Tagesarchiv für den 18. Februar 2011

Veh sortiert aus – auch “Jaro”? ERGÄNZUNG: Elia aus dem Kader gestrichen

18. Februar 2011

+++++++Nach dem Training verabschiedete sich Eljero Elia als Erster. Der Niederländer wurde von Trainer Armin Veh aus dem Kader gestrichen und schien mit der Entscheidung nicht einverstanden zu sein. Fortsetzung folgt….+++++++

Ganz schlecht drauf. Alle. Die Fans, die Mannschaft, auch ich. Und natürlich der Trainer. Wer sich die heutige Pressekonferenz ansehen kann, dem wird nicht entgehen, dass Armin Veh echt schlecht aussieht. Der Mann leidet. Und wie. Okay, irgendwie leiden wir ja alle, aber so wie ich Veh nun erlebt habe, so habe ich ihn noch nie wahrgenommen. Der wäre am liebsten gar nicht erst zur PK gekommen, der hätte wahrscheinlich schon besser heute als morgen gegen Werder spielen lassen – damit Gras über diese Sache wächst. Aber wächst da überhaupt so schnell Gras drüber? Da habe ich meine Zweifel. Zumal ja nicht garantiert ist, dass der HSV die Bremer aus dem Stadion pustet. Was ist, wenn der HSV nicht gewinnen sollte? Oder, noch schlechter: Was ist dann, wenn der HSV gegen den ewigen Nordrivalen, der ja eigentlich noch viel schlimmer angeschlagen ist als der morgige Gastgeber, verlieren sollte?


Dabei fällt mir ein: Die St.-Pauli-Fans sangen ja am Mittwoch nach dem Schlusspfiff auch irgendetwas von „Nummer eins in Hamburg“. Darum ging es ja auch. Oder? Nein, für mich eher nicht. Wie lächerlich ist denn das, nach der Nummer eins in dieser Stadt zu fragen? Diese Frage ist doch schon seit Jahrzehnten geklärt, da kann doch nicht ein solches Spiel dazu genommen werden, die Nummer eins zu werden. Wer ist denn die Nummer eins der beiden Städte Nürnberg und Hamburg? Der Club natürlich: 1:1 im Hinspiel, 2:0 gegen den HSV im Rückspiel gewonnen. Diese Frage, wer wo die Nummer eins ist, die ist doch totaler Blödsinn. Die Tabelle lügt nicht, sie allein zeigt die Wahrheit, nur diese eine Tabelle – und nichts anderes. Deswegen geht es auch morgen im Volkspark nicht darum, wer im Norden die Nummer zwei ist. Es geht darum, wieder aufzustehen. Es geht darum, Charakter zu zeigen, die richtige Einstellung – endlich einmal die richtige Einstellung.

Wer schlecht spielt, der darf wenigstens kämpfen, rennen, kloppen, beißen, kratzen.

Der HSV hat doch am Mittwoch nicht schlecht gespielt. „Wir haben St. Pauli eine Stunde lang an die Wand gespielt“, hat Dennis Aogo (der noch immer sehr betroffen wirkte) auch heute noch gesagt. Dem ist ja nicht zu widersprechen. Nur nach dem 0:1, da passierte kaum noch etwas. Da hätte eine erfahrene Mannschaft sich wehren müssen. Kämpfen, rennen, kloppen, beißen, kratzen – und das Herz auf dem Rasen zeigen. Und dann sind wir auch schon wieder bei Werder. Wenn diese HSV-Mannschaft das morgen nicht besser schafft, dann werden die Fans ganz sicher darauf reagieren. Ganz sicher sogar.

Denn schon jetzt ist ja von „Boykott“ die Rede. Viele Fans wollen gar nicht erst wieder ins Stadion kommen, ganze Fan-Klubs wollen sich für den Rest der Saison zurückziehen. Weil sie angeblich keine Kraft mehr haben. Ich denke aber, dass das nicht die richtige Antwort auf diese unglaubliche Pleite ist. Ein echter Fan steht auch dann zu seinem Klub, wenn es eine Katastrophe gegeben hat. Die hat es nun einmal gegeben, aber dann muss man da eben noch einmal durch. Jawoll, noch einmal und noch einmal und noch einmal. Was sollen denn die Anhänger von zum Beispiel Bochum, Bielefeld oder Hertha BSC sagen? Abgestiegen – und dann? „Ich bin dann mal weg!“ Aber gut, ich will und kann niemanden überreden, jeder ist seines Glückes Schmied. Alle sollten aber mal so denken: Keinem einzigen HSV-Fan hat diese Niederlage Spaß gemacht, keinem! Wenn nun alle beleidigt reagieren würden, alle schmollend zu Hause bleiben, weil es gegen den kleinen Nachbarn eine historische Niederlage gegeben hat – dann kann die Arena geschlossen werden. Oder es dürften dort in Zukunft Hunderennen ausgetragen werden. Ich halte es da eher mit diesen Leuten, die heute Flagge gezeigt haben: An den Autos klebten nach wie vor die HSV-Aufkleber, in der U-Bahn trugen die Leute HSV-Mützen und –Schals, sogar im Springer-Verlag lief ein Mitarbeiter mit einem HSV-Schal durch die Kantine. Bravo! Jetzt erst recht!

Morgen, gegen den notorischen Spielverderber aus Bremen, stehen mehr als nur die drei läppischen Punkte auf dem Spiel. Aufstehen und kämpfen. Alle. Auch der Trainer. Der ganz sicher weiß, dass es auch um seine Zukunft in Hamburg geht. Armin Veh ist Realist. Viel mehr Realist als alle anderen HSV-Trainer, die ich vor ihm hier erlebt habe (seit über 30 Jahren). Veh erkennt die Zeichen der Zeit wie kein anderer, und er wird ganz genau wissen, dass es gegen Werder auch um ihn geht. Und die Mannschaft wird es auch wissen. Im Interesse des Trainers ist zu wünschen, dass die Herren Profis ihren Chef nicht im Regen stehen lassen wollen, dass sie auch für ihn Gas geben und sich zerreißen. Es wird von allen HSV-Fans sicher ganz genau beobachtet, wie sehr sich die Mannschaft ins Zeug legen wird. Endlich einmal jeder 100 Prozent. Endlich einmal, bitte!

Mir hat ein Beitrag bei „Matz ab“ ganz gut gefallen. Da hieß es in etwas so: „Wir hatten drei Total-Ausfälle, und mit nur acht Spielern haben wir St. Pauli trotz allem noch beherrscht – das ist doch ein gutes Zeichen.“

Hoffen wir alle, dass es gegen Werder nicht einen Total-Ausfall geben wird. Armin Veh wird seinen Mannen den Marsch blasen, sie heißer als noch am Mittwoch machen.

Wobei ich gespannt bin, wie der Trainer ein gewisses Dreiecks-Problem lösen will: Gojko Kacar neben Joris Mathijsen in die Innenverteidigung, Heiko Westermann dann auf die (eine) Sechs. Neben wem? David Jarolim? Ze Roberto? Ginge es nach mir, würde ich keinen der beiden Staubsauger rausnehmen. Ze hat mir am Mittwoch spielerisch gefallen, „Jaro“ hat sich 90 Minuten zerrissen – als einer der wenigen HSV-Stars. Veh kann Jarolim nicht draußen lassen – ich hoffe es wenigstens sehr. Obwohl es jetzt doch ganz danach aussieht.
Ich wollte es ja eigentlich nie schreiben, nie, aber weil ich die Angst habe, dass „Jaro“ ein „Opfer“ dieser Pleite werden könnte, deswegen setze ich mich heute einfach mal über das mir selbst gegebene Versprechen hinweg:

Es war beim Sommertrainingslager in Österreich. Ihr erinnert Euch? Überall hieß es, dass der neue HSV-Trainer Armin Veh sich von „Jaro“ trennen will. Auch der Tscheche wusste es – und er gab im Training die richtige Antwort. Weil er ein Kämpfer ist. Nach einer Einheit traf ich „Jaro“ auf dem Weg vom Platz ins Hotel. Ganz allein. Ich fragte ihn, wie es denn nun um ihn stehen würde? Da zuckte er nur mit den Schultern. Dann war Pause. Plötzlich griff sich „Jaro“ an die Brust, dorthin, wo auf dem Trikot die Raute ist. Er sah mich so an, als ging es um Leben und Tod. Und er sagte mit einer Mischung aus Kampfgeist und Entsetzen in der Stimme: „Ich würde immer einen Verein finden, das ist überhaupt keine Frage, aber wenn ich aus Hamburg weg müsste, dann würde es mir das Herz zerreißen. Dieter, ganz ehrlich, es würde mir das Herz zerreißen . . .“ Dabei griff er sich noch energischer an sein Trikot und zerrte wie wild an seiner Brust. Das war keine schauspielerische Leistung, das war bitterer Ernst. Ich werde diese Szene niemals vergessen.

Ich wurde schon vor dem ausgefallenen Derby von einigen angegriffen, weil dort Veh auch schon geplant hatte, aus Jarolim zu verzichten. „St. Pauli lacht sich tot“, schrieben mir einige, und einer forderte von mir: „Dann habe einen Arsch in der Hose und schreibe es, dass du dagegen bist.“ Jarolim hätte aber doch gespielt. Deswegen kann man schlecht vorher Alarm schlagen. Diesmal aber sieht es wieder so aus, als wenn „Jaro“ draußen bleiben müsste – und das wäre nach seiner Leistung vom Mittwoch eine schreiende Ungerechtigkeit. Es wäre für mich das völlig falsche Signal, denn warum sollte einer draußen bleiben, der 90 Minuten Gas gibt. Für den HSV. Für die Raute. Für die Mannschaft. Für die Fans.

Aber gut, letztlich bin ich auch nur einer, der jede Maßnahme eines Trainers hinnehmen muss. Ich kann es nicht verhindern, wenn es denn tatsächlich ohne „Jaro“ gegen die Bremer gehen sollte. Und: Werder muss ja auf Pizarro und Wiese verzichten, vielleicht ist dann der Verzicht aus Jarolim ein kleines Entgegenkommen auf Hamburger Art. Vielleicht. Mal abwarten. Beim heutigen Training in der Arena spielte folgende Elf: Rost; Demel, Kacar, Mathijsen, Aogo; Westermann, Ze Roberto; Pitroipa, Son; Guerrero, Petric.

Ohne Ruud van Nistelrooy eigentlich – und das wiederum finde ich gut. Wobei ich sagen muss, dass ich nichts gegen den Menschen van Nistelrooy habe. Der Trainer aber hat wohl eingesehen, dass es mit van Nistelrooy und Petric als Doppel-Spitze einfach nicht geht. Es geht nicht. Die beiden Stars können nicht miteinander, obwohl alle beim HSV, die eine Funktion haben, stets das Gegenteil beschwören, aber sie liegen falsch, falsch, und nochmals falsch. Deswegen ist es richtig, wenn Veh nun auf einen der beiden Angreifer verzichtet, und dass es „RvN“ getroffen hat, ist keine Überraschung, er hat zuletzt einfach nichts mehr gezeigt. Oder nur das gezeigt, dass er zurzeit – immer noch wegen des geplatzten Real-Wechsels – nicht so gut drauf ist.

Beim St.-Pauli-Spiel allerdings hatte ich auch phasenweise den Eindruck, als wenn niemand mehr in dieser HSV-Mannschaft den früheren Weltstar suchen, in sein Spiel mit einbeziehen würde. Als gäbe es da eine Barriere, die keiner nehmen kann – oder will. Traurig stimmt mich das schon, aber es ist offenbar auch nicht mehr zu ändern. Auch daran dürfte, wenn es denn eines nicht mehr fernen Tages zur Trainer-Trennung kommt, Armin Veh letztlich gescheitert sein. Diese Mannschaft beherbergt einfach zu viele Spieler, die zuviel Neid mit sich herumschleppen. Deswegen wird diese Mannschaft auch nie ein Team.

Das ist sicher der Hauptgrund, warum diese Saison nicht so verlaufen ist, wie es von vielen vorher erhofft worden war. Ein anderer gewichtiger Grund ist aber auch das fehlende Tempo. Der HSV baut in Zeitlupe auf, Schnecken-Fußball: stümperhaft, zähflüssig, umständlich, unkoordiniert – Wahnsinn. Als ich am Mittwoch nach dem Spiel aus der Arena „geflüchtet“ bin, sah ich noch ein wenig bei Arsenal gegen Barcelona rein. Weil ich nach dem Kick im Volkspark einfach noch Bock auf richtigen Fußball (endlich mal Fußball!) hatte. Mensch Meyer, was war das für ein Hochgeschwindigkeits-Fußball? Unglaublich. Da liegen ja Welten dazwischen. Zwischen Hamburg, London und Barcelona. Und sicher gibt es noch viele, viele Städte, die man da noch nennen könnte. Der HSV spielt dagegen keinen Fußball, er quält Fußball. Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn. Aber gut, es ist ja so wie es ist – sagt Steffi.

Noch einmal zum Schluss (viele werden nun sagen: „Wo wir gerade beim Thema Tempo sind.“): Glaubt eigentlich ein jeder HSV-Fan, der sich (auch bei Matz ab) schon gegen Piotr Trochowski geäußert hat, dass es ohne ihn besser läuft? Um es einmal klar zu sagen (da habe ich einen Arsch in der Hose): Ich glaube das immer noch nicht, und ich werde es auch nicht glauben – nie.

Aber, wie sagte früher ein uns nicht ganz unbekannter Mittelstürmer: „Das ist ganz allein Sache des Bundestrainers.“ Und so ist es dann ja auch.

16.59 Uhr

So, noch eine kleine Ergänzung: Dass Frank Arnesen neuer Sportchef werden soll, das stimmt – wir werden in den nächsten Tagen wissen, wann, wie, warum.
Und zum Geheim-Training im Volkspark: Die B-Mannschaft besiegte die A-Vertretung 3:1. Für B traf Ruud van Nistelrooy zweimal, das Tor für A erzielte Mladen Petric per Elfmeter. Eine verpatzte Generalprobe beschert ja oftmals eine glanzvolle Premiere . . . Zuletzt aber hat meistens B gewonnen.