Tagesarchiv für den 15. Februar 2011

“Uns Uwe” tippt auf 2:1 für den HSV

15. Februar 2011

Während des Abschlusstrainings schneite es unaufhörlich. Der HSV probte auf dem Bilderbuch-Rasen in der Arena ein letztes Mal für das Derby. Und um 16.26 Uhr wurde die spannende Frage beantwortet, wer denn am Mittwoch um 18.45 Uhr in der Startformation stehen wird. Da verteilte Co-Trainer Michael Oenning die grünen Hemden an: Rost, Demel, Westermann, Mathijsen, Aogo; Jarolim, Ze Roberto; Pitroipa, Jansen; Ben-Hatira, van Nistelrooy. Experten werden auf Anhieb erkenne, wer in dieser Formation fehlt: Mladen Petric. Der Stürmer fehlte beim Abschlusstraining, weil er sich einen grippalen Infekt eingefangen hat. Petric fühlt sich schlapp, aber er fährt dennoch mit ins Hotel, und erst am Tag des Spiels wird dann entschieden, ob er doch noch spielen kann. Die Frage ist, wer heute den „Platzhalter“ für Petric spielte? Ben-Hatira? Pitroipa? Oder keiner, weil Petric morgen passen muss?

So richtig Feuer war in diesem Training noch nicht erkennbar. Noch nicht. Wahrscheinlich haben sich die Spieler für morgen geschont. „Ich werde zu diesem Spiel nicht viel ändern, auf zwei Position eventuell“, sagt Armin Veh vor dem St.-Pauli-Spiel: „Die elf Spieler, die zum Einsatz kommen werden, die werden hoffentlich alles geben was sie drin haben – und ich hoffe, dass sie viel drin haben werden.“

Dann hoffen wir eben alle mal. Fest steht: Ruud van Nistelrooy steht auch diesmal wieder in der Anfangsformation. Und Eljero Elia dürfte, obwohl er so gerne zum Stammpersonal gehören würde (und es zuletzt auch in der Mopo forderte), dürfte auch diesmal wieder nur zum Bankpersonal gehören. Die kleinen Fragezeichen, die er zuletzt hinter dem Einsatz von Joris Mathijsen gab, dürften sich spätestens heute erledigt haben, denn der Niederländer spielte im Abschlusstraining neben Heiko Westermann, also dürfte die Innenverteidigung auch so stehen. Was bedeutet: Viel Pech für Gojko Kacar, der zuletzt wegen einer Roten Karte passen musste, denn der Serbe bleibt wohl auch zunächst draußen. Ich bin aber davon überzeugt, dass seine Zeit noch kommen wird – schon bald sogar.

„Wenn wir die nächsten zwei Spiele gewinnen, dann sind wir wieder oben dabei. Wenn wir aber nicht gewinnen, dann haben wir wieder ein riesiges Problem – so eng liegt das nebeneinander. Gewinnen wir zweimal, dann haben wir eine gute Ausgangsposition“, sagt Armin Veh zur näheren Zukunft seiner Mannschaft. Erst St. Pauli besiegen, dann auch am Sonnabend Werder Bremen – und schon sähe die Welt des HSV wieder absolut rosig aus. Aber diese zweimal 90 Minuten müssen eben auch erst einmal siegreich absolviert werden. Und das dürfte in beiden Fällen sehr, sehr schwierig werden, denn beide Kontrahenten kämpfen ums Überleben.

Und beim HSV kämpfen sie in diesen Tagen mehr denn je um einen Stammplatz. Gespannt bin ich darauf, wie der Dreikampf zwischen den Innenverteidigern Westermann, Mathijsen und Kacar ausgehen wird. Rückt der Kapitän eventuell auch vor auf die Sechs? Veh: „Das kann der Heiko auch gut spielen, da ist er torgefährlich, das kann er spielen.“ Und Außenverteidiger? Westermann betonte heute noch einmal, dass er dazu „keine Lust habe“. Und: „Ich gehe davon aus, dass ich morgen als Innenverteidiger auflaufen werde. Und wie es in Zukunft läuft, das lasse ich mal offen. Erst kommt das Derby.“ Der Trainer aber sagt zu dieser Problematik: „Natürlich kann der Heiko auch außen spielen – wenn Not am Mann ist. Ze Roberto hat das ja auch gemacht. Wenn es erforderlich ist, dann muss ein Spieler auch mal außen spielen, es ist dann ja für die Mannschaft nötig. Ist ja ein Mannschaftssport . . .“

Und da Heiko Westermann der HSV-Kapitän ist, wird er sich sicherlich auch fügen, wenn er dann mal eine andere Position als die des Innenverteidigers bekleiden soll. Noch ist es nicht wo weit. Und, wie schon gesagt, erst einmal kommt das Derby, dann alle anderen Gedanken. „Es ist das erste Stadt-Derby in der Bundesliga für mich, und wir sind alle heiß, dass wir dieses Spiel gewinnen wollen. Wir reden über nichts anderes mehr – und für die Fans ist es das wichtigste Spiel des Jahres. Und für uns ist es ein richtungsweisendes Spiel. Es geht ums Prestige, und ich gehe stark davon aus, dass wir gewinnen werden – und dann haben wir Rückenwind und rücken auch noch enger mit den Fans zusammen. Und dann können wir noch viel erreichen“, sagt Heiko Westermann und fügt an: „Wir werden brennen, und egal ob wir schön spielen oder schlecht spielen, wichtig ist, dass die drei Punkte im Volkspark bleiben.“

So ist es. Und so denken wohl auch alle HSVer. Obwohl der Größte unter ihnen zugibt, dass ihn das Derby-Fieber noch nicht so richtig gepackt hat. Uwe Seeler lacht, als er auf diese Frage antwortet: „Nein, nein, ich kenne das ja aus der Vergangenheit, es gab ja auch zu unserer Zeit oft diese Duelle mit dem FC St. Pauli. Derby-Fieber bekomme ich, wenn überhaupt, erst kurz vor dem Anpfiff.“ Wobei „uns Uwe“ diesmal nicht in der Arena sitzen wird. Die Rücken-Operation ist noch immer nicht so restlos verheilt, als dass sich das große HSV-Idol schon wieder ins Getümmel stürzen könnte: „Ich lasse es noch langsam angehen, obwohl es mir schon wieder gut geht. In diesem Fall ist aber Vorsicht angebracht.“

Natürlich, die Gesundheit geht vor. Und am Fernsehgerät ist es dann auch sicher etwas entspannter. Obwohl auch Uwe Seeler weiß, wie wichtig Derbys sind: „Klar, man will als Sieger vom Platz gehen, man will die Nummer eins in der Stadt sein, das ist der Hauptantrieb in diesen 90 Minuten. Wobei man im Sport ja immer mal davon ausgehen muss, dass es mal ein wenig schlechter laufen könnte, und dass einem auch mal das Pech an den Stiefeln klebt. Das gab es zu unseren Zeiten doch auch.“ Obwohl Uwe Seeler auch sagt, dass es zu seiner Zeit, in der Oberliga Nord, „nur wenige Niederlagen gegen den Nachbarn vom Millerntor gegeben hat“. Der HSV war in Hamburg immer die Nummer eins.

In der Bundesliga gab es ohnehin nur die eine, die vom 3. September 1977. Und diesmal? Uwe Seeler tippt auf einen 2:1-Sieg für den HSV. Und wenn nicht? Wenn der HSV verlieren sollte, was ja durchaus passieren könnte. „Dann“, sagt Uwe Seeler, „dann muss man ganz einfach feststellen, dass eine Niederlage ja auch kein Beinbruch wäre, davon würde die Welt nicht untergehen.“

Aber vorstellen kann sich der Ehrenspielführer nicht, dass „sein HSV“ als Verlierer vom Rasen geht, denn: „St. Pauli kommt als Aufsteiger in den Volkspark, der HSV hat vom Potenzial her ja die wesentlich bessere Mannschaft. Diese Unterschiede sollten normal ja zu sehen sein. Aber unsere Mannschaft muss wissen, dass sie nur über den Kampf zum Spiel finden wird. Das klingt zwar abgedroschen, aber es ist die Wahrheit. St. Pauli wird brennen, und deshalb muss der HSV von der ersten Minute an wach sein und den Kampf annehmen wollen.“ Seeler weiter: „Ich bin aber immer optimistisch, der Trainer und die Mannschaft, sie alle werden wissen, was in einem solchen Spiel zu tun ist.“

Ein Lob an Uwe Seeler trotz allem noch für den Außenseiter parat: „St. Pauli spielt bislang eine gute Saison, die Mannschaft lebt von ihrer Geschlossenheit, da wird alles gemeinsam gemacht, St. Pauli zeigt stets eine großartige Laufbereitschaft und auch ein großes Kämpferherz. Die Spieler wissen genau, dass sie nur gemeinsam ihr Ziel, den Klassenerhalt, erreichen können.“

Wenn aber der FC St. Pauli kämpft und rennt, hat der HSV dann nicht klare fußballerische Vorteile auf seiner Seite, die zum Sieg führen müssten? Seeler: „Beides kann man nicht so richtig vergleichen. Es ist doch so, dass man nur mit spielerischen Mitteln nicht immer zum Erfolg kommen kann, und gerade in einem Derby nicht, da muss auch Kampf und Laufbereitschaft gezeigt werden. Deshalb wäre der HSV gut beraten, wenn er gleich den Kampf annehmen würde.“

Dass Armin Veh auch weiterhin auf Ruud van Nistelrooy setzt, das hält Uwe Seeler für richtig: „Der Ruud ist immer gefährlich, auch wenn er zuletzt nicht so gute Spiele gezeigt hat. Jeder Spieler aber hat ein Recht darauf, auch mal nicht so gut zu spielen. Ich bin überzeugt, dass er wieder in seine Bestform zurückkommt.“ Der HSV wird darauf warten, weil ein „RvN“ in Torlaune durch keinen anderen Spieler zu ersetzen ist. Der HSV braucht Van-Nistelrooy-Tore. Auch um den Weg an die Spitze fortsetzen zu können. Wie beobachtet Uwe Seeler den HSV in diesem Jahr, hat er seinem Klub einen so guten Rückrunden-Start zugetraut? Seeler: „Was heißt zugetraut? Ich habe es erwartet, ich bin davon ausgegangen. Der HSV hat doch einen sehr gut besetzten Kader, der viel besser ist als der von den meisten anderen Bundesliga-Vereinen, da muss man doch erwarten, dass der HSV erfolgreich ist. Und das muss man ja auch noch sagen: Der HSV hat zwar zuletzt drei von vier Spielen gewonnen, aber vom Potenzial her kann er sicher noch um einiges besser spielen.“

Ob das aber ausgerechnet im Derby klappen wird? Eher ist davon nicht auszugehen. Das wird viel Kampf, Krampf, Gewürge, Gekicke, vielleicht auch etwas Getrete und Gekloppe. Für mich ist dann die Hauptsache, dass am Ende dieser „Schlacht“ der HSV als Sieger den dann umgepflügten Rasen verlässt. 2:1, wie Uwe Seeler tippt, oder 1:0, woran ich glaube – egal. Hauptsache Sieg.

Übrigens: Als der HSV den Rasen um 17 Uhr verließ, da war von einem kräftigen Grün kaum noch etwas zu erkennen. Im Gegenteil, das Spielfeld war weiß. Schnee-weiß. Ich will ja nicht unken . . .

17.29 Uhr