Tagesarchiv für den 20. Februar 2011

Veh: “Ich habe so etwas noch nie erlebt”

20. Februar 2011

„So ist Fußball. Gegen St. Pauli hatten wir 25:4 Torschüsse und schießen kein Tor, gegen Werder war das Verhältnis 13:8 – und wir gewinnen 4:0.“ Sagte mir Bernd Hoffmann nach dem Sieg über Werder. Ja, so ist Fußball. Manchmal. Dieses 4:0 über die Bremer war ja ein gefühltes 8:0 für mich. Unglaublich, wie schwach die Schaaf-Herde diesmal war – so spielt ein Absteiger. Wie aber der Werder-Trainer die 90 Minuten in Hamburg sah, das überraschte dann auf jeden Fall jene Medienvertreter, die sonst nur den HSV verfolgen. Tenor im Presseraum: „Welches Spiel hat Schaaf denn gesehen?“ Denn der Coach sagte: „Diese hohe Niederlage war in der ersten Halbzeit nicht erkennbar, ich fand, dass wir eigentlich ganz gut drin im Spiel waren, dass wir den HSV gut zugestellt haben, dass wir nicht viel zugelassen haben – das 0:1 wie aus heiterem Himmel bekommen haben. Die erste Halbzeit haben wir noch ganz gut geführt, aber nach dem zweiten Gegentor haben wir uns dann nicht mehr gewehrt.“ Schaaf hat sich am Rande versucht zu wehren, er war aktiv, aber seine Truppe wirkte schlapp, langsam, umständlich, zusammenhang- und leblos – ohne Herz. Nein, Herz gab es dann und wann, nämlich dann, wenn es galt, Schiedsrichter Florian Meyer ein paar passende Takte in Sachen Spielleitung zu erzählen. Allen voran Ober-Motzer Frings. Der vergeudete viel Kraft, fast seine ganze Kraft, beim Protestieren. Aber was schreibe ich? Das sind ja alles hausgemachte Probleme der Bremer, das hat mich ja gar nicht zu interessieren.

Beim HSV waren sie nach diesem Befreiungsschlag alle glücklich. Es herrschte zwar kein Jubel, aber eine gewisse Zufriedenheit. Vor allen Dingen wohl deshalb, weil der von vielen prophezeite Absturz (nach der Pauli-Pleite) nicht eingetreten war. Ich habe es bereits geschrieben, der HSV hat sicher nicht überragend gespielt, einige Fans meinten sogar, dass der HSV schlechter als gegen St. Pauli war, aber gegen diese uninspirierten Bremer mit Zweitliga-Niveau langte es eben zu diesem großen Resultat. 4:0 gegen Werder, wie oft hat sich der Hamburger Anhang einen solchen Hammer-Erfolg gewünscht und erhofft? Zu oft.

Armin Veh hatte die HSV-Elf auf einigen Positionen umgekrempelt – und dabei sicher sehr, sehr viel Mut bewiesen. Wenn das schiefgegangen wäre . . . So aber durfte auch er sich als großer Sieger fühlen, und das genoss er sichtlich. Wie er am Rande die Tore bejubelt hat, dass hatte schon was. Richtig explodiert ist er fast jedem Treffer, so kannte ihn Hamburg noch gar nicht. Zentnerschwere Lasten dürften dabei von seinen Schultern gefallen sein. Obwohl ich ja glaube, dass er innerlich schon mit dem Kapitel Hamburg abgeschlossen hat. Er verrät ja nichts über seine Zukunft, aber es spricht fast alles für seinen Abschied – spätestens im Sommer.

Mein von mir sehr geschätzter Kollege Matthias Linnenbrügger hörte sich, wie alle anderen Medien-Vertreter auch, die folgenden Aussagen von Veh zum Thema neuer Sportchef (Frank Arnesen) ganz genau an und befragte den HSV-Coach später dazu.

Veh sagte zum (am Sonnabend noch offenem) Sportchef-Thema: „Wenn es so ist, wenn Arnesen kommen sollte, dann wäre das für den HSV sicher eine sehr, sehr gute Personalie, dann hätten sie einen großen Schritt gemacht. Ein Schritt, der aus meiner Sicht auch notwendig ist, und darauf kann sich der HSV sicher freuen. Wenn es so kommt. Und ich hoffe, dass es denn so kommt. Für den HSV. Es sind ja schon ein paar andere Dinge passiert – aber in diesem Fall glaube ich, dass es hoffentlich so kommt.“

Jetzt Linnenbrüggers Frage: „Herr Veh, Sie haben eben nur vom HSV und von dem Verein gesprochen, Sie haben haben nicht von wir gesprochen, aber Sie sind doch HSV, oder?“ Die Antwort von Veh: „Ich kann nicht von uns und wir sprechen. Ich bin jetzt bis zum 1. Juli HSV. Ich habe nur einen Ein-Jahres-Vertrag, von daher . . . kann ich dazu nichts weiter sagen.“ Die Nachfrage: „Haben Sie für sich schon entschieden, wie es im Sommer mit Ihnen weiter geht?“ Veh ein wenig zögerlich: „Ich sage jetzt erst einmal nichts.“ Dann folgt noch: „Ich versuche mein Bestes, ich versuche, wie ich es immer sage, ich versuche das Beste daraus zu machen aus der Situation. Das ist ja auch schwierig, denn normalerweise, wenn man einen Ein-Jahres-Vertrag hat, dann verlängert man im Winter. Denn sonst wird es schwierig, denn die Mannschaft weiß dann ja, dass der Trainer am Ende der Saison weg ist. Der Trainer plant ja gar nicht mehr für die nächste Saison . . .“ Veh tröstet sich über diese Situation selbst hinweg: „Aber dafür, dass das so ist, kriegen wir das jetzt noch ganz gut hin.“

Wie klingt das für Euch? Zuversicht sieht anders aus, liest sich sicher auch ganz anders. Und wenn ich da ein wenig (oder etwas mehr) Abschied in diese Sätze lege, dann liege ich wahrscheinlich nicht ganz so falsch. Oder?

Armin Veh wirkt bei seinen Aussagen betroffen. Die gesamte Situation geht nicht spurlos an ihm vorbei. Und er fügt noch ein wenig wehmütig an: „Nun stellen Sie sich mal vor, wir hätten noch am Mittwoch gewonnen. Diese Niederlage hat uns sehr wehgetan, aber wir hätten es doch auch gewinnen müssen. Und dann wären wir die beste Rückrunden-Mannschaft gewesen, dann hätten wir 15 Punkte nach sechs Spielen gehabt – aber die Stimmung ist hier so, als hätten wir minus zehn Punkte . . .“ Glücklich klingt anders.

Wer aber plant denn schon für die nächste Saison? Der HSV befindet sich ganz offenbar in einem Vakuum-Zustand. Nichts Genaues weiß man nicht. Dazu die Meinung von Veh: „Wenn jetzt ein Sportchef kommt, dann müssen die handelnden Personen planen, ganz klar, diese Personen müssen es dann machen. Im Moment sind wir nicht handlungsfähig, wer soll das denn machen? Deswegen ist es ganz, ganz wichtig, dass ein Sportchef kommt. Wer soll das denn machen? Das ist doch ganz entscheidend für die nächsten Jahre.“

Inzwischen steht längst fest, dass der HSV Frank Arnesen als Sportchef verpflichtet hat. Der Klub schickte deshalb eine Mail an alle Sportredaktionen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Hier ist sie:

„Frank Arnesen wird ab dem 1. Juli 2011 neuer Sportchef des Hamburger SV. Der Aufsichtsrat des Vereins und der 54-jährige Däne, der aktuell als Sportdirektor beim Premiere-League-Klub FC Chelsea tätig ist, einigten sich auf einen Vertrag bis zum 30. Juni 2014. HSV-Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff: „Ich bin sehr glücklich, dass uns diese großartige Lösung gelungen ist. Frank Arnesen hat nicht nur mit seiner Erfahrung als Manager internationaler Top-Klubs Erfahrungen gesammelt, sondern insbesondere durch seinen Fokus auf Nachwuchsarbeit und der Ausbildung von Spielern genau die Kompetenz, die für uns in Zukunft von richtungsweisender Bedeutung ist.”
Auch Frank Arnesen freut sich auf die Herausforderung und seine erste Station im deutschen Fußball: „Ich bin geehrt vom Interesse des HSV und der Überzeugung der Verantwortlichen des Vereins. Der HSV ist ein besonderer Klub mit einer großen Tradition und fantastischen Bedingungen. Ich bin überzeugt, dass wir mit der vorhandenen Kraft und den richtigen Entscheidungen etwas Großes entwickeln werden.”
Begleitet wird Frank Arnesen vom aktuellen Chefscout des FC Chelsea Lee Congerton, der zukünftig die Funktion des Technischen Direktors übernehmen wird. Ebenfalls zum sportlichen Führungsteam gehört Bastian Reinhardt,der vom 1. Juli an auf sein Vorstandsmandat verzichten wird. Ernst-Otto Rieckhoff: „Bastian Reinhardt hat sich in den vergangenen Monaten mit seiner Arbeit und seiner Loyalität um den Verein verdient gemacht. Ich bin froh, mit ihm gemeinsam eine Lösung gefunden zu haben, die allen Beteiligten, dem HSV und insbesondere Bastian gerecht wird.”
Der ehemalige dänische Nationalspieler Frank Arnesen begann seine Aufgabe beim amtierenden Premiere-League-Champion FC Chelsea 2005, zunächst als Nachwuchsleiter und Chefscout. Im Mai 2008 wurde er zusätzlich in den Vorstand des Vereins berufen, seit 2009 arbeitet er als Sportchef und ist zudem Chefanalytiker. In seiner Zeit beim FC Chelsea wurde der Verein zweimal englischer Meister (2006, 2010) und gewann 2007, 2009 und 2010 den englischen Pokal, zudem 2009 den englischen Super-Cup. In der Champions League stand Chelsea 2008 im Finale sowie zweimal im Halbfinale (2007, 2009).
Nachdem er seine Karriere als Profi beendete, war Arnesen zunächst Co-Trainer von PSV Eindhoven und übernahm 1994 das Amt des Sportdirektors. 2004 wechselte er dann als Manager zu Tottenham Hotspur nach England.
Frank Arnesen begann seine Karriere bei Fremad Amager in Kopenhagen. 1975 wechselte er zu Ajax Amsterdam, dort wurde er 1977, 1979 und 1980 niederländischer Meister und gewann zudem 1979 den niederländischen Pokal. Zur Saison 1981/82 wechselte er zum FC Valencia, wo er zwei Jahre lang blieb und dann zum RSC Anderlecht wechselte. 1985 wechselte er zum PSV Eindhoven, mit dem er dreimal niederländischer Meister wurde und 1988 den Europapokal der Landesmeister gewann. 1988 beendete er seine Karriere.
Für die dänische Nationalmannschaft absolvierte Arnesen 52 Länderspiele und schoss dabei 14 Tore. Er nahm an der Europameisterschaft 1984 in Frankreich und der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko teil. Bei der EM in Frankreich wurde er mit drei Toren hinter Michel Platini zweitbester Torschütze.“

So, das ist das offizielle Schreiben (und die Erklärung) des HSV. Was aus dem Team um den Schweizer Paul Meier wird, das noch vom Fast-HSV-Sportchef Urs Siegenthaler installiert wurde, bleibt offen. Vorerst jedenfalls.

Zurück zu sportlichen Seite des 4:0-Sieges. Heiko Westermann auf der Sechs, Gojko Kacar als Innenverteidiger. Das waren die gravierendsten Änderungen, die Veh diesmal vorgenommen hatte. Und geht es nach dem Trainer (und danach geht es ja nur), dann wird das auch in Zukunft so bleiben. Die Erklärung des Trainers: „Auf der Sechs hatten wir bislang mit Ze Roberto und David Jarolim zwei ganz ähnliche Spieler, die oft kurz-kurz spielen, aber wir kamen nicht da vorne rein. Mit Heiko Westermann wollte ich Dynamik ins Mittelfeld bringen, und wenn sich keiner verletzt, dann bleibt er auf dieser Position, denn wir müssen schneller werden, wir müssen mit Tempo in die Spitze spielen. Es ist schade für Jaro, aber ich habe mich so entschieden.“

Entschieden hatte sich der Trainer auch gegen Eljero Elia. Rauf auf die Tribüne. Die Erklärung Vehs: „Ich wollte einmal das sehen, was er von sich behauptet, dass er 100 Prozent gibt, dass er alles tut für den Verein. Und dann muss er es mir auch zeigen. Ich habe ihn Mittwoch gegen St. Pauli eingewechselt, er hatte vorher in der Zeitung angekündigt, dass er alles geben werde – und wenn er das dann nicht tut und nicht versucht, aus meiner Sicht, dann ist auch mal Ende der Fahnenstange.“ Vielleicht ist es ja genau eine solche Maßnahme, die Elia noch vor einem totalen Untergang in Hamburg bewahrt – wenn er denn tatsächlich alles so versteht, wie es der Trainer gerne möchte. Aber darauf haben andere in Hamburg auch schon (vergeblich) gewartet. Ein Jammer, wie sich ein solches Talent selbst solchen Schaden zuführen kann. Wo bleibt da der Berater, der sich auch mal beratend einschaltet – und nicht nur mit einem neuen Verein aufwartet?

Abwarten, wie es nun weiter geh mit Elia. Armin Veh sprach nach dem Spiel am Sonnabend auch über den Druck, den er (und die Mannschaft) vor dem Bremen-Spiel hatte: „Die Situation nach dem Mittwoch-Spiel war nicht normal. Ich habe eine solche Situation auch noch nie erlebt. Dass man enttäuscht ist, das ist klar, aber dass das so extrem ist, das habe ich noch nie erlebt. Da konnte man ein solches Spiel ja gar nicht sachlich analysieren, darum ging es ja gar nicht – da ging doch um Animation. Oder um Dinge, die mit Sport weniger zu tun haben.“ Und: „Wir waren doch alle platt, wir waren doch alle down.“

So ist es. Und einige sind es sicherlich noch immer. Fans, Offizielle – und Spieler. Und in Zukunft wird auch so mancher HSV-Profi noch platter sein. Am Sonnabend saßen Stars wie Ruud van Nistelrooy, David Jarolim und Piotr Trochowski auf der Bank, Eljero Elia sogar auf der Tribüne. Und so mancher wird sich darauf einstellen können, dass sich an diesem Zustand sobald auch nichts ändern wird. Veh: „Wir müssen versuchen, dass wir permanent die beste Mannschaft aufstellen, von der man meint, dass es die beste Mannschaft ist. Auch wenn es Spieler gibt, die damit nichts anfangen können, aber das ist mir denn im Prinzip . . .“ Der HSV-Coach hält kurz inne, dann fährt er mit einem neuen Satz fort: „Auch wenn man draußen sitzt, dann sollte man sich mit dem Team identifizieren. Wenn einer das nicht macht, dann ist er fehl am Platz. Das, genau das machen uns doch alle vor, Mannschaften wie Hannover und Freiburg, auch Nürnberg macht uns vor.“ Teamgeist versetzt Berge, die „Kleinen“ zeigen es derzeit, wie es geht, gehen kann, und die Arrivierten wie Werder, Stuttgart, Schalke oder auch Wolfsburg setzen dagegen eher auf die Millionen, die sie für neue Spieler ausgeben. Armin Veh: „Wir haben zwar die besseren Einzelspieler, aber wir müssen besser als Team auftreten. Wer das nicht kann, wer da draußen sitzt und nicht mitfiebert, der wird es bei mir schwer haben in Zukunft.“

Bei Hannover 96 war das am Wochenende sehr schön zu sehen. Da stürmte die gesamte Mannschaft nach einem Tor auf den (schmollend?) auf der Bank sitzenden Ersatztorwart Fromlowitz zu und umarmte ihn. Beim HSV sah man eine solche Szene (in dieser Saison) höchst selten, aber – es geht bergauf. Jawoll, langsam, aber es geht. Nach dem 4:0 von Änis Ben-Hatira kamen alle Feldspieler auf den Torschützen zu und feierten ihn – an der Eckfahne des Werder-Tores. So etwas hat es lange, lange nicht mehr gegeben. Und auch nach dem Schlusspfiff kamen die Ersatzleute auf die HSV-Spieler zu (um zu gratulieren), die bis zuletzt auf dem Rasen waren. Na bitte, es geht doch. Und: weiter so! Kurzer und knapper Kommentar Veh: „Ich finde, dass sich so etwas auch gehört.“

Auch Ruud van Nistelrooy war dabei. Über ihn und seine derzeitige Situation befand der Coach: „Ruud wollte in den letzten Spielen, aber es war schwierig. Kopf und Körper sind eins, das habe ich schon oft erlebt, und dann macht man sich so viele Gedanken – und es wird schwer dadurch. Eines ist doch klar: Alles fokussiert sich auf ihn, das hat er sich ja auch hart erarbeitet, und deswegen erwartet hier jeder, dass er seine Leistung bringt. Und wenn er die dann einmal nicht bringt, dann ist es besser, dass man ihn auch mal raus nimmt aus der Schusslinie.“ Aber wie lange? Und schafft „RvN“ noch einmal die Wende? Veh: „Vom Körper her wird er es absolut wieder hinbekommen, ich hoffe nur, dass er es auch vom Kopf her schafft.“

An diesem Montag ist kein Training im Volkspark.

16.24 Uhr