Tagesarchiv für den 17. Februar 2011

“Kopf hoch, Arsch hoch – und weiter geht’s!”

17. Februar 2011

Wunden lecken. Nicht sprechen. „Es ist alles gesagt worden“, sagte Kapitän Heiko Westermann heute, als er um 12.36 Uhr die Kabine gen Heimat verließ. Und irgendwie hatte er recht. Jedes zusätzliche Wort zu dieser Niederlage würde nur zusätzliche Leidenszeit bescheren. Entsprechend hatten sich alle HSV-Profis heute ein Sprechverbot auferlegt. „Wir müssen uns damit abfinden, diese Schmach ein halbes Jahr zu ertragen, bis sich die nächste Gelegenheit zur Revanche bietet.“ Das waren die Worte des Kapitäns direkt nach Spielschluss. Und sie spiegeln das wieder, was derzeit unumgänglich ist. „Da müssen wir jetzt durch“, sagt Frank Rost, „aber am Sonnabend geht es schon weiter. Deshalb kann es für uns nur gelten: Kopf hoch, Arsch hoch und weitermachen. Von Spiel zu Spiel.“

Und auch wenn es meiner journalistischen Sorgfaltspflicht entspräche, heute noch mal in die detaillierte Analyse zu gehen, es täte zu sehr weh. Nein, ich schummel mich aus diesem Dilemma mit der Ausrede heraus, dass in 48 Stunden schon das nächste wichtige Spiel ansteht. Das nächste Nordderby. Die nächsten eingeplanten drei Punkte. Und die Möglichkeit, Wiedergutmachung zu betreiben.

Wirklich Wiedergutmachung?

Ich glaube ganz ehrlich, dass auch ein Sieg gegen Werder, der in den letzten Jahren alles andere als selbstverständlich war, nicht alle Wogen glätten kann. „Jeder Spieler weiß, dass er die Möglichkeit hat, zumindest ein kleines Pflaster auf die große Wunde zu legen“, sagt Bernd Hoffmann und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Auch er weiß, dass diese Niederlage gegen die Nummer zwei der Stadt nur dann eine untergeordnete Rolle spielen wird, wenn sich der HSV doch noch zu seinem Minimalziel Europa League retten kann. Aber dafür ist ein Sieg im Heimspiel gegen den abstiegsbedrohten Nordrivalen von der Weser Pflicht. Kaum auszudenken, was passieren würde, wenn auch das zweite brisante Derby verloren ginge…

Die Frage, die sich stellt, ist, wie reagiert der HSV? Welche Reaktion zeigen die Spieler, welche der Trainer? Und während die Erstgenannten gestern nach einer kurzen Analyse seitens Veh individuelle Einheiten im Kraftraum absolvierten, deutete der Trainer bereits an, personell reagieren zu wollen. Nicht wenige rechnen mit einer Auszeit für Ruud van Nistelrooy. Genauso soll Gojko Kacar wieder in die Innenverteidigung rotieren. Und auf links scheint sich nach seiner schwachen ersten Halbzeit Marcell Jansen wieder ins Hintertreffen gebracht zu haben. Alles nicht wirklich überraschend. Oder doch?

Zumindest bei Kacar scheint es interessant zu werden, denn der Serbe soll nicht etwa Joris Mathijsen wieder ablösen sondern mit eben jenem zusammen die Innenverteidigung bilden. Dafür rückt Heiko Westermann auf die Sechs neben Zé Roberto. Leidtragender hierbei wäre der für mich beste HSVer gegen St. Pauli, David Jarolim. Oha! Westermann als zuletzt ordnender Abwehrchef aus dem Abwehrzentrum raus, dort stattdessen mit den beiden zweikampf- aber nicht zwingend sprintstarken Mathijsen und Kacar spielen – für mich ein unnötiger Umbau. Und ein unverständlicher, vor allem zu diesem Zeitpunkt. Die Abwehr hat in den letzten Wochen wenig bis nichts zugelassen, was zu einem großen Teil an der Zweikampstärke Westermanns festzumachen ist. Und Veh hatte vor kurzem „mehr Männer auf dem Platz“ gefordert und diese Forderung ausgerechnet vom Tschechen par excellence umgesetzt bekommen. Aber gut, abwarten. Schon vor zwei Wochen hatte Veh angedroht, Jarolim aus der Startelf zu nehmen und ihn letztlich doch wieder ins A-Team berufen. Egal. Schließlich ist es bislang noch nicht mehr als ein Gerücht, dass Jarolim diesmal wirklich draußen bliebt.

Gleiches gilt für van Nistelrooy. Der Niederländer genoss zuletzt den Vertrauensvorschuss seines Trainers. Und es scheint, als sei dieser langsam aufgebraucht. Mannschaftsintern genießt der ehemalige Welttorjäger weiter einen guten Ruf. Allerdings lassen die Spieler in ihren Analysen auch keinen Anlass aus, zu betonen, dass dem HSV einfach die Effizienz vor dem gegnerischen Tor fehlt. Und dabei nehmen sie auch van Nistelrooy stark mit in die Verantwortung, der kaum Torszenen geschweige denn Tor vorzuweisen hat.

Das wiederum liegt zum einen an den derzeit schwachen Außenbahnen (Aogos Flanke in der 40. Minute ist da eine der wenigen Ausnahmen), aber zum anderen auch an van Nistelrooy selbst. Der Angreifer scheint aktuell nicht in Form zu sein. Ob er dies mangels Motivation – wie die einen sagen – oder mangels sportlicher Verfassung ist, lasse ich ganz bewusst dahingestellt. In der Konsequenz bleibt es sich gleich – denn die würde bedeuten, einen formstärkeren Angreifer zu bringen, bis Ruud wieder in Form ist.

Oder eben die Außenbahnen umzubesetzen. Änis Ben-Hatira hat gegen St. Pauli wieder viele gute Aktionen begonnen – und sie wie zumeist unvollendet gelassen bzw. schwach abgeschlossen. Der 22-Jährige betreibt einen unglaublich und lobenswert hohen Aufwand. Ihm wäre ein Tor oder eine Torvorlage zu gönnen, er hätte es wirklich verdient. Aber er spielt einfach unglücklich. Sein Spiel ist fast symptomatisch für die mangelhafte Effizienz im Angriff. Gut möglich, dass Veh Ben-Hatira gegen Werder eine Pause gönnt und Jonathan Pitroipa oder Eljero Elia bringt. Oder auch beide, sofern auch Jansen auf die Bank muss.

Ich bin gespannt. Sehr sogar. Nach der Pressekonferenz mit dem Trainer und dem anschließenden Abschlusstraining um 16 Uhr unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Imtech-Arena werden wir mehr wissen. Mehr gibt es heute nicht zu sagen. Im Gegenteil, so schwer es momentan auch noch fallen mag, es muss weitergehen. Werder ist das Stichwort – und die Europa League weiterhin ein zu realisierendes Ziel.

Ich mache es mir einfach und halte es mal mit den Worten von Frank Rost: „Kopf hoch, Arsch hoch – und weiter geht’s!“

In diesem Sinne, bis morgen!

19.30 Uhr