Tagesarchiv für den 19. Februar 2011

4:0 – Wiederauferstehung im Volkspark

19. Februar 2011

Der HSV ist wieder da! Wer hätte das nach der Pleite vom Mittwoch gedacht? Gegen die Mannschaft von Werder Bremen, die wie ein Absteiger in Hamburg vorspielte, gab es einen lockeren 4:0-Erfolg. Es durfte endlich einmal bei einem Duelle mit dem ewigen Nordrivalen so richtig schön gejubelt werden – nach einem ganz schlimmen Tag nun ein ganz, ganz besonderer. Werder wurde in alle Einzelteile zerlegt, Torwart Frank Rost hatte nur einen einzigen Ball zu halten – und den gab es nach einem Querschläger sogar von den eigenen Kollegen. Keine Frage, so macht Fußball doch wieder Spaß!

Den Mut zur Lücke. Einige hatten ihn, einige aber verzichteten darauf. Sie feuerten ihren HSV, ihren Lieblingsverein weiterhin an – und das war auch gut so. Zwar war es relativ ruhig im Volkspark, aber nach dem, was vorher gelaufen war, hätte ich größere Lücken erwartet. Und eine Bus-Blockade gab es auch nicht. Das Leben geht eben auch nach einer Derby-Niederlage und einem weiteren krassen Rückschlag weiter.

Armin Veh hatte aufgeräumt. Gegenüber der Pauli-Pleite waren Gojko Kacar, Jonathan Pitroipa, Paolo Guerrero und Heung Min Son neu in der Startformation. Auf der Bank saßen Marcell Jansen und Ruud van Nistelrooy, dazu, und das sahen wirklich viele, viele Fans als ungerecht an: Auch David Jarolim und Änis Ben-Hatira sahen zu. Für mich waren das zwei, die sich gegen die „Braunen“ noch den Hintern aufgerissen hatten, die zu den Besseren im Veh-Team gehört hatte. Aber gut, der Trainer hat so entschieden, er wollte ein Zeichen setzen – vielleicht haben es ja alle verstanden.

Vor dem Spiel gab es noch eine interessante Szene in den Katakomben der Arena. Als die Mannschaften zum Aufwärmen aus den Kabinen kamen, entdeckte Ruud van Nistelrooy den hinter der Bande stehenden Kult-Masseur Hermann Rieger. „RvN“ klopfte „Hermann the german“ auf die Schulter und begrüßte ihn ganz herzlich – wie Hermann auch: „Hallo Burschi.“ Dabei streichelte er kurz die Wange des Niederländers. Eine sehr herzliche und menschliche Szene. Ich sprach mit Hermann Rieger, der mir sagte: „Es geht mir wirklich gut, wirklich gut. Es machen sich viele, viele Fans Sorgen um mich, ich danke allen für die Anteilnahme – ich bekomme unheimlich viel Post.“ Zum Matz-ab-Treffen am 18. März habe ich Hermann natürlich eingeladen, geht es ihm wie heute, dann ist er dabei. Das klingt doch gut, oder?

Nicht ganz so gut dann aber das Spiel. Einigen HSV-Profis steckte St. Pauli noch in den Knochen, denn von Tempo, Lust, Herz und Leidenschaft war nicht viel zu sehen. Verständlich in meinen Augen, auch wenn jetzt so mancher Fan sagen wird: „Wieso das denn? Die kriegen Geld, und nicht zu knapp, die sind alle Profis, die haben sich einzusetzen.“ Ist ja was dran, aber in diesem Falle denke ich, dass der eine oder andere HSV-Spieler eben nicht so schnell zur Tagesordnung übergehen kann. Profi hin, Profi her, das ist menschlich. Ich bin auch immer noch restlos bedient, von diesem schrecklichen Mittwoch . . .

Um mit einer aktuellen Nachricht zu beginnen, bevor es auf den Rasen geht: Frank Arnesen ist nach meinen Informationen schon der neue HSV-Sportchef, der Däne kommt im Sommer vom FC Chelsea und soll dann diesen maroden HSV auf Vordermann bringen. Möge er eine gute Hand haben, damit es endlich einmal wieder bergauf geht mit dem Klub.

Armin Veh hatte umgestellt, Heiko Westermann auf die Sechs genommen, Kacar neben Joris Mathijsen in die Innenverteidigung. Westermann war dann auch ein großer Aktivposten, lief viel, bot sich immer wieder an – und wollte als Kapitän ganz offensichtlich mit bestem Beispiel voran gehen. Auch wenn nicht jeder Pass von ihm ankam, er brachte eine gute Leistung.

Sein Nebenmann Ze Roberto spielte seinen „Stiefel“ so wie im Training herunter, eine „Hallo-wach-Tablette“ hätten sich besser auch Mathijsen und Paolo Guerrero eingeworfen. Wie gesagt, ich nehme sie diesmal in Schutz, ich habe Verständnis für eine solche Reaktion. Wobei Guerrero ja viel versuchte, aber ihm klebte irgendwie das Pech an den Stiefeln (in Halbzeit eins). Und wenn es mal gut aussah, dann stand Paolo auch meistens im Abseits . . . Aber er kam ja noch.

Guy Demel spielte rechts passabel, Dennis Aogo links ebenso. Kacar rechtfertigte seine Nominierung mit einer konzentrierten und engagierten Leistung, das war okay. Über links versuchte sich diesmal der kleine Son, und er kam nicht über einige Versuche hinaus. Er hängt nach der Asien-Meisterschaft immer noch irgendwie durch, da müssen alle noch reichlich Geduld aufbringen. Aber: Mit Eljero Elia hatten die HSV-Anhänger stets Geduld, dann wohl erst recht mit Son. Rechts war wieder einmal Pitroipa am Start, und der war in der Tat (auch wenn ihm längst nicht alles gelang) ein bewegendes Element. „Pit“ versuchte etwas, dribbelte, sprintete, lief. Ein Vorbild. Auch wenn er nach wie vor in Sachen Abschluss seine Erstklassigkeit sucht. Das wird aber wohl bis zum Ende seiner Karriere verfolgen.

Vorne gab es das Duo Mladen Petric und Guerrero. Petric fand in der Anfangsphase nicht ins Spiel, biss sich dann aber über den Kampf hinein. Kompliment, er hat bewiesen, dass es auch über einen solchen Weg geht. In seinem Eifer trat er sogar einmal Son um (41.), so dass der Südkoreaner einige Zeit leicht humpelte.

Das Spiel an sich war gewöhnungsbedürftig. Erschreckend, wie schwach Werder Bremen geworden ist, ganz erschreckend. Natürlich haben da einige sehr gute Kräfte gefehlt, aber dennoch, so schlecht habe ich den Nordrivalen seit Jahr und Tag nicht mehr erlebt. Irgendwie wie eine Altherren-Truppe. Und das gegen diesen so angeschlagenen HSV.

Bei dem natürlich auch viele Dinge daneben gingen. Freistöße und Eckbälle zum Beispiel – erschütternd. Und immer wenn der Ball quer oder zurück gespielt wurde, bewiesen die Fans ihre Ungeduld. Oder besser: Sie quittierten jeden dieser Tempo verschleppenden Pässe mit Pfiffen. Und einige skandierten es auch laut: „Wir ha’m die Schnauze voll.“ Nämlich von dieser Art Schnecken-Fußball.

Diesmal aber ging es nicht schief, diesmal rappelte sich der HSV auf. Angeführt von Westermann und dem immer aktiveren Petric ging es mehr und mehr Richtung Werder-Tor. Und das wurde belohnt: Erst störte Guerrero am Bremer Strafraum, dann kam Pitroipa am Eck des Sechszehners an den Ball, ein großartiger Doppelpass mit Westermann, der Pass zur Mitte – und Petric netzte ein (42.). Die Erlösung! Völlig verdient ging es mit dieser Führung in die Pause.

Nach dem Seitenwechsel weiter in dieselbe Richtung. Grün fand nicht statt. Im Gegensatz zu Mladen Petric, der immer mehr aufblühte. Lag es daran, dass der sonst übliche Nebenmann fehlte? Ich vermute es fast, aber zu beweisen ist so etwas natürlich nicht. Petric aber war der Mann, der das 2:0 fast im Alleingang besorgte. Er luchste Mertesacker die Kugel ab, Querpass auf den mitgelaufenen Guerrero, der diesmal nicht im Abseits stand und ohne die geringste Mühe den Ball ins leere Werder-Tor lenken konnte (64.). Und aus dem Norden tönte es : „Werder, Werder, Zweite Liga, oh ist das schön, euch dort wieder zu seh’n . . .“ Da fiel eine Riesenlast von den Schultern der HSV-Fans, die so lange auf eine Revanche für viele, viele Niederlagen gewartet haben. Für das 3:0 sorgte Guerrero mit der Pieke (79.). So schön und so einfach kann Fußball sein.

Den Schlusspunkt setzte der für Son eingewechselte Änis Ben-Hatira – nach einem Zuckerpass von Ze Roberto. Erfreulich: Bis auf Frank Rost kamen alle an die rechte Eckfahne (des Werder-Tors) gelaufen, um dem Talent zu gratulieren. Herrlich anzusehen.

Die Besten beim HSV: Petric und Westermann. Und, um auch das noch zu sagen: Im zweiten Durchgang legten sie alle noch eine Schippe drauf, auch die, die zunächst ein wenig schläfrig gewirkt hatten. Ze Roberto kam sogar noch prächtig in Fahrt. Und Guerrero belohnte seine Fleißleistung mit einem Doppelpack. Am Rande flippte Armin Veh fast aus vor Freude – alles richtig gemacht. Obwohl: David Jarolim draußen zu lassen, das werde ich nie verstehen. Zumal nach dieser (seiner) Leistung. Aber gut, da haben hier ja auch einige dieselbe Meinung wie der Trainer.

Übrigens: Auf dem Weg ins Stadion traf ich Ilka Seeler, die Frau unseres Mittelstürmer-Idols. Sie: „Na, wie geht das Spiel heute aus?“ Ich: „0:0.“ Sie: „Nein, nein, das können Sie vergessen, es gibt einen klaren 3:0-Sieg für den HSV, denken Sie an meine Worte.“ Habe ich. Und was war denn mit dem 4:0, Frau Seeler?

17.27 Uhr