Tagesarchiv für den 13. Februar 2011

Vier Siege – und immer Theater

13. Februar 2011

„Wir haben defensiv gut gearbeitet und nicht viel zugelassen, dieser Sieg gibt uns Selbstbewusstsein für das Derby.“ So das Resümee von Armin Veh nach dem 1:0-Sieg in Wolfsburg. Der HSV hat auswärts gewonnen, und zwar bei einer abstiegsbedrohten Mannschaft, die ums Überleben kämpft, die zudem einen neuen Trainer hatte. Vorher haben viele Fans gebangt, sie hatten Angst um „ihren“ HSV. Dann gewinnt der HSV, und trotzdem herrscht noch lange nicht bei allen totale Zufriedenheit. Natürlich, es geht immer noch besser, aber ich kenne Leute, die zum Wolfsburg-Spiel eine klare Hamburger Niederlage mit mehr als zwei Toren Unterschied getippt hatten. Meine „rosarote Brille“ hatte ein gutes HSV-Spiel erkannt, kein überragendes. Und: Es war der vierte Sieg aus den letzten fünf Spielen. Dazu noch einmal Trainer Veh: „Ich habe das Gefühl, das bekommt kaum einer mit – weil andere Themen wichtiger sind.“ Und: „In einigen Bundesliga-Klubs herrscht Theater, bei uns herrscht aber irgendwie immer mehr Theater – das scheint schon chronisch zu sein.“ Treffer! Besser kann man es nicht formulieren. Und das schätze ich ja so an Armin Veh. Egal wie es um ihn, um den Klub und um die Mannschaft steht, er sagt immer seine Meinung. Na ja, meistens. Für mich auf jeden Fall immer positiv.

Seine Meinung hatte zuletzt ja auch Dennis Aogo gesagt. In fast allen Hamburger Zeitungen wurde diese dann auch gedruckt. Was dem Jung-Nationalspieler nicht immer die uneingeschränkte Zustimmung der Kollegen eingebracht hat. Schade eigentlich, denn ich fand Aogos Aussagen zu 100 Prozent positiv und treffend. Weil ich es so sehe: Da hat ein großes Talent, das erst am Anfang seiner Karriere steht, erst an seiner ersten Weltmeisterschaft teilgenommen (traumhaft!), dann seinen Vertrag mit dem HSV langfristig verlängert (großartig!), und dann einmal seinen Mund aufgemacht. Und zwar deshalb, weil er sich Sorgen um den Klub macht. Siehe erster Absatz, zweite Veh-Aussage. Und: Aogo macht sich sicher auch Gedanken darüber, ob er richtig beraten war, bei diesem HSV, dem im Sommer ein großer bis dramatischer Umbruch droht, verlängert zu haben?

Deshalb möchte ich Dennis Aogo sagen: Diejenigen Kollegen, die sich nun wenig erfreut über die öffentliche Kritik (die in meinen Augen völlig berechtig war und ist) geäußert haben, werden im Sommer 2011 nicht mehr beim HSV sein. Und Aogo selbst wird dann ein hoffnungsvoller HSV-Spieler sein, der Verantwortung übernimmt, um den herum eine neue, eine junge, eine heiße Mannschaft aufgebaut wird. Ich würde mich dann freuen, wenn dieser Dennis Aogo weiterhin für Deutschland spielt – und dem HSV eine sehr, sehr große Stütze ist. Und wie sagte nicht der neue HSV-Aufsichtsrats-Boss Ernst-Otto Rieckhoff nach der Aogo-Schelte: „Ich bin für mündige Spieler.“ Na bitte, dann sind wir uns ja einig.

Zum Derby am Mittwoch. St. Pauli hat zuletzt gut gespielt, ich halte es deshalb eher mit HSV-Sportchef Bastian Reinhardt, der sagt: „Das wird kein Selbstgänger.“ Armin Veh aber meint: „Wir wollen mit einem Dreier nachlegen, ich hoffe auch, dass es uns gelingen wird – wir sind die bessere Mannschaft.“ Und was sagt St.-Pauli-Coach Holger Stanislawski? „Wenn das Derby denn stattfinden sollte, dann ist der HSV in der Bringschuld, nicht wir. Und dann wollen wir mal sehen, was da denn rauskommt.“ Und: „Meine Vorfreude auf das Derby war schon mal größer, da dieses erste Spiel ja unter komischen Umständen nicht stattgefunden hatte . . .“ Oha. Komische Umstände. Na ja, kann man eventuell so sehen. Holger Stanislawski schickte nach dem 3:1-Sieg über den Tabellenletzten auch noch eine kleine Warnung an den HSV ab: „Mönchengladbach und zuletzt Köln hätten wir auch mit sechs, sieben Dinger nach Hause schicken können. Wir sind im Moment physisch stark, haben viel Selbstvertrauen und sind fußballerisch gut.“ Ob das die HSV-Profis glauben werden? In meinen Augen wären sie klug beraten, diese Aussagen ernst zu nehmen. Wie heiß aber die St.-Pauli-Spieler sind, das bezeugt eine Aussage von Mittelfeldkämpfer Fabian Boll: „Da müsste mir am Mittwoch schon ein Bein fehlen, damit ich auf das Derby verzichte . . .“

Es wird – trotz des erneuten Wintereinbruchs – immer heißer.

Übrigens, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Bastian Reinhardt hat auch noch gesagt: „Ich denke, dass wir gegen St. Pauli immer Favorit sein werden.“ Fest steht: Mit einem Sieg im Derby und mit einem anschließenden Heimsieg gegen Werder Bremen wäre der HSV wieder bestens im Geschäft im Kampf um die internationalen Startplätze. Aber dazu müssten am Ende der Woche auch schon sechs weitere Punkte auf dem Konto des HSV sein.

Gespannt bin ich, wie Armin Veh auf das Spiel in Wolfsburg reagiert. Drei, vier Baustellen wurden ja trotz des Sieges aufgemacht. Was wird aus Joris Mathijsen, denn Gojko Kacar kommt nach seiner Sperre wieder zurück? Veh hatte zuletzt von der serbischen Innenverteidiger-Entdeckung geschwärmt, und zwar derart, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass der Coach Kacar draußen lassen wird. Gibt es dann das Duo Kacar/Westermann? Oder das Duo Kacar/Mathijsen? Letzteres würde zur Folge haben, dass Heiko Westermann wohl auf die Sechs rücken würde. Für David Jarolim? Oder für Ze Roberto? Veh hatte den „großen Ze“ zuletzt für gesetzt erklärt. Und eines dürfte feststehen: Westermann wird hier niemals als Außenverteidiger zum Einsatz kommen, denn deshalb ist er im Sommer 2010 von Schalke nach Hamburg gewechselt – Westermann hatte vom Verteidiger-Dasein restlos die Nase voll.

Ganz vorne dürfte es auch noch ein wenig schwieriger für Armin Veh werden. Ruud van Nistelrooy raus? Wo der Niederländer doch gerade versprochen hat: „100 000 Prozent für den HSV.“ In Wolfsburg waren es aber nicht einmal 60 Prozent. Mit schweren Schritten (und ohne Timing) schleppte sich der Torjäger zu jener Chance (64.), die als hundertprozentig zu bezeichnen war, die er aber kläglich vergab. Jetzt steht Veh vor einer schweren Wahl: Mit RvN, oder doch besser mit Paolo Guerrero, der in Wolfsburg als Einwechselspieler durchaus einige gute und auch agile Szenen hatte? Ich würde gegen die „Braunen“ Petric und Guerrero spielen lassen.

Und was passiert auf den Flügeln? Marcell Jansen ist noch lange nicht bei 100 Prozent. Die Frage wird sein, ob es sich der HSV (und Veh) erlauben kann, den Nationalspieler auch im so wichtigen Derby weiter aufzubauen? Und, was erschwerend hinzukommt: Der eingewechselte Eljero Elia hatte – ähnlich wie Guerrero – auch einige vielversprechende Szenen. Die hatte er für mich auch beim Länderspiel gegen Österreich, bei dem er ebenfalls eingewechselt worden war. Nehme ich beide Spiele zusammen, so scheint mir Elia so langsam wieder in die richtige Richtung zu galoppieren. Er dürfte eine Option für den Trainer sein.
Und rechts? Änis Ben-Hatira hatte sich bei Armin Veh einen kleinen Bonus erspielt, in Wolfsburg aber hatte das große Talent seine besten Szenen lediglich in der Rückwärtsbewegung. Das ist zwar auch ganz wichtig, aber vorne wäre natürlich auch wünschenswert. Veh hätte zwei Alternativen: Jonathan Pitroipa und Piotr Trochowski. Ich bin sehr gespannt.
Grundsätzlich aber ist es schon höchst erfreulich, dass der HSV all diese Alternativen schon wieder einplanen kann. Das scheint mir ein weiterer wichtiger Grund dafür zu sein, dass es doch noch eine großartige Rückrunde geben könnte. Könnte. Immerhin ist die ja nun gut gestartet worden. Die Siege in diesem Jahr lassen die Hoffnung noch glimmen. Und das trotz des Theaters, das in Hamburg immer in schöner Regelmäßigkeit herrscht. Dazu hat Mladen Petric übrigens in Wolfsburg folgende Meinung geäußert: „Dieses Theater kann man zwar nicht so einfach beiseite schieben, aber man kann sich dran gewöhnen. Das ist ja das ganze Jahr über so . . .“
Also alles nur eine Frage der Gewöhnung, irgendwann bekommen sie alle ihr dickes Fell. Früher oder später.

Vier Dinge noch am Rande:

1.) Der Rasen in der Arena ist in guter Verfassung, daran konnte auch der Schnee vom Sonnabend nichts ändern. Nach jetziger Lage dürfte am Mittwoch gespielt werden, auch wenn das beim FC St. Pauli noch nicht jeder glauben mag.
2.) An diesem Montag feiert Kevin Keegan seinen 60. Geburtstag. Die „Mighty Mouse“ war auch am 3. September 1977 mit von der Partie, als es gegen St. Pauli im Volkspark eine 0:2-Niederlage gab. Keegan war der damalige Liebling von Frau M., und er war ein Mann, der seinen Weg ging – unbeirrt. Wenn zum Beispiel die Mannschaft vor einem Spiel zum Mittagessen gebeten wurde, und der gute „King Kev“ keinen Hunger hatte, dann nahm er an diesem Mahl auch nicht teil. Motto: „Ich esse dann, wenn ich Hunger habe. Nicht wenn ich esse soll.“ Es wurde geduldet, wenn auch schweren Herzens.
3.) Diejenigen, die Michael Ballack im Sommer so gerne beim HSV gesehen hätten, die werden nun ganz sicher anders darüber denken. In Leverkusen setzte ihn Trainer Heynckes zuletzt auf die Bank (beim 3:0-Sieg in Frankfurt), und am Sonntag meldete sich Ballack schon wieder verletzt ab. Eine Kernspin-Untersuchung hat ergeben, dass der ehemalige Nationalmannschafts-Kapitän an einer erneuten Kniereizung leidet – und das ohne eine einzige Spielminute im Knie.
4.) Mein früherer Matz-ab-Kollege Christian Pletz, der jetzt für Red Bull Salzburg arbeitet, sah am Sonnabend das Spiel Austria Wien gegen SV Ried (1:0) und schwärmte vom Torwart des Verlierers: „Was dieser Wolfgang Hesl gehalten hat, das war erste Sahne. Der hat mehrere Paraden von der Art gezeigt, wie sie Frank Rost gegen den Wolfsburger Graftit hatte – Wahnsinn. Hesl ist in überragender Form.“ Gut zu wissen, dass der vom HSV ausgeliehene Keeper derzeit in Bestform hält.

Training am Montag um 15 Uhr im Volkspark.

17.27 Uhr