Tagesarchiv für den 28. Februar 2011

Der HSV-Rat vor einer wichtigen Entscheidung

28. Februar 2011

Die Ruhe vor dem großen Sturm? Heute war beim HSV Ruhetag, aber morgen geht es los: Am Dienstag versammelt sich der HSV-Aufsichtsrat, dann geht es in Runde eins um die Zukunft von Bernd Hoffmann und Katja Kraus. Nichts soll morgen entschieden werden, also noch keine Panik, es sollen nur die Weichen gestellt werden. In welche Richtung könnte es gehen, denn die Vertragsverlängerungen stehen nun an? Bis zum Ende des Jahres laufen die Verträge des Duos, was passiert danach? Geht es mit ihnen weiter – oder wird der Klub einen neuen Vorstand suchen und installieren? Hinter den Kulissen des HSV gibt es diverse Gerüchte – und immensen Betrieb. Der geht mit dem frühstücken, und der geht mit jenem zur Mittagszeit essen, um alles von allen Seiten ganz genau zu beleuchten. Und um zu raten und zu beeinflussen. Wahlkampf der etwas anderen Art. Reden und überreden lassen, das ist hier die Frage. Davon bekommt die Öffentlichkeit absolut nichts mit, aber es herrscht emsige Betriebsamkeit. Und ich als Außenstehender kann dazu nur mein ganz bescheidenes Urteil abgeben: „Es ist wirklich noch nichts entschieden, weder zur einen noch zur anderen Seite, erst einmal wird das Für und Wider beleuchtet.“ Und das ist auch gut so.

Wenn ich aber zuletzt geschrieben habe, dass ich – sagt mir mein Bauch – eher mit einer Vertragsverlängerung von Hoffmann und Kraus rechne, so wurde mir schon in den letzten Tagen von verschiedenen Seiten signalisiert, dass mein Bauch vielleicht doch ein wenig falsch liegen könnte. Ich hatte das daran festgemacht, dass die neu in den Aufsichtsrat gewählten Mitglieder, die eher der Anti-Hoffmann-Fraktion zugerechnet wurden, sich inzwischen sehr moderat über den Vorstandsvorsitzenden geäußert hatten. Dass ich daraus (oder mein Bauch) geschlussfolgert hatte, dass es mit unverändertem Vorstand weitergehen werde, sei aber, so wurde mir versichert, falsch gewesen. „Die Herren wollten mit ihrer Zurückhaltung“, so wurde mir mitgeteilt, „nur nicht mit der Tür ins Haus fallen.“ Intern würden aber schon sämtliche Probleme und Problemzonen des HSV und seiner Führung angesprochen werden, was auch vor der Aufsichtsratswahl schon oft genug getan worden ist.

Aha. Dann lassen wir uns alle mal überraschen. Auf jeden Fall scheint es nicht so zu sein, wie mir heute am Vormittag ein Herr vom HSV weismachen wollte: „Die Mehrheit für Hoffmann liegt bei acht zu vier – Hoffmann bleibt also im Amt.“ Nochmals aha. Aber es soll gar kein Verhältnis von 8:4 existieren. Alles also nur heiße Luft? Höchst wahrscheinlich. Der neue Aufsichtsrat hatte zuletzt die Entscheidung im Fall „Sportchef Matthias Sammer“ mit 12:0 Stimmen getroffen. Und der neue Aufsichtsrat hatte die Entscheidung für den neuen Sportchef Frank Arnesen ebenfalls mit 12:0 Stimmen getroffen. Einheitlich also.
Und das spricht für meine These, dass es in diesem neuen HSV-Rat wesentlich besser, geordneter und auch disziplinierter zugeht, als noch im alten Rat. Die zwölf Herren sind offenbar daran interessiert, in einhelliges Ergebnis zu erzielen und Geschlossenheit nach außen zu dokumentieren. Und sie sind deshalb bereit, darüber ausführlich und höchst intensiv zu sprechen, sich die verschiedensten Standpunkt anzuhören, dann erst abzuwägen. Alles nur zum Wohle des HSV. Wie mir versichert wurde. Im Klartext: Es geht hier nicht in erster Linie um Hoffmann/Kraus, sondern um den HSV. Nur um den HSV. Und genau deswegen ist jetzt alles noch offen. Kein 8:4, kein 9:3, kein 7:5 – alles aus der Luft gegriffen. Und wie sagte mir ein Aufsichtsrat noch vor (!) den Wahlen im 9. Januar – ich habe es nicht vergessen: „Hoffmann-Freunde im Rat hin, Hoffmann-Freunde im Rat her, alle, auch diejenigen, die bei uns pro Hoffmann gelten, können die Tabelle lesen. Und sie können auch eine Bilanz lesen und beurteilen. Deswegen macht man es sich zu leicht, wenn man sagt, dass das Kräfteverhältnis bei 8:4 läge. Wartet alle mal ab.“ Genau das machen wir. Uns bleibt ja auch keine andere Wahl.

Nur eines sollte bei all der Warterei vom Aufsichtsrat bedacht werden: So lange mit Hoffmann/Kraus nichts entschieden ist, so lange dürfte der Verein auch (leicht) blockiert sein. Weil die Entscheidung mit Armin Veh noch offen ist, weil auch die Verträge von acht Spielern auslaufen – was wird daraus? Die Zeit drängt, auch wenn das im Aufsichtsrat nicht jeder so sieht. Vielleicht aber sollte doch etwas an Tempo zugelegt werden, denn das Argument mit der Zeit (die man ja genügend hätte), das hielt sich auch viel zu lange und absolut fälschlich in den Räumen der Arena, als ein Sportchef gesucht wurde. Dadurch, dass dieses Thema viel zu lasch (und katastrophal) gehandhabt wurde, hatte der HSV mindestens ein Jahr verschenkt. Und genau deshalb sollten die Räte daraus gelernt – und die Lehren gezogen haben. Es wäre auf jeden Fall wünschenswert. Es muss jetzt, nachdem zur neuen Saison schon (und endlich) ein Sportchef gefunden wurde, schnellstens ein handlungsfähiger Vorstand her.

Und, um das abschließend sagen zu dürfen: Jetzt, an diesem Dienstag, wird zwar noch nichts entschieden, jetzt wird sich lediglich ausgetauscht, es wird ausgelotet – aber dennoch sollte ab sofort nichts mehr auf die lange Bank geschoben werden. Jeder Tag, der dem HSV davon läuft, könnte sich am Ende bitter rächen. Wobei ich auch (und natürlich) schon gefragt wurde, wie es denn wohl käme, wenn es nicht mit Hoffmann/Kraus weitergehen würde. Dazu sage ich ganz klar: Ich sehe im Moment keinen Mann (keinen Menschen), der für die Hoffmann-Nachfolge prädestiniert wäre. Aber sicherlich werden die Herren Räte auch diesen Punkt in ihre Überlegungen mit einbeziehen. Gegen Ende 2010 war (von der „Opposition“ im HSV) ja einmal angedacht worden, dass es mit einem ehrenamtlichen Präsidenten, der nur als Aushängeschild (und Gruß-Onkel) des Klubs gilt, weitergehen könnte, und dass dazu ein bezahlter Geschäftsführer die wirtschaftlichen Geschicke des HSV in seine Hände nimmt. Ich bin gespannt, ob dieses Modell noch immer eine Zukunft hätte.

Lassen wir uns überraschen. Das dürfte sich wohl auch Bastian Reinhardt heute gedacht haben, als er Richtung London flog, um sich zu einem Gespräch mit seinem Nachfolger Frank Arnesen zu treffen – und sich zu beraten. Auch darauf kann man ur gespannt sein, wie sich die Personalie Reinhardt dann entwickeln wird.

Und wo wir gerade in England sind: Der Sport-Informations-Dienst (SID heute noch drei „Leute des Tages“ vorgestellt. Einer von ihnen heißt Jerome Boateng, und der war bekanntlich früher einmal beim HSV. Über den Abwehrspieler wurde vom SID geschrieben: Der Fußball-Nationalspieler in Diensten des englischen Premier-League-Klubs Manchester City würde gerne mal einen Tag mit US-Präsident Barack Obama tauschen. „Mich würde interessieren, was er alles machen und regeln muss. Und was er täglich alles aushält“, sagte Boateng dem Kicker. Für den bedeutendsten Deutschen hält er Franz Beckenbauer: „Weil er eine Ausnahmefigur ist, als Spieler und Trainer alles gewonnen hat und die WM 2006 nach Deutschland brachte.“

Und auch Franz Beckenbauer war einst ja HSV-Spieler. Auch wenn das heute schon Urzeiten her ist.

Im Volkspark wird am Dienstag geübt, Armin Veh bittet seine Mannen um 10 Uhr auf den Rasen.

18.02 Uhr