Tagesarchiv für den 23. Februar 2011

Arnesen im Gespräch: “Wir müssen intelligenter sein”

23. Februar 2011

++++++So, dann waren wir doch etwas schneller durch, als gedacht. Ich hoffe, es stört niemanden ;-)+++++++

Der Trouble schien Morten Nissen nicht wirklich geheuer zu sein. Eigentlich hatte der Organisator des Wirtschaftsvereins „Boblernes Ehrverv Support“ eine sehr informative, aber auch im sehr überschaubaren Kreis gehaltene Info-Veranstaltung erwartet. „Wir planen solche Veranstaltungen für unsere Partner alle zwei, drei Jahre. Zuletzt war Flemming Ostergaard, Präsident des FC Kopenhagen Gastredner. Da war es ruhig.“ Im Gegensatz zur diesjährigen Veranstaltung, zu der niemand geringeres als Frank Arnesen eingeladen wurde. „Dass er dann so kurz vor der Veranstaltung für den HSV verpflichtet wurde, konnten wir zuerst gar nicht glauben.“ Aber es wertete die Veranstaltung, zu der nach der PK noch 450 honorige Geschäftsleute in das Hotel Comwell in Sonderborg geladen waren, deutlich auf.

Das wiederum lag an dem durchaus imponierenden Auftreten Arnesens. Der dänische Sportchef des FC Chelsea und designierte Sportliche Leiter des HSV zeigte sich völlig entspannt. Adrett im dunkelblauen Anzug und mit einer dunkelblau-schwarzen Krawatte gekleidet, stellte er sich uns sogar noch vor Beginn der Veranstaltung. Wir wollten wissen, ob er inzwischen Kontakt zu HSV-Trainer Armin Veh aufgenommen hat. „Nein“, so die kurze Antwort, „ich möchte die in Hamburg arbeitenden Leute nicht unnötig beunruhigen. Ich habe noch einen Vertrag bis zum 30. Juni beim FC Chelsea. Ich habe ein gutes Verhältnis zu den Leuten dort, insbesondere zu Roman Abramowitsch.“ Dies wolle er nicht mit despektierlichem Verhalten gefährden.

Arnesen hat Stil. Nicht nur bei der Kleidungswahl. Wird der dänische Ex-Nationalspieler (sang übrigens das WM-Lied „vi er roede, vi er vide“ der Dänen bei der WM 1986 in Mexiko) gefragt, antwortet er der Person, ohne sie dabei aus dem Blick zu verlieren. Und er antwortet lang, sehr ausführlich. Den dänischen Kollegen erklärte er ausführlich, warum sein FC Chelsea am Dienstag gegen den FC Kopenhagen gewonnen hatte. Und er erklärte, was ihn zu einem Wechsel von einem Milliardenklub wie dem FC Chelsea nach Hamburg zum HSV bewegen konnte. „Finanziell wird es wohl ein bisschen anders“, lachte Arnesen und fügte hinzu: „Ich habe zehn Jahre lang beim PSV Eindhoven gearbeitet, wo wir finanzielle ähnlich situiert waren. Damals mussten wir einfach investigativer arbeiten, intelligenter sein als andere. Und das ist eine riesige Herausforderung. Auch dann beim HSV.“

Dann beim HSV. Arnesen ließ keine Gelegenheit aus, deutlich zu machen, dass er erst ab Juli für den HSV aktiv wird. Wer jetzt die nötigen Entscheidungen trifft? Immerhin 20 Spieler- und ein Trainervertrag gilt es zu verlängern oder eben zu beenden. „Ich bin zu 100 Prozent für Chelsea unterwegs und habe den HSV im Hinterkopf. Ich telefoniere sicherlich auch mit Hamburg. Aber Hamburg hat bislang immer wieder ohne Frank Arnesen funktioniert – und das wird der Klub auch in dieser kurzen Zeit schaffen.“

Selbst die Stadt kennt Arnesen nach eigener Aussage nur von dem kurzen Testspieltrip des FC im Sommer. „Aber mein Freund Sören Lerby hat mir sehr viel über die Stadt erzählt. Meine Frau liebt London. Da ist es kein riesiger Schritt gewesen, sie zu überzeugen.“ Insgesamt sieht Arnesen sogar in dem Umfeld des HSV dessen größtes Kapital. „Wir müssen einen guten Plan haben, um gute Leute zu bekommen. Dabei können wir – ähnlich wie im schönen Londoner Stadtteil Chelsea – mit einer tollen Stadt und einem sehr schönen Wohnumfeld punkten. Dazu das Stadion – das ist fantastisch. Und die Fans sind es auch. Wir haben einen Zuschauerschnitt von 55000 und eine Top-Mannschaft.“

Zudem sei der sportliche Reiz der Bundesliga für ihn ein ganz wichtiges Argument gewesen. „Das alles ist mit Englischen Verhältnissen gleichzusetzen. Deutschland hat zusammen mit England die beste Infrastruktur für Fußball. Spätestens seit der WM 2006 und den Bau der tollen Stadien.“ Nach dem Scherz, dass Deutschland nach Dänemark, Belgien, den Niederlanden, Spanien und England eines der letzten Länder sei, in dem er noch nicht gearbeitet habe, lobt er die sportliche Qualität: „In der Bundesliga spielen immer gleich zehn bis zwölf Klubs um die Spitze, das macht den Wettbewerb besonders spannen. Wie spannend erkennt man schon daran, dass in den letzten Jahren Wolfsburg, Stuttgart, Bayern München und aktuell der BVB ganz oben stehen. In den anderen großen Ligen wie England sind es drei, vier Teams, die um den Titel spielen. In Deutschland ist das immer ziemlich offen.“

Dass es trotz lukrativer Angeote von Real Madrid und Scheichklub Manchester City letztlich der HSV wurde, für den sich Arnesen entschied, erklärt der vierfache Vater auch mit der großen Vergangenheit. In seiner aktiven Zeit bei Ajax Amsterdam erlebte er die erfolgreichste Ära der Hamburger. Und er war begeistert: „Namen wie Kaltz, Hrubesch, Magath und Kevin Keegan waren damals riesig. Der HSV stand zweimal im internationalen Endspiel. Der HSV war immer ein ganz großer Verein. Und jetzt müssen wir alle gemeinsam dafür sorgen, dass wir wieder das Beste erreichen.“ Wobei Arnesen insbesondere den Teamgeistgedanken hervorhebt. „Wir müssen alle zusammenarbeiten, anders gibt es keinen Erfolg. Jetzt müssen wir alle wider dafür sorgen, aus diesem Verein wieder etwas Großes zu machen. Nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch im Nachwuchsbereich und im Scouting. Ich erwarte von meinem Mitarbeiterstab Zusammenhalt, dass alle für die gemeinsame Sache auftreten.“ Dass der in Titeln gerechnet schon eine ziemlich lange Zeit beim HSV ausgeblieben ist, stört Arnesen nicht – es motiviert ihn: „Ich kann mich durch Niederlagen richtig gut entwickeln, weil ich da vor Augen geführt bekomme, was ich alles falsch und dementsprechend besser machen muss. Und das gilt auch für jeden einzelnen im Klub.“ Arnesens Arbeitsmotto: „Mit Emotion dabei sein, aber niemals aus einer Emotion heraus entscheiden.“

Wie genau er das beim HSV umsetzen will und welche seine erste Baustelle sei, wollte Arnesen nicht beantworten. Er könne es auch gar nicht. Stichwort Chelsea, Vertrag und so… Sein Ziel sei es, ein gutes Team auf und neben dem Platz aufzustellen. Dass es passieren könnte, dass sein Mentor und Fürsprecher im Klub, Vorstandsboss Bernd Hoffmann, über dessen Verbleib in den nächsten Monaten vom Aufsichtsrat entschieden wird, dann schon nicht mehr zum Team gehört, wollte Arnesen nicht kommentieren. „Das ist Sache des Klubs.“

Und der trainierte heute. Wie Ihr Euch sicher denken könnt, war ich durch meinen Dänemark-Trip nicht am Stadion. Aber, mein Abendblatt-Kollege Florian Heil sowie Benno Hafas konnten mir einige Eindrücke schildern. So ließ Trainer Armin Veh einem kurzen Aufwärmprogramm mit Kreisspiel ein langes Spiel über den kompletten Platz folgen. Elf gegen elf. Und A- gegen B-Elf, wobei Jansen gegenüber dem Bremen-Spiel Heung Min Son ersetzte. Endergebnis: 6:0! Für die A-Elf. Mladen Petric und Paolo Guerrero doppelt sowie Jansen und Zé Roberto trafen in einer höchst einseitigen Partie. Dabei hatte die B-Elf absolut keine Chance. Auffällig schwach hierbei: Ruud van Nistelrooy. Der Niederländer befindet sich noch immer in einem Formtief.

Ebenfalls auffällig war heute David Jarolim. Nachdem sich der Tscheche über einen Zweikampf, den der frustrierte Mittelfeldspieler im Gegensatz zum Trainer als Foul wertete, bei eben selbigem beschwerte, platzte es aus Veh heraus: „Wenn das hier so weitergeht, ist hier gleich Feierabend.“ Worte, die an Jarolim gerichtet waren, für alle gelten sollten und symptomatisch für Vehs Stimmung. Die ist trotz des 4:0 im Derby gegen Bremen (Arnesen: „Das war doch schon richtig gut“) diplomatisch gesagt bescheiden. Ich bi n gespannt, ob der Trainer, der für die nahe Zukunft ein klares Statement seinerseits angekündigt hat, vielleicht schon heute in der turnusmäßigen Pressekonferenz des HSV (wird auch hier wieder in kompletter Länge zu sehen sein) zu seiner Zukunft äußert. Nicht wenige rechnen weiterhin damit, dass er trotz der Ankündigungen von Noch-Sportchef Bastian Reinhardt, im März würde eine Entscheidung fallen, dem Ganzen vorgreift.

In diesem Sinne, se dig i morgen! Bis morgen!

20.30 Uhr

Euer Scholle

P.S.: Trainiert wird morgen um 15 Uhr an der Imtech-Arena.

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