Tagesarchiv für den 9. Februar 2011

Ben-Hatira und die Verantwortung

9. Februar 2011

Ruud van Nistelrooy soll gesagt haben – hatte ich geschrieben. Soll. Und da wir inzwischen alle wissen, dass er es nicht so gesagt hat, wie es zuerst nach Deutschland transportiert worden ist, habe ich auch keine Probleme damit, dieses Problem aus der Welt zu bringen. Sollte ich dem Herrn van Nistelrooy zu nahe getreten sein, soll heißen, dass ich ihn zu Unrecht angeklagt habe, so entschuldige ich mich dafür in aller Form bei ihm. Er hat sich in seiner Heimat dem niederländischen Fernsehen gestellt, aber er hat tatsächlich nichts Böses über den HSV gesagt, auch nichts Verwerfliches über Hamburg, auch nichts über die HSV-Mannschaft – er hat sich wie ein Profi von Welt verhalten, und damit sollte diese Sache auch für alle erledigt sein. Das heißt für Sonnabend: Mit Ruud van Nistelrooy gegen den VfL Wolfsburg.

Zum Sportlichen Teil des Tages. Im Volkspark übte die Rest-Truppe des HSV heute das Passen in allen Variationen, danach gab es ein etwas anderes Turnier: Drei Mannschaften zu je drei Feldspielern und einem Torwart stritten um den Sieg. Da war Leben drin, das war teilweise sehr schön anzusehender Fußball, da wurde gekämpft. Gespielt und geschossen, als ginge es schon um Bundesliga-Punkte. Unter den Augen des ehemaligen Wolfsburger Stürmers Jonathan Akpoborie, der, so versicherte er mir, nicht als Spion des VfL dem HSV-Trainer beiwohnte, stachen diesmal zwei Spieler ganz besonders hervor: Piotr Trochowski und Paolo Guerrero.

Beide Spieler schossen herrliche Tore am Fließband, beide glänzten auch spielerisch und beeindruckten jeden Kiebitz. Paolo war wie entfesselt, „Troche“ schoss ein „Tor des Monats“ nacheinander. Nach dem Training lobte ich ihn: „Das war sensationell, das war wieder der alte Troche, wenn das der Bundestrainer gesehen hätte . . .“ Übersehen hatte ich, dass das Trainergespann mit Armin Veh, Michael Oenning und Reiner Geyer hinter Trochowski gingen. Veh hatte mein Lob nicht so ganz gehört und fragte: „Was war sensationell?“ Ich: „Wie Troche heute geschossen und gespielt hat.“ Veh sagte darauf: „Das stimmt. Das sollte er aber mal so im Spiel machen.“ Und nach einigen Metern weiter sagte der HSV-Trainer: „Wenn ich früher so hätte schießen können, dann hätte ich in der Weltauswahl gespielt . . .“

Ja, lieber „Troche“, jetzt bist Du einmal mehr gefordert. Eine solche Leistung wie heute einmal in einem Spiel, und sie tragen Dich auf Händen aus dem Volkspark. Sogar die Wiese-Fans. Ganz sicher. Um die Statistik des Tages noch kurz abzurunden. Die Teams spielten in folgender Besetzung: Das Team Schwarz: Änis Ben-Hatira, GojkoKacar und David Jarolim. Team Grün: Collin Benjamin, Guerrero und Ze Roberto. Team Rot: Marcell Jansen, Trochowski und Robert Tesche. Letzteres Team gewann meiner Meinung nach das Turnier. Was mir sehr gut gefiel: Frank Rost, der so oft auch als Kritiker auffällt, blieb diesmal ganz ruhig (auch nach Gegentoren) und ging in einer Pause hinter Trochowski her, um ihm ob dieser Glanzleistung auf die Schulter zu klopfen. Das empfand ich wie einen kleinen Ritterschlag für den kleinen Dribbelkünstler. Und noch zweimal Rost: Nach einem Abwurf von ihm, der nicht zu Trochowski gelangt war, rief er: „Weiter, Troche, mach’ weiter – das war mein Fehler.“ Er selbst bügelte ihn dann auch wieder durch einen mächtigen Einsatz (per Blutgrätsche) aus. Und: Rost lobte auch den in höchster Not klärenden Robert Tesche: „Das war gut, Robby.“

Das war in der Tat sehr gut, sehr gut sogar. Vor allem für den Teamgeist, auch wenn nur eine Rumpftruppe beim Training ist. Aber so wird den Trainern der Überblick ein wenig erleichtert, alles ist übersichtlicher. Auch für die Zuschauer am Rande. Zwei Spieler, die in diesen Tagen und Wochen ganz besonders unter Beobachtung stehen, sind Gojko Kacar und Änis Ben-Hatira. Beide sind bislang die großen Gewinner von 2011. Der Serbe, weil er auf ungewohnter Position (Innenverteidigung) überraschend starke Leistungen bring, der Deutsch-Tunesier, weil er urplötzlich aus der Versenkung wieder aufgetaucht ist. Zu Saisonbeginn und auch noch im Herbst sprach niemand von Ben-Hatira, doch dann zeigte der 22-jährige Mittelfeldspieler starke Leistungen in der Regionalliga-Mannschaft von Rodolfo Cardoso – und spielte plötzlich auch bei den Profis wieder eine Rolle.

Und was für eine! Im Moment scheint der gebürtige Berliner, der einst bei den Reinickendorfer Füchsen zum ersten Mal seine Buffer schnürte, einen Stammplatz zu haben. Weil er nicht nur seine glänzende Technik ausspielt, sondern weil er kämpft, rennt und für die Mannschaft ackert. Wie sieht er diese Art der eigenen fußballerischen Wiederauferstehung? „Ich freue mich unheimlich, dass ich die Rückkehr zu den Profis wieder geschafft habe, ich bin sehr, sehr froh, dass ich wieder mitmischen darf, dass ich auch zum Einsatz komme – aber damit werde ich mich nicht zufrieden geben. Ich weiß, dass ich weiter Gas geben muss, und das werde ich auch tun. Das, was ich derzeit erlebe, kann nur der Anfang sein für mich, ich will mehr zeigen und so einen Stammplatz erkämpfen.“

Zuletzt war er zweimal an den Zweitliga-Klub MSV Duisburg ausgeliehen, bevor er im Sommer wieder zum HSV (der Vertrag läuft bis Sommer 2012) zurückkehrte. Nach einem Probetraining bei West Ham United schien er schon auf der Insel gelandet, aber die Klubs konnten sich nicht über die Ablöse einigen. Also Hamburg, also Regionalliga. Und darauf hoffen, dass dieser Karriereknick nicht allzu lange anhalten wird. „Ich wusste schon, dass wenn ich Leistungen bringen würde, ich eine faire Chance beim HSV erhalten würde – und das geschah. Wohl auch deshalb, weil es personelle Probleme gab, und weil es sportlich nicht so überragend lief. Aber egal, ich bekam die Chance, auf die ich gehofft hatte“, sagt Änis Ben-Hatira, der mit der deutschen U-21-Nationalmannschaft 2009 Europameister geworden ist (insgesamt neun Länderspiele).

Er erinnert mich in seiner neuen Spielweise ein wenig an Ivica Olic, denn wenn Ben-Hatira, der am 24. Juli 2007, bei einem 2:1-Sieg über Eintracht Frankfurt, in der Ersten Liga debütierte, nicht an der Kugel glänzen kann, dann tritt er dem Gegner beim Spielaufbau auf die Füße. Er läuft und läuft und läuft und läuft. Der Unterschied zu Olic, der längst beim FC Bayern spielt: Ben-Hatira kann am Ball praktisch alles, die Kugel gehorcht ihm auf Schritt und Tritt, er ist dribbelstark, trickreich, antrittsschnell und beidfüssig. Man merkt es nicht, aber der etwas stärkere Fuß ist der linke (Änis: „Es ist ein ganz kleiner Tick.“).

Im Sommer 2009 war er zum ersten Mal vom MSV Duisburg nach Hamburg zurückgekehrt, er kam als Europameister und erinnert sich: „Trainer Bruno Labbadia wollte, dass ich beim HSV bleibe, aber mir fehlte das rechte Vertrauen. Mir wurde schon einiges versprochen, ich war skeptisch, deswegen wollte ich doch noch gehen. Und zwar zu einem Erstliga-Klub in Deutschland, es war fast schon alles klar.“ Doch dieses Vorhaben scheiterte noch am letzten Tag der Transferperiode, und dann ging er wieder zum MSV. Dort aber lief es für ihn und den Verein nicht so wie erhofft, und hinzu kam eine langwierige Hüftverletzung und eine komplizierte Operation in Berlin. Eine monatelange Zwangspause war die Folge, ehe er im Sommer 2010 wieder restlos fit war. „Es kam in der Öffentlichkeit so rüber, dass ich aus Formgründen nicht mehr beim MSV gespielt habe, aber es war in Wirklichkeit die hartnäckige Verletzung“, sagt Ben-Hatira.

Schnee von gestern. Nun ist er längst wieder fit, nun zeigt er, was wirklich in ihm steckt. Er steht ja erst am Anfang seiner Karriere, und wenn der HSV in diesem Sommer seine angekündigte Verjüngungskur tatsächlich in die Tat umsetzt, dann könnte Änis durchaus eine führende Rolle in dieser dann neuen HSV-Mannschaft spielen. Er blickt voraus: „Das wäre ein Traum, ich möchte so gern mehr Verantwortung übernehmen.“ Fußballerisch bringt er dazu alles mit, nun muss er auch zeigen, dass er auch mental gereift und in der Lage ist, jedes Mal (auch im Training) Höchstleistung abzurufen.

Und er weiß auch, dass er sich noch verbessern muss – immer weiter, immer weiter. „In der Jugend war ich in allen meinen Teams der Vorbereiter, habe aber auch viele Tore geschossen. Deswegen möchte ich wieder torgefährlicher werden, ich muss an meinem Abschluss arbeiten. Wenn ich wieder mehr Tore schieße, dazu dann auch vorbereite, dann wäre das herrlich“, sagt Ben-Hatira, der demnächst vor einer schweren Entscheidung stehen könnte: Für welche Nationalmannschaft möchte er spieen? Deutschland oder Tunesien? Änis weicht dieser Frage geschickt aus: „Im Moment möchte ich mich nur auf den HSV konzentrieren, auf den HSV und mein Ziel, hier Stammspieler zu werden. Dafür gebe ich alles. Was dann später mit der Nationalmannschaft werden sollte, das ist jetzt überhaupt kein Thema für mich.“ Tunesisch kann er sprechen, er ist in Berlin dreisprachig (auch Arabisch) aufgewachsen, Mutter und Vater kamen einst aus Tunesien nach Deutschland.

Auch eine Vertragsverlängerung ist im Moment noch kein Thema für Änis Ben-Hatira. Kommt Zeit, kommt ein neuer Vertrag. Er sagt: „Ich kann mir durchaus vorstellen, in Hamburg zu bleiben, der Verein gehört zu den besten Adressen der Republik, ich fühle mich in der Stadt wohl, die Fans lieben mich schon von Anfang an – es stimmt alles. Aber auch eine Vertragsverlängerung schiebe ich im Moment weit von mir, erst kommt der HSV, erst kommt mein Ziel, einen Stammplatz zu erreichen.“

Und mit dem HSV doch noch den Weg nach oben anzutreten: „Wenn in der Rückrunde alles normal läuft, dann können wir noch vorne angreifen, aber ich will hier nicht groß reden, vom Reden erreicht man nämlich nichts. Wir müssen von Spiel zu Spiel denken, das will auch ich nur machen – und dann werden wir sehen, ob es noch ein internationaler Platz wird. Ich bin ganz optimistisch.“ Seine Lieblingsposition wäre bei dieser Aufholjagd die Zehn. Spielmacher. Vorbereiter und Torschütze. Aber auch auf den Flügeln fühlt er sich wohl: „Das ist kein Problem, dort habe ich auch schon oft gespielt.“ Und weil er schnell ist und beidfüßig abschließen kann, strahlt er auch auf den Außenpositionen Gefahr aus.

Im Moment genießt es Änis, auch an der Seite eines Ruud van Nistelrooy zu spielen. Ben-Hatira: „Ich kannte ihn ja nur vom Fernsehen, aber wir verstehen uns wirklich gut. Er ist ein auf dem Boden gebliebener Super-Star, der sehr, sehr gut auch mit den jungen Spielern umgeht, der Mann ist einfach nur klasse.“ Und vielleicht zeigen diese beiden HSV-Spieler aus unterschiedlichen Generationen ja auch am Sonnabend in Wolfsburg, wie gut sie auf dem Rasen harmonieren. Es wird das erst 19. Bundesliga-Spiel für Änis Ben-Hatira, der große Ruud van Nistelrooy an seiner Seite bringt es da schon auf ein „paar“ Spiele mehr – noch ein zusätzlicher Ansporn, den Weg zur ganz großen Karriere antreten zu wollen. Pack’ es an, Änis.

PS: Wer ist immer noch nicht mitbekommen hat: Das Derby gegen den FC St. Pauli steigt nun am Mittwoch (16. Februar) um 18.45 Uhr im Volkspark.

18.16 Uhr