Tagesarchiv für den 3. Februar 2011

Veh pfiff seine Mannen zusammen

3. Februar 2011

Viele Fans, toller Sonnenschein, Bomben-Stimmung beim HSV. So stellte sich heute der Nachmittag dar. Es gab, die meisten HSV-Anhänger werden es schon wissen, Bombenalarm im Stadion, weil da einige Sachen unter den Sitzen gefunden wurden, die am Sonntag offenbar abgefackelt werden sollten. Sogar die Arbeiter, die den Rollrasen verlegen, mussten die Arena verlassen. Dann kamen die Spürhunde . . .

Auf dem Trainingsplatz aber lief alles wie gewohnt weiter. Das heißt, heute war es nicht ganz so wie sonst, denn Armin Veh war heute viel, viel lauter als sonst, er griff oft ein, und er herrschte den einen oder anderen Spieler auch schon mal mächtig an, wenn es etwas nicht so lief wie vom Chef-Coach gewünscht. Derjenige, der meistens angeraunzt wurde, war Änis Ben-Hatira, dem Veh gestern noch eine (Fast-)Stammplatzgarantie gegeben hatte, der heute aber zunächst in der Reserve gegen den Stamm antreten musste.

In der für Sonntag angedachten Elf fehlte diesmal Heiko Westermann, der wegen einer Magen- und Darmgrippe nur durch den Volkspark lief. Er hätte aber wohl, wenn er hätte spielen müssen, zum Einsatz kommen können, also wird er wohl auch am Sonntag dabei sein. Für ihn spielte diesmal Collin Benjamin den „Platzhalter“. Die A-Elf spielte deshalb mit Rost, Demel, Benjamin, Mathijsen, Aogo; Jarolim, Ze Roberto; Elia, Jansen; van Nistelrooy, Petric. Es wurden drei Drittel gespielt, die B-Elf ging durch Paolo Guerrero in Führung, Petric glich aus. Dann, in der ersten Pause, nahm Veh Umstellungen vor: David Jarolim und Eljero Elia in die B-Vertretung, Robert Tesche und Ben-Hatira in das A-Team. Besonders Jarolims „Degradierung“ war überraschend. Bleibt abzuwarten, wie sich das bis Sonntag um 15.30 Uhr auswirken wird.

Tesche brachte das A-Team 2:1 in Führung, Guerrero glich aus, dann erzielte Ruud van Nistelrooy den Siegtreffer für die dennoch nicht gut spielende Stamm-Formation. Am Rande machte sich schon folgende Logik breit: „Schlecht trainiert, gut gewonnen.“ Wenn es dann so kommt, so soll es mir recht sein, aber wer kann das schon garantieren? In der B-Mannschaft kamen jeweils nach einem Drittel Eric-Maxim Choupo-Moting, Heung Min Son und Tunay Torun, mit dem der Trainer vorher einige Zeit unter vier Augen gesprochen hatte, zum Zuge.

So, wie es jetzt aussieht, dürfte Marcell Jansen wohl seinen Stammplatz am Sonntag sicher haben, dagegen werden Jonathan Pitroipa und auch Piotr Trochowski wohl (nein, nicht wohl, sondern sicher) auf der Bank Platz nehmen müssen. Wobei ich klar sage: Ich rechne damit, dass St. Pauli nicht so sehr offensiv im Volkspark auftreten wird, da würde ich jeden HSV-Spieler begrüßen, der in der Lage ist, mal ein, zwei oder gar drei Gegenspieler in Folge stehen zu lassen. Ich würde, das sage ich deutlich, Elia links und Pitroipa rechts stürmen lassen, zumal St. Pauli mit zwei „Ersatzverteidigern“ kommen wird. Weder Thorandt noch Volz sind gelernte Verteidiger, noch sind sie übermäßig schnell. Da wäre der Aufsteiger also wohl ein wenig verwundbar. Aber, wie heißt es so schön im Volksmund? „Das ist ganz allein Sache des Trainers.“ Und der hat sich wohl schon festgelegt. Oder?

Gespannt bin ich (nach dem Kacar-Ausfall) auch auf die HSV-Defensive, denn in meinen Augen ist Joris Mathijsen (naturgemäß) noch lange nicht bei 100 Prozent – geht das gut? Auch Jansen ist noch nicht bei 100 Prozent, aber er dürfte immerhin so lange spielen, bis ihn die Kräfte verlassen. Ein kleines Fragezeichen stelle ich auch hinter Guy Demel, der aus Nürnberg ja eine kleine Oberschenkelzerrung mitgebracht hatte. Als er dort in der Schlussphase verletzt am Boden liegend um seine Auswechslung bat, da befürchtete ich schon das Schlimmste, aber der „Giiiiiieeee“ hat diese seine Zerrung schneller überstanden, als ich es gedacht hatte (und als es zunächst aussah).

Über die bevorstehenden 90 Minuten befand Demel, der zum ersten Mal ein Derby gegen St. Pauli bestreiten und dann auf seine Freunde Takyi und Asamoah treffen wird: „Wir haben mehr Erfahrung, denn fast alle von uns haben schon etliche Derby gespielt. Die Erfahrung wird für uns sprechen.“ Vom Fernsehen wurde Demel gefragt, ob er sich vorstellen könne, eines Tages auch mal für St. Pauli zu spielen: „Nein, das kann ich nicht. Wenn ich den HSV mal verlassen sollte, dann gehe ich nur ins Ausland, ich werde nicht in der Bundesliga wechseln.“ Und warum ist er vor Wochen nicht zu Juventus Turin gegangen? Demel: „Es gab gute Gespräche mit Juve, aber ich habe nicht vergessen, was Hamburg für mich gemacht hat. Ich wollte den Verein in der jetzigen Phase nicht im Stich lassen, deshalb kam es für mich nicht in Frage, zu gehen. Ich will noch mithelfen, dass wir in der nächsten Saison wieder international spielen.“

Guy Demel könnte es am Sonntag das eine oder andere Mal auch direkt mit seinem besten Freund Charles Takyi zu tun bekommen. Was wird sein, wenn der St.-Pauli-Spieler einmal allein auf das Tor von Frank Rost zuläuft? Demel: „Dann werde ich wohl die Rote Karte kassieren . . .“ Was heißt: Demel würde die Notbremse auch gegen seinen Freund ziehen. Wobei ich gleich ein wenig sorgenvoll an den Schiedsrichter der Partie denke: G. Perl. Mehr möchte ich zu diesem Thema aber nicht ausführen.

So, Themawechsel. Wer ab hier nun noch weiterlesen möchte, den möchte ich vorwarnen. Es folgt ab hier der etwas andere Derby-Vorbericht, denn ich habe mit einem St. Paulianer gesprochen. Ja, tatsächlich, ich habe mich erdreistet! Wem das auf die Nerven gehen sollte, den bitte ich, nun „abzuschalten“. Ich wollte aber mal etwas hören (und schreiben), was von der „Gegenseite“ kommt. Wobei der gute Mann, der hier nun zu Wort kommen wird, fleißiger „Matz-abber“ ist, also auch einer von uns.
Es geht los:

Dann möchte ich noch einmal, auch wenn es wehtut, auf den 3. September 1977 zurückkommen. Die peinliche 0:2-Niederlage gegen St. Pauli. Immer einmal wieder läuft einem ja einer der Beteiligten von damals über den Weg, so auch diesmal. Rolf Höfert, ehemaliger St.-Pauli-Kapitän, ist in diesen Tagen in der Stadt, wir kennen uns schon aus der Jugendzeit, als er noch für Paloma und ich für BU spielte. Höfert ist eifriger „Matz-abber“ (er liest aber nur – und schreibt mir privat!), und er lebt exakt seit dem 28. Januar 1979 bei Bern in der Schweiz, ist dort Unternehmer in Sachen Spezial-Dichtungen, das Stammhaus seiner Firma ist aber noch heute in Ammersbek. Damals ging er allerdings aus fußballerischen Gründen in die Schweiz, er wurde für 50 000 Mark „verscherbelt“, weil St. Pauli damals in die Pleite ging und jeden Pfennig dringend benötigte.

„Ich bin hauptsächlich wegen des Derbys nach Hamburg gekommen“, sagt Rolf Höfert, der natürlich immer wieder eine Frage beantworten muss: „Wie kam es 1977 zu Eurem Überraschungssieg im Volkspark?“ Höfert antwortet dann immer blitzartig: „Peter Nogly hatte damals in den Zeitungen ein 8:0 für den HSV vorhergesagt, das vergesse ich nie, das spornte uns zusätzlich an.“

Kurios und fast unglaublich, was an diesem 3. September 1977 schon am Vormittag ablief. Libero Höfert erinnert sich: „Ich hatte damals ein Haus in Poppenbüttel, suchte noch Betonplatten für meine Terrasse. Mit einem Freund fuhr ich deshalb zu einem Baumarkt, wir luden die Platten auf seinen Wagen und brachten sie zu mir nach Hause. Danach fuhr ich zum Treffpunkt am Millerntor, von dort ging es per Mannschaftsbus in den Volkspark – zum Spiel. Da gab es noch nichts von einem Tageshotel, geschweige denn von einer Nacht vor dem Spiel im Hotel.“

Locker und leger ging es zu, und so wollte der Europapokalsieger HSV (im Mai zuvor), der mit Kargus, Kaltz, Ripp, Hidien (Buljan), Nogly, Memering, Keegan, Magath, Steffenhagen, Reimann (Keller) und Volkert antrat, auch zum Sieg gegen den Außenseiter kommen. Höfert: „Der HSV war als haushoher Favorit überlegen, aber wir standen unglaublich sicher in der Abwehr da gab es kaum mal ein Durchkommen für die HSV-Angreifer.“ Heute befindet Rolf Höfert: „Aber was hat uns dieser Sieg über den HSV genutzt? Nichts. Das war nur eine Eintagsfliege, denn wir sind am Ende sang- und klanglos abgestiegen.“ Immerhin: Der Derby-Sieg wurde in der St.-Pauli-Kabine mit einem Kasten Bier gefeiert, und dazu gab es auch den einen oder anderen Korn. Und Rolf Höfert rauchte mit Präsident Ernst Schacht eine Zigarrre – das Markenzeichen der beiden Herren.

Dem Hamburger Fußball ist Höfert bis heute treu geblieben. Als Abendblatt-Abonnent stürzt er sich montags immer auf die Ergebnis der Amateure, will dann wissen, wie seine ehemaligen Klubs gespielt haben: „Ich suche zuerst nach BU, dann nach Wellingsbüttel und Bramfeld.“ St. Pauli verfolgt er natürlich am Wochenende im Fernsehen – und den HSV selbstverständlich auch: „Ich bin doch Hamburger, da freue ich mich über die Erfolge beider Klubs. Natürlich bin ich im Herzen St. Paulianer, das werde ich auch immer bleiben, aber ich freue mich auch immer, wenn der HSV in der Bundesliga gewinnt – nur nicht am Sonntag.“ Und dann gibt er zu: „Bis 1971 war ich doch HSV-Fan. Das habe ich auch Uwe Seeler kürzlich bei der Geburtstagsfeier von Walter Frosch gebeichtet. Ich habe ihm aber auch gesagt, dass sein HSV wohl zu feige war, mich zu verpflichten.“ Das tat dann St. Pauli . . .

Wie denkt Rolf Höfert heute über den HSV? Wird er noch unter die ersten fünf Klubs der Liga kommen? „Platz fünf ist nicht ausgeschlossen, aber der HSV darf nicht Platz vier belegen, denn dann verliere ich eine Wette und muss einem Freund 50 Euro zahlen . . .“ Und was hält er von den HSV-Spielern? Offenbar nicht so viel, denn ein Lob kommt ihm nicht über die Lippen. Er sagt: „Wenn ich dieses trostlose Gekicke in Nürnberg gesehen habe, dann fällt mir nichts Gutes ein. Diese Mannschaft ist eine Intriganten-Truppe, da kämpft nicht jeder für jeden. Den Namen nach müsste der HSV unter den ersten fünf Vereinen stehen, gar keine Frage, aber das ist schwerlich zu schaffen, wenn eine Mannschaft keine Mannschaft ist.“
Dann wird Höfert persönlich: Elia und Pitroipa, die sind einmal Welt- und einmal Kreisklasse, denen fehlt jegliche Konstanz. Ruud van Nistelrooy habe ich einst bewundert, er gehörte für mich zu den drei besten Fußballern der Welt, aber heute ist er ein Auslaufmodell. Westermann macht für mich viel zu viele Stockfehler, Dauerläufer Jarolim schießt mir viel zu selten ein Tor, Trochowski ist weder Fisch noch Fleisch, der hat als Nationalspieler doch noch nicht viel gerissen in Hamburg – unter dem Strich ist das alles viel zu wenig. Ich kann diese Hochs und Tiefs des HSV nicht nachvollziehen.“

Und St. Pauli? Wen sieht er dort am liebsten? „Den mannschaftsdienlichen Kämpfer Boll, der ist ein Vorbild für jeden, dazu Lehmann, den ich sehr schätze. Der Kessler im Tor soll ja ein ganz Guter sein, und ich mag auch den Zambrano, der allerdings auch oftmals einen Leichtsinnsfehler drauf hat. Wenn dem der Stani mal in den Hintern treten würde, um so Disziplin einzufordern, dann wird der noch ein ganz Großer.“

Und – wie geht das Derby aus? „Ich würde mich über einen Sieg der Braunen freuen, ganz klar, aber ich denke eher an ein schmuckloses Unentschieden.“ Hält St. Pauli denn am Ende die Klasse? Rolf Höfert: „Das ist ja kein Wunschkonzert . . . Aber eher ja, so denke ich. Weil Stani ja aus Bramfeld kommt, und da kommen nur die ganz Guten her . . .“

19.38 Uhr