Tagesarchiv für den 8. Februar 2011

Die 21. Baustelle

8. Februar 2011

„Ich sage ja schon immer, man solle lieber Sportdirektor werden, dann kann man die Trainer entlassen.“ So der Kommentar von Armin Veh über die Trainer-Entlassung beim VfL Wolfsburg, den kommenden Bundesliga-Gegner des HSV. Haben es die Hamburger nun am 12. Februar in Wolfsburg schwerer, weil ein neuer Coach für frischen Schwung sorgen kann, wird, müsste? Veh: „Wenn es denn so wäre, ich kenne die Statistik nicht, dann wäre es doch sinnvoll, wenn alle Klubs alle drei Wochen den Trainer wechseln würden.“ Das gibt es zum Glück noch nicht ganz, wobei die Statistik in den letzten Jahren auch nicht, so glaube ich, unbedingt beweisen dürfte, dass ein neuer Besen immer auch gleich gut kehrt. Wenn das ein Allheilmittel wäre, dann wäre es in der Tat sinnvoll, alle drei Wochen . . .

Könnte dann aber auch gut für Spieler eingeführt werden. Zum Beispiel für Ruud van Nistelrooy. Darf man dem niederländischen Fernsehen Glauben schenken, so redet sich der gute „van the man“ in diesen Tagen um Kopf und Kragen. Jetzt soll er (soll er!) in etwa gesagt haben: „Ich muss nun noch dreizehn Spiele für den HSV machen, und dann ist es auch gut . . .“ Wenn das stimmen sollte, dann ist das nur ein weiterer Höhepunkt der verbalen Fahlleistungen eines ehemaligen Weltstars, der bei mir immer mehr verliert. Ich gebe gerne zu, dass ich ein solches Ende nicht erwartet hätte, ich hing an van Nistelrooys Lippen, der Mann gab so viele gute Sachen von sich – und jetzt das. Die Enttäuschung total.

Obwohl: Er soll es ja nur gesagt haben. Daran klammert sich auch Armin Veh. Wenn der Stürmer am Donnerstag von der Nationalmannschaft (Länderspiel gegen Österreich) nach Hamburg zurückkehrt, dann wird es ein Gespräch unter vier Augen geben. Der Trainer sagt: „Vor einigen Tagen musste ich noch Stellung beziehen, weil der Ruud nun auf einmal doch beim HSV bleiben sollte, dabei war das Interview schon Neunzehnhundert und etwas geführt worden, deswegen sage ich diesmal lieber nichts. Ich warte ab. Ich möchte schon die Möglichkeit haben, mit ihm darüber zu reden.“

Veh auf Nachfrage: „Wenn er tatsächlich gesagt hat, dass er noch 13 Spiele für den HSV machen muss, dann ist das natürlich sehr unglücklich . . .“ Vielleicht besorgt sich der HSV ja bis Donnerstag das Video von diesem Interview. Oder Ihr, die pfiffigen „Matz-abber“, Ihr besorgt dieses Band für den HSV. Nichts ist unmöglich – bei Euch. Armin Veh sagt aber auch: „Ganz klar ist ja, dass uns ein solches Thema nun überhaupt nicht hilft. Dann haben wieder eine neue Baustelle aufgemacht, und wir haben eh schon 20 Baustellen, die wir zu bearbeiten haben.“ 20? Wenn der Trainer damit mal auskommt.

Eine Baustelle ist er persönlich, vielleicht die größte Baustelle. Auch die hatte Ruud van Nistelrooy beim Interview mit der Bild angesprochen. Wer plant jetzt eigentlich den HSV 2011/12? Veh weiß doch nicht, ob er im Sommer in seine zweite Saison beim HSV geht, gehen kann, gehen darf. Damit fängt das Elend schon an. Dazu kommen die vielen Verträge, die auslaufen, dazu kommen, RvN hat es schonungslos angeprangert, auch die viele ausgeliehenen Spieler, die im Sommer alle wieder auf der Matte (in Hamburg) stehen könnten – es gibt nicht nur 20 Baustellen, es gibt unendlich viele Baustellen, ohne Frage.

„Ich bin doch kein Baustellenleiter. Ich bin Trainer hier, aber ich werde mit so vielen Dingen hier konfrontiert, das ist einmalig. Das hört ja nicht auf. Wenn van Nistelrooy jetzt wieder eine Baustelle wird – das gibt es doch gar nicht . . .“ Aber diese Baustelle wird nicht erst, sie ist es bereits. Der ehemalige Real-Stürmer hat zu viel in Spanien, in den Niederlanden und in der Bild geplaudert, als dass er das alles nicht gesagt haben könnte. Und ich bin mir sicher, ohne da etwas herauf beschwören zu wollen, dass die HSV-Fans darauf die passende Antwort finden werden.

Armin Veh wirkt verzweifelt. In seinem vorläufigen Resümee befindet er: „Es gibt immer mal wieder Dinge, die niemandem dienlich sind, aber in der Häufigkeit, wie die hier beim HSV passieren, ist das einmalig. Hier sollte sich mal darauf konzentriert werden, was da draußen auf dem Rasen passiert, dann wären wir alle klug beraten. Wir sollten uns alle auf das Wesentliche konzentrieren, und nicht immer nur darauf, was hier und dort einer sagt.“ Das aber muss er denn auch den Spielern sagen, oder vielleicht nur dem Herrn van Nistelrooy.

Denn eines ist sicher, ich deutete es gestern schon an: Diese ganze Sache, das Wechsel-Theater mit und um Real Madrid, das nervt auch die Kollegen, und damit wird auch die Mannschaft, die sich ja endlich einmal finden sollte, wieder mit Unruhe infiziert. Darunter wird alles leiden, da bin ich mir sicher. Wobei Armin Veh auch sagt: „Es geht doch nicht nur um das Thema van Nistelrooy, ich kann doch nicht immer nur dieses Thema haben – ich habe 25 Spieler. Ich bin Trainer von 25 Spielern und vom Hamburger Sport-Verein, es geht hier doch nicht nur um van Nistelrooy.“

Um einmal klar Stellung zu beziehen: Ich würde, sollten sich alle Aussagen des Niederländers bewahrheiten, ihn ganz sicher nicht zum Spiel in Wolfsburg bringen. Dann müsste er keine 13 Spiele mehr für den HSV bestreiten, sondern keines mehr. Ein Angriff mit Mladen Petric und Änis Ben-Hatira oder Paolo Guerrero hätte auch etwas. Für mich jedenfalls.

Ich habe Armin Veh bei der Gelegenheit eine Frage gestellt, die ich schon seit meinem Urlaub schon in mir habe: „Herr Veh, ist der HSV eigentlich Ihre schwerste Aufgabe als Trainer?“ Der Coach überlegt lange. Mehrere Sekunden. Dann sagt er: „Darüber muss ich erst einmal nachdenken.“ Dann, nach einer weiteren Pause, dann sagt er: „Meine schwierigste Aufgabe war Rostock, zwei Jahre Abstiegskampf. Das kannte ich bis dahin überhaupt nicht, das war schon etwas anderes.“ Vom HSV spricht er nicht. Vielleicht, ich interpretiere es einmal so, liegt der Job beim HSV an zweiter Stelle. Da mache ich aber lieber mal ein Fragezeichen.

Zur sportlichen Seite des Tages. Morgen (Mittwoch) spielt Joris Mathijsen mit Holland gegen Österreich – der Innenverteidiger stellt sich selbst auf und entscheidet auch allein, wie lange er spielt. Für das HSV-Spiel in Wolfsburg ein gutes Zeichen, denn Mathijsen sammelt so Spielpraxis. Denn er muss am Sonnabend spielen, weil Gojko Kacar ja immer noch gesperrt ist. Interessant wird es danach. Kacar ist die Entdeckung auf der Position in der Innenverteidigung, neben ihm spielt Kapitän Heiko Westermann. Was wird dann aus Mathijsen? Das Duo Westermann/Kacar hat es zuletzt gut gemacht, es besteht eigentlich kein Grund, diese beiden Spieler zu trennen. Zumal Veh sagt: „Ich sehe ihn künftig auf dieser Position, ich würde Gojko Kacar raten, auf dieser Position zu bleiben, er macht es gut dort.“ Dann ergänzt der Trainer scherzend: „Ja, es gibt auch etwas Positives vom HSV zu berichten . . .“ Kacar, der beim Lichtschrankentest am Montag seine Schnelligkeit unter Beweis stellte (Veh: „Gleich schnell wie Änis Ben-Hatira“) ist in der Tat die Entdeckung der Rückrunde, denn er überzeugt nicht nur durch sein gutes Kopfballspiel, sondern auch durch eine geschickte Zweikampfführung. Zudem hatte er bislang schon viele recht, recht gute Szenen in der Spieleröffnung – nicht gerade Mathijsens Stärke.

Eine Baustelle des HSV heißt ganz sicher auch Piotr Trochowski. Der Nationalspieler (a. D.) scheint im Moment außen vor, denn auf der (Doppel-)Sechs spielen Ze Roberto und David Jarolim. Armin Veh: „Wir haben drei Spieler für eine Position. Trochowski, Jarolim, Robert Tesche.“ Der Trainer weiter: „Einer wird immer draußen sitzen.“ Wobei Ze Roberto beim Trainer im Moment gesetzt ist. Jedenfalls für das nächste Spiel. Um die andere Sechs bemühen sich also Jarolim, Trochowski und Tesche. Auch dieser Dreikampf wird noch interessant.

Ein kurzer Abstecher noch zum Derby: Da wird auch heute noch keine Entscheidung fallen,
wann diese 90 Minuten nachgeholt werden. Die Deutsche Fußball-Liga will sich nun am Mittwoch endgültig entscheiden. Sportchef Bastian Reinhardt: „Es ist offenbar doch nicht so einfach, einen neuen Termin zu finden . . .“ Aber das ist vielleicht auch ganz gut so – für den Gegner, denn der FC St. Pauli hat im Moment sicher einige ganz, ganz andere Sorgen.

Übrigens: Wer es noch nicht weiß: Der VfL Wolfsburg hat seinen Elfmeterfehlschützen vom Wochenende, den Dribbelkünstler Diego, vorläufig suspendiert. Das gilt auf jeden Fall einmal für das HSV-Spiel.

Morgen wird im Volkspark (mit der Rest-Truppe) um 10 Uhr geübt.

16.22 Uhr