus der Schusslinie.“ Aber wie lange? Und schafft „RvN“ noch einmal die Wende? Veh: „Vom Körper her wird er es absolut wieder hinbekommen, ich hoffe nur, dass er es auch vom Kopf her schafft.“

An diesem Montag ist kein Training im Volkspark.

16.24 Uhr

4:0 – Wiederauferstehung im Volkspark

19. Februar 2011

Der HSV ist wieder da! Wer hätte das nach der Pleite vom Mittwoch gedacht? Gegen die Mannschaft von Werder Bremen, die wie ein Absteiger in Hamburg vorspielte, gab es einen lockeren 4:0-Erfolg. Es durfte endlich einmal bei einem Duelle mit dem ewigen Nordrivalen so richtig schön gejubelt werden – nach einem ganz schlimmen Tag nun ein ganz, ganz besonderer. Werder wurde in alle Einzelteile zerlegt, Torwart Frank Rost hatte nur einen einzigen Ball zu halten – und den gab es nach einem Querschläger sogar von den eigenen Kollegen. Keine Frage, so macht Fußball doch wieder Spaß!

Den Mut zur Lücke. Einige hatten ihn, einige aber verzichteten darauf. Sie feuerten ihren HSV, ihren Lieblingsverein weiterhin an – und das war auch gut so. Zwar war es relativ ruhig im Volkspark, aber nach dem, was vorher gelaufen war, hätte ich größere Lücken erwartet. Und eine Bus-Blockade gab es auch nicht. Das Leben geht eben auch nach einer Derby-Niederlage und einem weiteren krassen Rückschlag weiter.

Armin Veh hatte aufgeräumt. Gegenüber der Pauli-Pleite waren Gojko Kacar, Jonathan Pitroipa, Paolo Guerrero und Heung Min Son neu in der Startformation. Auf der Bank saßen Marcell Jansen und Ruud van Nistelrooy, dazu, und das sahen wirklich viele, viele Fans als ungerecht an: Auch David Jarolim und Änis Ben-Hatira sahen zu. Für mich waren das zwei, die sich gegen die „Braunen“ noch den Hintern aufgerissen hatten, die zu den Besseren im Veh-Team gehört hatte. Aber gut, der Trainer hat so entschieden, er wollte ein Zeichen setzen – vielleicht haben es ja alle verstanden.

Vor dem Spiel gab es noch eine interessante Szene in den Katakomben der Arena. Als die Mannschaften zum Aufwärmen aus den Kabinen kamen, entdeckte Ruud van Nistelrooy den hinter der Bande stehenden Kult-Masseur Hermann Rieger. „RvN“ klopfte „Hermann the german“ auf die Schulter und begrüßte ihn ganz herzlich – wie Hermann auch: „Hallo Burschi.“ Dabei streichelte er kurz die Wange des Niederländers. Eine sehr herzliche und menschliche Szene. Ich sprach mit Hermann Rieger, der mir sagte: „Es geht mir wirklich gut, wirklich gut. Es machen sich viele, viele Fans Sorgen um mich, ich danke allen für die Anteilnahme – ich bekomme unheimlich viel Post.“ Zum Matz-ab-Treffen am 18. März habe ich Hermann natürlich eingeladen, geht es ihm wie heute, dann ist er dabei. Das klingt doch gut, oder?

Nicht ganz so gut dann aber das Spiel. Einigen HSV-Profis steckte St. Pauli noch in den Knochen, denn von Tempo, Lust, Herz und Leidenschaft war nicht viel zu sehen. Verständlich in meinen Augen, auch wenn jetzt so mancher Fan sagen wird: „Wieso das denn? Die kriegen Geld, und nicht zu knapp, die sind alle Profis, die haben sich einzusetzen.“ Ist ja was dran, aber in diesem Falle denke ich, dass der eine oder andere HSV-Spieler eben nicht so schnell zur Tagesordnung übergehen kann. Profi hin, Profi her, das ist menschlich. Ich bin auch immer noch restlos bedient, von diesem schrecklichen Mittwoch . . .

Um mit einer aktuellen Nachricht zu beginnen, bevor es auf den Rasen geht: Frank Arnesen ist nach meinen Informationen schon der neue HSV-Sportchef, der Däne kommt im Sommer vom FC Chelsea und soll dann diesen maroden HSV auf Vordermann bringen. Möge er eine gute Hand haben, damit es endlich einmal wieder bergauf geht mit dem Klub.

Armin Veh hatte umgestellt, Heiko Westermann auf die Sechs genommen, Kacar neben Joris Mathijsen in die Innenverteidigung. Westermann war dann auch ein großer Aktivposten, lief viel, bot sich immer wieder an – und wollte als Kapitän ganz offensichtlich mit bestem Beispiel voran gehen. Auch wenn nicht jeder Pass von ihm ankam, er brachte eine gute Leistung.

Sein Nebenmann Ze Roberto spielte seinen „Stiefel“ so wie im Training herunter, eine „Hallo-wach-Tablette“ hätten sich besser auch Mathijsen und Paolo Guerrero eingeworfen. Wie gesagt, ich nehme sie diesmal in Schutz, ich habe Verständnis für eine solche Reaktion. Wobei Guerrero ja viel versuchte, aber ihm klebte irgendwie das Pech an den Stiefeln (in Halbzeit eins). Und wenn es mal gut aussah, dann stand Paolo auch meistens im Abseits . . . Aber er kam ja noch.

Guy Demel spielte rechts passabel, Dennis Aogo links ebenso. Kacar rechtfertigte seine Nominierung mit einer konzentrierten und engagierten Leistung, das war okay. Über links versuchte sich diesmal der kleine Son, und er kam nicht über einige Versuche hinaus. Er hängt nach der Asien-Meisterschaft immer noch irgendwie durch, da müssen alle noch reichlich Geduld aufbringen. Aber: Mit Eljero Elia hatten die HSV-Anhänger stets Geduld, dann wohl erst recht mit Son. Rechts war wieder einmal Pitroipa am Start, und der war in der Tat (auch wenn ihm längst nicht alles gelang) ein bewegendes Element. „Pit“ versuchte etwas, dribbelte, sprintete, lief. Ein Vorbild. Auch wenn er nach wie vor in Sachen Abschluss seine Erstklassigkeit sucht. Das wird aber wohl bis zum Ende seiner Karriere verfolgen.

Vorne gab es das Duo Mladen Petric und Guerrero. Petric fand in der Anfangsphase nicht ins Spiel, biss sich dann aber über den Kampf hinein. Kompliment, er hat bewiesen, dass es auch über einen solchen Weg geht. In seinem Eifer trat er sogar einmal Son um (41.), so dass der Südkoreaner einige Zeit leicht humpelte.

Das Spiel an sich war gewöhnungsbedürftig. Erschreckend, wie schwach Werder Bremen geworden ist, ganz erschreckend. Natürlich haben da einige sehr gute Kräfte gefehlt, aber dennoch, so schlecht habe ich den Nordrivalen seit Jahr und Tag nicht mehr erlebt. Irgendwie wie eine Altherren-Truppe. Und das gegen diesen so angeschlagenen HSV.

Bei dem natürlich auch viele Dinge daneben gingen. Freistöße und Eckbälle zum Beispiel – erschütternd. Und immer wenn der Ball quer oder zurück gespielt wurde, bewiesen die Fans ihre Ungeduld. Oder besser: Sie quittierten jeden dieser Tempo verschleppenden Pässe mit Pfiffen. Und einige skandierten es auch laut: „Wir ha’m die Schnauze voll.“ Nämlich von dieser Art Schnecken-Fußball.

Diesmal aber ging es nicht schief, diesmal rappelte sich der HSV auf. Angeführt von Westermann und dem immer aktiveren Petric ging es mehr und mehr Richtung Werder-Tor. Und das wurde belohnt: Erst störte Guerrero am Bremer Strafraum, dann kam Pitroipa am Eck des Sechszehners an den Ball, ein großartiger Doppelpass mit Westermann, der Pass zur Mitte – und Petric netzte ein (42.). Die Erlösung! Völlig verdient ging es mit dieser Führung in die Pause.

Nach dem Seitenwechsel weiter in dieselbe Richtung. Grün fand nicht statt. Im Gegensatz zu Mladen Petric, der immer mehr aufblühte. Lag es daran, dass der sonst übliche Nebenmann fehlte? Ich vermute es fast, aber zu beweisen ist so etwas natürlich nicht. Petric aber war der Mann, der das 2:0 fast im Alleingang besorgte. Er luchste Mertesacker die Kugel ab, Querpass auf den mitgelaufenen Guerrero, der diesmal nicht im Abseits stand und ohne die geringste Mühe den Ball ins leere Werder-Tor lenken konnte (64.). Und aus dem Norden tönte es : „Werder, Werder, Zweite Liga, oh ist das schön, euch dort wieder zu seh’n . . .“ Da fiel eine Riesenlast von den Schultern der HSV-Fans, die so lange auf eine Revanche für viele, viele Niederlagen gewartet haben. Für das 3:0 sorgte Guerrero mit der Pieke (79.). So schön und so einfach kann Fußball sein.

Den Schlusspunkt setzte der für Son eingewechselte Änis Ben-Hatira – nach einem Zuckerpass von Ze Roberto. Erfreulich: Bis auf Frank Rost kamen alle an die rechte Eckfahne (des Werder-Tors) gelaufen, um dem Talent zu gratulieren. Herrlich anzusehen.

Die Besten beim HSV: Petric und Westermann. Und, um auch das noch zu sagen: Im zweiten Durchgang legten sie alle noch eine Schippe drauf, auch die, die zunächst ein wenig schläfrig gewirkt hatten. Ze Roberto kam sogar noch prächtig in Fahrt. Und Guerrero belohnte seine Fleißleistung mit einem Doppelpack. Am Rande flippte Armin Veh fast aus vor Freude – alles richtig gemacht. Obwohl: David Jarolim draußen zu lassen, das werde ich nie verstehen. Zumal nach dieser (seiner) Leistung. Aber gut, da haben hier ja auch einige dieselbe Meinung wie der Trainer.

Übrigens: Auf dem Weg ins Stadion traf ich Ilka Seeler, die Frau unseres Mittelstürmer-Idols. Sie: „Na, wie geht das Spiel heute aus?“ Ich: „0:0.“ Sie: „Nein, nein, das können Sie vergessen, es gibt einen klaren 3:0-Sieg für den HSV, denken Sie an meine Worte.“ Habe ich. Und was war denn mit dem 4:0, Frau Seeler?

17.27 Uhr

Veh sortiert aus – auch “Jaro”? ERGÄNZUNG: Elia aus dem Kader gestrichen

18. Februar 2011

+++++++Nach dem Training verabschiedete sich Eljero Elia als Erster. Der Niederländer wurde von Trainer Armin Veh aus dem Kader gestrichen und schien mit der Entscheidung nicht einverstanden zu sein. Fortsetzung folgt….+++++++

Ganz schlecht drauf. Alle. Die Fans, die Mannschaft, auch ich. Und natürlich der Trainer. Wer sich die heutige Pressekonferenz ansehen kann, dem wird nicht entgehen, dass Armin Veh echt schlecht aussieht. Der Mann leidet. Und wie. Okay, irgendwie leiden wir ja alle, aber so wie ich Veh nun erlebt habe, so habe ich ihn noch nie wahrgenommen. Der wäre am liebsten gar nicht erst zur PK gekommen, der hätte wahrscheinlich schon besser heute als morgen gegen Werder spielen lassen – damit Gras über diese Sache wächst. Aber wächst da überhaupt so schnell Gras drüber? Da habe ich meine Zweifel. Zumal ja nicht garantiert ist, dass der HSV die Bremer aus dem Stadion pustet. Was ist, wenn der HSV nicht gewinnen sollte? Oder, noch schlechter: Was ist dann, wenn der HSV gegen den ewigen Nordrivalen, der ja eigentlich noch viel schlimmer angeschlagen ist als der morgige Gastgeber, verlieren sollte?


Dabei fällt mir ein: Die St.-Pauli-Fans sangen ja am Mittwoch nach dem Schlusspfiff auch irgendetwas von „Nummer eins in Hamburg“. Darum ging es ja auch. Oder? Nein, für mich eher nicht. Wie lächerlich ist denn das, nach der Nummer eins in dieser Stadt zu fragen? Diese Frage ist doch schon seit Jahrzehnten geklärt, da kann doch nicht ein solches Spiel dazu genommen werden, die Nummer eins zu werden. Wer ist denn die Nummer eins der beiden Städte Nürnberg und Hamburg? Der Club natürlich: 1:1 im Hinspiel, 2:0 gegen den HSV im Rückspiel gewonnen. Diese Frage, wer wo die Nummer eins ist, die ist doch totaler Blödsinn. Die Tabelle lügt nicht, sie allein zeigt die Wahrheit, nur diese eine Tabelle – und nichts anderes. Deswegen geht es auch morgen im Volkspark nicht darum, wer im Norden die Nummer zwei ist. Es geht darum, wieder aufzustehen. Es geht darum, Charakter zu zeigen, die richtige Einstellung – endlich einmal die richtige Einstellung.

Wer schlecht spielt, der darf wenigstens kämpfen, rennen, kloppen, beißen, kratzen.

Der HSV hat doch am Mittwoch nicht schlecht gespielt. „Wir haben St. Pauli eine Stunde lang an die Wand gespielt“, hat Dennis Aogo (der noch immer sehr betroffen wirkte) auch heute noch gesagt. Dem ist ja nicht zu widersprechen. Nur nach dem 0:1, da passierte kaum noch etwas. Da hätte eine erfahrene Mannschaft sich wehren müssen. Kämpfen, rennen, kloppen, beißen, kratzen – und das Herz auf dem Rasen zeigen. Und dann sind wir auch schon wieder bei Werder. Wenn diese HSV-Mannschaft das morgen nicht besser schafft, dann werden die Fans ganz sicher darauf reagieren. Ganz sicher sogar.

Denn schon jetzt ist ja von „Boykott“ die Rede. Viele Fans wollen gar nicht erst wieder ins Stadion kommen, ganze Fan-Klubs wollen sich für den Rest der Saison zurückziehen. Weil sie angeblich keine Kraft mehr haben. Ich denke aber, dass das nicht die richtige Antwort auf diese unglaubliche Pleite ist. Ein echter Fan steht auch dann zu seinem Klub, wenn es eine Katastrophe gegeben hat. Die hat es nun einmal gegeben, aber dann muss man da eben noch einmal durch. Jawoll, noch einmal und noch einmal und noch einmal. Was sollen denn die Anhänger von zum Beispiel Bochum, Bielefeld oder Hertha BSC sagen? Abgestiegen – und dann? „Ich bin dann mal weg!“ Aber gut, ich will und kann niemanden überreden, jeder ist seines Glückes Schmied. Alle sollten aber mal so denken: Keinem einzigen HSV-Fan hat diese Niederlage Spaß gemacht, keinem! Wenn nun alle beleidigt reagieren würden, alle schmollend zu Hause bleiben, weil es gegen den kleinen Nachbarn eine historische Niederlage gegeben hat – dann kann die Arena geschlossen werden. Oder es dürften dort in Zukunft Hunderennen ausgetragen werden. Ich halte es da eher mit diesen Leuten, die heute Flagge gezeigt haben: An den Autos klebten nach wie vor die HSV-Aufkleber, in der U-Bahn trugen die Leute HSV-Mützen und –Schals, sogar im Springer-Verlag lief ein Mitarbeiter mit einem HSV-Schal durch die Kantine. Bravo! Jetzt erst recht!

Morgen, gegen den notorischen Spielverderber aus Bremen, stehen mehr als nur die drei läppischen Punkte auf dem Spiel. Aufstehen und kämpfen. Alle. Auch der Trainer. Der ganz sicher weiß, dass es auch um seine Zukunft in Hamburg geht. Armin Veh ist Realist. Viel mehr Realist als alle anderen HSV-Trainer, die ich vor ihm hier erlebt habe (seit über 30 Jahren). Veh erkennt die Zeichen der Zeit wie kein anderer, und er wird ganz genau wissen, dass es gegen Werder auch um ihn geht. Und die Mannschaft wird es auch wissen. Im Interesse des Trainers ist zu wünschen, dass die Herren Profis ihren Chef nicht im Regen stehen lassen wollen, dass sie auch für ihn Gas geben und sich zerreißen. Es wird von allen HSV-Fans sicher ganz genau beobachtet, wie sehr sich die Mannschaft ins Zeug legen wird. Endlich einmal jeder 100 Prozent. Endlich einmal, bitte!

Mir hat ein Beitrag bei „Matz ab“ ganz gut gefallen. Da hieß es in etwas so: „Wir hatten drei Total-Ausfälle, und mit nur acht Spielern haben wir St. Pauli trotz allem noch beherrscht – das ist doch ein gutes Zeichen.“

Hoffen wir alle, dass es gegen Werder nicht einen Total-Ausfall geben wird. Armin Veh wird seinen Mannen den Marsch blasen, sie heißer als noch am Mittwoch machen.

Wobei ich gespannt bin, wie der Trainer ein gewisses Dreiecks-Problem lösen will: Gojko Kacar neben Joris Mathijsen in die Innenverteidigung, Heiko Westermann dann auf die (eine) Sechs. Neben wem? David Jarolim? Ze Roberto? Ginge es nach mir, würde ich keinen der beiden Staubsauger rausnehmen. Ze hat mir am Mittwoch spielerisch gefallen, „Jaro“ hat sich 90 Minuten zerrissen – als einer der wenigen HSV-Stars. Veh kann Jarolim nicht draußen lassen – ich hoffe es wenigstens sehr. Obwohl es jetzt doch ganz danach aussieht.
Ich wollte es ja eigentlich nie schreiben, nie, aber weil ich die Angst habe, dass „Jaro“ ein „Opfer“ dieser Pleite werden könnte, deswegen setze ich mich heute einfach mal über das mir selbst gegebene Versprechen hinweg:

Es war beim Sommertrainingslager in Österreich. Ihr erinnert Euch? Überall hieß es, dass der neue HSV-Trainer Armin Veh sich von „Jaro“ trennen will. Auch der Tscheche wusste es – und er gab im Training die richtige Antwort. Weil er ein Kämpfer ist. Nach einer Einheit traf ich „Jaro“ auf dem Weg vom Platz ins Hotel. Ganz allein. Ich fragte ihn, wie es denn nun um ihn stehen würde? Da zuckte er nur mit den Schultern. Dann war Pause. Plötzlich griff sich „Jaro“ an die Brust, dorthin, wo auf dem Trikot die Raute ist. Er sah mich so an, als ging es um Leben und Tod. Und er sagte mit einer Mischung aus Kampfgeist und Entsetzen in der Stimme: „Ich würde immer einen Verein finden, das ist überhaupt keine Frage, aber wenn ich aus Hamburg weg müsste, dann würde es mir das Herz zerreißen. Dieter, ganz ehrlich, es würde mir das Herz zerreißen . . .“ Dabei griff er sich noch energischer an sein Trikot und zerrte wie wild an seiner Brust. Das war keine schauspielerische Leistung, das war bitterer Ernst. Ich werde diese Szene niemals vergessen.

Ich wurde schon vor dem ausgefallenen Derby von einigen angegriffen, weil dort Veh auch schon geplant hatte, aus Jarolim zu verzichten. „St. Pauli lacht sich tot“, schrieben mir einige, und einer forderte von mir: „Dann habe einen Arsch in der Hose und schreibe es, dass du dagegen bist.“ Jarolim hätte aber doch gespielt. Deswegen kann man schlecht vorher Alarm schlagen. Diesmal aber sieht es wieder so aus, als wenn „Jaro“ draußen bleiben müsste – und das wäre nach seiner Leistung vom Mittwoch eine schreiende Ungerechtigkeit. Es wäre für mich das völlig falsche Signal, denn warum sollte einer draußen bleiben, der 90 Minuten Gas gibt. Für den HSV. Für die Raute. Für die Mannschaft. Für die Fans.

Aber gut, letztlich bin ich auch nur einer, der jede Maßnahme eines Trainers hinnehmen muss. Ich kann es nicht verhindern, wenn es denn tatsächlich ohne „Jaro“ gegen die Bremer gehen sollte. Und: Werder muss ja auf Pizarro und Wiese verzichten, vielleicht ist dann der Verzicht aus Jarolim ein kleines Entgegenkommen auf Hamburger Art. Vielleicht. Mal abwarten. Beim heutigen Training in der Arena spielte folgende Elf: Rost; Demel, Kacar, Mathijsen, Aogo; Westermann, Ze Roberto; Pitroipa, Son; Guerrero, Petric.

Ohne Ruud van Nistelrooy eigentlich – und das wiederum finde ich gut. Wobei ich sagen muss, dass ich nichts gegen den Menschen van Nistelrooy habe. Der Trainer aber hat wohl eingesehen, dass es mit van Nistelrooy und Petric als Doppel-Spitze einfach nicht geht. Es geht nicht. Die beiden Stars können nicht miteinander, obwohl alle beim HSV, die eine Funktion haben, stets das Gegenteil beschwören, aber sie liegen falsch, falsch, und nochmals falsch. Deswegen ist es richtig, wenn Veh nun auf einen der beiden Angreifer verzichtet, und dass es „RvN“ getroffen hat, ist keine Überraschung, er hat zuletzt einfach nichts mehr gezeigt. Oder nur das gezeigt, dass er zurzeit – immer noch wegen des geplatzten Real-Wechsels – nicht so gut drauf ist.

Beim St.-Pauli-Spiel allerdings hatte ich auch phasenweise den Eindruck, als wenn niemand mehr in dieser HSV-Mannschaft den früheren Weltstar suchen, in sein Spiel mit einbeziehen würde. Als gäbe es da eine Barriere, die keiner nehmen kann – oder will. Traurig stimmt mich das schon, aber es ist offenbar auch nicht mehr zu ändern. Auch daran dürfte, wenn es denn eines nicht mehr fernen Tages zur Trainer-Trennung kommt, Armin Veh letztlich gescheitert sein. Diese Mannschaft beherbergt einfach zu viele Spieler, die zuviel Neid mit sich herumschleppen. Deswegen wird diese Mannschaft auch nie ein Team.

Das ist sicher der Hauptgrund, warum diese Saison nicht so verlaufen ist, wie es von vielen vorher erhofft worden war. Ein anderer gewichtiger Grund ist aber auch das fehlende Tempo. Der HSV baut in Zeitlupe auf, Schnecken-Fußball: stümperhaft, zähflüssig, umständlich, unkoordiniert – Wahnsinn. Als ich am Mittwoch nach dem Spiel aus der Arena „geflüchtet“ bin, sah ich noch ein wenig bei Arsenal gegen Barcelona rein. Weil ich nach dem Kick im Volkspark einfach noch Bock auf richtigen Fußball (endlich mal Fußball!) hatte. Mensch Meyer, was war das für ein Hochgeschwindigkeits-Fußball? Unglaublich. Da liegen ja Welten dazwischen. Zwischen Hamburg, London und Barcelona. Und sicher gibt es noch viele, viele Städte, die man da noch nennen könnte. Der HSV spielt dagegen keinen Fußball, er quält Fußball. Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn. Aber gut, es ist ja so wie es ist – sagt Steffi.

Noch einmal zum Schluss (viele werden nun sagen: „Wo wir gerade beim Thema Tempo sind.“): Glaubt eigentlich ein jeder HSV-Fan, der sich (auch bei Matz ab) schon gegen Piotr Trochowski geäußert hat, dass es ohne ihn besser läuft? Um es einmal klar zu sagen (da habe ich einen Arsch in der Hose): Ich glaube das immer noch nicht, und ich werde es auch nicht glauben – nie.

Aber, wie sagte früher ein uns nicht ganz unbekannter Mittelstürmer: „Das ist ganz allein Sache des Bundestrainers.“ Und so ist es dann ja auch.

16.59 Uhr

So, noch eine kleine Ergänzung: Dass Frank Arnesen neuer Sportchef werden soll, das stimmt – wir werden in den nächsten Tagen wissen, wann, wie, warum.
Und zum Geheim-Training im Volkspark: Die B-Mannschaft besiegte die A-Vertretung 3:1. Für B traf Ruud van Nistelrooy zweimal, das Tor für A erzielte Mladen Petric per Elfmeter. Eine verpatzte Generalprobe beschert ja oftmals eine glanzvolle Premiere . . . Zuletzt aber hat meistens B gewonnen.

“Kopf hoch, Arsch hoch – und weiter geht’s!”

17. Februar 2011

Wunden lecken. Nicht sprechen. „Es ist alles gesagt worden“, sagte Kapitän Heiko Westermann heute, als er um 12.36 Uhr die Kabine gen Heimat verließ. Und irgendwie hatte er recht. Jedes zusätzliche Wort zu dieser Niederlage würde nur zusätzliche Leidenszeit bescheren. Entsprechend hatten sich alle HSV-Profis heute ein Sprechverbot auferlegt. „Wir müssen uns damit abfinden, diese Schmach ein halbes Jahr zu ertragen, bis sich die nächste Gelegenheit zur Revanche bietet.“ Das waren die Worte des Kapitäns direkt nach Spielschluss. Und sie spiegeln das wieder, was derzeit unumgänglich ist. „Da müssen wir jetzt durch“, sagt Frank Rost, „aber am Sonnabend geht es schon weiter. Deshalb kann es für uns nur gelten: Kopf hoch, Arsch hoch und weitermachen. Von Spiel zu Spiel.“

Und auch wenn es meiner journalistischen Sorgfaltspflicht entspräche, heute noch mal in die detaillierte Analyse zu gehen, es täte zu sehr weh. Nein, ich schummel mich aus diesem Dilemma mit der Ausrede heraus, dass in 48 Stunden schon das nächste wichtige Spiel ansteht. Das nächste Nordderby. Die nächsten eingeplanten drei Punkte. Und die Möglichkeit, Wiedergutmachung zu betreiben.

Wirklich Wiedergutmachung?

Ich glaube ganz ehrlich, dass auch ein Sieg gegen Werder, der in den letzten Jahren alles andere als selbstverständlich war, nicht alle Wogen glätten kann. „Jeder Spieler weiß, dass er die Möglichkeit hat, zumindest ein kleines Pflaster auf die große Wunde zu legen“, sagt Bernd Hoffmann und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Auch er weiß, dass diese Niederlage gegen die Nummer zwei der Stadt nur dann eine untergeordnete Rolle spielen wird, wenn sich der HSV doch noch zu seinem Minimalziel Europa League retten kann. Aber dafür ist ein Sieg im Heimspiel gegen den abstiegsbedrohten Nordrivalen von der Weser Pflicht. Kaum auszudenken, was passieren würde, wenn auch das zweite brisante Derby verloren ginge…

Die Frage, die sich stellt, ist, wie reagiert der HSV? Welche Reaktion zeigen die Spieler, welche der Trainer? Und während die Erstgenannten gestern nach einer kurzen Analyse seitens Veh individuelle Einheiten im Kraftraum absolvierten, deutete der Trainer bereits an, personell reagieren zu wollen. Nicht wenige rechnen mit einer Auszeit für Ruud van Nistelrooy. Genauso soll Gojko Kacar wieder in die Innenverteidigung rotieren. Und auf links scheint sich nach seiner schwachen ersten Halbzeit Marcell Jansen wieder ins Hintertreffen gebracht zu haben. Alles nicht wirklich überraschend. Oder doch?

Zumindest bei Kacar scheint es interessant zu werden, denn der Serbe soll nicht etwa Joris Mathijsen wieder ablösen sondern mit eben jenem zusammen die Innenverteidigung bilden. Dafür rückt Heiko Westermann auf die Sechs neben Zé Roberto. Leidtragender hierbei wäre der für mich beste HSVer gegen St. Pauli, David Jarolim. Oha! Westermann als zuletzt ordnender Abwehrchef aus dem Abwehrzentrum raus, dort stattdessen mit den beiden zweikampf- aber nicht zwingend sprintstarken Mathijsen und Kacar spielen – für mich ein unnötiger Umbau. Und ein unverständlicher, vor allem zu diesem Zeitpunkt. Die Abwehr hat in den letzten Wochen wenig bis nichts zugelassen, was zu einem großen Teil an der Zweikampstärke Westermanns festzumachen ist. Und Veh hatte vor kurzem „mehr Männer auf dem Platz“ gefordert und diese Forderung ausgerechnet vom Tschechen par excellence umgesetzt bekommen. Aber gut, abwarten. Schon vor zwei Wochen hatte Veh angedroht, Jarolim aus der Startelf zu nehmen und ihn letztlich doch wieder ins A-Team berufen. Egal. Schließlich ist es bislang noch nicht mehr als ein Gerücht, dass Jarolim diesmal wirklich draußen bliebt.

Gleiches gilt für van Nistelrooy. Der Niederländer genoss zuletzt den Vertrauensvorschuss seines Trainers. Und es scheint, als sei dieser langsam aufgebraucht. Mannschaftsintern genießt der ehemalige Welttorjäger weiter einen guten Ruf. Allerdings lassen die Spieler in ihren Analysen auch keinen Anlass aus, zu betonen, dass dem HSV einfach die Effizienz vor dem gegnerischen Tor fehlt. Und dabei nehmen sie auch van Nistelrooy stark mit in die Verantwortung, der kaum Torszenen geschweige denn Tor vorzuweisen hat.

Das wiederum liegt zum einen an den derzeit schwachen Außenbahnen (Aogos Flanke in der 40. Minute ist da eine der wenigen Ausnahmen), aber zum anderen auch an van Nistelrooy selbst. Der Angreifer scheint aktuell nicht in Form zu sein. Ob er dies mangels Motivation – wie die einen sagen – oder mangels sportlicher Verfassung ist, lasse ich ganz bewusst dahingestellt. In der Konsequenz bleibt es sich gleich – denn die würde bedeuten, einen formstärkeren Angreifer zu bringen, bis Ruud wieder in Form ist.

Oder eben die Außenbahnen umzubesetzen. Änis Ben-Hatira hat gegen St. Pauli wieder viele gute Aktionen begonnen – und sie wie zumeist unvollendet gelassen bzw. schwach abgeschlossen. Der 22-Jährige betreibt einen unglaublich und lobenswert hohen Aufwand. Ihm wäre ein Tor oder eine Torvorlage zu gönnen, er hätte es wirklich verdient. Aber er spielt einfach unglücklich. Sein Spiel ist fast symptomatisch für die mangelhafte Effizienz im Angriff. Gut möglich, dass Veh Ben-Hatira gegen Werder eine Pause gönnt und Jonathan Pitroipa oder Eljero Elia bringt. Oder auch beide, sofern auch Jansen auf die Bank muss.

Ich bin gespannt. Sehr sogar. Nach der Pressekonferenz mit dem Trainer und dem anschließenden Abschlusstraining um 16 Uhr unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Imtech-Arena werden wir mehr wissen. Mehr gibt es heute nicht zu sagen. Im Gegenteil, so schwer es momentan auch noch fallen mag, es muss weitergehen. Werder ist das Stichwort – und die Europa League weiterhin ein zu realisierendes Ziel.

Ich mache es mir einfach und halte es mal mit den Worten von Frank Rost: „Kopf hoch, Arsch hoch – und weiter geht’s!“

In diesem Sinne, bis morgen!

19.30 Uhr

Eine historische 0:1-Niederlage

16. Februar 2011

Es ist doch geschehen. Der HSV verliert nach über 33 Jahren wieder einmal ein Punktspiel gegen den FC St. Pauli. Unfassbar, aber wahr. 1:0 siegten die „Braunen“ im Volkspark, weil der HSV lange Zeit kein Mittel fand, gegen den Kiez-Beton anzugehen, und weil dazu einige gute Tormöglichkeiten nicht genutzt wurden. Der HSV ist wieder auf dem Boden der Realität angekommen, die Aufholjagd erfuhr ein abruptes und ein – ich muss es leider schreiben – schreckliches Ende. Das war viel zu wenig, HSV. So sieht auch kein internationaler Fußball aus. Das war eine Leistung, wie sie eine Mannschaft bietet, die im Bundesliga-Mittelfeld beheimatet ist. Armin Veh steht nun auf einer Stufe mit Rudi Gutendorf, der 1977 der letzte HSV-Trainer war, der gegen St. Pauli vergeigt. Vorher ging es oft nur um die Höhe des HSV-Sieges, aber wenn eine Mannschaft in den Volkspark kommt, die 90 Minuten kämpft, dann ist auch eine Überraschung möglich. So bitter dieser 16. Februar 2011 auch ist. Einfach nur schade, jammerschade.

Zur Pause diskutierten sie mit dem Schiedsrichter. Erst Asamoah, dann Heiko Westermann und Ze Roberto. Dabei hatte Günter Perl nicht viele Dinge falsch gesehen. Zwei Gelbe Karten gegen den HSV, keine gegen St. Pauli. Das war er wohl, der kleine Aufreger. Gelb für David Jarolim, der Bartels umfegte, war Pflicht, die Gelbe gegen Ze Roberto, der Asamoah legte, war ein wenig zu hart –es geschah im Mittelfeld, und Ze hatte vorher noch kein einziges Foul begangen. Im Gegensatz zu St. Paulis Kante Zambrano, der sich einige Dinge erlaubte, die hart an der Grenze oder auch schon drüber waren. Aber da schloss Perl großmütig beide Augen . . . Was nicht spielentscheidend war, natürlich nicht, aber in einem Derby ist immer Zunder, und da geht es um Kleinigkeiten.

Aber es hielt sich eigentlich alles im Rahmen. Bis auf die St.-Pauli-Fans, die um 19.10 Uhr ein kleines Feuerwerk im Volkspark zündeten. Muss nicht sein, kommt aber immer wieder mal vor. Sogar beim HSV. Gelegentlich. Auf dem Rasen blieb es bei kleineren Scharmützeln. Boll attackierte einige HSV-Profis verbal, was sich für einen Kommissar nicht unbedingt gehört, aber er war ja nicht im Dienst. Änis Ben-Hatira legte sich mit Zambrano an, weil der bei einem geglückten Rettungsversuch noch schön mit gestrecktem Bein „nachzog“. Perl sah es nicht, obwohl er ja im Abendblatt gesagt hatte, dass er einst Fußball gespielt hat. Ehemalige Fußballer aber sehen eine solche Aktion (wie die von Zambrano) – und ahnden sie dann auch.

Tore? Mangelware. Hätte Perl nicht zur Pause gepfiffen, der HSV würde es immer und immer und immer wieder versucht haben. Nur das rechte Mittel, das fiel den Hausherren nicht ein. Oder viel zu selten. Das war erschütternd. Woran es lag? St. Pauli stand mit Mann und Maus hinten drin, und das ist bekanntlich erlaubt. Dann muss (und darf) sich der Gegner etwas einfallen lassen, aber genau daran lag es ja. Der gute Ruud (van Nistelrooy) vorne drin hatte einen Kopfball (den er sonst wohl macht), ansonsten aber nicht eine einzige Szene. Nicht mal einen so guten Pass, wie den in Wolfsburg auf Mladen Petric. Letzterer hatte auch keine Szene. Zu gut bewacht, diese beiden Spitzen. Zum Glück für den HSV zeigte rechts wenigstens Änis Ben-Hatira Leben. Ich war vorher skeptisch, ich hätte Jonathan Pitroipa gebracht, aber Änis strafte mich mit einer engagierten Leistung ab. Mein Gott, wenn er noch einen halbwegs vernünftigen oder koordinierten Abschluss hätte, dann . . . Dann hätte er zum Beispiel das 1:0 erzielt (42.). Aber er „schnibbelte“ den Ball aus 15 Metern am Pauli-Tor vorbei.

Links zeigte Marcell Jansen nichts. Und genau das war zu leicht für St. Pauli. Der hüftsteife Thorandt, sonst Innenverteidiger, der dürfte sich „totgelacht“ haben, denn mit einem kleinen Dribbelkünstler (wie Eljero Elia) hätte er sicher mehr (was heißt mehr, er hatte ja gar keine) Schwierigkeiten gehabt. Zum Glück korrigierte Trainer Armin Veh seine Aufstellung, denn dann kam Elia – endlich, möchte ich hinzufügen.

Die HSV-Defensive hatte alles (fast alles) im Griff. Nur zweimal hatte Joris Mathijsen schwer mit dem immer noch sehr agilen Asamoah zu kämpfen, zweimal war der St.-Pauli-Spieler weg, fiel zweimal, Glück, dass es da kein Gelb für den Niederländer gab. Ansonsten aber null Problemo. Guy Demel ließ nichts zu, Dennis Aogo auch nicht. Und im Mittelfeld arbeiteten Jarolim und Ze Roberto wie die „Wahnsinnigen“. Ze bestimmte den Rhythmus des Spiels, „Jaro“ erlief sich unglaublich viele Bälle, rieb sich in vielen, vielen Duellen auf – gab wieder einmal alles. Bravo! Schlecht von Ze: Seine Freistöße. Die Bälle verhungerten in schöner Regelmäßigkeit und landeten beim ersten St.-Pauli-Spieler, der ohne Mühe klären konnte. Das sind, ich sage es ja immer und immer wieder, Chancen, die man soooo leichtfertig nicht vergeben darf. In so engen Spielen muss man die Standards nutzen . . .

Die zweite Halbzeit hätte mit einem Paukenschlag beginnen können. Hätte. Elia bediente Ze Roberto, der erschien frei vor Pliquett, doch der Brasilianer traf nur das Außennetz. Das war eine fast “Hundertprozentige“. Aber es war auch der Auftakt zu einem Fußballspiel. Jetzt war noch mehr Feuer drin, jetzt ging es hin und her, weil auch St. Pauli einmal mitspielen wollte – und der HSV hatte Chancen. Ben-Hatira hätte von rechts klarer abspielen müssen, Ruud van Nistelrooy traf eine Ben-Hatira–Flanke nicht, und Mathijsen scheiterte aus fünf Metern an Pliquett. Es sollte nicht sein.

Das Tor fiel dann auf der anderen Seite: Kruse-Ecke, Boll verlängert, Asamoah köpft ein. Erste St.-Pauli-Chance, gleich ein Treffer – so kann es gehen (59.). Und: Alter schützt vor Toren nicht. Man kann sie nämlich auch erzwingen, man muss nur wollen.

Nach dem 0:1 brauchte der HSV, um wieder in Schwung zu kommen. Es passierte lange Zeit nichts. „Wir woll’n euch kämpfen seh’n“, so tönte es aus dem Nord-Westen, aber gekämpft wurde doch! Fußball aber hätte besser gespielt werden müssen.

Veh versuchte es dann mit einem Doppelwechsel. Van Nistelrooy (zu spät) und Ben-Hatira raus, Elia und Pitroipa rein (72.). Schon in der Anfangsphase hatte der neben mir sitzende „Scholle“ gesagt: „Der Sieg kommt heute von der Bank.“ Schön wär’s ja, habe ich so bei mir gedacht, aber ab der 75. Minute habe ich nur noch gehofft, gehofft, gehofft . . .

Aber es lief nichts mehr zusammen. Die Spieler standen zu weit auseinander, die Lücken zwischen Abwehr und Angriff viel zu groß. Die Angst vor einer Derby-Niederlage machte sich breit und lähmte ganz offenbar doch einige HSV-Spieler. Und wenn ich nach den ersten 45 Minuten noch gehofft hatte, dass St. Pauli diese hohe Laufbereitschaft nicht bis zum Ende durchhalten würde, so war auch das ein Trugschluss. Die „Braunen“ hielten durch, eher hatte ich beim HSV das Gefühl, dass einige überpowert hatten.

Elia, der ganz gut und vielversprechend begonnen hatte, tauchte völlig ab. Der eingewechselte Pitroipa zeigte auch wenig Leben, das war oft nur brotlose Kunst, was da gezeigt wurde.

Fast ein Skandal dann zum Schluss. Boll liegt am Boden (vor dem eigenen Strafraum), Ebbers läuft auf das HSV-Tor zu, könnte das 2:0 machen – gestoppt. Dann kontert der HSV, Boll liegt immer noch am Boden – und Perl pfeift ab. Richtig? Darüber kann man ganz sicher geteilter Meinung sein, vielleicht sollte der Schiedsrichter einmal darüber mit seiner Zunft reden, wo bleibt da die Gerechtigkeit?

Zum Schluss kippten die St.-Paulianer um wie die Fliegen. Auch das gehört zum Fußball. Zeitspielen ist ein oft genommenes Mittel – wenn der Unparteiische es zulässt.

Die Besten beim Verlierer: Heiko Westermann, der sich total verausgabte, und dazu auch David Jarolim, der ein gigantisches Pensum absolvierte. Und, das muss ich auch noch sagen dürfen: Mir tut Piotr Trochowski leid. Warum? Weil es Freistöße gab, die niemand schießen konnte oder wollte. Und die einige geschossen haben, die eigentlich nicht schießen dürften. Aber auch das gehört zum HSV 2011.

Dass die “Braunen” später noch lange Karneval im Volkspark feierten – das tat vielen, vielen HSV-Fans schon enorm weh. Und auf der Videowand wurde dazu ein wenig deplatziert geworben: Die zehn besten HSV-Spiele der Vereins-Geschichte . . . Lang, lang ist es her.

20.50 Uhr

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