Tagesarchiv für den 14. Februar 2011

Zé Robertos Traum soll Wirklichkeit werden

14. Februar 2011

+++++Korrektur: Gündogan statt Erdogan+++++++

Bei Holger Stanislawski will noch immer kein echtes Derby-Feeling aufkommen. Sagt er zumindest selbst. Nur, was genau will er uns damit sagen? Dass ihm die Motivation fehlt?

Kein Problem!

Allein ich glaub es nicht. Ich kenne Stani seit Jahren und weiß, wie heiß der auf ein Spiel ist. Besonders auf dieses Derby. Seine Mannschaft ist in einem Rausch, er selbst lässt sich anstecken und prahlt, dass der FC St. Pauli in der aktuellen Verfassung nicht zu schlagen sei. Von niemandem. „Außer von uns“, kontert HSV-Sportchef Bastian Reinhardt die „leicht verfehlte“ Selbsteinschätzung Stanislawskis. Reinhardt selbst ist nach eigener Auskunft seit mehr als einer Woche schon in Derbystimmung. „Das sind alles kleine Sticheleien, die dazugehören. Vor dem Hinspiel und auch zuletzt vor dem ausgefallenen Spiel war es mir sogar schon zu viel Friede, Freude, Eierkuchen. Der FC St. Pauli kommt mit seiner besten Elf – und das ist auch gut so. Und wir gewinnen. Das ist sogar noch besser. Denn dann ist endlich wieder Ruhe in der Stadt.“

Einmal dabei, legt Reinhardt gleich noch nach. „Sollte Pauli gewinnen, wäre das eine Sensation. Die haben nichts zu verlieren. Und wir haben nichts zu gewinnen, weil jeder den Sieg erwartet. Aber wisst ihr was? Wir selbst auch. Jeder bei uns weiß, dass es eine ganz wichtige Woche ist, dass gerade jetzt unheimlich wichtige Spiele mit den beiden Derbys anstehen. Und alle wissen, dass sie sich in diesen Spielen in der HSV-Geschichte verewigen können.“

Auch Ruud van Nistelrooy. Der Niederländer, der gegen Wolfsburg laut Statistik nur drei von 14 Zweikämpfen gewann und auch sonst wie schon in den Vorwochen nicht zu den formstärksten gehörte, wird voraussichtlich wieder beginnen. Obwohl Reinhardt sagt: „Bei uns ist keiner unantastbar. Auch nicht Ruud. Das gilt für alle gleichermaßen.“ Dennoch scheint beim HSV einer gleicher zu sein als der Rest. Obgleich Reinhardt den ehemaligen Welttorjäger auch in den letzten Spielen nicht so schwach gesehen wie meine Kollegen und ich gesehen haben will. „Er gibt den entscheidenden Pass vorm Tor und muss eigentlich auch selbst ein Tor machen. Trifft er den, hätte er ein Tor und einen Assist beim dann 2:0-Sieg. Das wäre sehr ordentlich.“ Allerdings hat van Nistelrooy nicht getroffen. „Das stimmt natürlich“, sagt Reinhardt, „aber Ruud hat viel gearbeitet und viele gute Pässe gespielt.“

Van Nistelrooy wird protegiert. Obwohl im Training Paolo Guerrero seit Wochen bärenstark ist und sowohl Reinhardt als auch Trainer Armin Veh nicht müde werden, die Ersetzbarkeit eines jeden einzelnen Spielers zu betonen. Gerade jetzt, wo alle Spieler wieder gesund sind hätte Veh die Möglichkeit, Ruud van Nistelrooy zu ersetzen.

Weil es nicht anders geht?

Immerhin könnte man auch glauben, eine Nicht-Berücksichtigung des stolzen Niederländers könnte gleichbedeutend mit dem vorzeitigen Ende seiner Karriere beim HSV sein. Und ehrlich gesagt werde ich auch das Gefühl nicht los, dass sich die Verantwortlichen nur deshalb noch in Geduld üben, weil sie hoffen, dass der zweifellos mit dem Instinkt eines Weltklassetorjägers ausgestattete van Nistelrooy doch noch mal zündet. Wenigstens für die letzten Bundesligaspiele. Schön wär’s!

Wie auch immer. Van Nistelrooy darf weiter spielen – und das ist auch okay. Trifft er gegen St. Pauli und Bremen oder zumindest in einem der Spiele ist auch alles wieder gut. Dann würde der Niederländer gefeiert und Veh sowie der Vorstand bekämen die aufgebrachte Geduld zurückbezahlt. Ich jedenfalls werde mich hüten, einen solchen Mann vorzeitig abzuschreiben.

Geduld, wie bei „Van the man“ scheint man beim HSV bezüglich Eljero Elia nicht mehr zu haben. Heute hat sich Eljero via „Mopo“ über zu wenig Vertrauen ihm gegenüber beschwert. Und auch wenn ich überzeugt davon bin, dass Elia noch immer in der Bringschuld ist und sich das geforderte Vertrauen erst mit guten (oder besser: mit besseren) Leistungen erarbeiten muss, so bietet ihm der Umgang des Trainers mit van Nistelrooy zumindest eine Relation, die Kritik grundsätzlich gestattet.

Frei von jeder Kritik ist Zé Roberto. Der Brasilianer blüht langsam wieder auf. In Wolfsburg agierte der Linksfuß stark. Und auch gegen den FC St. Pauli wird es gerade auf ihn ankommen. Das weiß auch Reinhardt. Trotzdem mauert der Sportchef, angesprochen auf die Vertragsgespräche mit Zé Roberto. Ob es von Vereinsseite schon eine Tendenz gibt? „Im März werden wir eine Entscheidung treffen.“ Wie er Zé sportlich sieht? „Er zählt ganz sicher zu den Stützen der Mannschaft.“ Das gelte im Übrigen auch für Frank Rost, so Reinhardt. Oldies but Goldies eben.

Wie auch immer. Die Stimmung (Achtung, Phrasenschweinalarm!) steht und fällt mit Siegen und Niederlagen. Selbst das zuletzt so oft und von allen Seiten kritisierte Führungsvakuum (20 Spielerverträge laufen aus, der Trainer hat ebenso wie der Vorstand noch nicht verlängert und Entscheidungen scheinen nicht in Sicht) sei nach Siegen ertragbar. „Erfolgserlebnisse machen alles leichter“, sagt Reinhardt, „in den Gesprächen mit interessanten Spielern spielen unsere internen Personalien zumindest keine wichtige Rolle“, sagt Reinhardt und widerspricht damit den Beratern, mit denen ich mich (und der HSV übrigens auch) unterhalten habe. Reinhardt versucht dabei die Bedeutung des HSV hervorzuheben. „Der HSV ist immer noch eine große Adresse – egal was in den letzten Monaten vorgefallen ist. Natürlich hätte jeder gern Sicherheit, aber die gibt’s im Fußball nicht. Und die Spieler, mit denen wir sprechen, interessiert es auch nicht primär, wer zum Beispiel Trainer ist. Die sind ausreichend von sich überzeugt. Die wissen, dass sie sich bei egal welchem Trainer durchsetzen können.“

Und während beispielsweise mit FCN-Akteur Gündogan schon konkret gesprochen wird (an dem Nürnberger ist allerdings auch der FC Bayern interessiert) schiebt sich Julian Schieber immer weiter in den Vordergrund. Der an die Franken verliehene Linksfuß mit Vertrag beim VfB Stuttgart (bis 2012 plus vereinsseitige Option auf ein weiteres Jahr) gilt als absoluter Wunschspieler des HSV. Erste Gespräche mit Schiebers Berater Robert Schneider hat es bereits gegeben. Und sollte Stuttgart tatsächlich absteigen, könnte die Personalie neuen Schwung aufnehmen. Auch wenn Reinhardt tief stapelt: „Schieber ist ein richtig Guter. Das zeigt er – und das sehen eben auch alle. An dem sind 90 Prozent aller Bundesligisten interessiert.“ Auch der HSV. Es heißt: Daumen drücken.

Das gilt auch für Zé Roberto. Zumindest für die Erfüllung seiner Träume. Denn der Brasilianer träumt nicht nur von zwei weiteren Siegen am Mittwoch und am Sonnabend. „Dann sind wir wieder ganz dicht dran an der Europa League“, so der Brasilianer, der nach eigener Aussage die Spiele mit Real Madrid gegen Barcelona und mit Brasilien gegen Argentinien die heißesten Derbys seiner Karriere hatte. Ob er selbst sogar noch mehr hofft? „Klar. Ich habe, seit ich in Deutschland spiele, immer nur Champions League gespielt. Und das kann dieser HSV auch. Die Europa League wäre toll, gerade weil wir nicht so eine Saison spielen, wie wir es uns selbst vorgestellt haben. Aber wie jeder andere Fußballer träume auch ich immer wieder von den schönen Spielen in der Champions League. Mal sehen, vielleicht geht da noch was, wenn wir unsere Spiele weiter gewinnen.“

Ein Indiz zu seinem Verbleib wäre allerdings auch die Qualifikation für die Champions League nicht. „Nein, meine Entscheidung treffe ich mit meiner Familie.“ Wohin die tendiert? „Meine Kinder sind vier, sieben und elf Jahre alt. Und nur der Große realisiert schon alles. Der will nie nach Brasilien, weil er hier seine Freunde hat. Und wenn wir da sind, will er nie zurück, weil er da auch Freunde hat.“ Unentschieden also. Und was sagt die Frau? „Die macht mit, was auch immer ich entscheide. Zuhause bin ich noch der Chef.“ Also weiterhin alles offen.

Und während die Stamm-Mannschaft heute maximal so eine Art „aktive Erholung“ als Trainingseinheit einlegte (Warmmachen, Kreisspiel, Auslaufen) halten sich die HSV-Offiziellen vor dem Derby betont zurück. Keine Sticheleien aus dem Volkspark gen Millerntor. Was nicht schlecht sein muss. Im Gegenteil. „Ein 1:0 reicht mir vollkommen“, sagt Zé Roberto, „Hauptsache ist doch, dass wir gewinnen und unsere Fans, die lange auf dieses Spiel im eigenen Stadion warten mussten, glücklich machen.“

Mir würde es jedenfalls reichen. Die große Klappe kann man sich eh immer erst dann wirklich erlauben, wenn man sie sich zuvor verdient hat. Alles andere kann nur bös‘ nach hinten losgehen, nicht wahr, Herr Meggle?

In diesem Sinne, morgen ist beim HSV erst Pressekonferenz mit Armin Veh und anschließend aller Voraussicht nach Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Allerdings hatten wir zuletzt immer das Glück, geduldet zu werden. Worauf ich auch für morgen hoffe. Denn ein, zwei sehr interessante Personalien stehen wohl noch an. Zum einen die Frage, ob Joris Mathijsen oder doch wieder Gojko Kacar in der Innenverteidigung neben Heiko Westermann aufläuft. Und zum anderen die Frage, wer für den voraussichtlich auf die Bank rotierenden Änis Ben-Hatira die rechte Seite übernimmt. Elia? Oder Pitroipa? Oder gar Piotr Trochowski?

Ich persönlich bin – gerade in Anbetracht der Leistungen von Volz und Thorandt auf den beiden Außenverteidigerpositionen beim FC St. Pauli – noch immer der Meinung, der HSV braucht viel Tempo. Einen trickreichen Elia gegen den extrem fitten und hart spielenden, aber eben auch häufiger mal etwas hölzerner agierenden Thorandt. Und eben einen pfeilschnellen Außen gegen den eher langsamen Volz. Das könnte passen. Und vor allem: so könnte tatsächlich auch Ruud wieder etwas besser zur Geltung kommen…

Aber okay, mehr dazu gibt’s morgen. Da wird es im Gegensatz zu heute wohl wieder ein Abschlussspiel mit der A- gegen die B-Elf geben, das in der Regel immer aufzeigt, wer am darauffolgenden Tag in der Startelf steht.

Ich bin gespannt.

Und ganz ehrlich: ich habe richtig Bock auf dieses Derby! Ein ausverkauftes Stadion, ne Menge Brisanz, Flutlichtstimmung und ein HSV-Sieg ;-) – Fußballerherz, was willst du mehr?

In diesem Sinne: Nur der HSV!

18.45 Uhr

P.S.: Der HSV testet aktuell den dänischen Offensivallrounder Uffe Manich Bech. Der 18-Jährige dänische U-21-Nationalspieler gilt als das Supertalent in Dänemark und hat bei Lyngby BK noch einen bis 2013 laufenden Vertrag. Der 169 Zentimeter „kleine“ Bech, der als Spielertyp Bremens Marko Marin ein wenig ähnelt, trainiert bei der U-23 des HSV zur Probe mit.