Tagesarchiv für den 22. Februar 2011

Veh: “Ich habe keine Lust mehr auf diese Eierei”

22. Februar 2011

Wenn wir Journalisten am Abend vorher oder vormittags den bevorstehenden Tag planen, dürfen wir beim HSV Wünsche äußern, mit wem wir gern sprechen würden. Und so engagiert Klubsprecher Jörn Wolf unseren Wünschen auch nachgeht, eine für alle hundertprozentig zufriedenstellende Lösung ist selbst für ihn selten machbar.

Außer heute.

Da hatten wahrscheinlich alle den Wunsch mit Bastian Reinhardt und Armin Veh zu sprechen. Die beiden, deren Positionen unmittelbar mit dem Gusto des am Wochenende präsentierten neuen Sportchefs Frank Arnesen hängen. Würde Reinhardt in die zweite Reihe rücken oder gar hinschmeißen? Was passiert mit Armin Veh? Plant Arnesen mit dem Trainer oder hat er, wie zu hören war, seinen eigenen Spezi, den er gern installieren würde? Zuletzt war von Arnesen zu lesen, er würde beispielsweise besonders gut mit Michael Laudrup, derzeit Trainer bei RCD Mallorca, verstehen.

Fragen, die offensichtlich auch Veh lieber jetzt als gleich beantwortet wissen möchte. „Ich habe keine Lust mehr auf diese Eierei. Dafür bin ich alt genug.“ Veh macht wie immer keinen Bogen um das, was er (sagen) will. Ihm geht es darum, seinen Vertrag, der von ihm wie vom Verein zum 31. Mai hin gekündigt werden kann, zu verlängern oder die Zusammenarbeit zu beenden. Und jetzt, wo der HSV seinen sportlichen Verantwortlichen nach viel Hin und Her gefunden hat, scheint ihm dafür der richtige Moment. Wäre da nicht das Problem, dass sich Veh noch nicht mit Arnesen unterhalten hat. „Ich habe von ihm gehört, über ihn gelesen“, sagt Veh und lobt die Kompetenz Arnesens als Gewinn für den HSV, „aber ein Gespräch hat es bislang nicht gegeben.“ Ob es noch eines geben wird? Veh zuckt mit den Schultern, macht lieber einen Scherz: „Wahrscheinlich hat er angerufen – aber ich gehe nie ran, wenn ich die Nummer nicht kenne.“

Äußerungen, bei denen Veh’s zuletzt oft durchschimmernder Frust mal wieder deutlich wird. Der Trainer scheint unzufrieden damit, dass er trotz fünf Siegen aus den letzten sieben Spielen in Hamburg noch keine ungeteilte Rückendeckung erhält. Intern soll man vor Arnesens Verpflichtung immer auf Zeit gespielt haben, weil man wusste, dass es einen neuen Sportchef geben würde. Für Veh offenbar kein Argument: „Ich war schon immer eher ein Entscheider. Ich konnte Dinge immer selbst entscheiden“, polterte er heute, wobei sich genau an diesem Punkt die Aussagen des Vereins und seines Trainers widersprechen. „Wir hatten im Winter eine klare Absprache getroffen. Dabei hatten wir uns darauf geeinigt, uns zu gegebenem Zeitpunkt mit ihm hinzusetzen und eine Entscheidung zu treffen“, berichtet Noch-Vorstand Bastian Reinhardt und stichelt Richtung Veh, der zuletzt keine Gelegenheit ausgelassen hatte, seine Unzufriedenheit über die ausstehende Entscheidung zu verdeutlichen: „Und der Vorstand hält sich an diese Absprache. Mehr gibt es zu diesem Thema nicht zu sagen.“ Nicht? Wann denn der „gegebene Zeitpunkt sei“ wollten wir wissen. „Ende März“, so die Antwort Reinhardts, die Veh‘s Ungeduld ad absurdum führt und mich fragen lässt? Warum ist Veh seit Wochen eindeutig zweideutig, was seine eigene Zukunft betrifft, wenn er doch selbst zusammen mit dem Vorstand Ende März als Termin für eine Entscheidung bestimmt hat?

Dennoch, bei aller Deutlichkeit Reinhardts muss die Frage erlaubt sein, weshalb hier nicht früher Klarheit geschaffen wird. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Herren und die Dame im Vorstand sich erst jetzt anfangen, richtig Gedanken zu machen. Im Gegenteil, ich bin mir ziemlich sicher, dass hier schon eine Entscheidung getroffen wurde, maßgeblich beeinflusst von dem Winter-Theater, als Veh andeutete, nicht mehr weitermachen zu wollen. Warum aber haben die HSV-verantwortlichen ihren Cheftrainer zum Weitermachen überredet, wenn er am Saisonende doch gehen soll? Eine Frage, die mir mit dem motivierenden Umgang Vehs mit der Mannschaft begründet wurde. Veh gilt als ruhiger, autoritärer und dennoch positiver Typ. Selbst die Spieler, die als Härtefälle auf der Bank landen, finden zwar die Entscheidung sch…, nicht aber ihren Übungsleiter. Veh soll sich selbst bei der Verkündung schlechter Nachrichten immer so gut vor der Mannschaft verkauft haben, dass alle Verständnis hatten. Zum (zugegebenermaßen sehr überschaubaren) Teil auch die betroffenen Spieler selbst.

Es deutet weiterhin alles auf ein baldiges Ende hin. Sogar Veh selbst. „Ich werde mich heute zu meiner Zukunft beim HSV erklären, mich aber in naher Zukunft dazu äußern.“ Wann genau er das vorhat: „Sehr zeitnah.“ Das verschmitzte Grinsen und das zwischenzeitliche „Ist ja alles ein Wahnsinn hier“ lassen erahnen, in welche Richtung es gehen wird. Veh scheint sich mit seinem Abgang zu arrangieren, ihm fehlt nur noch der richtige Abgang. Wobei, auch den hat er gefunden: „Wenn wir hier am Ende unter die ersten fünf kommen, bei all den Dingen, die hier passieren, dann wäre das richtig geil. Ich will das!“ Einen Abgang im Konfettiregen…

Aber, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, kaum einer glaubt daran, dass Veh hier noch bis Saisonende an der Seite steht. Veh selbst hatte vor der Winterpause wiederholt betont, dass ein Trainer, dessen Ende bereits beschlossen ist, Probleme mit der Akzeptanz bei Spielern hätte. Und auch wenn er sich selbst heute aus diesem Beispiel herausstehlen wollte („Ich glaube, dass ich immer was zu sagen hätte in dieser Mannschaft“) wirkte er fast etwas resignierend, als er sagt: „Alles Wahnsinn. Aber es ist wie es ist.“

Und vielleicht ist am Sonnabend schon alles anders. Schlechtes Omen: Mit dem Betzenberg verbindet Veh seine bislang schlimmste fußballerische Erinnerung. Am 6. Oktober 1984 brach er sich als Profi für Borussia Mönchengladbach das Bein und kam als Spieler anschließend nie mehr richtig auf die selbigen. „Das war mein Karriereende als Spieler“, so Veh. Sollte hier auch seine Karriere als Trainer beendet werden? Immerhin hatte Veh zuletzt angekündigt, der HSV sei seine letzte Station als Trainer in der Bundesliga. Reinhardt jedenfalls wirkte heute nicht begeistert über Veh‘s Äußerungen. Eine Niederlage in Lautern, wo Veh als Trainer und Spieler in sechs Spielen noch sieglos ist, würde seine Position auch nach den jüngsten Aussagen in Hamburg zudem nicht stärken.

Und das, obwohl sportlich alles wieder läuft. Zwar hängt die Niederlage gegen Pauli nach wie vor wie eine dunkle Wolke über der Imtech-Arena, aber der Sieg gegen Werder Bremen macht Mut, dass es auch auf dem alten „Betze“ klappen kann. „Wir sind deutlich stabiler geworden“, sagt Veh und bezieht sich darauf, gegen Wolfsburg und St. Pauli wenig bis nichts defensiv zugelassen zu haben und gegen Bremen mit dem ungeheuren Druck sehr gut umgegangen zu sein, dazu sogar wieder ausreichend Torchancen erarbeitet. Zum einen, weil die Defensive mit Westermann, Kacar und Mathijsen neue Stabilität hat. Zum anderen lobte Veh heute explizit Mladen Petric: „Er hat eine Entwicklung genommen, die mir gefällt. Er ist zu 100 Prozent gesetzt.“ Auf der Position dahinter dürfte nach seinen beiden Treffern gegen Werder Guerrero ebenso seinen Platz sicher haben. Schlecht für Ruud van Nistelrooy und Piotr Trochowski. Insbesondere Letztgenannter hat es derzeit besonders schwer, da keine Position für ihn frei zu sein scheint. Hintergrund: Im defensiven Mittelfeld ist Zé Roberto gesetzt, daneben wechseln sich Jarolim und Westermann ab. Auf der Zehnerposition sieht Veh den in Billstedt aufgewachsenen Mittelfeldspieler ebenfalls nicht: „Ich setze auf der Zehn auf einen echten Stürmer.“ Trochowski bleibt nur die Außenbahn. Und die ist sowohl links mit Jansen, Elia und Son sowie rechts mit Pitroipa, Ben-Hatira und letztlich ihm überbesetzt.

Aber, auch wenn mir hier eine Affinität zum dribbelstarken Nationalspieler nachgesagt wird, sein Problem ist eines, das mich positiv stimmt. Ebenso wie das von van Nistelrooy, Elia und allen anderen Reservisten, zeigt es doch, welch Konkurrenzkampf auf hohem Niveau wieder innerhalb der Mannschaft herrscht. Der ist seit Wochen im Training – einzige Ausnahme hierbei ist die Woche nach der Nürnberg-Pleite – zu erkennen. Auch heute, obwohl vormittags Jarolim und Ben-Hatira (Grippe) sowie nachmittags Mathijsen, Zé Roberto (geschont) und weiter Ben-Hatira fehlten. Morgen geht es um 15 Uhr an der Imtech-Arena weiter.

Was die nähere Zukunft für Reinhardt bringt, ist indes offen. Ohne dass es den ehemaligen Abwehrrecken beunruhigt. „Ich hatte ein Gespräch mit Frank Arnesen. So wie ich ihn kennengelernt habe, ist er mir sehr positiv gestimmt. Und ich selbst sehe es als große Chance, hier alles von der Pike auf an zu lernen.“ In welcher Form und mit welchen Aufgaben? „Das ist noch nicht geklärt“, sagt Reinhardt, der trotz seiner Degradierung sehr gefasst wirkt, fast erleichtert. „Ich bin diesmal voll involviert gewesen, was bei der Sammer-Geschichte nicht der Fall war. Ich bin froh, wie der Aufsichtsrat diese Personalie gehändelt hat. Und der Verein hat mit Frank jemanden gefunden, der über ausreichend Erfahrung verfügt, diesen Verein voranzubringen.“ Und eben jemanden, der Reinhardt aus der Schusslinie nimmt. „Das stimmt“, freut sich Reinhardt, „ich habe jetzt die nötige Ruhe, zu lernen.“ Zumindest auf dem Sportchefposten scheint es nur Gewinner zu geben.

In diesem Sinne, bis morgen!

19.15 Uhr