Tagesarchiv für den 4. Februar 2011

Bitte nicht noch mal ein Freundschaftsspiel

4. Februar 2011

Derby-Time!

Derby-Time?

So sollte es zumindest, gerade mal rund 48 Stunden vor dem Derby, sein. Wenn ich allerdings die heutige Pressekonferenz als Grundlage für die allgemeine Stimmung nehmen würde, wäre es dem Hinspiel sehr ähnlich. Damals wurde im Vorfeld auf Harmonie gemacht. Allerdings auch, weil es direkt zuvor einen üblen Zusammenstoß einiger HSV- und St.-Pauli-Anhänger gegeben hatte. Ergebnis: Auf dem Platz ging es letztlich zu wie bei einem Freundschaftsspiel. Beide Mannschaften agierten sehr defensiv, von einem aggressiven Spiel war nichts zu sehen. Feuer? Null! Eben so, wie heute bei der Pressekonferenz. Einzig der St.-Pauli-Torschütze aus dem Hinspiel, Fabian Boll, brachte kurzzeitig etwas Feuer ins Spiel, als er auf sein einjähriges Gastspiel beim HSV in der A-Jugend angesprochen wurde. „Zum Glück war ich nur ein Jahr da. Ich war damals schon Fan von St. Pauli, hab‘ mal richtig Ärger bekommen, als ich im Pauli-Trikot trainiert habe“, so Boll. Anschließend habe er sich für das Abitur und gegen den HSV entschieden. „Mein Herz schlug und schlägt Braun-Weiß. Und zum Glück bestand auch nie die Gefahr, dass das abfärbt.“

Ansonsten? Nichts. Keine provokanten Aussagen, keine neuen Rauchbomben im Stadion (zum Glück!) und selbst die Trainer gingen auf Kuschelkurs. Sie sprachen lediglich davon, endlich „und diesmal auch wirklich, und nicht nur so gesagt“ eine gemeinsame Hunderunde machen zu wollen. Veh betonte dabei sogar, wie viel er von seinem Gegenüber hält: „Wenn ich irgendwann mal irgendwo Sportchef werden sollte, wird Stani ein ganz ernster Trainerkandidat sein.“ Wohlgemerkt, dem ging die Frage voraus, ob sich Veh vorstellen könne, mal Sportchef zu werden. Er kam also nicht von selbst auf diese Aussage, um hier den Verschwörungstheorien, Veh wolle Reinhardts Job, zumindest etwas Wind aus den Segeln zu nehmen. Er wollte die Frage zuerst auch gar nicht beantworten, ließ sie allerdings auch nicht unbeantwortet…

Egal wie. Heiß her ging es diese Woche beim HSV nur zwischendurch. Zu wenig, wie ich finde. Wobei sich Veh im Training ungewöhnlich lautstark und direkt in der Ansprache präsentierte. Ansonsten verbal stets von seinem Cotrainer Michael Oenning vertreten, nahm er sich diesmal seine Profis im Training immer wieder mal selbst zur Brust. „Wir brauchen am Sonntag Männer auf dem Platz“, so Vehs versteckte Forderung nach mehr Härte, mehr Leidenschaft und Einsatz. Etwas, was er – ziemlich exklusiv – in Robert Tesche gefunden zu haben scheint. Denn nachdem er ihn gestern überraschend für Jarolim in die A-Elf beförderte, ließ er ihn dort heute im Abschlussspiel durchspielen. Ebenso wie Marcell Jansen und Mladen Petric, die die Plätze von Eljero Elia und Jonathan Pitroipa besetzen. Wobei Petric als zweite Spitze neben van Nistelrooy rückt und Änis Ben-Hatira dafür die rechte Außenbahn übernimmt.

Ein nachvollziehbarer Gedanke. Denn sowohl Pit als auch Elia waren zuletzt wenig überzeugend. Zudem sind Jansen und Ben-Hatira zwei Offensivspieler, die wissen, was Defensivarbeit heißt.

Aber werden diese zwei Attribute gerade jetzt gebraucht? Immerhin fallen beim FC St. Pauli aller Voraussicht nach beide etatmäßigen Außenverteidiger aus. Mit Markus Thorandt rechts und wahrscheinlich Volz auf links sind zwei weniger geübte, und im Fall Volz auch nicht so schnelle Außenverteidiger da. Aber kann Änis, der zuletzt weniger durch sein hohes Tempo denn seine unermüdliche Laufarbeit zu gefallen wusste, diese Schwäche nutzen?
Vielleicht!
Aber ein Eljero oder ein Pitroipa hätten da sicher mehr Möglichkeiten.

Egal wie, Veh scheint eine Grundsatzentscheidung getroffen zu haben – und er stellt nach Einsatzwillen auf. Was grundsätzlich nachvollziehbar ist. Und was auch funktionieren kann. Aber was ganz sicher zu Kritik führen wird, sollte der HSV offensiv enttäuschen. Veh ist‘s egal. Er passt sich seiner Forderung, „Sonntag werden wir Männer auf dem Platz brauchen“, an und geht das Risiko. Zumal er betont, den Druck der Favoritenrolle zu spüren – und ihn annehmen zu wollen. „Von den Einzelspielern sind wir sicherlich besser besetzt. Der Druck liegt ganz sicher bei uns. Aber wenn wir in der Tabelle noch mal angreifen wollen, dann müssen wir das Spiel gewinnen.“

Veh bleibt sich treu und redet nicht um den heißen Brei herum. Er gestand heute sogar Fehler ein. So geschehen beim Hinspiel. Da habe er sich für die falsche Taktik und fälschlich für den Verzicht von Mladen Petric entschieden. „Das war ein Fehler. Mladen wird diesmal von Beginn an spielen“, so Veh heute. Und während Mladen Petric seine Worte („Ich werde alles versuchen, dem Trainer sein Vertrauen zurückzuzahlen“) auf dem Trainingsplatz umsetzte, stahl ihm ein anderer in dieser Woche die Show: Paolo Guerrero.

Nun weiß ich, wie beliebt der Peruaner hier ist und was ich mit meinen Worten auslöse. Aber, und das werden mir alle Blogger, die diese Woche beim Training waren, bestätigen können, kein Stürmer war in den Einheiten torgefährlicher als Guerrero. Auch heute traf er beim 2:2 im knapp 15-minütigen Abschlussspiel (zuvor wurde mit Auflagen ein Zonenspiel gemacht) einmal für die B-Elf. Und obwohl sich Veh generell auf Ruud van Nistelrooy für die Startelf festgelegt hat, die Unantastbarkeit des Niederländers wackelt. Auch wenn er heute im Training für die A-Elf traf und aktiver als in den letzten drei Trainingstagen zusammen wirkte.

Allerdings werde ich mich hüten, vor dem Spiel am Sonntag die Trainingswoche als Maßstab heranzuziehen. Zuletzt gegen Nürnberg trat die Mannschaft nach einer zweifellos guten Trainingswoche wie eine harmlose Schülermannschaft auf. Auch Veh lässt sich davon nicht mehr blenden. „Aber wenn es letzte Woche nach einer guten Trainingswoche schlecht war, könnte es am Sonntag richtig gut werden.“ Hintergrund: Auch Veh war mit den gezeigten Leistungen seiner Schützlinge unter der Woche alles andere als zufrieden.

Das galt und gilt auch für Joris Mathijsen. Der Niederländer wirkt im Training noch lange nicht so sicher wie zu großen Teilen vor seiner Verletzung. Im Gegenteil, im heutigen Abschlussspiel fehlte es ihm noch sichtbar an Handlungsschnelligkeit und Abstimmung (vor allem mit Frank Rost) mit seinen Kollegen. Dennoch wird der Abwehrspieler von Veh als Ersatz für den rotgesperrten Gojko Kacar ins kalte Wasser geworfen. Obwohl auch Veh nicht restlos überzeugt zu sein scheint. Zumindest klingt das für mich so. Veh’s Erklärung: „Ich gehe davon aus, dass er so fit ist, dass er uns am Sonntag helfen kann.“

Das wiederum gilt auch für den Rasen. Der war heute gerade mal zur Hälfte verlegt, da der Dauerregen eine schnellere Verarbeitung des Grüns verhinderte. Einen meiner Kollegen verleitete der Anblick gar zur Frage, ob das Derby eventuell sogar ausfallen könnte. Und während der HSV das vehement verneinte, kann zumindest niemand sagen, in welchem Zustand der neue Unterboden sein wird. Aber, und an dieser Stelle muss man den HSV auch in Schutz nehmen, der alte Rasen wäre noch schlimmer gewesen. Selbst wenn der Rasen am Sonntag nicht optimal ist, so wurde zumindest alles menschenmögliche getan, um die äußeren Bedingungen des Derbys zu optimieren. Hoffen wir mal, dass sich der lobenswerte Kraftakt der Rasenverleger am Ende auszahlt.

In diesem Sinne, bis morgen!

19.46 Uhr