Tagesarchiv für den 11. Februar 2011

Auf geht’s! In eine Neun-Punkte-Woche, bitte…

11. Februar 2011

Vor dem Nürnberg-Spiel war ich voll des Lobes. Begeistert von einer Trainingswoche, in der Feuer drin war. Wo sich untereinander verbal angefeuert wurde. Wo auch mal der eine oder andere härtere Zweikampf geführt wurde. Selbst Trainingsmuffel Ruud van Nistelrooy traf im Abschlusstraining fast nach Belieben. Allein es half nichts. Im Gegenteil, der HSV ging in Nürnberg mit 0:2 und einer katastrophalen Leistung baden.

Und es ist allein dieser Umstand, der mich jetzt hoffen lässt. Denn was die Mannschaft in dieser sowie in der letzten Woche trainierte, war alarmierend. So komplett das Gegenteil von dem, was vor dem Nürnberg-Spiel gezeigt wurde, dass ich einen 8:0-Sieg morgen bei dem VW-lern fast logisch finden würde…

Aber im Ernst, die „Leistungen“ dieser Woche gipfelten in der Verzweiflung Armin Vehs im heutigen Abschlusstraining. „Noch zehn Minuten Abschlussspiel“, hatte er angekündigt. Als er allerdings sah, wie schwach seine A-Elf (Rost – Demel, Westermann, Mathijsen, Aogo – Ben-Hatira, Jarolim, Zé Roberto, Jansen – van Nistelrooy, Petric) agierte und sogar 0:1 in Rückstand geriet, dehnte er das Spiel um noch mal zehn Minuten aus.
Als es dann allerdings noch keinen Deut besser wurde und seine A-Offensive außer Collin Benjamins „Allerheiligstes“ nichts traf, legte er noch mal zehn Minuten drauf.

Veh ließ spielen – und spielen – und spielen – bis er die Geduld verlor, beziehungsweise, bis er abbrechen musste, weil sich die Abreise nach Wolfsburg ansonsten verzögern würde. Die A-Elf hatte im Übrigen 0:1 verloren.

Mit an Bord war der Kader, der auch gegen den FC St. Pauli hätte spielen sollen. Plus Collin Benjamin. Ergo: Heung-Min Son, Muhamed Besic, Choupo-Moting, Torun und der gesperrte Gojko Kacar waren nicht dabei. Die Jungen und gesperrten eben.

Wobei mir Gojko Kacar, das hatte ich gestern bereits angedeutet, richtiggehend imponiert. Ich hatte ihn in der Hinrunde fast schon abgeschrieben. Zum einen, weil er sportlich nicht überzeugen konnte. Zum anderen, weil er derart introvertiert wirkte, dass ich befürchtet habe, er würde sich irgendwann verkriechen und resignieren. Umso schöner ist es jetzt zu sehen, wie der Serbe aufblüht. Seit zwei Wochen übernimmt er die Führung im B-Team bei den Abschlussspielen. Er wirkt, obwohl er weiß, dass er gegen Wolfsburg nicht spielen kann, hochmotiviert. Aber vor allem wirkt er völlig klar im Kopf und mit dem Selbstbewusstsein ausgestattet, das ein Bundesligaprofi braucht, um in dem harten Geschäft zu funktionieren. „Ich bin zum ersten Mal richtig fit“, hat er mir gestern verraten und dabei glücklich gelächelt. Aber bevor ich mich einen Tag vor dem wichtigen Spiel in Wolfsburg über einen Spieler auslasse, der gar nicht dabei ist, meine Haupterkenntnis: mit Kacar hat der HSV nicht nur einen sehr talentierten Fußballer, sondern auch einen richtig guten Typen dazugewonnen. „Wenn ich draußen bleiben muss, dann doch nur, weil es gut läuft und wir gewinnen“, antwortet er auf die Frage, ob er befürchtet, seinen Stammplatz zu verlieren? „Nein, meine Chance bekomme ich immer. Und ich nutze sie, weil ich gut drauf bin. Und wenn ich dafür zehn Siege in Folge abwarten muss, freue ich mich. Weil wir gewinnen müssen. Egal wie. Und egal mit wem.“

Das stimmt. Marcell Jansen, der Eljero Elia aus der Startelf verdrängt hat, formulierte es heute so: „Wir müssen in Wolfsburg gewinnen, indem wir hinten sicher stehen und vorne die nötigen Dinger machen. Dabei ist schönspielen das letzte, was wir brauchen. Im Gegenteil, wir müssen aus den bisherigen Spielen die richtigen Schlüsse ziehen. Und das war ein Sieg auf Schalke gegen eine völlig verunsicherte Mannschaft sowie zwei schwache Spiele gegen Frankfurt und zuletzt Nürnberg. Wir müssen also von vorn beginnen. Und das heißt, über den Willen Erfolgserlebnisse holen. Egal wie. Auch hässliche Siege bringen drei Punkte. Und der Rest kommt dann automatisch. Neun Punkte sind die Vorgabe der nächsten Woche.“

Allerdings stehen drei besonders brisante Nordderbys bevor. Morgen gegen Wolfsburg auswärts, anschließend am Mittwoch gegen St. Pauli und am Sonnabend gegen Werder Bremen zuhause. „Wir wissen, dass wir eine Woche vor uns haben, in der wir alles Bisherige vergessen machen können“, sagt der wieder gesunde Joris Mathijsen. der Niederländer, der wahrlich nicht zu den Träumern zu zählen ist, warnt im selben Atemzug aber auch: „Diese Woche können wir viel gewinnen – aber noch mehr verlieren. Das wissen alle.“

Uns allen steht eine Englische Woche mit drei Top-Spielen bevor. Eine Woche, die uns den Weg aufzeigen wird, den der HSV diese Serie geht. Und wenn ich anfangs noch befürchtet hatte, der Trainerwechsel in Wolfsburg vor diesem Spiel könnte ein Nachteil sein, so hat sich dieses Bild gedreht. Der einst so sympathische Nachfolger von Steve McClaren, Pierre Littbarski, hat sich da ordentlich verdribbelt. Als Cotrainer hatte er sich kumpelhaft duzen lassen von seinen Akteuren – jetzt sollen die Spieler ihn siezen. Auch die erhoffte Aufbruchsstimmung zog er runter, als er von Fitnessmängeln bei seiner Mannschaft sprach. „Man sollte die Arbeit, die ich bisher leiste, nicht zu erwartungsvoll bewerten. Berge können wir nicht sofort versetzen.“ Statt neuen Optimismus verbreitet der einst so lebensfroh wirkende Littbarski Pessimismus. „Dass der HSV mit Armin Veh kommt, bereitet mir Magenschmerzen“ klagt Littbarski. „Er ist hochmotiviert, gibt das auch an seine Mannschaft weiter. Er will hier unbedingt gewinnen. Nicht nur, weil wir das Hinspiel gewonnen haben. Das ist ein unangenehmer Punkt.“

Oha. Das haben sich die Offiziellen in Wolfsburg wahrscheinlich auch etwas anders vorgestellt. Wobei, Achtung, Phrasenschwein-Alarm: entscheidend ist auf dem Platz. Gewinnt „Litti“ morgen mit dem VfL, der ohne den suspendierten Diego und voraussichtlich auch ohne Grafite (Oberschenkelprobleme) antritt, ist alles gut und jedes Wort im Vorfeld richtig gewesen. Fußball-Logik…

Eine Logik, die der HSV hoffentlich zu umschiffen weiß. Zumal die Mannschaft nach der Minusleistung beim FCN sowie durch die Niederlagen der Konkurrenz an Motivation keinen Mangel haben darf. Das und die Aussicht auf die drei Derbys in sieben Tagen muss bei jedem Fußballer, der diesen Namen noch verdient, für ausreichend Adrenalin sorgen. Schon gegen den VfL stehen alle in der Pflicht der Wiedergutmachung. Einige sogar fast noch etwas mehr als andere. So muss Mathijsen sich mit einer blitzsauberen Leistung zurückmelden, sofern er wieder an dem zuletzt starken Gojko Kacar vorbei in die Stammelf rutschen will. Gleiches gilt für Jansen auf links, Ben-Hatira auf rechts und vor allem natürlich Ruud van Nistelrooy. Auf den Niederländer wird erneut der Fokus liegen, nachdem er seine 100000-prozentige Einsatzbereitschaft für den HSV angekündigt hatte. Und auch wenn ich seine Trainingsleistungen mit einer Fünf minus benoten würde, ich hoffe auf seinen Instinkt. Den kann er nicht verlernt haben. Und ich setze auf seinen selbst bekundeten Sportsgeist. Stichwort 100000 Prozent. Sollte dazu noch Zé Roberto einen seiner besseren Tage haben, dürfte nichts schief gehen.
Konjuntiv über Konjunktiv. Aber eben Hoffnung. Das ist doch ein Anfang.

Zumal ich einmal mehr darauf setze, dass der HSV auf alles reagieren kann. Von der Bank her ist der HSV absolut top. Sollte es wider Erwarten mit der Startelf nicht funktionieren, kann Veh mit Guerrero, Trochowski sowie Elia und Pitroipa offensiv Akzente setzen. Vor allem die beiden Letztgenannten haben individuelle Qualitäten, die ein Spiel verändern können.

In diesem Sinne: Auf dass ich mich morgen nach einem Sieg in der VW-Arena wieder bei Euch melden kann!

19.20 Uhr

P.S.: Und für alle, die allergisch auf unschöne Dinge rund um den HSV reagieren: Bitte ab hier nicht mehr weiterlesen…

Denn: auch heute war das Entscheidungsvakuum beim HSV noch Thema. Für alle, die hier kritisch wieder irgendwas von „Brandherd“ oder „Nebelkerzen“ sprechen sei gesagt, dass dieses Thema definitiv ein Thema ist und schon seit Januar im Aufsichtsrat sehr kritisch besprochen wird. Auch die Vereinsführung – vom Trainer über die Kontrolleure bis zum Vorstand – will möglichst schnell Klarheit, weil alle mitbekommen, dass der HSV im jetzigen Zustand nicht planen kann. Allein, sie schaffen es (noch) nicht, sich auf einen gemeinsamen Weg zu einigen. Und so verliert der HSV unnötig Zeit, um seine Kaderplanung voranzutreiben.

Und zu meiner gestrigen Ergänzung in Sachen Sportchef sei gesagt, dass ich weiterhin dafür plädiere, Bastian Reinhardt mit allen nötigen Befugnissen auszustatten, solange er eingesetzter Sportchef ist. Ich hatte – fälschlicherweise wie ich zugeben muss – vorausgesetzt, dass Ihr das alle wisst, weil ich schon so oft darüber geschrieben habe. Leider kam so Und so kam ein Satz heraus, der nicht meine Meinung wiederspiegelt. Aber er ist auch nicht ganz falsch. Denn ich höre leider noch immer, dass die Personalie Reinhardt beim HSV noch nicht endgültig entschieden ist. ER soll sogar gegenüber Beratern erwähnt haben, nicht entscheiden zu können und an Klubboss Bernd Hoffmann verwiesen haben. Das sind alles unschöne Umstände, die ebenso erwähnt werden müssen wie abgestellt werden können. Hoffen wir darauf.