Tagesarchiv für den 25. Februar 2011

“Drei Spiele zeigen, wohin der Weg geht”

25. Februar 2011

Es war ein 0:0 der besseren Art. Weil sich alle, fast alle Spieler gut bewegt haben. Im heutigen Abschlusstraining. Da spielte das A-Team gegen die Reservisten, und trotz dieser Nullnummer gab es reichlich Aktion. Das lässt darauf hoffen, dass es morgen, auf dem Betzenberg, eine ähnlich engagierte Leistung gegen den abstiegsgefährdeten Aufsteiger 1. FC Kaiserlautern zu sehen gibt. Vom HSV. Natürlich. Die Pfälzer, denen das Wasser bis zum Halse steht, werden ohnehin kämpfen bis zum Umfallen. Es wird übrigens bei der Aufstellung bleiben, die ich gestern schon schrieb: Rost; Demel, Kacar, Mathijsen, Aogo; Westermann, Ze Roberto; Trochowski, Jansen; Guerrero, Petric. Schiedsrichter wird Dr. Felix Brych sein, und darauf werde ich später noch einmal zurückkommen.

Vielleicht kratzt der HSV ja doch noch, bevor alles zu spät ist, die Kurve. Soll heißen: Es sind alle Spieler fit, es wird gut trainiert, es herrscht Leben in der Bude, es wird konzentriert „gearbeitet“, trotz allem sieht man den einen oder anderen Spieler gelegentlich lächeln, sieht man Spieler, die sich intensiv unterhalten, die sich mitunter auch nach guten Aktionen abklatschen. Das sah im Herbst noch ganz anders, sehr viel trüber aus. Irgendwie scheint sich die Mannschaft am eigenen Zopfe aus dem Sumpf zu ziehen – gerade noch rechtzeitig. Wobei ich ja eine gewisse Theorie habe, warum das so ist. Ich mache das an einem Mann fest, den ich zwar einmal ganz kurz kennen gelernt habe, von dem ich aber ansonsten nicht viel, nein, eher gar nichts weiß: Günter Kern. Seit sich der neue Mann an der Seite von Chef-Coach Armin Veh in Dubai um die Kondition der Mannschaft „gekümmert“ hat, geht es (meines Wissens) bergauf. Der Trainer hatte die Zügel angezogen, und noch heute loben ihn die Profis dafür. Gestern sagte Heiko Westermann: „Wir sind jetzt fitter.“ Und heute lobte Marcell Jansen: „Ich finde es gut, dass das Trainingsniveau insgesamt gestiegen ist. Man kann zwar nicht nur auf Leistung im Training setzen, es wird immer Spieler geben, die spielen müssen, aber wer im Training seine Top-Leistung bringt, der wird auch spielen und seine Chance bekommen.“ Wie wahr. Piotr Trochowski ist nun das beste Beispiel.

Es wird meiner Ansicht nach intensiver im Training gearbeitet. Und das zahlt sich jetzt aus. Hoffentlich auch in der Pfalz. Beim heutigen Training sah übrigens der ehemalige HSV-Profi Stefan Böger zu. Der ehemalige Linksverteidiger ist heute Nachwuchstrainer beim DFB und sagte mir: „Wenn ich mal in Hamburg bin, dann schaue ich auch gerne mal beim HSV vorbei. Und ein Abschlusstraining ist immer etwas Besonderes, das machen viele Trainer total anders als andere Kollegen – ich halte das für sehr aufschlussreich.“ Dann sprachen wir über seine Zeit als Profi. Ich sagte ihm: „Ich habe das Gefühl, dass heute weniger hart trainiert wird, als damals. Der letzte Schleifer, der hier in Hamburg am Werk war, ist Felix Magath.“ Darauf Böger: „Es mag etwas dran sein, dass früher härter trainiert wurde.“ Und: „Unter Frank Pagelsdorf wurde auch tüchtig geackert, er war der erste Trainer, der auch mal über zwei Stunden ging.“

Pagelsdorf ist allerdings ja auch schon eine ganze Weile her.

Günter Kern aber hat die Zeichen der Zeit wohl erkannt (natürlich auch in Abstimmung mit dem Chef-Trainer), er hat die Spieler während der Vorbereitungsphase so richtig schön „lang gemacht“ – und erntet heute die Bewunderung der Profis dafür. Kompliment, Herr Kern. Kraft, Kondition und Konzentration sind das A und O im Fußball, und davon profitiert der HSV ganz offensichtlich in dieser Phase. Und das ist auch dringend erforderlich, denn anders als die Alt-Herren-Truppe von Werder Bremen werden die Lauterer den Hamburgern alles abverlangen. Das weiß auch Marcell Jansen: „Das wir ein ganz anderes Kaliber, als zuletzt gegen Bremen. Allein schon von der Einstellung her. Wir werden eine höhere Laufbereitschaft aufbringen müssen, wir werden den Kampf annehmen müssen – die Lauterer brennen ganz anders.“ Jansen weiter: „Unsere spielerische Klasse kommt erst dann zum Tragen, wenn wir den Kampf vorher angenommen haben. Ansonsten ist spielerische Klasse total unnütz und wird uns nichts bringen.“

Ihr werdet Euch mit Wehmut erinnern: Wie oft wurde in der Vergangenheit beim HSV davon gesprochen, nun, nach ein, zwei Siegen, endlich eine Siegesserie zu starten. Auch Jansen spricht diesen wunden Punkt an und sagt: „Wir haben zwei Jahre lang davon gesprochen, immer wieder, aber es ist uns nie gelungen. Jetzt könnten wir wieder eine Serie starten, und ich glaube auch, dass wir gute Chancen hätten, dass es uns diesmal gelingt.“ Die HSV-Hoffnung stirbt eben auch zuletzt. Jansen: „Die nächsten drei Spiele werden zeigen, wohin unser Weg geht, wir brauchen dazu mindestens sechs Punkte.“ Es geht, das noch zur Erinnerung, gegen Kaiserslautern, Mainz und Bayern München.

Zum Dauer-Thema Trainer (Bleibt Veh, muss er gehen?) hat Marcell Jansen eine ganz eigene Meinung: „Seit zwei Jahren gibt es beim HSV ständig Unruhe, weil wir als Mannschaft nicht die entscheidenden Zeichen setzen. Die müssen wir aber nun setzen, denn die Trainer, die ich hier hatte, haben nichts damit zu tun, dass die Mannschaft nie das erreicht hat, was man von ihr erwartet hat.“ Dafür waren in erster Linie die Spieler verantwortlich (Jansen: „Wir haben es nie geschafft, alles aus uns heraus zu holen“) , doch die scheinen die Gefahr endlich erkannt zu haben – und bewegen sich nun offenbar in die richtige Richtung.

Auch weil es Zeit wurde. Weiß auch Uwe Seeler, der heute für „Sport1“ ein sehr deutliches Interview gegeben hat. „Uns Uwe“ sagte dabei über den Ist-Zustand seines Vereins: „„Es wird hier gesprochen und da gesprochen. Die Unruhe beim HSV ist schon beängstigend. Wenn man wirklich im Verein etwas leisten und Erfolg haben will, dann muss man auf dem Platz eine Einheit haben – aber auch dahinter. Das heißt, dass man gemeinsam arbeitet und nicht gegeneinander. Man muss zukünftig bedacht und rechtzeitig Entscheidungen treffen, damit auch in den Medien Ruhe ist und die Mannschaft sich auf die restlichen Spiele zu 100 Prozent vorbereiten kann.“

Über den zukünftigen HSV-Sportdirektor Frank Arnesen befand Seeler: „Ich weiß, dass er ein guter Fußballer war, ich weiß, dass er auch im internationalen Fußball sehr viel Erfahrung hat. Ich glaube, die Entscheidung ist sehr gut, aber die Baustellen beim HSV sind so groß, da hat er harte Arbeit vor sich. Deswegen muss man ihn unterstützen und mit den richtigen Leuten helfen.“

Auf die Frage, was der HSV in dieser Saison noch erreichen könne, sagte Uwe Seeler: „Trotz der ganzen Unruhen habe ich schon vor Wochen gesagt – bei der Situation in der Bundesliga ist es mit unserem Potenzial ja an und für sich leicht, auch noch die Europa League zu erreichen. Ich bin auch davon überzeugt, dass wir Vierter oder Fünfter werden können. Wenn die Mannschaft und der Trainer einig sind und unabhängig davon, was im Verein passiert, marschieren wollen, dann bin ich guten Mutes.“
Über den HSV-Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann befand das Mittelstürmer-Idol: „Die Meinung haben ja auch andere, dass er sich im Sport raushalten sollte. Er ist ein exzellenter Kaufmann – aber in sportlichen Dingen hätte er sich besser rausgehalten, dann hätte er die Probleme, die er jetzt hat, nicht.”

Auf die Nachfrage, was er mit den „Baustellen“ im Verein meine, sagte Uwe Seeler: „Ich meine den gesamten HSV. Ich glaube, da muss man alles neu koordinieren. Das fängt in der Jugend an und geht bis oben hin. Man muss genau wissen, wie man im Verein marschiert und was man will.“

Letzteres aber dürfte sich nun allmählich herauskristallisieren. Was durch die Verpflichtung von Frank Arnesen ja auch deutlich sichtbar wird. Der neue Sportchef wird dem HSV auch schon jetzt, wo der Däne noch für den FC Chelsea arbeitet, gut tun, denn alle Spieler müssen sich nun zeigen und beweisen, dass sie hier beim und für den HSV genau richtig sind. Alle werden sich anstrengen, um diesen Sommer zu „überleben“ (in Hamburg). Dass Arnesen allerdings einen Mann wie Nicklas Bendtner (Arsenal) mit zum HSV bringen wird, das halte ich dann doch für (absolut) utopisch. Der Däne hat einen Marktwert von rund neun Millionen Euro, wer soll das bezahlen? Der HSV jedenfalls nicht, und das kann ich jedem nur glaubhaft versichern. Aber vielleicht bringt Arnesen ja aber auch einen ganz anderen Mann mit, von seinem jetzigen Klub: Roman Abramowitsch. Nur her, mit diesem Mann. Im Zusammenspiel mit dem Herrn Kühne könnte tatsächlich auch ein Mann wie Bendtner „angegriffen“ werden.

Vorerst aber muss sich der mit jenem Personal begnügen, das jetzt zur Verfügung steht. Und dazu gehört auch Paolo Guerrero, der zurzeit einen Ruud van Nistelrooy auf die Bank verdrängt hat. Wo ich gerade dabei bin: „RvN“ trainiert in diesen Tagen ein wenig mit „gebremsten Schaum“, er fällt nicht groß auf – und bietet sich auch nicht für einen Platz in der Startformation an. Ähnlich ist es bei Eljero Elia, der es wieder nicht einmal in den Kader für Kaiserslautern geschafft hat. Im Gegensatz zu Guerrero, dem seit Wochen sehr gute und konstante Trainingsleistungen zu bescheinigen sind. Der Peruaner träumt immer noch davon, dass er es in dieser Saison (bei vier Treffern zurzeit) noch auf zehn Tore und mehr bringen kann.

Das halte ich kaum noch für möglich, immerhin aber wirkt auch Guerrero fitter und engagierter. Er gibt zu: „Ich bin nach meinem Kreuzbandriss nie in den gewünschten Rhythmus gekommen, ich war einfach in keiner guten körperlichen Verfassung.“ Der Kreuzbandriss, sagt Guerrero, habe ihn „kaputt gemacht“, aber nun ist er wieder da. Er sagt: „Ich habe über mich nachgedacht, ich habe mit meiner schweren Verletzung gemerkt, dass innerhalb von einer Sekunde alles vorbei sein kann. Nun denke ich, dass ich erwachsener geworden bin, ich habe gelernt.“

Ihm, dem HSV und den Fans ist zu wünschen, dass dieser Aufwärtstrend auch in Kaiserslautern anhält. Und darüber hinaus auch noch Wochen und Monate. Weiter so, Paolo!

Und, um wie versprochen noch einmal auf Schiedsrichter Dr. Brych zu kommen: Guerrero hat bislang acht Spiele unter seiner Regie bestritten, dabei sieben Tore erzielen können. Wenn das kein gutes Omen ist . . .

18.58 Uhr