Tagesarchiv für den 16. Februar 2011

Eine historische 0:1-Niederlage

16. Februar 2011

Es ist doch geschehen. Der HSV verliert nach über 33 Jahren wieder einmal ein Punktspiel gegen den FC St. Pauli. Unfassbar, aber wahr. 1:0 siegten die „Braunen“ im Volkspark, weil der HSV lange Zeit kein Mittel fand, gegen den Kiez-Beton anzugehen, und weil dazu einige gute Tormöglichkeiten nicht genutzt wurden. Der HSV ist wieder auf dem Boden der Realität angekommen, die Aufholjagd erfuhr ein abruptes und ein – ich muss es leider schreiben – schreckliches Ende. Das war viel zu wenig, HSV. So sieht auch kein internationaler Fußball aus. Das war eine Leistung, wie sie eine Mannschaft bietet, die im Bundesliga-Mittelfeld beheimatet ist. Armin Veh steht nun auf einer Stufe mit Rudi Gutendorf, der 1977 der letzte HSV-Trainer war, der gegen St. Pauli vergeigt. Vorher ging es oft nur um die Höhe des HSV-Sieges, aber wenn eine Mannschaft in den Volkspark kommt, die 90 Minuten kämpft, dann ist auch eine Überraschung möglich. So bitter dieser 16. Februar 2011 auch ist. Einfach nur schade, jammerschade.

Zur Pause diskutierten sie mit dem Schiedsrichter. Erst Asamoah, dann Heiko Westermann und Ze Roberto. Dabei hatte Günter Perl nicht viele Dinge falsch gesehen. Zwei Gelbe Karten gegen den HSV, keine gegen St. Pauli. Das war er wohl, der kleine Aufreger. Gelb für David Jarolim, der Bartels umfegte, war Pflicht, die Gelbe gegen Ze Roberto, der Asamoah legte, war ein wenig zu hart –es geschah im Mittelfeld, und Ze hatte vorher noch kein einziges Foul begangen. Im Gegensatz zu St. Paulis Kante Zambrano, der sich einige Dinge erlaubte, die hart an der Grenze oder auch schon drüber waren. Aber da schloss Perl großmütig beide Augen . . . Was nicht spielentscheidend war, natürlich nicht, aber in einem Derby ist immer Zunder, und da geht es um Kleinigkeiten.

Aber es hielt sich eigentlich alles im Rahmen. Bis auf die St.-Pauli-Fans, die um 19.10 Uhr ein kleines Feuerwerk im Volkspark zündeten. Muss nicht sein, kommt aber immer wieder mal vor. Sogar beim HSV. Gelegentlich. Auf dem Rasen blieb es bei kleineren Scharmützeln. Boll attackierte einige HSV-Profis verbal, was sich für einen Kommissar nicht unbedingt gehört, aber er war ja nicht im Dienst. Änis Ben-Hatira legte sich mit Zambrano an, weil der bei einem geglückten Rettungsversuch noch schön mit gestrecktem Bein „nachzog“. Perl sah es nicht, obwohl er ja im Abendblatt gesagt hatte, dass er einst Fußball gespielt hat. Ehemalige Fußballer aber sehen eine solche Aktion (wie die von Zambrano) – und ahnden sie dann auch.

Tore? Mangelware. Hätte Perl nicht zur Pause gepfiffen, der HSV würde es immer und immer und immer wieder versucht haben. Nur das rechte Mittel, das fiel den Hausherren nicht ein. Oder viel zu selten. Das war erschütternd. Woran es lag? St. Pauli stand mit Mann und Maus hinten drin, und das ist bekanntlich erlaubt. Dann muss (und darf) sich der Gegner etwas einfallen lassen, aber genau daran lag es ja. Der gute Ruud (van Nistelrooy) vorne drin hatte einen Kopfball (den er sonst wohl macht), ansonsten aber nicht eine einzige Szene. Nicht mal einen so guten Pass, wie den in Wolfsburg auf Mladen Petric. Letzterer hatte auch keine Szene. Zu gut bewacht, diese beiden Spitzen. Zum Glück für den HSV zeigte rechts wenigstens Änis Ben-Hatira Leben. Ich war vorher skeptisch, ich hätte Jonathan Pitroipa gebracht, aber Änis strafte mich mit einer engagierten Leistung ab. Mein Gott, wenn er noch einen halbwegs vernünftigen oder koordinierten Abschluss hätte, dann . . . Dann hätte er zum Beispiel das 1:0 erzielt (42.). Aber er „schnibbelte“ den Ball aus 15 Metern am Pauli-Tor vorbei.

Links zeigte Marcell Jansen nichts. Und genau das war zu leicht für St. Pauli. Der hüftsteife Thorandt, sonst Innenverteidiger, der dürfte sich „totgelacht“ haben, denn mit einem kleinen Dribbelkünstler (wie Eljero Elia) hätte er sicher mehr (was heißt mehr, er hatte ja gar keine) Schwierigkeiten gehabt. Zum Glück korrigierte Trainer Armin Veh seine Aufstellung, denn dann kam Elia – endlich, möchte ich hinzufügen.

Die HSV-Defensive hatte alles (fast alles) im Griff. Nur zweimal hatte Joris Mathijsen schwer mit dem immer noch sehr agilen Asamoah zu kämpfen, zweimal war der St.-Pauli-Spieler weg, fiel zweimal, Glück, dass es da kein Gelb für den Niederländer gab. Ansonsten aber null Problemo. Guy Demel ließ nichts zu, Dennis Aogo auch nicht. Und im Mittelfeld arbeiteten Jarolim und Ze Roberto wie die „Wahnsinnigen“. Ze bestimmte den Rhythmus des Spiels, „Jaro“ erlief sich unglaublich viele Bälle, rieb sich in vielen, vielen Duellen auf – gab wieder einmal alles. Bravo! Schlecht von Ze: Seine Freistöße. Die Bälle verhungerten in schöner Regelmäßigkeit und landeten beim ersten St.-Pauli-Spieler, der ohne Mühe klären konnte. Das sind, ich sage es ja immer und immer wieder, Chancen, die man soooo leichtfertig nicht vergeben darf. In so engen Spielen muss man die Standards nutzen . . .

Die zweite Halbzeit hätte mit einem Paukenschlag beginnen können. Hätte. Elia bediente Ze Roberto, der erschien frei vor Pliquett, doch der Brasilianer traf nur das Außennetz. Das war eine fast “Hundertprozentige“. Aber es war auch der Auftakt zu einem Fußballspiel. Jetzt war noch mehr Feuer drin, jetzt ging es hin und her, weil auch St. Pauli einmal mitspielen wollte – und der HSV hatte Chancen. Ben-Hatira hätte von rechts klarer abspielen müssen, Ruud van Nistelrooy traf eine Ben-Hatira–Flanke nicht, und Mathijsen scheiterte aus fünf Metern an Pliquett. Es sollte nicht sein.

Das Tor fiel dann auf der anderen Seite: Kruse-Ecke, Boll verlängert, Asamoah köpft ein. Erste St.-Pauli-Chance, gleich ein Treffer – so kann es gehen (59.). Und: Alter schützt vor Toren nicht. Man kann sie nämlich auch erzwingen, man muss nur wollen.

Nach dem 0:1 brauchte der HSV, um wieder in Schwung zu kommen. Es passierte lange Zeit nichts. „Wir woll’n euch kämpfen seh’n“, so tönte es aus dem Nord-Westen, aber gekämpft wurde doch! Fußball aber hätte besser gespielt werden müssen.

Veh versuchte es dann mit einem Doppelwechsel. Van Nistelrooy (zu spät) und Ben-Hatira raus, Elia und Pitroipa rein (72.). Schon in der Anfangsphase hatte der neben mir sitzende „Scholle“ gesagt: „Der Sieg kommt heute von der Bank.“ Schön wär’s ja, habe ich so bei mir gedacht, aber ab der 75. Minute habe ich nur noch gehofft, gehofft, gehofft . . .

Aber es lief nichts mehr zusammen. Die Spieler standen zu weit auseinander, die Lücken zwischen Abwehr und Angriff viel zu groß. Die Angst vor einer Derby-Niederlage machte sich breit und lähmte ganz offenbar doch einige HSV-Spieler. Und wenn ich nach den ersten 45 Minuten noch gehofft hatte, dass St. Pauli diese hohe Laufbereitschaft nicht bis zum Ende durchhalten würde, so war auch das ein Trugschluss. Die „Braunen“ hielten durch, eher hatte ich beim HSV das Gefühl, dass einige überpowert hatten.

Elia, der ganz gut und vielversprechend begonnen hatte, tauchte völlig ab. Der eingewechselte Pitroipa zeigte auch wenig Leben, das war oft nur brotlose Kunst, was da gezeigt wurde.

Fast ein Skandal dann zum Schluss. Boll liegt am Boden (vor dem eigenen Strafraum), Ebbers läuft auf das HSV-Tor zu, könnte das 2:0 machen – gestoppt. Dann kontert der HSV, Boll liegt immer noch am Boden – und Perl pfeift ab. Richtig? Darüber kann man ganz sicher geteilter Meinung sein, vielleicht sollte der Schiedsrichter einmal darüber mit seiner Zunft reden, wo bleibt da die Gerechtigkeit?

Zum Schluss kippten die St.-Paulianer um wie die Fliegen. Auch das gehört zum Fußball. Zeitspielen ist ein oft genommenes Mittel – wenn der Unparteiische es zulässt.

Die Besten beim Verlierer: Heiko Westermann, der sich total verausgabte, und dazu auch David Jarolim, der ein gigantisches Pensum absolvierte. Und, das muss ich auch noch sagen dürfen: Mir tut Piotr Trochowski leid. Warum? Weil es Freistöße gab, die niemand schießen konnte oder wollte. Und die einige geschossen haben, die eigentlich nicht schießen dürften. Aber auch das gehört zum HSV 2011.

Dass die “Braunen” später noch lange Karneval im Volkspark feierten – das tat vielen, vielen HSV-Fans schon enorm weh. Und auf der Videowand wurde dazu ein wenig deplatziert geworben: Die zehn besten HSV-Spiele der Vereins-Geschichte . . . Lang, lang ist es her.

20.50 Uhr